Von der Kunst nicht bitter zu werden

Wenn man sein geisteswissenschaftliches Studium mit einer guten Note abschließt, ist man zu Beginn des Bewerbungsprozesses noch guten Mutes. Man glaubt ganz naiv, dass der gute Abschluss als Magister Artium etwas bedeutet, man sucht voller Elan Jobbörsen auf und bastelt am Lebenslauf. Wenn dann die ersten Absagen eintreffen, steckt man sie mit Leichtigkeit weg. Noch hat man Erklärungen parat, warum man nicht genommen wurde, noch gibt man nicht auf.

Man bewirbt sich also weiter, geht zu Jobmessen und hört sich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis um, ob es irgendwo vielleicht eine Einsatzmöglichkeit für einen gibt. Meist gibt es keine und so ist man also wieder mit seinem Laptop allein und besucht also weiter die Seiten der Agentur für Arbeit. Kommen nun Absagen, nehmen sie einem etwas den Elan, wieso man nicht genommen wurde, wird nun mit einem müden Schulterzucken beantwortet. Man weiß es nicht, aber jetzt aufzugeben, geht gegen den eigenen Stolz.

Nach einigen Monaten Jobsuche, bei denen man entweder einen gut verdienenden Partner hat oder aber nicht darum herumkommt einen Hartz-IV-Antrag zu stellen, wird man langsam mürbe. Man beginnt sich zu fragen, ob man etwas falsch gemacht hat. Man lässt den Lebenslauf und das Anschreiben Korrektur lesen, man liest Ratgeberliteratur, in der sogar genannt wird mit welcher Farbe die Unterschrift im Anschreiben gehalten sein sollte. Absagen werden nun analysiert. Der Standardsatz „Wir haben Bewerbungen erhalten, bei denen die Erfahrungen und Fachkenntnisse der Bewerber noch mehr mit unseren Wünschen und Anforderungen übereinstimmen“ werden nun zur Qual. Woran scheitert es? Welche Erfahrungen und Fachkenntnisse fehlen denn?

Und dann, urplötzlich kommt die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Von Knall auf Fall erhält das Selbstbewusstsein einen Schub, man sprüht vor Energie, man konsultiert seinen Kleiderschrank und verbringt Stunden damit ein passendes Outfit zusammenzustellen, zu waschen und zu bügeln. In der Woche bis zum Termin des Vorstellungsgesprächs trifft man sich mit Freunden, ehemaligen Kommilitonen und lässt die Jobsuche sein.

Nach dem Gespräch fühlt man sich gut. Es ist gut gelaufen, es scheint endlich zu klappen. Die zwei Wochen, die man auf die Antwort warten muss, verbringt man eher halbherzig damit einige Minuten nach Stellen zu schauen, Bewerbungen verschickt man in der Zeit jedoch keine.

Und dann kommt sie, die Antwort, in Form einer Absage. Wie Speerstiche treffen sie einen, diese wenigen Sätze wie „Nachdem wir nun alle Einsatzmöglichkeiten in unserem Hause geprüft haben, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für jemanden anderen entschieden haben.“ Tausende Male liest man die E-Mail und kann es nicht fassen.

Der Absturz kommt schnell, man fällt tief. Man begreift nicht, warum ehemaligen Kommilitonen mit schlechteren Noten eine Stelle gefunden haben, nur das Wort „Absage“ hallt in den Ohren wider, lacht einen aus, macht einen klein und nichtig. Man zieht sich zurück, man ist tatenlos, man versteht die Welt nicht mehr und rechnet mit ihr ab, in seinem Kämmerlein, Schokolade und Wein in greifbarer Nähe.

Irgendwann gibt man sich einen Ruck, beginnt mit der Stellensuche von vorne. Diesmal ist es wesentlich schwerer sich aufzuraffen. Jede einzelne Absage lähmt einen, manchmal für Tage. Freunde zu treffen, die bereits eine Stelle gefunden haben, wird zu einem Ding der Unmöglichkeit. Man schämt sich, man zweifelt an sich selbst.

Und wenn dieser Prozess sich hinzieht, über Wochen und Monate, wenn man wieder zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, nur um eine Absage zu erhalten, dann fängt sie an. Die Bitterkeit, die in einem wächst. Sie lässt einen sarkastische Bemerkungen machen, sie desillusioniert einen. Sie wächst und wächst, mit jeder Absage, mit jedem unglücklichen Zufall, mit jedem schlechten Timing und jedem Anruf mit der Ansage, dass man direkt auf Position 2 nach dem Wunschkandidaten stand. Sie frisst in einem und nimmt immer mehr Raum ein. Sie trübt den Blick, auf einen selbst und die Chancen, die man hat, sie verdunkelt die Seele und reißt einen dazu hin, beißende Bemerkungen zu machen. Sie ist ein Geschwür, das in einem wächst und einen lähmt.

Wenn man nicht aufpasst, übernimmt die Bitterkeit das Ruder. Dabei kann sie nicht rudern, sie tut nur so. Sie entwickelt Metastasen in Form von Zweifeln und Frustration. Nur mit einer geballten Ladung Chemotherapie kann man sie bekämpfen. Indem man sie herausreißt, ihr den Zutritt zu seinem Gedankenhaus verbietet und sich nicht auf sie einlässt.

Das ist schwer, manchmal unmöglich. Aber nur wenn man sich entscheidet gegen die Bitterkeit zu kämpfen, gegen sie anzugehen, hat man eine Chance. Denn wie gesagt, rudern kann sie nicht, sie tut nur so.

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4 Gedanken zu “Von der Kunst nicht bitter zu werden

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