Muss Arbeit Spaß machen?

In letzter Zeit frage ich mich immer wieder, muss Arbeit Spaß machen?

Die meisten Geisteswissenschaftler, denen ich begegne, bejahen diese Frage. Vehement. Ja, die Arbeit muss Spaß machen, ja, man muss sich verwirklichen können, ja, die Aufgaben müssen spannend und abwechslungsreich sein. Ja, man will etwas bewegen, ja, man will verändern, Prozesse erschaffen, verbessern.

Denn sonst hätte man auch nicht Geisteswissenschaften studiert. Man hat sein Fach oder seine Fächer nach den Vorlieben und Interessen ausgesucht. Man hat bewusst in Kauf genommen, dass man wohl nie groß die Karriereleiter erklimmen wird, man will Spaß an den Inhalten haben und mit Leidenschaft Fragen erkunden und beantworten.

Und was im Studium gilt, gilt erst recht im Berufsleben. Schließlich übt man diesen mehrere Jahrzehnte aus, man muss also dahinterstehen können.

Ich sehe es immer noch so. Dass Arbeit sinnvoll sein muss, denn wenn sie keinen Sinn mehr hat, dann wird es schwer sich auf lange Sicht zu motivieren und sich jeden Tag aus dem Bett zu quälen. Aber, je länger ich im Berufsleben stehe, desto mehr muss ich zugeben, dass der Spaßfaktor nicht mehr ganz so relevant ist wie zu Beginn meines Studiums. Klar, ich hätte auch keine Lust irgendwo monoton immer gleiche Abläufe durchzuexerzieren. Ich brauche auch weiterhin Abwechslung, Vielfalt und zumindest hin und wieder die Möglichkeit mich mit meinen eigenen Ideen kreativ einzubringen, um arbeitsfähig zu bleiben.

Meine Sicht hat sich jedoch in dem Sinne verändert, dass nun auch andere Faktoren Gewichtung erhalten. Wie zum Beispiel das Gehalt. Denn es ist ein riesengroßer Unterschied, ob ich genügend Geld habe, um einigermaßen über die Runden zu kommen und nicht mehr an der Armutsgrenze leben zu müssen oder eben nicht. Die naive Vorstellung, dass man als Geisteswissenschaftler zwar weniger verdient als andere, aber immer noch genug verdient, um einigermaßen über die Runden zu kommen, musste ich auf die harte Tour lernen abzulegen. Zu viele traurige Geschichten und eigene Erlebnisse von horrenden Gehaltsverhandlungen oder auch Stellenausschreibungen, bei denen Akademiker mit Doktortitel und mindestens fünf Jahren Berufserfahrung gesucht werden, die Bezahlung aber einer Bürokauffrau gleichkommt oder gar noch schlimmer einer Putzfrau, haben mich gelehrt sensibler mit dem Thema Gehalt umzugehen und wesentlich genauer darauf zu achten, dass ich mich nicht unter meinem Wert verkaufe. Denn leider bedeutet in den Geisteswissenschaften fast immer unter Wert = an der Armutsgrenze oder unter der Armutsgrenze.

Auch der Faktor Sicherheit ist höher auf meiner Prioritätenliste gerutscht. Denn wenn man sich immerzu von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangelt, wenn man Elternzeitvertretungen stoisch hinnimmt, weil man auf spätere Anstellung hofft, wenn man für den Job zig Mal umgezogen ist, aber immer noch in der Zwei-Jahre-Arbeitsvertrag-Tretmühle hängt, dann kann man nicht mehr sehr viel planen. Dann kann man immer nur hoffen und bangen. Und begreift auf einmal, wie viel Freiheit einem ein unbefristeter Arbeitsvertrag gibt. Wie viel Luft zum Atmen und Unbeschwertheit. Und dann fängt man an Sicherheit mehr zu schätzen und den Wert der Flexibilität ein wenig zu relativieren.

Aus meiner Sicht wird der Spaßfaktor überbewertet. Angeblich langweilige Aufgaben sehe ich nun gelassener. Wenn Routineaufgaben eine Zeitlang in den Vordergrund rücken, wenn bestimmte Aufgaben, die nicht sonderlich viel Kreativität erfordern, nun mal gemacht werden müssen, dann bringt mich das nicht gleich um, es kann, man höre und staune, sogar sein, dass diese ach so drögen Aufgaben gar nicht so dröge sind, wenn man sich einmal in sie hineingearbeitet hat.

Dennoch: Nicht alle Aufgaben sind sexy. Egal, ob man sonst wie kreativ und inspirierend unterwegs ist in seinem Berufsleben. Sie machen vielleicht nur bedingt Spaß, vielleicht auch keinen. Aber sie gehören dazu. Überall. Deshalb sehe ich den Spaßfaktor mittlerweile mit anderen Augen. Spaß bei der Arbeit zu haben ist nur dann wirklicher Spaß, wenn eben auch so „nebensächliche“ Dinge wie Gehalt und andere Bedingungen stimmen, die einem den nötigen Rückhalt geben.

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