Fälle erst eine Entscheidung, wenn du ein Angebot hast

Das Stellenangebot fand ich im Internet. Als ich wieder einmal stundenlang die gängigen Jobportale durchforstete. Man hat ja als Geisteswissenschaftler das große Vergnügen geduldig in Portalen Stelle um Stelle anzuschauen, die in den letzten Tagen hochgeladen wurden, denn gängige Suchbegriffe gibt es nicht. Das ist das Manko der Allrounder, es gibt viel, was wir können, aber deshalb ist es umso schwieriger zu finden, was zu uns passt.

Manchmal habe ich mich dabei wie ein Goldwäscher gefühlt. Jedes Mal, wenn ich wieder über eine Stelle stolperte, für die ich in Frage kam, war zunächst die Freude groß. Ein kleines Goldnugget gefunden, endlich, nach der langen Sucherei und dem gebeugten Rücken im Fluss mitsamt den kalten Füßen! Aber nach wenigen Minuten Glücksgefühl ging es dann gleich los, das Goldnugget wurde kritisch unter der Lupe beäugt, ihm wurde auf den Zahn gefühlt:

  • Passt die Stelle zu mir?
  • Bin ich qualifiziert genug?
  • Klingt die Stelle überhaupt interessant?
  • Ist es nicht doch zu weit weg?
  • Bestimmt kann ich nicht so viel Gehalt verlangen?

Ich gehöre der Sorte Mensch an, die durchdachte Entscheidungen treffen will. Ich halte auch weiterhin nicht viel davon Berge an Bewerbungen zu fabrizieren, um der Bewerbung willen und sie wahllos in alle Himmelsrichtungen zu senden. Das bedeutet aber auch, dass ich mich manchmal zu früh gegen ein Stellenangebot entschieden habe.

  • Was ist denn so schlimm daran, wenn die Stelle vielleicht nicht ganz hundertprozentig passt?
  • Vielleicht gibt es Aufgabenbereiche, die nicht so spannend sind, aber sollte man die nicht wenigstens in einem Gespräch klären, sondieren wie viel sie von der eigentlichen Arbeit ausmachen?
  • Man möchte nicht aus der Stadt ziehen, aber gibt es vielleicht doch die Möglichkeit zu pendeln?
  • Besteht nicht auch nach einem Vorstellungsgespräch die Möglichkeit abzusagen, wenn es einem immer noch nicht zusagt und die Nachteile überwiegen?

Mir ist klar, dass in jeder Bewerbung, wenn man sie denn ordentlich macht, viel Arbeit steckt und dass man sich natürlich nicht auf Stellen bewerben sollte, bei denen man von vorneherein ein ganz schlechtes Gefühl hat. Ich habe aber gemerkt, dass es oft Stellenangebote gibt, bei denen man sich nicht sicher ist. Entweder, weil sie so vage und schwammig gehalten sind, dass man sich nicht sicher ist, ob man dazu passt oder nicht oder weil ein kleiner Aspekt abschrickt oder der Ort eine Rolle spielt oder, oder, oder. Und genau bei diesen Stellenangeboten, die im Graubereich liegen, bei denen man nicht gleich ein klares Nein zu hat, kann ich nur dazu raten es einfach mal zu versuchen. Was ist das schlimmste, was einem passieren kann?

Genau, dass man zum Gespräch eingeladen wird. Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass eine Firma nicht bereit gewesen wäre mir vorab am Telefon nochmal kurz zu erklären worum es bei der Stelle geht, wenn ich prüfen wollte, ob ich die Reise überhaupt antreten sollte. Aber da zeigt es sich gleich wieder, diese Tendenz irgendwie alles immer prüfen zu müssen, obwohl ich noch nicht einmal ein Angebot hatte.

Ich kann nur dazu raten die finale Entscheidung zu treffen, wenn man ein Angebot hat. Auch die Möglichkeit besteht, die Firma sagt einem nach dem Gespräch ab und dann fühlt man sich wie ein begossener Pudel, hat so viel Arbeit reingesteckt, hat so viel in so verschiedene Richtung gedacht und im Endeffekt war es umsonst. Die Firma hat einem in dem Fall die Entscheidung abgenommen. Aber auch erst dann, als es dran war. Denn erst nach dem Gespräch muss entschieden werden, ob man zusammenkommt oder nicht. Aber ich gehöre der Sorte Mensch an, die schon viel früher grübelt, sich Gedanken macht und über verschiedene Möglichkeiten nachdenkt.

Deshalb finde ich, dass man sich auch mal „einfach so“ bewerben kann, dass man, wenn die Stelle dann doch nicht so toll ist wie erst gedacht, es auch noch zu viel späteren Zeitpunkten die Möglichkeit gibt abzusagen. Und ich schreibe bewusst vom Plural, „Zeitpunkten“.

Triff Entscheidungen erst, wenn du es musst, nicht vorher, was im Bewerbungsbereich heißt, wenn du ein Angebot vorliegen hast. Gib auch mal „grauen“ Stellenbeschreibungen eine Chance, vielleicht verbirgt sich hinter ihnen etwas ganz anderes, als du vermutest.

So wie bei mir. Das Stellenangebot aus meinem Eingangssatz. Es war eine Stelle, zu der ich nicht wirklich gut passte, aber bei der ich dachte, dass ich es mal einfach versuchen wollte. Es war eine Traineestelle, für die ich eigentlich schon zu alt war und mit wahrscheinlich zu viel Berufserfahrung. Ich bewarb mich also, ich erhielt die Massenabsage vor Einladung zum Gespräch, was mich nicht wirklich überraschte und wurde dann zwei Wochen später vom gleichen Unternehmen angerufen, ob ich nicht stattdessen auf eine andere Stelle Lust hätte. Ich hatte und arbeite bis heute im Bereich Global Mobility.

Versuch es einfach mal, eine wirkliche Entscheidung treffen musste ich erst, als ich nach mehreren Gesprächen mit dem Unternehmen ein Angebot erhielt. Mach nicht den Fehler dich zu früh dagegen zu entscheiden.

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