Angekommen

Ich bin von Haus aus Pädagogin. Sowohl, was meinen familiären Hintergrund betrifft, von Schwester, Cousine, Eltern und anderen Verwandten, die sich Lehrer schimpfen, als auch vom Studium her. Ich habe neben Amerikanistik Deutsch als Fremdsprache studiert, ein Fach, bei dem man lernt wie man am besten Erwachsenen Deutsch beibringt.

Ich finde es spannend zu beobachten, wie ein Sprachanfänger sich innerhalb kurzer Zeit verständlich machen kann. Ich kann mich noch lebhaft an meinen ersten Schüler in Dresden erinnern, einen Bankdirektor, der in der DDR Russisch gelernt hatte und sich nun gezwungen sah aus beruflichen Gründen auf Englisch zu kommunizieren. Immer schüttelte er mir sehr akkurat gekleidet die Hand und half mir förmlich aus der Jacke, sobald ich sein Büro betrat. Er lernte schnell, auch im hohen Alter und freute sich wie ein kleiner Junge, als er zum ersten Mal selbst einen Anruf aus Mailand annehmen konnte und nicht einen jüngeren Mitarbeiter, der des Englisch mächtig war, als Übersetzer missbrauchen musste.

Ich habe fünf Jahre lang sehr gerne unterrichtet. Stundenlang saß ich zu Hause, entwickelte Materialien, durchforstete Youtube auf interessante Videos, schickte meine Deutschschüler per Smartphone auf Fehlersuche in die Innenstadt, wobei die Aufgabe darin bestand von der Speisekarte bis hin zu Werbeplakaten Rechtschreibfehler aufzuspüren und abzufotografieren.

Und doch bin ich jetzt keine Pädagogin, sondern arbeite in der Personalabteilung in einem mittelständischen Unternehmen. Der Weg von der Pädagogik zum Personal war lang und steinig. Der Hauptgrund, warum ich mich schweren Herzens vom Pädagogedasein verabschiedete, war rein finanzieller Natur. Solange man nicht Lehrer an einer Schule ist, sieht es finanziell mau aus. Da ich mir nicht vorstellen konnte vor pubertierenden Neuntklässlern die Autoritätsperson zu mimen, sondern schon immer lieber mit Erwachsenen zusammengearbeitet habe, blieb mir nichts anderes übrig als in der freien Wirtschaft als Sprachlehrerin Fuß zu fassen. Doch die hat ihre Tücken. Mittlerweile werden Sprachkurse zu 98% an Freiberufler vergeben. Zu einem Hungerstundenlohn, der oft dazu führt, dass in schlechten Phasen ohne Aufträge Sprachlehrer in Hartz IV abrutschen. Denn leider haben die wenigsten Unternehmen Lust direkt mit den Freiberuflern zu tun zu haben, sondern arbeiten lieber mit Sprachschulen zusammen. Das wiederum bedeutet, dass die Sprachschulen für die Organisation und Auftragsvermittlung einen Teil des Honorars einkassieren und somit weniger für den Freiberufler übrig bleibt. Ein zweites Problem ist, dass viele Sprachlehrer sich scheuen Kundenkaltakquise zu betreiben, womit man sich von Sprachschulen abhängig macht und wesentlich lukrativere Zusammenarbeiten ohne Zwischenmann und -vermittlung verbaut.

Ein trauriges Drama, dem ich auch deshalb den Rücken zugekehrt habe, weil es mich auf Dauer zu sehr frustriert hat ständig an der Armutsgrenze zu leben und dauerhaft schlechter bezahlt zu werden als ein einfacher Handwerker, obwohl ich einen Universitätsabschluss habe.

Jetzt, nach einer langen Odyssee, bei der ich viele verschiedene Sachen ausprobierte und einige Jahre lang nicht so richtig wusste wohin die Reise gehen soll, bin ich froh darum endlich meinen Platz gefunden zu haben. Wenn das, was man eigentlich gerne macht, nicht ausreicht zu überleben, kann es schwierig sein seinen neuen Platz zu finden. Ich kann ein Lied davon singen. Zunächst stürzt man sich voller Elan in die neuen Aufgaben und ist begeistert und dankbar, dass man auch dann weiterhin sein Gehalt bekommt, wenn man in den Urlaub fährt. Ich zumindest kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass es für mich unfassbar war, dass ich genau eine Woche gearbeitet hatte und drei im Urlaub war und ich dennoch genau das gleiche Monatsgehalt bekam wie in urlaubsfreien Monaten. Wenn man fünf Jahre lang täglich gebangt hat krank zu werden, weil Kranksein gleich Verdienstausfall bedeutete und gleichzeitig unbarmherzig die Versicherungsbeiträge gezahlt werden mussten, dann weiß man diesen Aspekt als Arbeitnehmer sehr zu schätzen.

Zunächst war ich einfach nur dankbar überhaupt eine Festanstellung zu haben. Schwer genug war es gewesen diese zu finden. Doch auf Dauer macht auch eine Festanstellung nicht glücklich, wenn man darin nicht aufgeht oder wenn Zweifel an einem nagen. Ich will nicht sagen, dass das unbedingt bei jeder Stelle bei mir so war, aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit unbewusst das Gefühl noch nicht angekommen zu sein. Auch wenn bei mir die meisten meiner Berufswechsel extern bedingt waren, hatte ich öfter das Gefühl, dass mir etwas fehlte. Ich konnte es noch nicht einmal in Worte fassen. Irgendwie diffus gab es da was. Manchmal konnte ich Störfaktoren sehr genau benennen, wie zum Beispiel das Verhältnis von Zeiteinsatz versus Bezahlung oder das Überhandnehmen einer bestimmten Aufgabe, die ich extrem ungern machte und somit das Arbeitsleben verdunkelten. Aber manchmal hatte ich einfach nur ein komisches Bauchgefühl.

Es hat bei mir vier Jahre gedauert, bis ich sagen konnte: ich weiß jetzt, wo mein Platz ist. Klar, wenn ich als Pädagogin in der Erwachsenenbildung angemessen bezahlt werden würde, würde ich vielleicht zurückwechseln. Aber jetzt weiß ich endlich, dass mir Personalarbeit genauso viel, wenn nicht gar mehr, Spaß macht. Vielleicht musste ich jede Station durchlaufen, um hier anzukommen. Vielleicht hat es auch deshalb so lange gedauert den Platz zu finden, weil es mir schwergefallen ist mich von meinem alten Traum zu trennen. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber auch wenn es so lange gedauert hat, es ist ein schönes Gefühl. Zu wissen, hier will ich eine Weile bleiben. Hier kann ich lernen, hier kann ich mich austoben, hier bin ich zu Hause.

Es ist ein bisschen so wie wenn man ganz langsam entdeckt, dass man eine zweite Muttersprache hat.

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7 Gedanken zu “Angekommen

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