Die Crux mit den Vorstellungsgesprächen

Ich habe in meinem Leben schon einige Vorstellungsgespräche geführt. Die ganz klassischen, bei denen ich nach meinen Stärken und Schwächen befragt wurde und bei denen ich mitteilen sollte, warum ich mich gerade für diese Stelle beworben hatte. Aber ich habe auch schon einige seltsame Varianten erlebt. Zum Beispiel als ich gefragt wurde, ob ich Angst vor Spinnen oder Ratten habe oder ich im gesamten Gespräch kein einziges Mal zu meinen Kompetenzen oder Fähigkeiten, meinem Studium oder meiner Berufserfahrung befragt wurde, sondern stattdessen nichts anderes tat als Smalltalk zu den verschiedensten Themen zu führen, wie zum Beispiel wie es gekommen ist, dass ich kein Vegetarier bin. Kurze Varianten von vielleicht zwanzig Minuten bishin zum zweieinhalbstündigen Gespräch, Vorstellungsgespräche mit einer Person und mit zehn, die mir alle wie im Film an einem langen Tisch gegenübersaßen, die gespitzten Bleistifte in der Hand.

Ich habe auch die Personalerperspektive erlebt, habe selbst gefragt, ob der Bewerber die Firma einfach hat finden können und Getränkewünsche entgegengenommen. War verblüfft über gewagte Outfits und Unpünktlichkeit und erstaunt, wenn jemand ehrlich genug war wirkliche Schwächen zu nennen. Habe selber gespürt wie nervös einige Bewerber sind und mich teilweise im Gespräch gefragt, warum die tatsächlichen Kompetenzen so weit vom hochglanzpolierten Lebenslauf entfernt scheinen.

Ich bin kein Personaler und ich behaupte auch nicht, dass ich bereits wahnsinnig viel Erfahrung im Recruiting habe. Aber was mir schon länger aufstößt, je mehr Gespräche ich führe, egal auf welcher Seite, ist diese Annahme, dass man durch das Vorstellungsgespräch herausfinden kann, ob man mit dieser Person oder dieser Firma zusammenarbeiten will.

Nie wieder wird der potenzielle Mitarbeiter eine solche Situation erleben. Nie wieder wird er oder sie sich selbst darstellen und verkaufen müssen. Nie wieder wird man in der Kaffeepause fragen, welche Stärken jemand hat oder jemanden bitten zu erläutern, warum gerade diese Person so viel besser geeignet ist als jemand anderes. Ganz im Gegenteil, man empfindet solche Fragen als unangenehm, zu persönlich und wird sie tunlichst vermeiden. Denn, und darum sollte es doch eigentlich im Vorstellungsgespräch gehen, man wird früh genug im kollegialen Umgang miteinander erfahren, ob man zusammen arbeiten kann oder nicht.

Deswegen würde ich dafür plädieren das Vorstellungsgespräch zu ändern und dessen Künstlichkeit so weit wie möglich zu nehmen. Das kann man auch, wenn man der Bewerber ist. Zum Beispiel, indem:

– Ich durchaus als Bewerber im Gespräch schon gefragt habe, was sie am meisten an der Firma stört und sie am liebsten ändern wollen (da muss man natürlich vorsichtig sein, ich habe aber schon erstaunlich oft ehrliche Antworten erhalten, vielleicht auch, weil diese Frage selten gestellt und entsprechend ungefiltert reagiert wird)

– Als Bewerber bitte ich, dass ich noch einen Probearbeitstag vor dem Unterschreiben des Vertrags erleben möchte, da man meiner Meinung nach zumindest einen authentischeren Eindruck von der Firma erhält und die tatsächlichen Aufgaben greifbar erlebt

– Ich ehrlich bin, wenn ich nach meinen Schwächen gefragt werde, auch wenn ich dadurch vielleicht meine Chancen schmälere. Was bringt es, wenn ich meine „Schwäche für Schokolade“ als vermeindliche Schwäche angebe, statt ehrlich zu sein und zum Beispiel Ungeduld zu nennen. Jeder hat Schwächen, echte Schwächen. Es gibt viele, die nicht gut unter Druck arbeiten können, die zu friedfertig sind und Konflikten aus dem Weg gehen. Lieber die Dinge beim Namen nennen und kurz beschreiben wie man versucht sie in den Griff zu bekommen als hinter dem Berg zu halten. Denn die Schwächen werden so oder so sehr bald an die Oberfläche kommen, da ist man als Personaler dankbar, wenn das Kind schon beizeiten beim Namen genannt wurde.

– Ich als Personaler immer, wenn irgendwie möglich, Arbeitsproben einfordern würde

– Und definitiv Rollenspiele und typische Szenarien im Gespräch darstellen ließe und den Bewerber bitten würde darauf zu reagieren

Denn dass das Vorstellungsgespräch jemals ganz abgeschafft wird, glaube ich nicht.

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