„Dann kommen wir nicht zusammen“

Ich hatte vor kurzem ein Bewerbungsgespräch. Da hat irgendwie nichts gestimmt. Fragen wurden in militärischer Präzision abgefeuert, da wurde sehr offensichtlich versucht mir Informationen zu entlocken, die nichts in einem Vorstellungsgespräch zu suchen haben, auch fand ich es sehr merkwürdig, dass ich am Ende des Gesprächs gebeten wurde für fünf Minuten den Raum zu verlassen, um dann wieder hereingebeten zu werden mit einem überraschenden Jobangebot. Allerdings mit der Knebelvariante – ich hatte genau eine Nacht Zeit über das Angebot nachzudenken. Als ich am nächsten Tag anrief und mitteilte, dass ich gerne noch ein anderes Gespräch abwarten wollte bevor ich entschied, kam die sofortige Absage.

Jetzt im Nachhinein bin ich froh darum. Denn es hat mir gezeigt, dass ich mit diesem Arbeitgeber nicht glücklich geworden wäre. Und umgekehrt sicherlich auch nicht. Denn dabei geht es doch schlussendlich im Bewerbungsgespräch, dass man versucht herauszufinden, ob man zueinander passt.

Im Gespräch gab es viele Warnsignale, auch die Einladung zum Gespräch mutete seltsam an. Hier eine Auflistung:

  • Ich kenne zwei Varianten wie man zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird (und wie gesagt habe ich in meinem Leben bereits fast 30 Vorstellungsgespräche als Bewerber geführt). Entweder ruft die Person an und man klärt den Termin telefonisch (diese Variante wird besonders gerne genommen, wenn es keine oder kaum Terminwahl gibt) oder aber man erhält eine Einladung per E-Mail. Wenn die Einladung per E-Mail erfolgt, habe ich bisher immer mindestens zwei, meist jedoch weitaus mehr, Wahloptionen erhalten und entsprechend das mir passende Datum in meiner Antwort genannt. Bei dieser Einladung wurde mir jedoch nur ein Termin per E-Mail zur Auswahl gestellt.

Bereits dieses Vorgehen hätte mir zeigen müssen, dass hier der Bewerber mit seinen Bedürfnissen kaum gesehen wird. Im Gespräch gab es dann weitere Warnsignale.

  • Ich hätte gleich misstrauisch werden sollen, als die Dame mehrmals ihre Frage mit der Floskel einleitete „Diese Frage müssen Sie mir nicht beantworten, aber…“ Wenn ein Arbeitgeber Fragen zu Partnerschafts- und Familienverhältnissen, zur Familienplanung, Religionszugehörigkeit oder Krankheitsgeschichte direkt im Gespräch anspricht, sollten bei dir alle Alarmglocken schrillen. Das war kein Versehen. Mit dieser Floskel signalisierte sie, dass sie sich sehr wohl bewusst war, dass die Frage rechtlich gesehen nicht gestellt werden darf. Aber warum machte die Dame es dann trotzdem? Mir hat es gezeigt, dass in diesem Unternehmen nicht nur beim Bewerbungsgespräch versucht wird Gesetze zu umgehen. Abgesehen von dem Fakt, dass ich es immer schwierig finde angemessen auf solche Fragen zu reagieren, zeigt mir ein solches Verhalten schlicht, dass man sich in diesem Unternehmen nicht an Vorgaben hält, dass man Privatsphäre nicht respektiert und dass hier kontrolliert wird. Eventuell auch mit unerlaubten Mitteln.
  • Die Einladung zum Gespräch kam zwei Monate nachdem ich die Bewerbung abgeschickt hatte. Im Vorstellungsgespräch teilte mir die Dame mit, dass sie bereits zahlreiche Vorstellungsgespräche geführt hatte, aber leider die einzigen zwei Kandidaten, die in die engere Auswahl kamen, erst in drei Monaten verfügbar waren. Bei mir wäre es ja so toll, dass ich bereits jetzt verfügbar sei. Mit dieser Aussage schlussfolgerte ich, dass ich 1. nicht die Wunschkandidatin war, weil ich sonst viel früher zum Gespräch eingeladen worden wäre, 2. ich nur aus dem Grunde plötzlich an Popularität gewann, weil ich sofort verfügbar war. Die knallharte Absage, nachdem ich mitteilte, dass ich noch ein weiteres Gespräch abwarten wollte, zeigte mir außerdem, dass das Jobangebot aus Verzweiflung erfolgte. Nicht ich als Person war wichtig, nicht, ob ich den Aufgaben gewachsen war oder ob ich gut ins Team passen würde, sondern schlicht, dass ich sofort anfangen konnte. Auch wenn die Person mir nach dem Gespräch sonstwas vorschwärmte und mir deshalb das sofortige Jobangebot machte, sprach ihr Verhalten am Ende Bände. Auch die Absage kam auf unschönem Wege. Hatte ich nur die Assistentin, die beim Gespräch mit dabei gewesen war, erreichen können, hatte ich um Rückruf gebeten und ihr kurz die Sachlage geschildert. Natürlich wurde ich nicht zurückgerufen, sondern erhielt sehr steif formuliert per E-Mail die Absage ohne vorherigen weiteren Kontakt.
  • Als ich aus dem Gespräch ging (wohlgemerkt mit einem ganz überraschenden Jobangebot), fühlte ich mich verwirrt und gleichzeitig wütend. Ich habe es mir schon seit langem zur Regel gemacht, dass ich die Gefühle direkt nach dem Gespräch genau beobachte und analysiere, da sie mir schon oft wichtige Fingerzeige waren. Ich konnte mir nicht genau erklären, warum ich wütend war. Irgendwie fühlte ich mich eingeengt, es regte mich auf, dass ich nur eine Nacht Zeit hatte zu entscheiden, insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich die Bewerbung schon vor zwei Monaten verschickt hatte und es definitiv nicht meine Schuld war, dass dieses Unternehmen so unorganisiert vorging und deshalb auf die Knebelvariante zurückgriff.
  • Und genau aus dem Grund entschied ich mich die Wahrheit zu sagen und von der anderen Einladung zu sprechen. Ich hätte theoretisch zusagen können, hätte einfach mal anfangen können und im schlimmsten Fall in der Probezeit innerhalb von zwei Wochen kündigen können. Aber der Grund, warum ich mich entschied die Wahrheit zu sagen, war, weil ich dem Unternehmen eine Grenze setzen wollte. Wenn ich dazu abkommandiert werden konnte eine Nacht für meine Entscheidung zu haben, so wollte ich im Gegenzug sehen, was passieren würde, wenn ich das Unternehmen dazu zwang mir mehr Zeit zu geben. Wenn sie mich wirklich wollten, hätten sie mir die Zeit gegeben. Wenn sie wirklich daran interessiert waren jemanden auf Vertrauensverhältnis einzustellen, dann hätten sie meine Ehrlichkeit als wertschätzend erlebt, man hätte sicherlich einen Kompromiss gefunden. Denn darum geht es mir als Bewerberin auch, ich möchte dem Unternehmen vertrauen, ich möchte, dass es mir gegenüber ehrlich ist, so wie ich ehrlich gegenüber dem Unternehmen bin. Ich kann es gar nicht leiden, wenn ich bespitzelt werde, weil man mir nicht vertraut. Mit der sofortigen Absage wurde dann aber klar, dass genau dieses Vertrauensverhältnis nie zustande kommen würde.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich gar nicht erst eine Nacht darüber schlafen muss, sondern bereits am Ende eines solchen Gespräches voller Warnsignale ohne Umschweife sagen kann, dass wir nicht zusammenkommen und ich meine Bewerbung zurückziehe.

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