Wie bin ich beruflich hierhin gekommen?

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Irgendwann die letzten Tage bin ich über diese Frage gestoplert, wie ich beruflich hierhin gekommen bin. Da ich in meinem Leben schon einige berufliche Stationen durchlaufen habe (von Jazzpianistin, Koordinatorin eines Jugendaustauschprogrammes, Sprachtrainerin, Leiterin der Sprachabteilung bis hin zu zwei Stellen im Bereich Global Mobility oder Relocation), wage ich zu behaupten, dass ich einige Dinge auf der Reise mitgenommen habe, bis ich hier gelandet bin.

  1. Wie so viele andere Studenten der Geisteswissenschaften, wollte auch ich mich nicht festlegen, was ich mal beruflich machen wollte. Zu viel interessierte mich und zu wenig beschäftigte ich mich damit, was man eigentlich mit meiner Fächerkombination überhaupt später machen konnte. Als das Studium abgeschlossen war, schrieb ich viele Bewerbungen, erhielt Absage um Absage und durfte dann gnädigerweise in einer gemeinnützigen Gesellschaft meinen Berufsstart wagen. So genau wusste ich selbst dann nicht, was mich erwarten würde, aber ich war dankbar um meinen ersten Job. Was ich damit sagen will, ist, dass ich einfach mal ausprobiert habe. Die lange Liste an Berufen, die ich in gerade mal zehn Jahren Berufserfahrung ausgeübt habe, zeigt deutlich, dass ich nicht immer wusste wohin ich wollte. Sicherlich habe ich nicht gerade den gradlinigsten Lebenslauf und habe diesen auch nie beschönigt. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass man einfach mal ausprobieren muss. Vielleicht ist es nicht gerade der Traumjob, aber jegliche Art von Berufserfahrung zählt und hilft einem längerfristig in die richtige Richtung zu gehen.
  2. Auch wenn ich einen Flickenteppich an Berufserfahrung habe, so findet sich trotz der sehr unterschiedlichen Berufe bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen immer wieder: Sprachen, Internationalität und Interkulturalität sind ein Themenbereich, der mich schon mein ganzes Berufsleben begleitet und mich auch biografisch bedingt durch das Aufwachsen als Kind in unterschiedlichen Ländern brennend interessiert. Der zweite Komplex ist die Fähigkeit zu organisieren und zu koordinieren, die ich als meine persönlichen Stärken klassifiziert habe und beruflich gerne umsetze. Der letzte Aspekt, der in einigen Berufen eher weniger oder gar nicht vorhanden war, ist der Bereich Pädagogik und Didaktik, den ich sehr spannend finde und mich fasziniert. Dies bedeutet also, dass ich meine Berufserfahrung analysiert habe. Ich habe mich hingesetzt und geschaut; gibt es vielleicht trotz des Flickenteppichs erkennbare Überlappungen, wiederholen sich vielleicht immer wieder bestimmte Kompetenzen und Fähigkeiten? Wonach halte ich Ausschau, wenn ich mal wieder auf Stellensuche bin, was spricht mich an? Den meisten Geisteswissenschaftlern fällt es nicht schwer zu analysieren und größere Zusammenhänge herzustellen. Ich kann jedem nur empfehlen diese Fähigkeiten auch auf das eigene Berufsleben anzuwenden und sich zu zwingen den roten Fadem im bisherigen Berufs- oder Praktikaleben zu suchen. Dann fällt es auch um einiges leichter die Bewerbungsunterlagen so aufzubereiten.
  3. Ich weiß, dass es sich im Nachhinein immer leicht sagen lässt, aber hab Geduld. Unsere Gesellschaft setzt uns vehement unter Druck, uns wird suggeriert, dass wir mit spätestens 30 beruflich angekommen, Karriere machen und beruflich erfolgreich sein müssen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zeit, in der man beruflich tätig ist, immer länger wird (ich fürchte ja fast, dass ich erst mit 75 in Rente gehen darf), sehe ich nicht ein, warum man sich den Stress machen muss. Dann brauche ich halt zehn Jahre, bis ich mich orientiert habe, ja und, ich werde ja mindestens noch zwanzig weitere Jahre arbeiten müssen. Ja, natürlich war auch ich ziemlich verzweifelt, wenn ich wieder einmal eine Absage erhielt. Natürlich nagt es am Selbstbewusstsein, wenn man das Gefühl hat nicht gut genug zu sein. Auch ich habe zwischendurch das Muffensausen gehabt und mich gefragt, ob mich überhaupt eine Firma nehmen würde. Aber Geduld hat sich ausgezahlt. Sowohl mit mir selbst, dass ich einige Dinge erst über eine längere Zeitspanne hinweg gelernt habe (wie zum Beispiel als Dienstleister zu denken), aber auch mit meinem Berufsweg. Natürlich kann man jetzt im Nachhinein behaupten, dass einige meiner beruflichen Stationen überflüssig waren. Ich bin beruflich erst vor anderthalb Jahren angekommen. Egal, was man von meinem beruflichen Werdegang hält, für mich war jede Station hilfreich und hat mich etwas gelehrt. Lass dich deswegen nicht verunsichern, wir haben noch alle Zeit der Welt herauszufinden, was zu uns passt. Solange man wenigstens einen Anfang macht, wird sich der Rest ergeben.

Mein persönlicher Umgang mit Absagen

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, wie ich vor etwa anderthalb Jahren vor meinem Computer saß und die Absage nach dem Vorstellungsgespräch erhielt. Ich musste schlucken, es traf mich hart. Besonders deshalb, weil ich bisher oft Erfolge verzeichnet hatte, wenn ich es zum Vorstellungsgespräch geschafft hatte. Wenn ich denn eingeladen wurde, was ja selten genug war, dann erhielt ist fast immer den Job im Anschluss. Doch diesmal nicht. Diesmal wollte man mich nicht. Diesmal hatte ich also nicht überzeugt, diesmal hieß es weitersuchen, hieß es wieder einmal den Markt nach potenziellen Stellen abgrasen.

Als erstes musste was zu essen her, ab der Absage nach dem meiner Meinung nach sehr gut verlaufenen Vorstellungsgespräch zügelte ich mich nicht mehr, es brachte ja doch nichts. Wenn ich schon zu Hause herumhocken musste, wenn ich denn schon nichts anderes tat als stundenlang durch das Internet zu surfen, die verschiedensten Jobbörsen besuchte und geduldig Suchbegriffe bei Google eingab, dann machte es ja wohl nichts aus, wenn ich im Pyjama, was zu knabbern und einer Tasse Tee in der Hand mich ein wenig gehen ließ. Schokolade zum Frühstück? Aber sicher, um 11 Uhr zweites Frühstück, warum denn nicht? Interessierte ja doch niemanden. Abends nochmal was kochen, ja, klar!

Es zeigte sich auf der Waage, ich legte innerhalb kurzer Zeit 6 kg zu. Es zeigte sich im Äußeren, Schlabberpulli und verwaschene T-Shirts begleiteten mich tagein und tagaus. Es zeigte sich im Internetverlauf, statt Stellen zu suchen, las ich private Blogs oder entdeckte lustige Videos und beobachtete erbitterte Forenkämpfe. Ich wollte und konnte einfach nicht mehr. Zu oft hatte ich Bewerbungen geschrieben, hatte mich zur Schau gestellt, hatte einfach keine Lust mehr auf dieses ewige Auf und Ab, das Zittern und Bangen, ob es was wird, die Aufregung und Nervosität bis die E-Mail endlich, endlich eintraf, um mich entweder von dem Leiden zu erlösen oder aber mich weiter zu bestätigen, dass ich anscheinend nichts konnte und man mir absagen musste.

Die Bewerbungszeit ist eine harte Zeit, da gibt es nichts dran zu rütteln. Da ich schon so einige Bewerbungsphasen mitgemacht habe, weiß ich nur zu gut wovon ich spreche. Ich weiß nicht so genau warum meine letzte Bewerbungsphase von 2015 mich so besonders hart traf, ich kann zwar ein paar Gründe nennen, aber irgendwie gibt es auch einen undefinierbaren unlogischen Wutgrund, der mich gleichzeitig tatenlos und lieblos werden ließ. Lieblos auch im Bezug auf das Schreiben von Bewerbungen. Einen Scheiß muss ich, so lässt sich meine letzte Bewerbungsphase wohl am besten zusammenfassen. Ich hatte einfach keine Lust, weder zu suchen, noch zu schreiben, noch diese Bewerbungsmaske aufzusetzen, die man unweigerlich aufsetzt, wenn man zum Gespräch eingeladen wird.

Ich war lustlos und ließ mich treiben. Bis ich mich eines Tages tatsächlich auf die Waage traute und die 6kg mir unbarmherzig zeigten, dass ich mich langsam aber sicher auf den Abgrund zubewegte. Zwischen dem Seriengucken und der Snacks, die ich mir fortwährend in den Mund schob, gab ich mir schließlich einen Ruck. Die Absagen flatterten weiterhin rein, ich musste weiterhin mühsam Stellen suchen, es ging nicht auf einmal alles besser und einfacher. Der Bewerbungssumpf war immer noch der gleiche. Aber mit einem müden Seufzen beschloss ich, dass ich etwas ändern musste. Und machte folgendes:

1. Ich begann diesen Blog. Mein erster Eintrag, aus dem März 2015, befasst sich mit der Künstlichkeit von Vorstellungsgesprächen. Ihm folgte ein Beitrag zum Thema Bitterkeit, was mich selbst zu dem Zeitpunkt sehr beschäftigte. Denn zynisch und bitter wird man bei der Jobsuche schnell.

Der Blog strukturierte meinen Alltag. Während meiner Arbeitslosigkeit schrieb ich jeden Wochentag einen Beitrag, Themen fielen mir viele ein. So entwickelte ich schnell eine Routine, stand morgens auf, um mir erst einmal Gedanken zu machen worum es im Blog gehen würde, machte den Grobentwurf oder veröffentlichte den Artikel gleich und machte mich dann im Anschluss mit etwas mehr Elan an die Jobsuche.

Der Blog half mir auch mich stärker zu vernetzen. Wenn auch nicht oft, so lernte ich manchmal andere Bewerber kennen, tauschte mich aus und bekam wieder etwas mehr Mut. Es gab noch andere, denen es genauso ging wie mir. Ich war nicht allein.

2. Ich machte regelmäßig Sport. Die 6kg mussten weg, wenn nicht gleich noch ein paar mehr.

Wann, wenn nicht während der Arbeitslosigkeit hatte ich die Möglichkeit Sport in einem solchen Maße zu treiben? Wann würde ich jemals wieder so viel Zeit finden mithilfe einer App ganz langsam das Laufen zu trainieren? Jetzt war die Gelegenheit dazu. Ich raffte mich also auf und ging laufen. Hier habe ich mal beschrieben, was es für mich bedeutet, dass ich jetzt in der Lage bin regelmäßig 7km zu laufen ohne tot umzufallen. Schnell merkte ich, dass ich beim Laufen tolle Ideen bekam wie ich ein Anschreiben formulieren sollte oder konnte mit frischen Augen erneut die Jobbörsen durchsuchen und wurde plötzlich dort fündig, wo ich zuvor offensichtlich die interessante Stelle übersehen hatte.

3. Ich bepflanzte zum ersten Mal meinen großen Balkon.

Als Arbeitslose hatte ich natürlich einen schmaleren Geldbeutel. Klar. Also beschloss ich statt bereits ausgewachsener Blumen Blumensamen zu kaufen. Sie sind deutlich günstiger und viel ergiebiger. Ich las welche Blumen pflegeleicht waren, welche wohl auf meinem Balkon gedeihen würden und machte mich alsdann ans Werk und deckte mich mit Blumensamen ein. Einige Pflanzen mussten eher ausgesät werden als andere, einige hatte ich zunächst drinnen aufzuziehen bevor ich sie nach draußen bringen konnte, andere brauchten feuchtere Erde als andere. Ich probierte also fröhlich herum, verteilte großzügig Samen in verschiedenen Töpfen, machte mir einen Spaß daraus einige Töpfe akribisch zu beschriften und bei anderen eine völlig willkürlich zusammengestellte Samenmischung einzupflanzen und mich einfach überraschen zu lassen. Jeden Tag verbrachte ich automatisch gleich morgens etwas Zeit auf dem Balkon und hatte nach überraschend kurzer Zeit Sämlinge sprießen, unterschiedlicher Couleur und Größe. Es dauerte nicht lang und dann kamen die Bienen und Schmetterlinge, auch ich wurde magisch angezogen meine Bewerbungen lieber bei den duftenden Blumen auf dem Balkon zu schreiben als drinnen.

Das tägliche Blumengießen, das Abknicken von verblühten Blüten, das regelmäßige Prüfen, ob die Erde entsprechend den Vorlieben der Blume feucht oder trocken genug war, erdete mich. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und komme innerlich besonders gut zur Ruhe, kann mich entspannen, wenn Natur um mich ist. Ich atme automatisch tiefer, ich fühle mich gleich wohl. Wenn auch der Balkon ein eingeschränkter Naturraum ist, so halfen mir meine selbstgepflanzten Blumen den Bewerbungsstress etwas gelassener zu nehmen.

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Und das bringt mich zu dir. Wie gehst du mit Absagen um? Was sind deine Strategien, wie du mit dem Bewerbungsfrust umgehst, dem entgegenwirkst? Ich freue mich wie immer über Anmerkungen und Kommentare.

Ich bin kein ICE

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Ich saß im Vorstellungsgespräch, alle Augen ruhten auf mir und warteten auf meine Antwort. Auf meine Antwort darauf, wie ich meinen Studienabbruch als etwas anderes sehen könne als ein Eingestehen von Schwäche. In dem Augenblick wurde mir klar, vor mir vereint saßen alle Vorurteile, die man einem Geisteswissenschaftler gegenüber haben kann. Der schöngeistige Mensch, der sich in Theorien und Konstrukten verliert, sich mit den seltsamsten Themen beschäftigt, zu denen vielleicht zwei Personen weltweit promoviert haben, um dann zwei Semester später einer anderen Gedankenschule nachzueifern oder gar sein Studienfach innerhalb der Geisteswissenschaften zu wechseln, zwischendurch Taxi fährt, um sich ernähren zu können, aber weltfremd und insbesondere wirtschaftlich unfähig agiert, geschweige denn gradlinig eine Karriere anstrebt, sondern idealistisch die Welt retten will. Ziellos und unfähig sich festzulegen, ein Blättlein im Winde.

Weder mein Studium, noch mein bisheriges Berufsleben sind gradlinig, geschweige denn ist es ersichtlich wohin die Reise geht. Mein Berufsleben ist geprägt von Umwegen, holprigen Pfaden, die manchmal ins Nichts führten und abstrusen Wendungen. Ich bin kein ICE, der pfeilschnell von A nach B im chromen Licht rast, nein, ich bin noch nicht mal eine eifrige Regionalbahn, sondern eher eine langsame S-Bahn, die mit viel Getöse in eine ungefähre Richtung ruckelt, hier etwas mitnimmt, da wen rauslässt und sich irgendwie den Weg bahnt.

Mein Berufsleben ist anders verlaufen als ich es geplant hatte. Die Reise von Station A nach B begann stattdessen bei Station F: In meiner Wunschstadt bewarb ich mich ein Jahr erfolglos, nicht nur einmal habe ich die bittere Erfahrung machen müssen direkt nach dem Wunschkandidat die Nr. 2 gewesen zu sein. Doch Station F war nicht so weit entfernt von Station C, wo ich eigentlich nie hinwollte, sich aber plötzlich etwas auftat. Ich kassierte regelmäßig Absagen, um dann überraschend von einer Firma, die mir bereits abgesagt hatte, im Nachgang eine andere Stelle angeboten zu bekommen oder mir wurde ungefragt ein Online-Stellenangebot zu einem Berufsfeld weitergeleitet, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte, ich mich aber trotzdem bewarb und dann erfolgreich die Stelle antreten konnte.

Manchmal gipfelte eine mühsame Bergfahrt in einer grandiosen Aussicht, ich beglückwünschte mich zu meiner selbst getroffenen Entscheidung nochmal ein ganz anderes Berufsfeld zu versuchen, um dann rasendschnell in einer Talfahrt ins Ungewisse zu enden als ich mehrmals aufgrund externer Gründe meine aktuelle Stelle kündigen musste, um eine neue Station in einer neuen Stadt anzusteuern.

Mein S-Bahnplan hat bereits viele Haltestellen eingezeichnet: Ich war schon Dienstleister, selbstständig, Angestellte, Assistentin, Managerin und reguläres Teammitglied, ich habe sowohl in der Musik, Logistikbranche, Erwachsenenbildung als auch im Personal gearbeitet. Ich bin kein schöner stromlinienförmiger ICE, der nur Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern ansteuert, sondern eine alte mit Graffiti besprühte S-Bahn, die an jedem noch so kleinen Minibahnhof anhält.

Die Außenwelt mag denken, was sie will, aber ich bin gerne eine S-Bahn. Ich habe bei jeder einzelnen Station etwas lernen und für mich mitnehmen können. Insbesondere die Umwege, die Hürden und Abweichungen haben mich gelehrt gelassener nach vorne zu schauen. So schnell wirft mich nicht etwas aus der Bahn, eine Fahrt ins Nichts bringt Fähigkeiten hervor, die sonst brach geblieben wären. Ich war manchmal selbst überrascht in welche Bereiche ich mich einarbeiten konnte, wenn ich dazu gezwungen wurde.

Ich mag zwar mit Graffiti besprüht sein, aber in mir steckt viel mehr, als man meinen könnte. Auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht, hat mein Berufsleben eine Spur, einen roten Faden, ein Muster. Es sind im Grunde drei Fähigkeiten, nach denen ich immer wieder bei meinen verschiedenen Bewerbungsphasen Ausschau gehalten und Stellen angetreten habe. Und mag man die S-Bahn auch belächeln, sie kommt an, sie bringt treu regelmäßig viele Pendler an ihr Ziel. Auch ich bin beruflich angekommen. Trotz Umwege, trotz Wechsel, trotz Talfahrten, trotz dem Halt an jeder Ecke.

In dem Vorstellungsgespräch zuckte ich die Schultern. Ich bereue meinen Studienabschluss nicht und versuchte also darzulegen, warum ich dem Abbruch nur Positives abgewinnen kann. Doch das stieß auf taube Ohren. Offensichtlich wollte man keine S-Bahn, sondern lieber einen ICE einstellen. Ich zog dann für mich die Konsequenz und sagte als Bewerber dem Unternehmen ab. Stattdessen nahm ich die Richtung auf zur Haltestelle Z; dorthin fuhr ein ICE bestimmt nie.

 

7 Fakten zu meinem letzten Berufseinstieg

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Vorweg: Ja, meiner letzter Berufseinstieg, du hast richtig gelesen. Denn ich habe für meinen letzten Job die Branche gewechselt. Ich bin in der Personalabteilung im Bereich Global Mobility, erst jetzt, 7 Jahre nach Magisterabschluss, tätig. Vorher habe ich schon so einige andere Sachen ausprobiert und kann erst jetzt sagen beruflich angekommen zu sein. Hier sieben Fakten zu meinem letzten Berufseinstieg von 2015:

1. Ich hatte noch nie eine solch gute Bilanz beim Bewerbungsmarathon:

30 Bewerbungen

19 Absagen

6 Einladungen, eine 7. kam verspätet

= 20% Erfolgsquote mit Einladung zum Gespräch

2. Noch nie habe ich so vielen Unternehmen abgesagt, obwohl ich bereits eine Zusage hatte.

Von 6 Einladungen 3 Zusagen, aber nur 1 Angebot angenommen

Ich war wählerischer, ich konnte und wollte mich im Gehalt nicht verschlechtern, ich hatte ein extrem schlechtes Bauchgefühl, die Aufgaben klangen öde; die Gründe waren vielfältig. So schwer es mir fiel zu Angeboten Nein zu sagen, ich bin froh, dass ich stattdessen weitersuchte und mich nicht beirren ließ.

3. Vielleicht genau deshalb habe ich noch nie die Bewerbungszeit als so anstrengend, kräftezehrend und deprimierend erlebt.

Ja, es sagten Unternehmen auch mir nach einem Vorstellungespräch ab, was für mich eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung war. Genau deshalb fing ich damals diesen Blog an, weil ich nicht glauben konnte alleine zu sein. Weil ich von anderen hören wollte. Weil ich andere an meinen Erfahrungen teilhaben lassen wollte.

4. Auch bei diesem Einstieg bewahrheitete sich wieder der Umweg: Von wegen klassische Bewerbung, Vorstellungsgespräch und dann Anstellung.  Die Anfrage kam nach vorheriger Absage.

Ich hatte mich ursprünglich auf eine andere Stelle im Unternehmen beworben, erhielt eine Absage (immerhin) und hatte im Geiste die Firma schon ad acta gelegt. Urplötzlich kam der Anruf, ob ich nicht Interesse an einer anderer Stelle hätte. Deshalb mag ich meine jetzige Firma, dass auch der Vielleicht-Stapel nochmal angeschaut wurde. War ich für die erste Stelle zu alt und wurde deshalb aussortiert, war man sich nicht zu schade nochmal einer bereits abgesagten Bewerberin eine Chance zu geben für eine andere und noch passendere Stelle.

5. Ich habe noch nie so offen in den Vorstellungsgesprächen für meine jetzige Stelle meine fehlenden Kenntnisse angesprochen. 

Internationales Steuerrecht, Sozialversicherungskenntnisse? Noch nie gebraucht, keine Ahnung, aber wichtiger Teil des neuen Jobs. Das Unternehmen blieb gelassen, als ich in allen Gesprächen ehrlich meine Fehlkenntnis zugab. Dafür konnte ich im Bereich Visum und Umzug punkten. Das Unternehmen fand: das wog genug.

6. Die ersten Wochen im Job nahm ich gelassener. 

Zu oft war ich bereits die Neue, zu oft habe ich hauseigene IT-Systeme kennengelernt, Small Talk mit noch unbekannten Kollegen geführt, habe Passwörter angefragt und mir die Ordnerstruktur angeschaut, diesmal war alles einfacher oder zumindest fand ich es nicht mehr ganz so schwierig, ich fiel zu Beginn nur noch halbtot ins Bett und gewöhnte mich schnell ein.

7. Die ersten 100 Tage sind schon lange um und ich bin immer noch gerne dabei. 

Es ist befreiend endlich zu wissen, was einem beruflich Spaß macht und damit finanziell gut über die Runden zu kommen. Ich habe mich lange schwer damit getan und vieles ausprobiert. Ich bereue meine Umwege nicht, aber es ist gleichzeitig ein unglaublich befriedigendes Gefühl seinen Weg zumindest für jetzt gefunden zu haben.

Vielleicht mal kreativ bewerben?

Irgendwann hatte ich es satt. Dieses ständige Werbung für mich machen, mein Anschreiben genau auf das Unternehmen zuzuschneiden, mir irgendwelche schwülstigen Sätze aus den Fingern zu saugen, warum gerade ich, warum genau dieses Unternehmen, wie viel Prozent Umsatz ich gesteigert hatte, blabla.

Nach mehr als 250 Bewerbungen dauerte das Schreiben einer Bewerbung bei mir meist weniger als eine Stunde. Irgendwann hatte ich so viele Phrasen, so viele Beschreibungen von mir gesammelt (ich kam irgendwann auf einige Word-Seiten), sodass am Ende nur die richtigen Phrasen und Sätze zusammengestellt werden mussten, um das „maßgeschneiderte“ Anschreiben zu erstellen. Ich ging dabei ganz pragmatisch vor, ich durchsuchte die Stellenanzeige nach Schlüsselwörtern und suchte mir dann die entsprechenden Phrasen, die ich dazu bereits formulierte hatte, heraus. Entsprechend der Förmlichkeit der Anzeige wählte ich dann den richtigen „Ton“ und zack, hatte ich bereits einen Satz fertig. Wurde zum Beispiel Organisationsfähigkeit erwünscht, konnte ich zwischen verschiedenen Sätzen wählen, in denen ich beschrieb, wie ich weder den Kopf noch die Übersicht verlor, wenn ich X und Y ausführte oder Z Fälle gleichzeitig zu bearbeiten hatte. Dann suchte ich das nächste Schlüsselwort und meine passende Formulierung dazu usw.

Das gleiche galt für den Lebenslauf. Ich hatte einen Masterlebenslauf, in dem ich jede einzelne berufliche Station ausführlich beschrieb, jedes Praktikum, jede Fortbildung und jede noch so schnöde Qualifikation. Entsprechend der Stellenbeschreibung löschte ich alles Irrelevante weg und passte gegebenenfalls die Wortwahl an. Wie gesagt, am Ende verschickte ich Bewerbungen mit einem Aufwand von weniger als einer Stunde.

Und auch wenn der Aufwand gering war, ich hatte es irgendwann leid. Es nervte mich, dieses ewige Leistungsdenken, das ewige „Ich bin so toll, ohne mich bricht euer Laden zusammen.“ Zumindest auf die klassische Art. Deshalb beschloss ich, etwas zu gestalten, das mir mehr entsprach. Und entwarf folgende Bewerbung:

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Sehr geehrter Herr X,

gerne würde ich mich bei Ihnen als pädagogische Mitarbeiterin für den Bereich Learning & Development bewerben. Hier ein kleiner Überblick zu mir als Person.

Meine Fähigkeiten

Nach Studium der Erwachsenenbildung 5 Jahre Trainerin

Vom Einzelunterricht eines Topmanagers, der für eine Verhandlung in Milliardenhöhe im arabischen Raum einen Englischcrashkurs bei mir machte, über das Üben eines Elevator Pitches für sich-selbst-ungern-verkaufende Germanisten, bis hin zum eintägigen Workshop für Professoren, die Probleme hatten ausländischen Studenten zu verdeutlichen worauf es bei Hausarbeiten ankommt: Ohne Methodenvielfalt, handlungsorientiertem Lernen und echtem Wissenstransfer geht es bei mir nicht.

Ein Jahr pädagogische Leitung

Stundenpläne basteln, mich in ein komplett neues Thema einarbeiten, einen Stoffverteilungsplan entwerfen, Materialien neu entwickeln, das Format der Prüfungsvorbereitung für ein neues Deutsch-Programm aufziehen, Teilnehmer beruhigen, Feuer unter dem Hintern machen oder trösten, Lehrerausfall mit Improvisationskunst begegnen und die Geschäftsleitung davon überzeugen, dass das Lehrwerk nach Jahren definitiv ausgetauscht werden muss.

Was Kollegen zu mir sagen

Hilfsbereit, freundlich, ehrlich, sehr konzentriert und gewissenhaft, nimmt sich manchmal berufliches zu sehr zu Herzen und ist dann gestresst, vertrauenswürdig, organisiert, in der Lage sich auf Neues einzulassen und zu lernen, „gerade raus“ mit den Mitmenschen, deswegen manchmal unwirsch, grundsätzlich sehr positives Wesen, locker, persönlicher Kontakt zu Kollegen ist sehr wichtig.

Was ich mag

Netzwerken, neue Ideen ausprobieren und immer wieder und wieder anpassen bis etwas Gutes daraus entsteht, Wortspiele, Ehrlichkeit, bloggen, beobachten, Menschen dabei zusehen, wie sie etwas lernen und ihnen ein Kronleuchter aufgeht, das Warum, Ungewöhnliches.

Was ich nicht mag

Stundenlange Meetings ohne Ergebnis, eingefahrene Bahnen, Menschen, die keine Lust auf Neues haben, Zickenkrieg, Statusdenken und Drängeltrödler

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Ich habe die Bewerbung nie abgeschickt. Nicht, weil ich nicht von ihr überzeugt war, das bin ich noch immer. Sondern weil ich überraschend ein anderes Jobangebot erhielt und somit gar nicht dazu kam diese Bewerbung zu verschicken. Manchmal wünschte ich, dass sich nicht so urplötzlich etwas anderes ergab, denn dann hätte ich testen können, ob es ein völliger Fehlgriff war oder Aufmerksamkeit erregt hätte.

Dieses Anschreiben zu konzipieren machte mir unglaublichen Spaß. Insbesondere meine ehemaligen Kollegen um eine ehrliche Einschätzung meiner Persönlichkeit zu bitten, gab mir zu denken und war Grund genug mich selbst nochmal zu hinterfragen.

Im müden Trott des ständigen Suchens von Stellenanzeigen und Bewerbungen schreiben gab mir dieses „Miniprojekt“ Aufschwung. Es inspirierte mich und half mir nochmal mich selbst besser zu fassen und zu reflektieren.

Vielleicht ist es bei dir auch mal dran? Aus dem Trott auszubrechen, dich kreativ mit dem Thema Bewerbung auseinander zu setzen. Freunde, Eltern, Kollegen und Bekannte zu bitten dich in deiner Arbeitsweise einzuschätzen. Etwas zu schreiben, dass dir mehr entspricht und dir hilft aus dem engen Korsett Bewerbung auszubrechen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich sogar etwas aus genau dieser einen kreativen Bewerbung?

Ich freue mich über eure Meinung und eure Erfahrungen zu dem Thema.

 

 

Geschafft!

Mitmach-Medallie

Ich habe es und bin geschafft! 7,4 km um die Alster. Ich bin mit Kollegen gelaufen, ich war ja bekloppt genug mich anzumelden zum KKH-Lauf in der naiven Annahme, dass sich nicht nur Sportskanonen aus der Firma anmelden würden, sondern auch, na ja, langsamere Läufer halt. Ich war dann ziemlich nervös als es losging. Zwar wollten wir als Kollegen zusammen laufen, aber innerlich dachte ich, jaja, ich weiß schon, nach 300 Metern sehe ich vom Rest nur noch eine Staubwolke.

Überraschenderweise hielten sich meine Kollegen aber ans Versprechen. Ich habe eine Kollegin, die vor kurzem einen Marathon gelaufen ist, abgesehen davon, dass sie heute, einen Tag später, ihr normales Pensum a la 18km Lauf absolviert. Sie war auch diejenige, die die Anmeldung zum Lauf organisierte. Sie lief, man höre und staune, langsam, circa mein Tempo. Die meiste Zeit liefen wir also als Kollegen zusammen, auch wenn zum Ende hin zwei Gruppen entstanden, wobei ich das auch nicht verübeln kann.

Mir war es ein Rätsel, wie sich meine Kollegen fast die ganze Zeit unterhalten konnten, ich blieb einfach stumm und hoffte nicht zu laut zu japsen. Zwischendurch hatte ich Seitenstechen, aber egal, ich wollte es schaffen. Wir liefen also, ich als stummer Fisch zwischen den eifrig brabbelnden Kollegen, die langsam aber stetig meine Verbündete und mich abhängten. Immerhin hatte ich eine Verbündete, die genauso langsam lief wie ich und der es auch egal war, was die anderen dachten und ihr Tempo durchzog. Irgendwann waren sie und ich dann alleine unterwegs. Dann tatsächlich schweigend für ungefähr anderthalb Kilometer, ich konnte sowieso nicht reden und meine Kollegin schien auch zufrieden und konzentrierte sich auf das Laufen. Aber welche Überraschung, 500 Meter vor Ende wartete die erste Truppe auf uns und gemeinsam liefen wir, alle Kollegen zusammen in einer langen Reihe aufgereiht nebeneinander ins Ziel ein. Es gab sogar Schleichwerbung, es machte anscheinend Eindruck, dass in einer Firma auf die langsamen Läufer Rücksicht genommen wurde und man nur gemeinsam einlief, es wurde groß per Mikro bekanntgegeben.

Mich beeindruckte es auch. Ich habe es schon öfter erwähnt, ich mag meinen Arbeitgeber.

Und am liebsten würde ich meinem ehemaligen Sportlehrer aus Schulzeiten schreiben, ihr wisst schon, der mit der sonoren Stimme, der „Wie fühlt ihr euch?“ nach dem Konditionstraining fragte. Seht ihr, auch aus Sportsnieten können sogar noch Läufer werden, wer hätte gedacht, dass ich mal 7,4km schaffe, ohne tot umzufallen?

Geschafft, juchhei!

KKH_Lauf_Jenny