Berufsfeld Vertrieb

Ja, ihr habt richtig gelesen. Es gibt auch Geisteswissenschaftler im Vertrieb. Netterweise hat sich Anna-Luisa Becke bereiterklärt mir Rede und Antwort zu stehen zu dem, was sie macht und wie es dazu gekommen ist. Hier das Interview:

1. Erzähle erst einmal wer du bist und was du überhaupt studiert hast?

Ich bin eine 27-jährige Frau, welche an der TU Dresden ihren Bachelor (!) in Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften gemacht hat. Ich belegte die Hauptfächer Geschichte und Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft und nutzte die Zeit des Studiums aber auch für ausgedehnte Reisen ins Ausland, indem ich Urlaubssemester nahm. Und nun arbeite ich im Außendienst – also Vertrieb und Kundenbetreuung – bei Segafredo, einem italienischen Kaffeeröster.

2. Gab es bestimmte Gründe, warum du dich für genau den Studiengang entschieden hast?

Nein, um ehrlich zu sein nicht 🙂 Ich wollte unbedingt nach Dresden, weil mein damaliger Freund hier wohnte und arbeitete und wir nach meinem Travel-&-Work-Jahr in Neuseeland zusammenziehen wollten. Also schaute ich, was man hier so studieren kann und wählte nach Interessen aus.

3. Hast du schon während des Studiums Berufserfahrung sammeln können und falls ja, was waren deine Hauptaufgaben?

Ich glaube kaum jemand hat während seines Studiums nicht irgendwie gearbeitet oder ein Praktikum gemacht, sei es auch noch so kurz. Bei mir waren es Messe- und Promotionjobs. Die waren zwar meist echt sehr anstrengend, aber dafür gut bezahlt und ich kam so sehr viel in Kontakt mit unterschiedlichsten Firmen, Ansprechpartnern und Kunden. Da habe ich schon gemerkt, dass ich Abwechslung im Job genieße und brauche, ebenso wie den steten Kontakt zu Menschen, mich auf neue Situationen einstellen, empathisch sein, Gespräche zu lenken usw. Zum Ende des Studiums habe ich dann in einer IT-Agentur als Praktikantin gearbeitet. Das war auch eine tolle Erfahrung, hat mir aber auch gezeigt, dass ich nicht der Typ für einen Job vor dem Bildschirm bin. Zumindest nicht bei einem klassischen 40h-Job.

Bei den vielen Messen und Promotionsjobs zeigten viele Gespräche mir dann, dass es tatsächlich einige Leute gibt, die beruflich etwas ganz anderes machen als sie studiert haben. Und mindestens genauso viele gibt es, für die Geisteswissenschaftler die zukünftigen Taxifahrer sind. Wie oft musste ich mir diesen Spruch anhören, ebenso war der Klassiker, dass ich ja dann in zehn Jahren immer noch hinter der Bar arbeiten werde. Und das dann meist von Männern, die auf der hierarchischen Ebene irgendwo ganz unten rumkrochen. Da wusste ich innerlich schon immer „Na, wartet mal ab“ 🙂 Aber genauso viele Menschen gab es, die mir Mut zusprachen und meinten, ich solle mich auf keinen Fall verunsichern lassen. Dafür war und bin ich sehr dankbar.

4. Erzähle ein wenig wie dein Berufseinstieg verlaufen ist. Wann hast du z.B. angefangen zu suchen und nach welchen Stellen hast du über welche Kanäle überhaupt geschaut?

So richtig mit der Suche hatte ich erst nach Abgabe der Bachelorarbeit angefangen. Naja, kennt ja jeder – man nimmt es sich vor schon parallel zu beginnen, aber naja… 

Dann habe ich hauptsächlich im Internet geschaut. Stepstone, Jobbörse usw. Und im Bekanntenkreis umhören!!!

Gesucht habe ich nach allen möglichen Dingen: anfangs nach klassischen Geisti-Jobs. Habe dann aber festgestellt, dass diese sehr rar sind und man meist promoviert haben sollte. Dann gings weiter mit (IT-) Kundenbetreuer, Vertrieb, Außendienst, Junior-Projektmanagement. Eben so Sachen, wo ich wusste, da hat man auch als Quereinsteiger Chancen. Und dazu kam, dass ich Bekannte und Freunde habe, die im Außendienst tätig sind. Von deren Erzählungen wusste ich, dass das was für mich wäre.

5. Erzähl uns von deinem Job. Was ist die Berufsbezeichnung, wie bist du an den Job rangekommen und was musst du an einem typischen Tag machen?

Ich bin „Verkaufsberaterin“ bei der Firma Segafredo. Das ist ein klassischer Außendienst. D.h. ich fahre zu meinen Kunden, berate und betreue sie, helfe ihnen bei der Qualitätssicherstellung und verkaufe natürlich Kaffee.

Dazu gestoßen bin ich vor 14 Monaten und hatte mich auf eine ausgeschriebene Stelle beworben. Darauf folgte ein Telefoninterview, Assessment Center und sogar Probe arbeiten. Der Anfang und das erste halbe Jahr waren sehr anstrengend in jeglicher Hinsicht. Aber mittlerweile macht es mir richtig viel Spaß. Klar wird viel über Zahlen geredet und dadurch entsteht Druck. Damit kann man aber lernen umzugehen. Und ebenso gibts viele positive Seiten: Ich trinke ziemlich viel guten Espresso und Kaffee 🙂 Kann mal hier und da gutes italienisches Mittagessen genießen und habe viel Spaß mit den unterschiedlichsten Menschen. Nicht zu vergessen die Freiheit, die ein Außendienstjob mit sich bringt. Ich trage Verantwortung für mein Gebiet, kann viel selber entscheiden, probieren, mal arbeite ich an einem Tag länger, mal mache ich etwas früher Schluss. Ich kann mir Termine so legen, dass ich zwei Tage hintereinander in der Stadt X bin, wo ich mich abends mit meiner Freundin treffe, die dort wohnt. Und ich habe einen Dienstwagen mit freien Tankladungen, den ich auch privat nutzen darf.

6. Was sollte jemand mitbringen, der/die im gleichen Bereich arbeiten möchte?

Erstmal bitte keine Angst vor einem Vertriebsjob! Bitte stellt euch darunter nicht den typischen Klinkenputzer vor. Wenn es euch interessiert, solltet ihr auf jeden Fall sehr gut selbst organisiert sein und eigenverantwortlich arbeiten können. Total wichtig ist Offenheit und Spaß am Kontakt mit Menschen. Des Weiteren müsst ihr euch mit dem Produkt/der Dienstleistung identifizieren können, sonst wirds glaube ich schwierig. Und Auto fahren sollte einem schon auch so halbwegs Spaß machen.

7. Was würdest du Geisteswissenschaftlern empfehlen, die kurz vor dem Abschluss stehen?

Erstens: Viel Zeit in die Bewerbungsmappe bzw. pdf-Dokument investieren! Daran habe ich echt richtig lange gesessen bevor ich die erste abgeschickt habe. Und das hat sich gelohnt, denn dafür bekam ich viel positives Feedback. Die Bewerbung muss irgendwie auffallen, aber eben auch nicht zu sehr – ich habe sie immer je nach Stelle und Unternehmen nach Intuition angepasst. Mal etwas kreativer und auffälliger, mal eher konventionell. Formell und vom Aufbau habe ich versucht nicht den Standard zu kopieren, aber eben auch nicht zu sehr aus der Reihe zu tanzen. Und ein bisschen Geld in gute Fotos investieren ist für mich auch unabdingbar.
Zweitens: Bewerbt euch in einem breiten Spektrum! Versucht so viele Chancen wie möglich zu erkennen. Ich habe z.B. teilweise ohne irgendeine Jobbezeichnung gesucht und geschaut, was es in Dresden so insgesamt für Angebote gibt. Für mich war die Priorität in Dresden bleiben zu können. Und so eine Suche kann Ideen geben für gezieltere Suchen. Denn Jobbezeichnungen sind manchmal unterschiedlich und auf einige kommt man nicht so leicht. Außerdem bringt euch jede Einladung zu einem Bewerbungsgespräch weiter, auch wenns nicht der Traumjob ist. Und ebenso muss der erste Job ja nicht gleich das Gelbe vom Ei sein… Und manchmal hört sich die Beschreibung nicht sooo toll an, aber andere Sachen stimmen, so wie Rahmenbedingungen, das Team usw.
Ich hatte mich für sehr unterschiedliche Jobs und Branchen beworben und fand die einzelnen Gespräche und den ganzen Prozess super spannend. Ich war z.B. bei einem Assessment Center für ein hochrangiges IT-Unternehmen, mit 25 eingeladenen Bewerbern auf 15 zu besetzende Trainee-Stellen, ausgesondert aus über 1000 Bewerbungen mittels Video-Interview. Und ich war die einzige Geisteswissenschaftlerin unter BWLern und Informatikern – eine super Erfahrung, auf die ich nicht verzichten möchte.
Drittens: Bereitet euch auf ein Bewerbungsgespräch besser und mehr vor als andere! Denn die im Gespräch geforderten Kompetenzen sind unser großes Plus in meinen Augen.

8. Wenn du nochmal die Chance hättest und nochmal studieren könntest, was würdest du anders machen?

Nichts.

9. Was sind deine besten Tipps für Geisteswissenschaftler, die in die Wirtschaft wollen?

Glaubt an euch. Es gibt da draußen Unternehmen, die an euch glauben werden. Denn da agieren Menschen. Auch wenn die Suche vlt. etwas länger dauert – irgendwo sitzt jemand, der euren Lebenslauf spannend findet und nicht nur auf Abschlüsse schaut, sondern an euch als Person glaubt. Und dort passt ihr dann auch hin. Das Positive ist ja, dass die, welche von Geistis nichts halten, einen ja gar nicht einladen. Erspart vieles. Und siehe „Drittens“ bei Frage 7. Denn sprachliche Gewandheit, Selbstsicherheit und gute Antworten auf oft gestellte Fragen (googelt „100 meist gestellten Fragen im Vorstellungsgespräch“!) bei solchen Gesprächen kann man ein Stück weit trainieren. Erklärt anhand von Beispielen, dass ihr betriebswirtschaftlich denken und handeln könnt.

Lieben Dank, Anna-Louisa für das Interview!
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