Was für Arbeitszeiten sind sinnvoll?

Auch wenn ich die Frist verpasst habe, hat mich die Blogparade von Xing inspiriert über das Thema „ideale Arbeitszeiten“ nachzudenken. Ich schreie aber nicht nach absoluter Flexibilität und Home Office, obwohl ich mit Anfang 30 zu den Digital Natives gehöre. Hier erkläre ich warum.

Als Selbstständige hatte ich voll flexible Arbeitszeiten: Fünf Jahre lang konnte ich ausprobieren wie es ist, wenn man voll und ganz über seine Arbeitszeit verfügt. Ob ich um drei Uhr nachts meinen Unterricht vorbereitete, bis zehn Uhr ausschlief oder an einem Sonntag arbeitete, konnte ganz alleine ich bestimmen.

Die absolute Flexibilität hat mich an den Rande eines Burnouts gebracht. Um es gleich vorweg zu sagen. Immer hatte ich ein schlechtes Gewissen, immer fühlte ich mich gedrängt noch mehr zu machen, Präsenz zu zeigen, E-Mails zu den wildesten Zeiten zu verschicken, um einen Brunch mit einer Freundin an einem Mittwochvormittag zu rechtfertigen.

Die Trennung zwischen Privatem und Beruflichem gab es nicht. Mein Arbeitszimmer war gleichzeitig mein Wohnzimmer, Kunden riefen um zehn Uhr abends an, nachdem ich ein Telefonat mit einem Freund unterbrochen hatte. Oder aber ich verhandelte Verträge während ich versuchte mir in der Umkleidekabine eines Klamottenladens ein wenig Privatsphäre zu verschaffen.

Diese volle Flexibilität hat mich auf Dauer krank gemacht. Es fiel mir unglaublich schwer klare Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und bewusste Ruhezeiten einzuplanen. Wir sind so leistungsgetrieben, dass wir aus eigenem Antrieb Pausen kaum aushalten, geschweige denn dabei entspannen.

So ging es zumindest mir. Ich sehnte mich als Selbstständige danach einen klar definierten Ort zu haben, zu dem ich fahren konnte. Ich wollte liebend gerne ein Diensthandy haben, das ich ruhigen Gewissens über Nacht ausstellen konnte und dass ich neben mein Privathandy legen konnte. Noch lieber war es mir gar kein Diensthandy zur Verfügung gestellt zu bekommen. Mir war es egal, ob es im Unternehmen minutengenaue Zeiterfassung gab oder auf Vertrauensbasis gearbeitet wurde, solange es mir möglich war eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen. Und bewarb mich deshalb als Arbeitnehmerin.

Und dann erlebte ich alles. Ich habe in einem Unternehmen mit Zeiterfassung gearbeitet. Die klare Ansage lautete, dass Überstunden nur als Freizeit ausgeglichen werden konnten. Ich stellte also innerhalb weniger Tage erschrocken fest, dass ich jeden einzelnen Arbeitstag mehr als die acht definierten Stunden arbeitete. Ich baute rasend schnell Überstunden auf und war gezwungen diese als Urlaub im gleichen Kalenderjahr wieder abzubauen. Womit der Teufelskreis begann. Denn das Arbeitspensum war so hoch, dass man, sobald man wieder mal frei genommen hatte, um seine Überstunden abzubauen, sogleich wieder neue aufbaute, weil so viel liegen geblieben war und  der „Überstundenurlaub“ irgendwie wieder wettgemacht werden musste.

Zeiterfassung, das gebe ich gerne zu, ist meiner Meinung nach nicht das Gelbe vom Ei, wenn die Arbeitsbelastung grundsätzlich hoch ist.

In einem anderen Unternehmen galten klar geregelte Arbeitszeiten. Jeder Mitarbeiter hatte um 8:15 Uhr zu erscheinen und freitags durfte keiner vor 17 Uhr Feierabend machen. Es herrschte Unmut unter den Mitarbeitern, weil einige Abteilungen diese Reglung flexibler auslegten als andere. Home Office war grundsätzlich unerwünscht und wurde nur in ganz wenigen Ausnahmefällen genehmigt.

Der Zwang unbedingt bis 17 Uhr am Freitag anwesend zu sein, sorgte oft dafür, dass  die Mittagspause am Freitag besonders lang ausfiel und Mitarbeiter unmotiviert am Schreibtisch saßen und darauf warteten, dass der Uhrzeiger langsam vorrückte und sie schnell ins Wochenende verschwinden konnten. Denn das ist das Ironische: Wenn man Arbeitszeiten vorgibt, statt die Produktivität zu fördern, bewirkt die Kontrolle das genaue Gegenteil.

In noch einem anderen Unternehmen galt Vertrauensarbeitszeit. So lange die Arbeit gemacht wurde, war es OK später zu kommen oder früher zu gehen. Überstunden wurden nicht bezahlt oder in irgendeiner Form ausgeglichen. Home Office wurde möglich gemacht und ob man ein Diensthandy haben wollte oder nicht, durfte man selbst entscheiden.

Hier konnte man deutlich Persönlichkeitsunterschiede beobachten. Während die meisten deutlich mehr als acht Stunden vor Ort waren, gab es einige, die es schamlos ausnutzen und entweder ständig beim Plausch bei der Kaffeemaschine anzutreffen waren oder aber mit Abwesenheit glänzten. Hier ist das gegenteilige Problem der Fall: Vertrauensarbeitszeit ohne jegliche Kontrolle kann zu Unmut führen. Meist ist es nämlich so, dass die gewissenhaften Mitarbeiter die Fehler derer ausbaden müssen, die das Vertrauen schamlos ausnutzen. Davon gibt es nicht viele, vielleicht sogar niemanden. Aber schon eine einzige Person kann so das Klima vergiften und zu Demotivation führen.

Arbeiten auf Vertrauensbasis kann auch dann gefährlich werden, wenn das Management keine klaren Erwartungen formuliert. Viele Mitarbeiter nehmen dann an, dass sie grundsätzlich nicht genug geben. Sie sind innerlich unruhig und machen jeden Tag Überstunden, hängen sich voll rein, weil sie glauben, dass sie das müssen oder ihre Führungskraft es ihnen so vorlebt. Und dann überschreiten wir die Grenzen unserer Möglichkeiten. Weil wir alle unsere Schwierigkeiten damit haben Grenzen zu setzen. Auch viele Führungskräfte können das nicht.

Mein Fazit? Ich halte nicht viel von dem Geschrei nach kompletter Flexibilität. Auch wenn jede Art von Arbeitszeitenreglung meiner bisherigen Arbeitgeber ihre Nachteile hatte, so bin ich von meiner Persönlichkeit ganz klar weiterhin immer noch lieber Arbeitnehmerin mit einem klar definierten Ort, zu dem ich regelmäßig hinfahre, egal, ob mir nun vorgeschrieben wird zu einer bestimmten Uhrzeit anwesend zu sein oder nicht. Natürlich habe auch ich nichts dagegen, wenn ich zwischendurch mal Home Office machen darf, wenn es sich privat anbietet. Aber ich werde sicherlich niemals zu der Sorte Mensch gehören, die freiwillig ihre Arbeitsmails von zu Hause aus checkt. Dazu bin ich zu lange selbstständig gewesen. Heute kann ich formulieren: Ich muss mich und meine Gesundheit schützen. Ich will Feierabend haben und machen. Und da ist mir ein altmodisches Firmentelefon mit Durchwahl gerade recht. Weil es für mich der Inbegriff des Ortes ist, den ich als meinen Arbeitsplatz definiere und von dem ich Abstand nehmen kann und darf.

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2 Gedanken zu “Was für Arbeitszeiten sind sinnvoll?

  1. Spannendes Thema! Ich war leider noch nie Arbeitnehmer und kann nur über die Arbeitszeiten einer Selbstständigen reden. Aber mir ist gerade klar geworden, dass ich momentan all das erlebe, was du an der Flexibilität eines Selbstständigen (zu Recht!!!) kritisiert. Das macht mich sehr nachdenklich. War das auch der Grund, weshalb du deine Selbstständigkeit aufgegeben hast?

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    1. Ja. neben dem finanziellen war es einer der Hauptgründe. Wenn mir kein Rahmen vorgegeben wird, fällt es mir unglaublich schwer selbst die Grenzen zur richtigen Zeit zu ziehen. Bist du denn aus freien Stücken selbstständig oder ist die Selbstständigkeit aus der Not heraus entstanden? Ich denke, das ist auch ein wichtiger Faktor, der bei der Grenzenziehung eine Rolle spielt.

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