Karriereplanung a la Jenny

Der Artikel in der Wila Bonn, in dem zwei Karrierecoachs sich einmal für sehr langfristige Karriereplanung und einmal gegen zu starres Scheuklappendenken bei der Planung aussprechen, hat mich inspiriert darüber nachzudenken wie ich denn meine Karriereplanung vorgenommen habe. Quasi Karriereplanung a la Jenny.

Die war unumstritten vage mit einem leichten Hauch von Wahnwitz. Ich sehe noch vor mir, wie ich die Studiengänge der lokalen Universität ausgebreitet vor mir liegen hatte als es um die Studienwahl ging und zunächst einmal alles aussortierte, was nicht in Frage kam. Das war eine erschreckend hohe Menge. Ingenieurwissenschaften? Nö, da hatte ich schon im Werkunterricht Probleme Sachen zu löten, auch meine Holz-Konstrukte sahen immer wie der klägliche Schatten des Originals aus und krachten nach spätestens zwei Minuten in sich zusammen, sofern sie es überhaupt geschafft hatten zusammenzubleiben bevor sie benotet wurden. Selbst mit Ikea-Regalen habe ich bis zum heutigen Tag zu kämpfen und überlasse das Zusammenbauen lieber anderen, damit ich nicht tragisch unter Billy-Regalen vergraben eines Tages geborgen werden muss. Auch die Naturwissenschaften wurden schnell zur Seite gelegt, Chemie und Physik fand ich schon zu Schulzeiten öde, warum man herausfinden wollte, ob Gegenstände gleich schnell zur Erde krachten, wenn sie sich in einem Vakuum befanden, ist mir bis heute ein Rätsel und überlasse das lieber bebrillten Karohemdenträgern. Übrig blieben die Geisteswisenschaften und Psychologie.

Tja, und dann ließ ich mich von der Frage leiten, was man denn im Ausland machen könnte. Und da ich aus einer Lehrerfamilie stamme, aber nicht Lehramt studieren wollte (wieso heißt es eigentlich „auf Lehramt?“, alle anderen studieren einfach ihr Fach, aber Lehramt kann man nur „auf“ studieren???), beschloss ich, dass Deutsch als Fremdsprache ganz sinnvoll wäre, denn da könnte ich ja Erwachsenen im Ausland Deutsch beibringen. Die Entscheidung war also schnell gefällt, nur musste noch ein zweites Fach her. Ich entschied mich kurzerhand für Amerikanistik. Denn, so meine damalige Logik, Englisch konnte man immer und überall gebrauchen, da würde ich schon irgendwas mit später machen können. Und immatrikulierte mich also. Karriereplanung im Schnellverfahren.

Ähnlich diffus ging ich vor, als mich nach gefühlten drei Minuten nach Immatrikulation die erste Person fragte, was ich mit diesen Studiengängen später mal machen wollte. Meine ehrliche Antwort hätte sein müssen, dass ich es selbst gar nicht so genau wüsste und es einfach auf mich zukommen lassen würde. Komischerweise sagen aber die wenigsten so etwas, sondern geben lieber Pauschalantworten, wie z.B. Übersetzer oder aber Sprachlehrerin für Erwachsene. Ich ratterte also brav mein Sprüchlein auf.

Und beschloss dann irgendwann im Laufe des Studiums, dass ich mich mal als Sprachtrainerin ausprobieren wollte. Denn ob ich eine gute Trainerin sein würde, konnte ich noch nicht sagen, schließlich hatte ich noch niemanden unterrichtet. Fing also an und unterrichtete also. Nachhilfeschüler, Firmen, Einzelkunden, querbeet und auf unterschiedlichsten Niveaus. Sammelte schnell viel Erfahrung und ging darin auf. Bis ich merkte, dass Sprachtrainer schlecht bezahlt werden, wenn sie über Sprachschulen vermittelt werden und immer Freiberufler sind, Festanstellungen sind rar bis inexistent. Merkte also, dass ich mich irgendwie anders weiterentwickeln musste, wenn ich angestellt sein wollte und bewarb mich. Als Assistentin der Geschäftsführung, für den Empfang, für Übersetzungstätigkeiten, als Koordinatorin eines Jugendaustauschprogramms. Irgendeinen Job, irgendeine Festanstellung, egal was.

Ich habe an anderer Stelle beschrieben wie es dann weiterging, aber worauf ich hinauswill, ist, dass meine Karriereplanung nicht existierte. Punkt. Ich griff einfach nach dem, was mir als nächstes über den Weg lief und hoffte, dass es irgendwie passen würde, sonst machte ich mich halt passend. Klar, ich merkte relativ schnell, dass neben den Sprachen und dem Pädagogischen auch Organisationsfähigkeit und Koordinationsgeschick Stärken von mir waren (ich weiß, es klingt nicht danach, aber bitte glaube mir, ich kann koordinieren und organisieren, frag meine Kollegen!). Mir wurde auch klar, dass ich lieber in einer Festanstellung arbeiten wollte und Freiberuflichkeit nicht das Wahre für mich war. Ich hatte gerne mit Menschen zu tun und war begeistert, wenn jemand etwas zum ersten Mal begriff und verstand. Aber selbst mit dieser Handvoll an Dingen gab es viel zu viele Türen, die noch offen standen und mir die Wahl und Planung erschwerten.

Manchmal wünschte ich, ich hätte mich wirklich mal hingesetzt und genauer darüber nachgedacht (der eine Coach empfiehlt alles aufzuschreiben), was ich beruflich machen wollte. Egal, ob in fünf Jahren oder zehn, aber einfach mal gezwungen zu sein Berufsfelder zu recherchieren, die man sich vorstellen kann. Und dann ganz konkret: wie ein typischer Tag abläuft, sich hineinzudenken in ein Berufsfeld und unterschiedliche Schwerpunkte herausarbeiten. Das hätte mir viel gebracht. Da hätte ich mich vielleicht doch anders immatrikuliert und zielgerichteter studiert. Auch bei der späteren Berufswahl wäre ich glaube ich anders vorgegangen.

Jetzt denke ich manchmal wie naiv und blauäugig ich mein Studium angefangen habe. Ich habe mir keine ernsthaften Gedanken gemacht welche Berufsfelder mir damit offen standen. Das Studium war für mich schon Mittel zum Zweck. Zwischendurch mal inne zu halten und zu überlegen was man kann und welche Berufsfelder dann wohl zu einem passen, das kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Egal, ob man sich noch im Studium befindet oder schon zehn Jahre Berufserfahrung hat. Ganz besonders jetzt, zum Ende des Jahres, ist es sinnvoll Revue passieren zu lassen. Passt der Job zu einem, was macht Spaß, was nicht. Falls man frustiert ist, woran liegt es und wie kann man es ändern? 

Auf dass die Karriereplanung nicht so diffus abläuft wie bei mir. In dem Sinne wünsche ich einen guten Jahreswechsel. 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Karriereplanung a la Jenny

  1. Liebe Frau Warkentin, ich hoffe sehr, dass Sie niemals unter Billy-Regalen gebergt werden müssen und sich immer geborgen fühlen. Im Ernst: eine kleine Korrektur des fehlerhaften Partizips von „bergen“ würde Ihrer Reputation als DaF-Dozentin und Geisteswissenschaftlerin sicherlich nicht schaden 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s