Ohnmacht und Wehmut

So starre und kalte Begriffe wie berechnende Karriere, schmieriges und korruptes Geld, kalter Profit? Die streichen wir aus unserem Vokabular. Wir beschäftigen uns lieber mit verschnörkelten Buchstaben, den Zeiten einer Hochkultur in geheimnisvoller Vergangenheit und sinnen im Schöngeist über geistige Dinge, die den Geist und das Herz bewegen.

Wir leben und atmen unser Fach, wir lächeln nur müde, wenn wir zum tausendsten Mal gefragt werden, was wir denn später mal mit unserem Studium machen wollen. Wie kann, fragen wir uns immer wieder, wie kann ein kalter Stahlmensch, der uns diese Frage stellt, denn so etwas Weiches und Luftiges wie uns Geisteswissenschaftler verstehen? Prallen an ihm nicht sowieso Ästhetik und Schönheit ab, wird unser Luftballon voller poetischer Wünsche und ehrwürdigen Weisheiten nicht sogar von ihnen aufgespießt, den zackigen Messern, die an ihm befestigt sind?

So leid es mir tut den Luftballon aufspießen zu müssen, aber die traurige Wahrheit lautet, dass Geisteswissenschaftler, sofern sie denn in der freien Wirtschaft arbeiten wollen, Abschied davon nehmen müssen sich ausschließlich mit geistigen Themen auseinandersetzen zu dürfen. Es ist zwar eine bittere Wahrheit, die auch ich habe schlucken müssen, aber es ist nun mal tatsächlich so, dass wir kaum etwas von den Studieninhalten in unserem späteren Berufsleben werden einsetzen können.

Ich glaube zwar auch ganz fest, dass Geisteswissenschaftler in vielen Soft Skills gut ausgebildet sind und mit bestimmten Kompetenzen, wie zum Beispiel zu überzeugen oder sich schnell in unbekannte Themen einzuarbeiten, glänzen können. Aber auch wenn ich dies glaube, so musste ich auf die harte Tour lernen, dass es in meinem jetzigen Berufsleben herzlich wenig Leute interessiert, warum wir den Buchstaben ß noch in Deutschland und Österreich verwenden, nicht aber in der Schweiz. Wenn überhaupt ein Kollege interessiert ist am Dahinschwinden des Buchstaben ß, dann nur in der Form, dass er überrascht reagiert, wenn ich sage, dass „Mit freundlichen Grüßen“ immer noch mit ß geschrieben wird, auch wenn alle Welt wie die Schweizer „Grüsse“ zu vergeben hat.

Ich bin neulich voller Wehmut die ganzen Skripts und Reader von Unizeiten durchgegangen, die ich auch jetzt noch, sechs Jahre nach Studienabschluss und den Umzug in drei verschiedene Städte, immer noch besitze. Ich wollte mich nicht trennen von Seminaren zum Beowulf im Altenglischen oder dem Gebrauch des Partikels im Deutschen. Staunend habe ich sie durchgeblättert, konnte nicht glauben, dass mein Leben in solch kleinen Nischen stattfand und man zu Themen referierte, die man kaum selbst verstand, geschweige denn durchdrang.

Es macht mich wehmütig, dass unser Studium für die Katz ist. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber ich habe, wenn überhaupt, vielleicht gerade mal 1% aus meinen universitären Seminarinhalten in die Arbeitswelt hineinretten können. Proseminar, Hauptseminar, egal, was es ist, es war tatsächlich ein Lernen zum eigenen Vergnügen, aber auf das Berufsleben hat es mich herzlich wenig vorbereitet.

Und darin sehe ich den großen Knackpunkt für Geisteswissenschaftler. Wenn man beruflich auch nur bescheidenen Erfolg haben will (und damit meine ich definitiv nicht die steile Karriereleiter, sondern so etwas Schlichtes wie in einem Beruf zu arbeiten, der es einem ermöglicht einigermaßen über die Runden zu kommen), muss man diesen Umstand akzeptieren können. Nicht nur, dass man so gut wie nichts vom Studium im Berufsleben anwenden wird, aber auch, dass man eine Unmenge an anderen Dingen dafür von der Pike auf lernen muss. Man muss bereit sein mit Stahlmenschen zusammenzuarbeiten (wobei man dann manchmal überrascht feststellt, dass sie gar nicht so sehr aus Stahl gemacht sind, sondern sich als knorrige Eichen oder lustige Sandburgen herausstellen). Man wird wieder Anfänger, I-Männchen in so vielen Belangen.

Zum Beispiel Anfänger darin wie politische Spielchen im Unternehmen gespielt werden oder wie Prozesse auf dem Papier beschrieben werden, aber dann auf ganz andere Weise in die Praxis umgesetzt werden. Man lernt geduldig dem ewigen Hin und Herrrudern von Projekten oder Aufgaben zuzuschauen; mal soll die Abteilung es machen, dann doch nicht, dann wieder doch, dann passiert lange nichts und urplötzlich bekommt man eine sehr enge Deadline gesetzt und muss Überstunden arbeiten, weil endlich das finale Wort gesprochen wurde. Dabei fragt man sich die ganze Zeit, warum das nicht von Anfang an klar war.

Deshalb liebe samtigen Träumer und Gedankentänzer, seid ihr bereit von der Luft auf den Boden der Tatsachen zurückzuschweben? Seid ihr bereit euch in ganz andere Felder einzuarbeiten als ihr es je für möglich gehalten hättet?

Könnt ihr oder wollt ihr nicht?

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