Die freie Wirtschaft ist nicht dein Feind

Mir ist in letzter Zeit wieder einmal aufgefallen, dass Geisteswissenschaftler der freien Wirtschaft extrem misstrauisch gegenüberstehen. Als Argument wird genannt, dass man nicht beim Profitmachen dabei sein möchte, dass man nicht dem Luxus hinterherrennt und keine Lust hat im Kostüm zur Arbeit zu erscheinen.

Ich habe lange Zeit ähnlich gedacht, denn ansonsten hätte ich BWL studiert.

Je länger ich jedoch arbeite, desto mehr fällt mir auf, wie kurz gedacht diese Sichtweise ist. In vielen Köpfen von Geisteswissenschaftlern schwirrt ein diffuses Bild von dickleibigen Anwälten oder Wall-Street-Bankiers, die mit kaltem Blick und berechnenden Gieraugen über Milliarden verfügen, im Kopf herum, sobald sie das Wort Profit hören. Es geht nur ums Geld, niemals um den Menschen. Da werden herzlos Stellen gestrichen, gespart, da wird das Gehalt gedrückt, damit sie sich noch mehr in die eigene Tasche scheffeln können.

Das ist eine Welt, mit der man als Geisteswissenschaftler nichts zu tun haben will. Davon distanziert man sich. Davor hat man vielleicht sogar Angst, so will man auf keinen Fall enden. Aber mal die Gegenfrage: jeder Verein, jede gemeinnützige Gesellschaft, jeder Geisteswissenschaftler, der sich aus der Not heraus selbstständig macht, alle, egal, ob Wall-Street-Banker oder freischaffender Fotograf, egal ob Greenpeace oder weltweiter Konzern, sie alle müssen Profit machen. Alle. Auch du. Auch wenn du in einer Redaktion arbeitest, auch wenn du jemanden Deutsch beibringst oder bei Nabu angestellt bist, wir sind nun mal auf Geld angewiesen, um zu überleben. Zu behaupten, dass man keinen Profit machen möchte, ist schlicht gesagt lächerlich. Denn es geht nicht. Selbst wenn du in eine Kommune ziehst, die sich weitestgehend selbst versorgt, wird immer noch Strom und Wasser bezahlen müssen. Es ist faktisch nicht möglich komplett ohne Geld zu leben.

Stimmt, wirst du sagen, aber es gibt sehr wohl einen Unterschied, ob ich als Anwalt bei Wall Street arbeite oder aber Fließgewässer beurteile. Als Anwältin wirst du sicherlich täglich im Kostüm herumlaufen müssen, wenn du Wasserqualität oder Flussbaumbestände dokumentierst, wohl kaum. Denn die wirkliche Aussage, die dahinter steckt, lautet, dass man nicht zu einer geldfressenden Maschine degradieren möchte. In der Aussage schwingt Elitedenken mit, dass man besser ist, weil man moralisch und ethisch besser handelt, weil man zum Wohle der Gesellschaft und nicht aus Eigennutz handelt. Geisteswissenschaftler sind nicht umsonst Idealisten, die die Welt verbessern wollen. Aber auch Idealisten müssen lernen mit der Realität umzugehen. Und die lautet, dass man nicht umhin kommt Profit zu machen, egal wo und wie man arbeitet.

Wie dieser Profit generiert wird und inwieweit man das Menschliche nicht aus den Augen verliert, ist eine andere Frage. Aber du wirst nicht drumrum kommen. Und ganz ehrlich, das ist auch gar nicht schlimm, denn die freie Wirtschaft ist gar nicht dein Feind. Den Feind machst du dir – zu Unrecht. Es gibt viele Ecken in der freien Wirtschaft, in denen man als Geisteswissenschaftler unterkommen kann.

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5 Gedanken zu “Die freie Wirtschaft ist nicht dein Feind

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