Ein Plädoyer für den Flickenteppich

„Stelle niemanden ein, der/die zu oft den Job gewechselt hat“, über diese Maxime bin ich in meiner letzten Bewerbungsphase immer wieder gestolpert. Wenn man sich ausschließlich auf Stellen bewirbt, die einen interessieren und bei denen man meint sehr gut vom Profil zu passen, aber dann doch nur eine Absage nach der nächsten kassiert, fängt man bald an daran zu glauben. Ja, Personaler scheinen tatsächlich nach dieser Maxime zu handeln. Warum sonst wurde ich zu so wenigen Gesprächen eingeladen? Das liegt doch sicherlich daran, dass ich in meinem achtjährigen Berufsleben bereits die vierte Stelle inne- und in dreieinhalb Branchen gearbeitet als auch zwei Standbeine (Sprache und Musik) während meiner Selbstständigkeit ausgeübt habe.

Mein Lebenslauf ist ein Flickenteppich. Daran gibt es nichts zu rütteln und das habe ich auch nie versucht zu übertüchnen oder zu retuschieren. Fast alle meine Jobwechsel waren extern bedingt, entweder, weil meine Stelle gestrichen wurde oder weil ich mit meinem Mann aufgrund seines Jobwechsels mit umgezogen bin. Mehr als 3/4 meiner Kündigungen habe ich nicht freiwillig eingereicht, weil ich Lust auf Neues hatte oder weil ich eine Karrieremöglichkeit im Wechsel sah, sondern weil die Umstände mich dazu gezwungen haben. Aber das lässt sich schwer im Lebenslauf erklären. Da sehen Personaler als erstes den Flickenteppich, der abzuschrecken scheint.

Dabei sehe ich den Flickenteppich als meine große Stärke an. Denn er zeigt, dass ich vielseitig interessiert bin. Dass ich gerne dazulerne, meinen Horizont erweitere, mir neue Sachen aneigne und es mir nichts ausmacht Fragen zu stellen und wieder einmal die „Dumme“ zu sein.

Mit meinem Flickenteppich bringe ich einen großen Schatz in das Unternehmen hinein. Ich habe schon verschiedene Unternehmensstrukturen kennengelernt, mit wenigen Leuten im Team und kaum vorhandenen Hierarchien bis hin zum börsennotierten Unternehmen mit mehr als fünf Hierarchieebenen. Ich habe selbst mit Prozesse aufgebaut, Strukturen geschaffen, aber auch Unternehmen erlebt, wo diese bereits lange verankert waren. Teamkonstellationen unterschiedlichster Art haben mich gelehrt sehr genau zu Beginn zu beobachten wer die Entscheidungsmacht hat, nach welcher Devise hier geführt wird und wer im Team welche Rolle hat, gerne delegiert oder die Kontrolle über alles haben will, sich zurückhält oder ständig neue Ideen einbringt. Ich weiß welche Fragen wichtig sind und wie man am schnellsten herausfindet wie ein Unternehmen tickt und wer meine internen Ansprechpartner sind. Ich habe ganz unterschiedliche Führungsstile erlebt und auch selbst ein Team von 50 geleitet.

Ich habe außerdem einen branchenunabhängigen Blick. Oft antizipiere ich Probleme, die niemand bedacht hat, stelle Fragen, warum man X auf diese Weise handhabt, weil ich X schon als Y ausgeführt gesehen habe. Es mag vielleicht stimmen, dass Unternehmen zu Beginn mehr Zeit in mich investieren müssen als in einen alten Hasen, aber ich habe es auch schon erlebt, dass meine angeblich dummen Fragen einer Außenstehenden zu Prozessänderungen geführt haben.

Ja, sicherlich wurde ich oft aussortiert, weil man mir mangelnde Loyalität vorwirft, auch wenn in fast allen Fällen meine Kündigung nichts mit dem Unternehmen zu tun hatte, sondern wie oben beschrieben an äußeren Umständen lag. Man wird mir auch vorwerfen, dass ich nichts so richtig kann und dass ich nur deswegen gewechselt habe, weil ich im Unternehmen nicht klargekommen bin. Aber auch das ist falsch. Natürlich kann man sagen, dass ich alles ein bisschen und nichts so richtig kann, aber gleichzeitig bedeutet dies auch, dass ich vielseitig einsetzbar bin. Dass jemand über Jahrzehnte die gleiche Position im gleichen Unternehmen innehat, ist meiner Meinung nach eher negativ zu betrachten. Denn das kann bedeuten, dass diese Person sich ausruht, nichts mehr lernen will, Innovation aus dem Weg geht und nicht bereit ist sich in unserer schnelllebigen Unternehmenskultur an Veränderungen anzupassen.

Natürlich möchte auch ich in die Tiefe gehen, möchte auch ich ankommen und nicht schon wieder nach einen oder zwei Jahren wechseln. Das habe ich nie vorher geplant und bin immer schweren Herzens und gutem Einvernehmen gegangen. Aber grundsätzlich bin ich froh um meinen Flickenteppich, den ich als Schatz sehe. Hoffentlich gibt es bald mehr Personaler, die das auch so sehen und Brüche im Lebenslauf begrüßen statt wie ein winselnder Hund davonzuschleichen wenn sie nicht eine stromlinienförmige Bewerbung vor sich haben.

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5 Gedanken zu “Ein Plädoyer für den Flickenteppich

  1. Liebe Jennifer, erstens: gratuliere zum neuen job! Zweitens: sei stolz auf Deinen flickenteppich! Er beweist, dass Du lernfähig, offen und anpassungsfähig bist. Das ist es doch, was alle recruiter suchen: die eierlegende wollmilchsau. Kritisches hinterfragen bestehender systeme wird nach meiner erfahrung nach (danke übrigens für’s folgen meines blogs jobsuche50+) weniger gern gesehen. Aber wenn man dann an einen arbeitgeber kommt, der genau diese kritischen fragen schätzt, dann ist man angekommen. Ich hoffe, Du bist bei so einem gelandet.
    Alles liebe, Roswitha

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