Das böse Wort Sachbearbeiter

Das Wort „Sachbearbeiter“ scheint in den letzten Jahren rapide an Wortwert verloren zu haben. „Sachbearbeiter“, das klingt nach Dumpinggehalt und trockener Materie. Die Hauptaufgabe scheint zu sein ganz stupide Sachen abzuarbeiten nach klar definierten Regeln. Wehe, irgendwer wagt diese Regeln zu hinterfragen, dann bricht das ganze System zusammen! Das kann ein Sachbearbeiter nicht verkraften, das würde einem Weltuntergang gleichkommen, denn schließlich hat er oder sie sich ganz mühsam das Regelwerk angeeignet und kann deshalb schon aus reinen Intelligenzgründen nicht davon abweichen. Ein Sachbearbeiter, wie es heute immer mehr verstanden wird, ist ein verknöcherter Regelwerkliebhaber, ohne Elan oder Esprit, jemand mit eher durchschnittlichem IQ und noch weniger Kreativität. Jemand, der tagein und tagaus bearbeitet und abarbeitet, ohne groß zu denken und sich immer brav an die Vorschriften hält.

Eine Sachbearbeiterstelle ist unter Akademikern verpönt. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, geschweige denn gezielt darauf zu bewerben. Das ist unter dem eigenen Niveau, darauf lässt man sich nicht herab, das sollen mal schön die Bürokaufleute machen, so tief sinkt man nicht.

Dabei frage ich mich, warum das so ist. Denn je nachdem welche „Sache“ ein Sachbearbeiter bearbeitet, getraue ich mich zu behaupten, dass Geisteswissenschaftler darin aufgehen und Spaß haben können. Denn Sachbearbeiter müssen meist zwei Dinge besonders viel tun: kommunizieren und organisieren. Und das haben Geisteswissenschaftler zu genüge gelernt. Trotz Bachelor- und Masterumstrukturierung hat man immer noch mehr Freiheiten in einem geisteswissenschaftlichen Studium als in anderen Fächern. Man muss sich selbst organisieren, wenn man eine Hausarbeit nach der nächsten schreibt und sich ständig in neue Thematiken einarbeitet. Dass eine der großen Stärken von Geisteswissenschaftlern ihre Kommunikationsfähigkeit ist, brauche ich wohl nicht noch ausführlicher zu erklären.

Mittlerweile sind viele Sachbearbeiterstellen viel komplexer als man das gemeinhin annimmt. Ich selbst übernehme jetzt mit mehr als fünf Jahren Berufserfahrung eine Sachbearbeiterstelle und freue mich darauf. Es ist eine Stelle im Bereich Global Mobility. Hier habe ich ein wenig erklärt, womit man den lieben langen Tag zu tun hat und jeder, der mir erzählt, dass das langweilig ist und man nach Schema F etwas bearbeitet, der hat eindeutig nicht ein bisschen verstanden worum es in diesem Bereich geht.

Deshalb würde ich gerne an Geisteswissenschaftler appellieren. Sich nicht zu schade zu sein sich auch auf Sachbearbeiterstellen zu bewerben. Akademiker bewerben sich nicht, weil es angeblich zu niveaulos ist und Nichtakademikern ist eine Sachbearbeiterstelle zu langweilig. Dabei kann eine solche Stelle so viel Spaß machen! Burkhard May, der selbst mit seiner Frau ein Beratungsunternehmen führt, das unter anderem Berufsanfängern und -einsteigern hilft als auch Studiengangwechslern und -abbrechern, schreibt:

Ich kenne kaum ein Unternehmen das in seinem Kern nicht von quirligen, praktisch denkenden, nicht-akademischen Organisationstalenten zusammengehalten würde.

Ich selbst würde das nicht-akademische noch um das akademische Organisationstalent erweitern, aber ansonsten beschreibt er genau, wie ich mich sehe und warum ich ohne Scheu und mit Stolz sage, dass ich Sachbearbeiterin bin, allen Unkenrufen zum Trotz.

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