Die Crux mit den Stärken

Sie ist mir seit jeher verhasst. Die Frage nach meinen Hauptstärken. Svenja Hofert ruft in ihrer Blogparade dazu auf, über seine Stärken nachzudenken. In den vielen Bewerbungsgesprächen, die ich als Bewerberin mitgemacht habe, habe ich sie gefürchtet, mal besser, mal schlechter beantwortet, innerlich gestöhnt, wenn wieder einmal der typische Fragebogen von den Personalern abgearbeitet wurde. „Nennen Sie mir drei Ihrer Stärken!“ Die Frage ist mir deshalb so verhasst, weil ich mich dadurch auf so wenige fokussieren muss. Ich meine ziemlich gut zu wissen, was meine Stärken sind, aber mich nur auf drei zu fokussieren und damit andere Persönlichkeitsmerkmale außen vor zu lassen, das gefällt mir nicht.

Nehmen wir zum Beispiel die Stärke der Gewissenhaftigkeit. Ich bin ein sehr gründlicher Mensch. Meine Zahnärztin meint, dass ich mir meine Zähne zu gründlich putze. Mir war vorher nicht bewusst, dass das überhaupt möglich ist. Ihrer Meinung nach putze ich zu stark, ich putze mir laut ihr immerfort das Zahnfleisch weg. Oder dann bei der Arbeit in der Personalabteilung. Wenn ich zu kontrollieren habe, dass bestimmte Zahlen in der Exceltabelle richtig eingetragen sind, die für Folgeberechnungen benötigt werden. Das überprüfe ich zehn Mal, mir ist es zu riskant, wenn jemand wegen meiner Schludrigkeit in Schwierigkeiten kommt, zu wenig Urlaub bekommt oder gar der Bonus falsch kalkuliert wird. Lieber zu viel als zu wenig prüfen. Ich will es richtig machen, ich will zuverlässig sein und nicht andere hängen lassen. Sobald ich also diese Stärke nenne und noch ein wenig ausführe, was ich damit meine, sehe ich förmlich vor mir, wie die Personaler im Geiste die Schublade „steifer Buchhaltertyp“ aufmachen und mich darin ablegen. Aber da will ich nicht abgelegt werden, aus der Schublade will ich ganz schnell wieder raus. Ja, ich bin gewissenhaft, aber…

Aber, und jetzt kommt das große Aber. Ich bin auch gewissenhaft darin gewesen, wie ich seit meinem achten Lebensjahr Klavier geübt habe. Natürlich, es gab auch Phasen, insbesondere als Teenager, in denen ich keine Lust hatte. Anderthalb Jahre habe ich das Klavier auch gar nicht angerührt, bis ich über die Improvisation einen neuen Zugang fand. Aber ich hätte es niemals ausgehalten geduldig Tonleitern zu üben und alberne Etüden, die nichts weiter zum Ziel haben als bestimmte Fertigkeiten oder Techniken zu üben, wenn ich nicht Spaß an der Musik an sich gehabt hätte. Ich habe nur deshalb so ausdauernd und so gewissenhaft geübt, weil ich gleichzeitig ein sehr kreativer, musischer und improvisierfreudiger Menschen bin. Ich sehe noch ganz bildlich vor mir, wie ich ein Stück von Bach zu spielen hatte und mit zwölf Jahren entschied, dass die Melodie doch noch viel schöner klingen würde, wenn ich noch ein paar weitere Noten einbaute und hier und da etwas abänderte. Meiner damaligen Klavierlehrerin gefiel das gar nicht. „Das steht doch nicht so da!“, rief sie. Mir fiel nichts weiteres ein als mit den Schultern zu zucken und zu sagen, dass mir aber meine Version besser gefiel. Sie biss sich an mir die Zähne aus, ich weigerte mich einfach die Noten so zu spielen, wie sie auf dem Blatt Papier standen. Ein starres Notengerüst engte mich viel zu sehr ein, ich wollte lieber selbst ausprobieren und eigenes erfinden oder zumindest meinen Senf zur Originalkomposition dazugeben. Später blühte ich dann im Jazz auf, als ich feststellte, dass hier genau diese Fähigkeiten verlangt wurden. Und mir als Jazzpianistin mehr als sechs Jahre damit meinen Unterhalt verdiente.

Das Improvisationstalent zeigt sich aber auch in anderen Bereichen. Sachen aus dem Ärmel zu schütteln macht mir nichts aus. Ein Meeting nimmt urplötzlich eine komplett andere Wendung? Mein so sorgfältig geplantes Konzept gerät ins Wanken? Na gut, dann müssen wir jetzt wohl umschalten. Von Modus Sicherheit zu Modus Flexibilität. Ich habe oft den Eindruck, dass diese unvorhergesehenen Wendungen, diese Treffen mit der über den Haufen geschmissenen Agenda oft sogar noch viel besser sind als die sorgfältig geplanten und strukturierten. Dann sprudelt es auf einmal, dann kommen spontan die besten Fragen und die coolsten Ideen, sowohl von mir als auch von Kundenseite. Manchmal kommen da überraschende Dinge zutage. Die in einer vertrackten Situation endlich zur Lösung führen.

Tja, und wenn ich hier bei meinen Ausführungen im Vorstellungsgespräch angekommen bin, sehe ich, wie es im Mundwinkel der Personaler zuckt. Wenn sie mir es nicht auf den Kopf zusagen, dann denken sie es sich zumindest. Dass ich hier ziemlich gegensätzliche Züge nenne. Einerseits behaupte ich gewissenhaft, ausdauernd, genau, strukturiert, geplant, sorgfältig und gründlich zu sein und gleichzeitig meine ich flexibel, kreativ, musisch veranlagt, improvisierfreudig, spontan, leicht chaotisch und ideenreich zu sein. Geht überhaupt beides gleichzeitig? Habe ich vielleicht manisch-depressive Züge, bin ich eine zwiegespaltene Persönlichkeit?

Ich bin ein Organisationstalent, aber gleichzeitig bin ich manchmal auch verpeilt. Ich bin gewissenhaft, aber manchmal hasse ich starre Strukturen und mag es freier. Vielleicht habe ich zwei Seelen in meiner Brust, ich bin oft hin- und hergerissen, stehe zwischen den Stühlen und passe nirgendwo so richtig rein. Ich gebe gerne zu, dass ich Chaos manchmal schwer aushalte und Struktur hineinbringen muss, die mir Sicherheit gibt. Und gleichzeitig fasziniert mich Unsicherheit, macht sie mir nichts aus.

Zum Beispiel waren viele Menschen wie vor dem Kopf gestoßen als sie hörten, dass ich kurzerhand meinen Job in München kündigte, um mit meinen Mann für seinen Job nach Hamburg zu ziehen und mir vor Ort etwas zu suchen. Ich habe die wildesten Geschichten gehört von Leuten, die wahrscheinlich in der gleichen Situation für mindestens die Probezeit noch gependelt wären. Wir haben unsere Zelte einfach abgebrochen. Mit vollem Risiko. Irgendwie wird es sich schon richten. So habe ich oft wichtige Entscheidungen im Leben getroffen und bisher hat es auch immer geklappt. Auch wenn man das vielleicht sorglos oder gar unverantwortlich nennt, so bin ich gleichzeitig auch jemand, der gerne plant und Sachen durchdenkt und analysiert. Ich brauche ein paar Minuten, wenn jemand mit einem anderen Plan um die Ecke kommt, der mich zwingt spontan alles über den Haufen zu werden, bis ich mich an den neuen Gedanken gewöhnt habe. Ich bin gleichzeitig Künstlerin und vom Typ auch Buchhalterin. Ich bin eine wilde Mischung, ein Blumenstrauß einer Persönlichkeit

Und ich beobachte, dass viele andere Menschen ähnlich bunt und schwer in eine Schublade zu stecken sind. Deshalb, liebe Personaler, wenn ihr denn schon diese Frage stellt, dann bitte nicht mit Quantifizierung, wir sind ein Kaleidoskop einer Persönlichkeit und bestehen nicht aus drei Stärken und Schwächen oder fünf. Wir sind Persönlichkeiten und wollen als solche wahrgenommen werden.

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8 Gedanken zu “Die Crux mit den Stärken

  1. wunderschön, vielen Dank, das ist ein sehr persönlicher und sehr nachdenklicher Beitrag zu meiner Blogparade #wassindstaerken. Das mit dem Zähneputzen ist vielleicht ein Anhaltspunkt zur Stärkendiagnose – ich bin da nicht gar so gründlich und Zahlen wären vor mir auch nicht sicher 😉 Liebe Grüße Svenja Hofert

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  2. Ich finde diese Fragen bei Vorstellungsgesprächen auch immer fürchterlich. Noch schlimmer als die Frage nach den Stärken ist die mir mal gestellte Frage nach den Schwächen. Was sagt man da? Wenn ich ehrlich wäre, müsste ich meinem Gesprächspartner sagen, dass ich latent phlegmatisch und entscheidungsneurotisch bin und spontane Planänderungen hasse wie die Pest! Erfolg versprechend dürfte diese Antwort nicht sein… 😉

    Die für mich schlimmste Frage eines potenziellen Arbeitgebers bleibt aber nach wie vor: „Haben Sie Ihrerseits noch irgendwelche Fragen?“

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    1. Oh ja, bei den Schwächen sind die wenigsten ehrlich. Dabei wäre es so erfrischend, wenn jemand sich trauen würde.

      Ich kann nicht die Frage leiden, warum ich mich gerade bei diesem Unternehmen beworben habe. Als Geisteswissenschaftler bin ich froh um jede Stellenanzeige, die zu meinen Fähigkeiten passt und halbwegs anständig bezahlt wird. Jedes Unternehmen, dass überhaupt bereit ist mich als Geisteswissenschaftler einzuladen, erhält bereits einen Vertrauensvorschuss. Aber auch hier würde die Wahrheit nicht zielführend sein.

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  3. Liebe Jennifer,

    ein ganz toller Artikel!

    Als Unternehmerin und als Coach kann ich nur dazu ermutigen, vor allem ehrlich und authentisch in Bewerbungsverfahren zu sein und sich nicht zu verstellen.
    Zum einen deckt ein evtl. folgendes AC sowieso Unstimmigkeiten auf, weil niemand es durchhält, sich zu verstellen.

    Zum anderen: es nützt doch auch nix 😉 Wenn Mitarbeiter und Unternehmen oder Mitarbeiter und Stelle nicht matchen, dann wird niemand auf Dauer glücklich!
    Wenn ich eigentlich in ein innovatives Unternehmen gehöre, mit Blick für Querdenker und Wertschätzung der Vielfalt – was will ich dann dort, wo man Dienst nach Vorschrift erwartet? (plakativ formuliert). Das wird doch gruselig. Geht meistens auch nicht lange gut.

    Die Frage, warum sich jemand bei mir bewirbt stelle ich übrgens extrem gerne! 🙂
    Warum? Weil mich enorm interessiert, wie sehr sich jemand mit meinem Unternehmen beschäftigt hat, welche Aspekte sind für ihn/sie besonders interessant. etc.
    Mitarbeiter, für die irrelevant ist oder scheint, ob sie für mich oder jemand anderen arbeiten, machen sich uninteressant für mich – egal wie qualifiziert sie sind.
    Mangelnde Identifikation mit dem Unternehmen ist eines der größten Probleme (mit einer Kaskade an Folgeproblemen) die Du als Unternehmer mit Mitarbeitern bekommen kannst.

    Ich bin übrigens nach wie vor der Meinung, dass Geisteswissenschaftler als Spezialisten mit der Fähigkeit zur Generalisierung hervorragende Mitarbeiter für viele Unternehmen sind! Ich habe meinen beruflichen Weg vor vielen Jahren selber als GW in der Wirtschaft begonnen 🙂

    Alles Liebe
    Christina

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    1. Hallo Christina,
      ich habe kurz die Personalerseite erlebt und war überrascht wie viel schlecht vorbereitete, unpünktliche und unmotivierte Bewerber es gibt.
      Natürlich ist die Motivation eine wichtige Frage, auch wenn ich der Meinung bin, dass zunächst die Kulturfrage geklärt werden sollte. Ich habe mich als Personalerin gefragt: passt die Person, könnte ich mir vorstellen, dass sie im Team harmoniert, kann sie sich mit dem Unternehmen identifizieren? Aber dazu habe ich andere Fragen gestellt. Denn viel der Unternehmenskultur ist nicht explizit festgehalten, findet man nicht auf der Homepage, sondern kann man nur definieren, wenn man selbst schon eine Weile dabei ist und die Abteilung, in der der potenzielle Mitarbeiter arbeiten soll, einschätzen kann.

      Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass deutlich weniger Unternehmen für Querdenker und Geisteswissenschaftler offen sind als erwartet. Wenn grundsätzliche die Bereitschaft signalisiert wird, dass an mir Interesse als Geisteswissenschaftlerin besteht, gibt es vorab einen Vertrauensvorschuss, denn damit ist das grundsätzliche Kulturverständnis in diesem Aspekt gleich.

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