Die Qual der Wahl

Ich habe es wie viele andere gemacht. Die Devise lautete: „Erst einmal Abitur machen und dann schauen, was ich studieren will.“ Ich wusste es einfach nicht, so viele Fächer klangen interessant, die Wahl war eine echte Qual. Also bin ich nach dem Abitur für ein Jahr nach Kanada gegangen, habe dort ein freiwilliges soziales Jahr absolviert und gehofft, dass ich am Ende genauer fassen konnte, was ich wollte. Ich entschied mich schlussendlich zum Musikstudium.

Aber dazu musste ich erst einmal die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule schaffen. Ich immatrikulierte mich also pro Forma an der hiesigen Uni für Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache, besuchte jedoch nur wenige Seminare in den Abendstunden und bereitete mich tagsüber auf die Aufnahmeprüfung für Jazzklavier vor. Übte jeden Tag mindestens vier Stunden, hatte zwei Mal die Woche Klavierunterricht und machte mich nach einem Dreivierteljahr Dauerübens auf, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ich bestand, ich konnte es nicht fassen, ich wurde also Teil einer sehr kleinen Elitegruppe und tauchte ein in die Subkultur der Musiker. Und merkte schnell, dass ich dem Leistungsdruck nicht gewachsen war. Hier ein Wettbewerb, dort wieder ein Vorspiel, meine Kommilitonen schienen ständig nur zu vergleichen und übten Tag und Nacht aus Angst vor dem Versagen. Angst hatte man auch vor der berühmten Sehnenscheidenentzündung, seinem Hauptinstrumentlehrer oder der nächsten Gehörbildungsprüfung.

Nach einem Semester stand für mich also die Frage im Raum, ob ich wirklich weiterhin Musik studieren wollte, wenn so viel Druck und Angst aufgebaut wurde. Niemand konnte mir diese Entscheidung abnehmen, also zog ich mich zurück und überlegte. Ich überlegte lange. Denn schließlich hatte ich die Aufnahmeprüfung geschafft, was mir bis heute ein Rätsel ist, man hatte mich aus den vielen, vielen Bewerbern ausgewählt. Ich hatte sogar die Sekretärin der Musikhochschule angerufen als ich das Einladungsschreiben erhielt, weil ich dachte, dass sie einen Fehler in der Verwaltung gemacht hatten und ich nur versehentlich aufgenommen wurde.

Nach reichlichem Überlegen stand aber für mich fest, Musik würde mir immer wichtig sein, aber wenn mich das Musikstudium eher zerstörte und mir die Freude an der Musik nahm, dann wollte ich lieber auf andere Art Musik machen und exmatrikulierte mich. Mit einem weinenden Auge und einem lachenden Auge.

Damit fing aber die Suche wieder von vorne an. Was wollte ich nun stattdessen studieren? Die wenigen Seminare, die ich während meiner Auf-die-Aufnahmeprüfung-Vorbereitungsphase an der regulären Universität besucht hatte, gefielen mir gut. Ich entschied mich also weiter oder erneut Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache zu studieren. Und machte 2009 schließlich meinem Magisterabschluss in diesen beiden Fächern.

Und was sich bereits durch mein Studium zog, gilt auch heute für mein Berufsleben. In meinem achtjährigen Berufsleben habe ich bereits die vierte Stelle inne, in dreieinhalb Branchen gearbeitet als auch zwei Standbeine (Sprache und Musik) während meiner Selbstständigkeit ausgeübt. Sowohl mein Berufsweg als auch meine Studienwahl sind alles andere als gradlinig. In diesem Blogbeitrag erkläre ich, warum ich heute wieder etwas anderes studieren würde.

Erst heute nach acht Jahren kann ich sagen, dass ich endlich weiß, was mir beruflich Spaß macht. Ich arbeite sehr gerne in der Personalabteilung. Der Weg hierhin war steinig und von vielen Umwegen geprägt. Aber das macht nichts. Mir macht es nichts aus. Denn obwohl ich so viele verschiedene Stationen durchlaufen habe, bin ich froh um die vielen Erfahrungen. Ich bin froh, dass auch ich ein Studium abgebrochen habe und dafür um so mehr in meinem sprachwissenschaftlichen Studium aufgegangen bin. Ich bin froh, dass ich die Aufnahmeprüfung versucht habe, denn ansonsten hätte ich mich mein Leben lang gefragt „Was wäre, wenn..?“

Ich sehe das deshalb entspannt. Mit der Studien- und Berufswahl. Klar habe ich Fehler gemacht, aber wie heißt es doch so schön:

I have not failed, I’ve just found 10,000 ways that won’t work – Thomas A. Edison

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