Die Crux mit den Schwächen

Wenn die Frage der Stärken schon schwierig ist im Vorstellungsgespräch, dann erst Recht die Frage zu den Schwächen. „Ich mag Schokolade“ kommt genauso schlecht an wie „Ungeduld“ oder „Perfektionismus“. Was sagt man denn dann? Ich habe keine Pauschalantwort darauf und auch ich habe unterschiedliche Sachen im Vorstellungsgespräch gesagt. Aber je länger ich in die Berufswelt eintauche, desto mehr weiß ich eins: Ehrlichkeit währt am längsten.

Einmal habe ich meinen nicht vorhandenen Orientierungssinn genannt. Einer der Hauptgründe, warum ich mir ein Smartphone angeschafft habe, war das vorhandene GPS und, noch viel wichtiger, die Pfeile, die mir zeigen in welche Richtung ich gerade laufe. Irgendwie schaffe ich es trotzdem verbotene Notausgänge ausfindig zu machen (dabei frage ich mich manchmal wieso diese Türen immer so versteckt sind) oder in ganz anderen Teilen des weitläufigen Firmengeländes zu landen. Meine Kollegen wissen, dass ich aus zwei Gründen mein Handy mitnehme, sobald ich außerhalb unseres Stockwerkes einen Termin habe. Erstens, um den Weg zu finden und zweites, um im schlimmsten Fall anrufen zu können, wenn ich mich verirrt habe.

Aber auch wenn der nicht vorhandene Orientierungssinn definitiv eine Schwäche von mir ist, so hat er kaum etwas mit meinem beruflichen Alltag zu tun. Ich habe deshalb ziemlich schnell aufgehört ihn als meine Schwäche zu bezeichnen. Ich habe auch zwei linke Hände, aber da ich nicht handwerklich tätig bin, ist diese Schwäche irrelevant in meinem beruflichen Kontext. Echte Schwäche im Vorstellungsgespräch zu zeigen, ist riskant, so wie in einer Beziehung. Aber nur eine echte Schwäche kaufen einem Personaler ab. Die spüren sofort, ob man ehrlich ist oder nicht.

Eine echte Schwäche kann zum Beispiel sein, dass man sehr harmoniebedürftig ist und deshalb niemals Widerworte gibt, diskutiert, sich klar abgrenzt oder von der Standardmeinung abweicht. Oft damit verwandt ist auch die Unfähigkeit Nein zu sagen oder die Fähigkeit Konflikte auszutragen. All diese Fähigkeiten werden im Berufsleben gebraucht und viele Menschen haben Probleme damit. In der kurzen Zeit, in der ich auf Personalerseite auch Bewerbungsgespräche geführt habe, habe ich schnell gelernt aufzuhorchen, wenn jemand ehrlich genug war eine wirkliche Schwäche zu nennen, die tatsächlich auch etwas mit dem Berufsleben zu tun hat.

Das Traurige ist, dass jeder weiß, dass niemand perfekt ist, aber viele Bewerber sich nicht trauen unperfekt zu erscheinen. Dabei ist es für alle Beteiligten von Vorteil, wenn man sich reinen Wein einschenkt. Früher oder später werden auch die Schwächen zum Vorschein kommen, deshalb gibt es auch so etwas wie die Probezeit, in der man nochmal schaut, ob man zueinander passt.

Wenn man sich hinsetzt und etwas genauer analysiert, wird man schnell weitere Aspekte feststellen. Die so oft genannte Ungeduld kann mit oberflächlicher Arbeit einhergehen. Ungeduldige Menschen sind nicht gründlich, setzen sich selbst und anderen manchmal zu kurze Fristen, geben oft Versprechen, die sie am Ende nicht halten können.

Der vemeindlich so tolle Perfektionismus kann in Zwang ausarten, der einen selbst unter Druck setzt, aber schnell auch andere. Auch hier kann es dazu führen, dass Termine nicht eingehalten werden können. Mit Perfektionismus geht manchmal auch die Unfähigkeit einher, Entscheidungen zu treffen, sie kommt mit der Angst im Gepäck, der Angst zu versagen oder aber auch der Angst eine falsche Entscheidung, eine Entscheidung für das Unperfekte zu treffen.

Oder noch eine andere Schwäche: Schüchternheit. Jemand, der eher still und zurückhaltend ist, hat es schwer in Teammeetings zu Wort zu kommen, kann vielleicht geniale Ideen nicht an den Mann oder die Frau bringen und sich nicht gegen laute und/oder redselige Kollegen durchsetzen.

Wir alle haben Schwächen. Die Frage ist eher, wie wir mit diesen Schwächen umgehen. Ich favorisiere Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch. Ehrlichkeit gepaart mit einem oder zwei Beispielen wie man versucht mit dieser Schwäche umzugehen. Niemand erwartet, dass man der Superstar ist und zum Beispiel als konfliktscheuer Mensch zahlreiche Situationen zu besten gibt, in denen man als Mediator brilliert hat. Sonst hätten wir wohl kaum genau den Aspekt als unsere Schwäche bezeichnet. Als Personaler wollte ich nur sehen, dass a) dem Bewerber bewusst war was seine/ihre Schwäche ist und b) zumindest ansatzweise der Wille vorhanden ist daran zu arbeiten. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und lasst bitte, bitte Ungeduld und Perfektionismus beim Vorstellungsgespräch zu Hause.

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