Das Wunder von Hamburg

Neulich habe ich mit einer Absolventin ein längeres Gespräch gehabt. Nennen wir sie mal einfach Jule. Jule hat Kommunikations- und Kulturwissenschaft studiert, Bachelor. Eigentlich würde man erwarten, dass Jule extreme Probleme bei der Jobsuche hatte. Zumal sie „nur“ einen Bachelor hat und dann auch noch in so einem Allerweltsfach wie Kommunikation und Kultur. Hat sie aber nicht. Ihr Berufseinstieg hört sich wie eine wahre Märchengeschichte an.

Jule beschloss nämlich nach dem Bachelorstudium, dass sie nach Hamburg ziehen wollte. Weil ihr die Stadt so gefällt. Statt eine Weltreise zu machen oder mit einem Master anzufangen, ist Jule also mit Sack und Pack nach Hamburg gekommen und hat sich beworben. Intensiv. Ihre Eltern haben zwar zunächst die Miete bezahlt (die übrigens horrend in Hamburg sind), aber auch das mit dem Ultimatum, dass Töchterchen binnen weniger Monate einen Job finden musste, weil sonst die elterliche Geldquelle versiegen würde. Jule hatte also Druck. Aber Jule wurde glücklicherweise eingeladen zum Vorstellungsgespräch. Oft, sogar sehr oft. Ich weiß nicht wie oft insgesamt, aber zumindest einmal hat Jule es irgendwie geschafft, dass sie gleich in einer Woche sieben Vorstellungsgespräche hatte. Stelle man sich mal vor. Davon kann ich bis zum heutigen Tag nur träumen.

Ich habe also im Gespräch nachgehakt, habe gefragt, was Jule neben ihrem Studium noch so gemacht hat. Denn dass man einfach so einen Geisteswissenschaftler mit Bachelorabschluss so oft und so gerne einlädt, das kann einfach nicht sein, da muss mehr dahinter stecken. Jule hat nämlich eine Sache ziemlich schnell begriffen: dass Berufserfahrung das A & O ist. Sie hat also gleich von Anfang des Studiums an gejobbt. Hat Praktika gemacht. Sie hat für sich festgestellt was sie will und was nicht. Sie war auch schlau genug längere Praktika zu machen, von einem halben Jahr. Und sie hat sich auf eine sehr große Spannbreite an Berufen beworben, von der Assistentin der Geschäftsführung bis hin zum Trainee in der Personalabteilung.

Jule hat das große Glück gehabt, dass sie in vielen Bewerbungsgesprächen üben konnte. Sie hat keine Einladung ausgeschlagen, hat also innerhalb kurzer Zeit viele Gespräche geführt und wurde dadurch immer sicherer in ihrem Auftreten und in ihren Antworten. Sie hat am Ende die Unternehmen so damit beeindruckt, dass sie reihenweise Zusagen bekam. Sie konnte wählen.

Und obwohl sie bereits einige Zusagen hatte, wollte Jule unbedingt eine bestimmte Stelle. In einem Unternehmen hatte sie bisher nur das Erstgespräch geführt als Trainee in der Personalabteilung. Und auch wenn sie bereits eine Zusage von einem anderen Unternehmen für exakt die gleiche Position hatte, wollte sie lieber hier antreten. Und hat am Ende ihrem Lieblingsunternehmen sogar Druck gemacht. Hat mit offenen Karten gespielt und gesagt, dass sie eine Zusage habe, dass sie sogar schon den Vertrag zugeschickt bekommen habe, aber dass sie lieber hier anfangen würde. Und konnte damit punkten. Bekam am Ende, was sie wollte, nämlich die Traineestelle in ihrem Lieblingsunternehmen. Natürlich in Hamburg.

Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass bei Jule alles so reibungslos funktioniert hat? Wie kann es sein, dass sie sich nur in einer Stadt beworben hat, dass sie einfach mal volles Risiko gefahren ist und gleich von vielen Unternehmen umschwärmt wurde? Ist es wirklich nur Glück gewesen? Ich weiß es nicht. Jules Geschichte ist so ziemlich konträr zu den Erfahrungen von vielen anderen geisteswissenschaftlichen Bachelorabsolventen mit viel Berufserfahrung. Sie macht mich ein bisschen neidisch, aber gleichzeitig macht sie mich hoffnungsvoll. Dass es manchmal doch klappt. Dass es manchmal doch funktioniert. Dass man auch mal volles Risiko fahren und auch noch dem Lieblingsunternehmen Druck machen kann. Hoffentlich gibt es noch ein paar mehr Jules auf der Welt!

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Wunder von Hamburg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s