Mein eigener Berufseinstieg

In letzter Zeit wurde ich öfter gefragt wie mein eigener Berufseinstieg verlaufen ist. Die kurze Antwort lautet: zu Beginn sehr gut, nach kurzer Zeit wurde es aber schwierig. Die gefühlte gerade Autobahnfahrt wurde schnell zum schmalen Holperpfad mit seltsamen Wendungen und falschen Beschilderungen.

Ich hatte das große Glück, dass ich direkt nach Studienabschluss eine Stelle angeboten bekommen habe. Ungefähr ein halbes Jahr vor Abschluss hatte ich angefangen mich umzusehen und Bewerbungen zu schreiben. Die Stelle war zwar nur eine 50%-Stelle, aber ich war dankbar, dass man mir als Berufsanfängerin eine Chance gab. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich in einer NGO, also einer gemeinnützigen Gesellschaft. Damals war mir nicht klar, dass es in NGOs ein Dauerthema ist, wie man bestimmte Projekte finanzieren kann, woher man Mittel bekommt und Stiftungen anzapfen kann. Das gilt nicht nur für die Projekte selbst, sondern auch für die Mitarbeiter, die die Projekte verwalten. In meinem Fall wurde meine Stelle gestrichen, weil man keine finanziellen Mittel mehr auftreiben konnte. Hätte ich zu Beginn gewusst wie wichtig es ist auch darauf zu achten, hätte ich die Stelle vielleicht zumindest etwas länger ausüben können und von Anfang an Ausschau nach Finanzierungsmöglichkeiten gehalten.

Danach begann das große Suchen. Ein Jahr lang bewarb ich mich erfolglos, ein Jahr lang, in dem ich als Selbstständige arbeitete. Während der ganzen Zeit hatte ich das Gefühl, dass meine Selbstständigkeit nicht als „richtige“ Berufserfahrung gewertet wurde, obwohl ich von der Kundenakquise bis hin zur Buchhaltung und Marketing mir alles selbst aneignete. Bis heute frage ich mich, warum man Selbstständigen so misstrauisch gegenübertritt. Natürlich gab es bestimmte Sachen, die ich mit mehr Elan gemacht habe als andere. Natürlich kann man im Prinzip von niemanden erwarten, dass man gleich gut im Vertrieb, bei kaufmännischen Vorgängen oder im Marketing ist, aber dass einem abgesprochen wird, dass man in vielen Gebieten wertvolle Berufserfahrung gesammelt hat, finde ich bis heute empörend.

In diesem einen Jahr habe ich ungefähr 100 Bewerbungen geschrieben und wurde zu einer Handvoll Bewerbungsgesprächen eingeladen. Mehrmals habe ich die bittere Erfahrung machen müssen, dass ich im Anschluss an das Gespräch erfuhr, dass ich direkt nach dem Wunschkandidaten auf Position 2 stand. Einmal meldete sich eine Firma aus Baden Württemberg nach einem halben Jahr wieder und wollte mir eine noch passendere Stelle anbieten, aber just einige Tage zuvor hatte mein Mann einen Arbeitsvertrag in München unterschrieben, sodass ich die Stelle nicht antreten wollte.

Erst als ich in München mein Glück versuchte, gelang es mir innerhalb kürzester Zeit eine Festanstellung als Quereinsteigerin zu ergattern. Eine Beschreibung des Berufs habe ich bei diesem Eintrag gegeben. Ich war froh und erleichtert und stürzte mich in das neue Aufgabenfeld. Ich habe von logistischen Themen bis zum internationalen Aufenthaltsrecht viel gelernt und viel erlebt. Aber nach fast zwei Jahren juckte es mich wieder in den Fingern. Vielleicht ein Unding von Geisteswissenschaftlern, ich weiß es nicht, dass man immerzu lernen will, dass man Vielseitigkeit schätzt und braucht. Zumindest probierte ich es dann in der Bildungsbranche, schließlich war ich pädagogisch ausgebildet worden.

Auch der Job als pädagogische Leiterin in einer Sprachschule bereitete mir Freude, aber auch hier blieb ich nicht lange, weil ich wieder mit meinem Mann für seinen Job umzog.

Ich habe also jetzt, mit knapp 6 Jahren Berufserfahrung bereits drei Festanstellungen gehabt, als Selbstständige gearbeitet und verschiedene Branchen ausprobiert. Ich habe ganz sicherlich nicht den gradlinigsten Lebenslauf und ich interessiere mich für viele Themen gleichzeitig. Ich lerne gerne dazu und je nach Stimmung bin ich manchmal ganz im Einklang mit meinem Flickenteppich und manchmal nicht so sehr.

Aber bei allen Wirrungen und Stolpersteinen, die ich in den Weg gelegt bekommen habe, bin ich froh, dass es jede Station gab, auch wenn einige sehr schwer auszuhalten waren. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch bei den schwierigen einiges mitnehmen können.

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6 Gedanken zu “Mein eigener Berufseinstieg

  1. Oh! Die sprichst mir so aus der Seele. Ich wollte nie bereuen, dass ich ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert habe. Ich genauso vielseitig interessiert und das ist meine größte Schwäche. Wie oft habe ich Bewerbungen zu Stellen geschrieben, die meiner Meinung nach total gepasst haben. Es kam noch nicht mal zu einer Einladung. Nun befinde ich mich in Phase, wo ich garnicht mehr weiß, was ich tun soll. Aber es tut gut zu lesen, dass es anderen Geisteswissenschaftlern ähnlich ergangen ist. Danke!

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    1. Ich bin auch zwiegespalten, einerseits bin ich weiterhin stolz Geisteswissenschaftlerin zu sein, aber mir war auch lange nicht klar wie schwierig es nach dem Studium wird. Bei einigen klappt es gleich, bei mir und vielen anderen jedoch nicht. Hoffe, dass du was Gutes findest!

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