Die Kaffeetasse

Es war mein zweiter Job. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Der erste Arbeitstag, der ganze Quark mit Händeschütteln, noch mehr Händeschütteln, Blumenstrauß entgegen nehmen, mit allerlei Broschüren überhäuft werden, neben jemanden sitzen und Sachen erklärt bekommen, die IT anrufen und stundenlang darauf warten, dass irgendwelche Programme auf dem Rechner installiert werden und die E-Mailadresse eingerichtet wird. Ich hatte das alles ja schon einmal mitgemacht. Wusste, was es zu beachten galt. Machte mich also mit Kollegin X (wie hieß sie nochmal, ich hatte keinen blassen Schimmer mehr, was auch nicht gerade vorteilhaft war) und marschierte mit ihr zur Küche.

Der heilige Ort, an dem man sich ganz schnell die Finger verbrennen kann. Wenn man wo neu anfängt. Der Ort, wo zwischen Tür und Angel das ganze Getratsche stattfindet. Es heißt nicht umsonst, dass die GerüchteKÜCHE brodelt.

Der Ort, an dem man manchmal seltsame Konstellationen an Kollegen vorfindet, die zufällig gleichzeitig Koffeinnachschub brauchen. Wo trauriger Joghurt vereint mit undefinierbaren Zerquetschtkartons sein Dasein im Kühlschrank fristet; teilweise ominös beschriftete Döschen, die sich hinter vertrockneten Äpfeln verstecken. 

In der Küche wird geschmiedet, wird gemauschelt und gegackert, in der Küche heißt es gut aufpassen. Und gerade da, tragischerweise gerade da erlitt ich Schiffbruch. Wiegte mich in Sicherheit und griff zu ihr, der vermeintlich durchschnittlichen Kaffeetasse. Griff sie, da sie mir als erstes aus dem Tassenregal entgegenleuchtete, eher ein Bottich als eine Tasse. Sie schien mir genügend Volumen zu haben, um den Tee, den ich mir also zum ersten Mal machte, hineinzugießen. Feierlich hatte ich den Wasserkocher angemacht, wohlwissend, dass ich noch viele, viele Male in genau dieser Kaffeeküche stehen würde, Wasser kochend, mal frustriert, mal genervt, mal allein, mal eingeklemmt zwischen zahlreichen Kollegen. Goss mir also den Tee auf und wollte mich ebenso feierlich zurück an meinen neuen Schreibtisch setzen, als es passierte.

Die Stimme meiner neuen Chefin drang schneidend zu mir durch. Ob ich einmal schnell in ihr Büro kommen könne. Was ich mir dabei gedacht habe, ihre Kaffeetasse zu benutzen? Ob mir klar sei, dass niemand, wirklich niemand sich erdreisten durfte daraus zu trinken? Ob ich wohl schnellstens die Freundlichkeit hätte meinen Tee umgehend zu entfernen und die Tasse gewaschen an ihren Ursprungsort zu bringen?

Ich stand verdattert da, die Kaffeetasse noch in der Hand. Es fand sich kein eingravierter Name oder andere auffällige Schriftzeichen. Ja, die Tasse war groß, größer als einige andere Exemplare, aber nicht sonderlich auffällig, eher ein abgenutztes Exemplar, das schon viele Male die Spülmaschine von innen gesehen hatte. Es ließ sich noch mit Ach und Krach das Logo des örtlichen Fußballteams erkennen. Genau deswegen hatte ich gedacht, dass die Tasse unverfänglich sei. Welche Chefin, bitteschön trinkt denn in Sitzungen und Meetings jeglicher Coleur aus einer abgewetzten Fußballtasse? Praktikanten, von mir aus, aber die Chefin???

Ich stand also da und mir dämmerte, dass selbst so etwas Banales wie eine Kaffeetasse ausarten kann in Firmenpolitik, ach so schrecklicher Firmenpolitik. 

Sei deshalb vorsichtig, wenn du zum ersten Mal ins heilige Reich der Küche geführt wirst und lass dich nicht irreführen. Selbst eine abgewetzte Fußballtasse könnte der Chefin gehören, die sich, wie ich an diesem Tag schnell lernte, als flammender Fan des örtlichen Fußballvereins herausstellte. 

 

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2 Gedanken zu “Die Kaffeetasse

  1. Ich habe in meiner alten Firma auch stets die Kaffeetasse meines Chefs benutzt – ein Geschenk seiner Mutter und auch überhaupt nicht, also quasi null, zu seinem sonstigen Stil passend. Dafür war das Ding groß, pragmatisch und lag super in der Hand. Das fand mein Chef auch und wunderte sich immer, dass er nie zu seiner Kaffeetasse auf der Arbeit kam. Immerhin reagierte er moderat und nahm die Tasse irgendwann (beleidigt?) mit nach Hause.

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