Oh wie lieben wir die Steuererklärung!

Ich habe heute einem ausländischen Freund geholfen seine erste deutsche Steuererklärung abzugeben. Seit 2013 ist er in Deutschland und hat bisher, da zu Beginn Werkstudent, noch nie eine deutsche Steuererklärung abgegeben. Ich musste schmunzeln, als er Berge an Quittungen von Lebensmitteleinkäufen anschleppte. Ob das alles Zutaten für Geschäftsessen wären? Nein? Ob das sonst irgendwie mit seinem Berufsleben zu tun hätte? Er verneinte. Er hatte irgendwo mal aufgeschnappt, dass man in Deutschland Quittungen aufbewahren sollte und hatte also treuherzig bei jedem einzelnen privaten Lebensmitteleinkauf eine Quittung verlangt und sie aufbewahrt. Seit 2013 wohlgemerkt. Feierlich entsorgten wir also den Zettelberg und ich beschloss ihm erst einmal grundsätzlich zu erklären wie das in Deutschland mit den Steuern gehandhabt wird und welche Quittungen man aufbewahren sollte und welche nicht.

Das hat mich dann daran erinnert, als ich direkt nach dem Studium meine erste Steuererklärung abzugeben hatte und das gleich als Freiberuflerin. Das Finanzamt faselte von Einnahmeüberschussrechnung statt Bilanzführung, ich verstand nur Bahnhof und beschloss mir einen Steuerberater zu suchen. Der würde es schon richten. Ja, er richtete es, indem er mir nach wildem Rechnen, unzähligen Terminen und Einfordern von Unterlagen ein Blatt Papier unter die Nase hielt und mir mitteilte wie viel Steuern ich noch abzuführen hätte und legte mir gleich auch noch seine saftige Rechnung dazu. Ich schluckte. Eine vierstellige Zahl an Steuern hatte ich abzudrücken. Mir war nie bewusst gewesen, dass ich die ganze Zeit über dafür hätte ansparen müssen. Als ob es nicht schon genug war, dass die vielen Versicherungen monatlich ihre Beträge unbarmherzig von meinem Konto abbuchten, nein, ich hätte auch beachten müssen, dass man als Freiberufler erst zum Ende des Jahres ausgerechnet bekam, was ich an Einkommenssteuern dem Staat zu zahlen hatte. Ein schönes Los als Selbstständiger. Ein böses Erwachen ist das nach dem ersten Jahr.

Ich will nicht sagen, dass ich jetzt als Angestellte heiß darauf bin meine Steuererklärung zu machen. Ja, es ist Arbeit, ja man muss die ganze Zettelwirtschaft sortieren und es ist mühsam und langatmig. Auch ich habe es geschafft mal anzugeben, dass ich Rente beziehe und habe damit meinen armen Sachbearbeiter im Finanzamt fast zur Weißglut gebracht, weil ich mich partout geweigert habe Bescheide einzureichen bis wir das Missverständnis klären konnten, dass ich mit Anfang 30 natürlich keine Rente beziehe, sondern einzahle. Aber trotzdem: liebe Leute, wir kriegen als Angestellte doch in gefühlten 90% der Fälle Geld zurück! Warum ist es schon fast eine Zika-Virus-Epidemie wie sich Leute darüber aufregen ihre Steuererklärung machen zu müssen und so tun als sei das das allerschlimmste der Welt. Ein schlechteres Smalltalkthema lässt sich bei mir kaum finden. Da wird gejammert und gestöhnt und ich nicke nur stumm und denke daran, dass ich mich jedes Mal freue, wenn ich jetzt als Angestellte sogar noch Geld zurückbekomme. Hört auf rumzuheulen! Ja, es ist vielleicht nervig die Steuererklärung zu erstellen, aber immerhin gibt es am Ende eine Belohnung! Geld, von dem man sich etwas Besonderes leisten kann. Im Land meines ausländischen Freundes würde es sowas niemals geben, dass man vom Staat etwas zurückbekommt, da wird immer nur gefordert und gefordert. Er war ein sehr dankbarer Abnehmer und war schon aus dem Häuschen, als die Steuer-CD anzeigte, dass er 27 EUR zurückerstattet bekommen würde. Für ihn ist Deutschland das Wunderland, in dem der Staat ehrlich genug ist zu sagen, dass jemand evtl. zu viel an Einkommenssteuer gezahlt hat und tatsächlich Geld zurückerstattet.

Wenn du zum ersten Mal eine Steuererklärung als Arbeitnehmer machen musst: Such dir professionelle Hilfe in Form eines Steuerberaters oder kauf dir eine CD, wo du durch die gesamte Steuererklärung geführt wirst und du jedes Jahr ein bisschen mehr lernst, was man noch alles absetzen kann und wie das mit der Abschreibung funktioniert. Hör nicht darauf, wenn alle immer rumheulen, so schlimm ist das gar nicht und am Ende winkt meist eine Erstattung. Ich mache mir mittlerweile einen Spaß daraus so lange herumzuknobeln und zu recherchieren bis ich verstanden habe wie die Zahlen der Erstattung zustande kommen.

Und an alle angehenden Freiberufler und Selbstständigen: macht euch gleich jetzt zu Beginn des Jahres schlau, berechnet wie viel ihr an Einnahmen 2016 voraussichtlich haben werdet und informiert euch wie hoch der Prozentsatz für die Einkommenssteuer ist. Lieber vorab zumindest ein kleines Polster ansparen, als am Ende das böse Erwachen zu erleben! Ich kann auch diese Beratung für kreative Berufe empfehlen, die auch unter anderem Steuererklärungen für einen machen können und beim Thema Existenzgründung zur Seite stehen.

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5 Gedanken zu “Oh wie lieben wir die Steuererklärung!

  1. Für mich als gelernter Steuerfachangestellter – eine Tätigkeit, die sich trocken anhört, weil sie es ist – ein sehr amüsanter Beitrag! 😉 Und ja, in Zeiten von ELSTER und Tausender anderer Möglichkeiten mittels diverser Steuer-CDs ist das eigenständige Ausfüllen wahrlich kein Hexenwerk mehr.

    Da fällt mir ein: Steuererklärung… Sollte ich vielleicht bald mal machen… 😉

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  2. Da nich´ für, wie der Westfale sagt! 😉 Und, oh doch, das ist es! Wenn ich´s mir nochmal aussuchen könnte, würde ich meine Arbeitszeit eher mit etwas verbringen, das wenigstens im weitesten Sinne mit Literatur zu tun hat! 😉

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      1. Ostwestfale? Ha, so klein ist die Welt! Von meinem niedersächsischen Domizil sind es nur ein, zwei Steinwürfe bis zum Norden Ostwestfalens. Irgendwie klingt „Norden Ostwestfalens“ verwirrend… 😉

        Und vielen Dank fürs Folgen!

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