Fachkräftemangel, ich schlag dich kurz und klein!

Ich kann es langsam nicht mehr hören. Fachkräftemangel, War of Talents. Dieses ganze Gedöns. Ich kann es insbesondere deshalb nicht mehr hören, weil ich das Gegenteil erfahre. Weil ich die gegenteiligen Geschichten höre, vielfach. Von den hunderten an Bewerbungen, von der ewigen Suche, von den krampfhaften Versuchen irgendwie unter den vielen aufzufallen. Von der Verzweiflung und der Angst um die eigene Existenz.

Wie wäre es, wenn man statt vom Fachkräftemangel vom Geisteswissenschaftlerangebot sprechen würde? Wie wäre es, wenn man eben nicht nach Schema F alle Bewerbungen aussortiert, die nicht BWL, Informatik oder Jura studiert haben, wie wäre es, wenn man davon ausginge, dass Menschen lernen können? Sich Fachwissen aneignen können. Dass vielleicht Wissbegier, Eifer und unendliche Motivation das zu Beginn fehlende Fachwissen wettmachen können? Wie wäre es, wenn man Geisteswissenschaftlern endlich zutrauen würde sich in unbekannte Themen einzuarbeiten. Dass sie das können, mussten sie ihr ganzes Studium über beweisen. Da wussten sie zu Beginn auch nicht, was „Die Bedeutung des Partikels ‚eigentlich‘ beim Hedging“ ist und konnten doch erfolgreich eine erstklassige Präsentation liefern und kompetent Fragen beantworten.

Ist es so anders in der Arbeitswelt? Ist es so viel schwerer, so viel umfangreicher, so viel unwegsamer und undurchsichtiger? Wo sind die Unternehmen, die jemals explizit in ihren Stellenausschreibungen um Bewerbungen von Geisteswissenschaftlern bitten? Wieso werden die Recruiting-Assistenten, die alle Bewerbungen in verschiedene Kategorien sortieren müssen, dazu angehalten jemanden mit fünf Jahren Erfahrung in X zu suchen und alle anderen auszusortieren? Wieso wird immer in so engen Bahnen gedacht?

Was ist mit den Leuten, die sich umorientieren, was ist mit denen, die gerne etwas Neues probieren wollen? Wer sagt überhaupt, dass jemand mit fünf Jahren Erfahrung in X unbedingt in X weitermachen sollte? Vielleicht wäre Z dran, vielleicht würde diese Person sogar um einiges motivierter sein, wenn sie Q machen dürfte, aber nein, man geht auf Nummer sicher und macht weiter mit X, weil man in X Fachwissen hat. Warum scheinen alle Unternehmen immer so schnell Angst zu bekommen, sobald sie eine Bewerbung von einem Geisteswissenschaftler sehen? Aber lamentieren gleichzeitig, dass sie ihre Stellen nicht besetzen können? Ich will nicht sagen, dass Geisteswissenschaftler Fachkräfte sind, aber der Zutritt in die Fachwelt, der wird ihnen rigoros verwehrt.

Deshalb, du blöder Fachkräftemangel, schlag ich dich kurz und klein, bewerfe ich dich mit motivierten, klugen, eifrigen, neugierigen, um-die-Ecke-denkenden, innovativen und faszinierenden Geisteswissenschaftlern. Ich schlag dir ein blaues Auge mit vor-Soft-Skills-strotzenden Muskelpaketen. Dein Bruder War of Talents soll es gar nicht erst versuchen, sonst kriegt er es mit meinen Schwestern Kreativität, Präsentationsfähigkeit und Verhandlungsgeschick zu tun.

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