Warum ich mein abgebrochenes Studium nicht bereue

Mit Anfang 20 war mein großer Traum, Musik zu studieren. Ich hatte mit 8 Jahren angefangen Klavier zu spielen, hatte, wie so viele Kinder, zunächst ganz klassischen Unterricht, lernte also Bach und Beethoven zu spielen und wagte mich irgendwann an Chopin und Debussy. Im Alter von 14 Jahren schmiss ich dann urplötzlich den Unterricht hin, ich wollte nicht mehr. Ich fühlte mich eingeengt, hatte keine Lust immer wieder Noten anderer wiederzugeben, egal wie schön, kompliziert und anstrengend sie auch waren. Hörte also auf, rührte ca. ein Jahr das Klavier nicht mehr an. Und lernte während dieser Zeit über Umwegen, dass es mehr gab als Schumann und Rachmaninov: Improvisation war das magische Wort. Was mich bei der Improvisation ansprach, war, dass ich mich selbst ausdrücken, dass ich meine eigenen Kompositionen erfinden konnte. Und nahm also den Unterricht wieder auf. Mit einem Lehrer, der mich langsam an die Improvisation heranführte. Der mir zunächst die Regeln erklärte, wie klassische Musik aufgebaut war, später folgte Pop und temporäre Musik.

Im Jahr 2003 schließlich beschloss ich Jazzklavier zu studieren. Zwar verstand ich wie Pop und Rock funktionierten, konnte Lieder begleiten, nach Akkorden spielen und hatte selbst die ersten Stücke komponiert, die oft Filmmusik ähnelten, aber Jazz war nochmal um einiges schwieriger. Ich suchte also einen Lehrer, der gewillt war mich in einem Dreivierteljahr in die Kunst des Jazz einzuführen und auf die Aufnahmeprüfung von potenziellen Musikhochschulen vorzubereiten. Es fand sich jemand, aber dieser jemand wohnte 500km entfernt. Also zog ich für meinen Traum um und hatte zwei Mal die Woche anderthalb Stunden Klavierunterricht. Innerhalb dieses Dreivierteljahres übte ich jeden Tag mindestens fünf Stunden Klavier, lernte was es mit Skalen und Fünfklängen auf sich hat, nervte den Hund, die Nachbarn, übte und übte. Dann stand die Aufnahmeprüfung an, bei der ich ein ganz schlechtes Bauchgefühl hatte, so schlecht, dass ich nicht einmal für den zweiten Teil der Prüfung antrat im Nebenfach Cello, wurde aber überraschend doch genommen. Begann also Jazzklavier zu studieren. Mein Traum war wahr geworden.

Doch schon sehr bald merkte ich, dass diese Musikerwelt eine ganz andere war als ich erwartet hatte. Von allen Seiten wurde mir suggeriert, dass ich nichts konnte, dass ich nochmal ganz von vorne anzufangen hätte. Einer meiner Hochschullehrer zwang mich ernsthaft Tonleitern zu üben, etwas, was man ganz zu Beginn macht, ich also bereits mit 8 Jahren gelernt hatte. Konkurrenzdenken unter den Kommilitonen war groß, ständig wurde über Wettbewerbe geredet und welche am prominentesten waren, ständig versuchte man sich besser darzustellen. Man bürstete sich zum Beispiel damit, dass man bereits vor der ersten Vorlesung zwei Stunden in der Übezelle verbracht hatte, dass man Freundschaften für die Musik geopfert hatte oder den Schlaf. Die Freude an der Musik, am Klimpern, am Ausprobieren, „am Jammen“ wie es im Jazz genannt wird, die verschwand ganz schnell.

Ich fühlte mich extrem unter Druck gesetzt, ich hatte Musik zu produzieren, ich sah mich als Maschine, die auf Knopfdruck das Gewünschte ausspuckte, mechanisch, ohne eigenen Willen.

Und so holte mich die Realität ein. Der große Traum vom Musikstudium schien auf einmal zu platzen. Schnell stand die Frage im Raum: Will ich das wirklich? Ja, ich hatte Lust Musik zu machen, aber nicht so verkrampft, nicht mit einem solchen Konkurrenzdenken, mit so verbissenem Ehrgeiz, wie ihn meine Kommilitonen an den Tag legten. Musik wollte ich, aber nicht so wie ich sie an der Hochschule erlebte. Und brach nach reiflichem Überlegen das Studium ab.

Damit stieß ich auf viel Kopfschütteln. Mir war klar, dass ich mich glücklich schätzen konnte überhaupt an einer Hochschule genommen worden zu sein. Von den vielen Bewerbern wurde ich ausgesucht, wir waren ein Jahrgang von 20 Personen. Beworben hatten sich viele Hundert. Keiner verstand, warum meine Investition von einem Dreivierteljahr des Übens a 5 Stunden pro Tag nun umsonst gewesen sein sollte, abgesehen von den vielen Jahren zuvor, die ich übend am Klavier verbracht hatte. Eine extrem aufwändige und zeitintensive Investition, die nun für die Katz war.

Und dennoch bereue ich es nicht, dass ich mein Studium abgebrochen habe. Ich bin viel mehr froh, dass ich die Aufnahmeprüfung versucht habe, tatsächlich genommen wurde und hinterher abbrechen konnte. Sonst hätte mich mein Leben lang die Frage gequält: „Was wäre, wenn…?“ So kann ich aber gelassen sagen, ich weiß wie es gewesen ist und habe mich bewusst dagegen entschieden. Viel wichtiger als die Tatsache, dass mein Traum wahr geworden war, war die Tatsache, dass ich es versucht hatte.

Ich habe außerdem gelernt für einen Traum hart zu arbeiten. Erfolg ist meiner Meinung nach nicht gleichzusetzen mit Glück, Erfolg beinhaltet stattdessen Kosten, harte Arbeit und Entbehrung. Erfolgreich ist der, der/die bereit ist dafür etwas anderes aufzugeben. Es mag nach einer Binsenweisheit klingen, aber ja, wer einen Traum verfolgt, zahlt dafür einen Preis. Ohne Fleiß gibt es den nicht.

Es war auch deshalb keine Fehlinvestition, da mir durch den Nachweis es an eine Musikhochschule geschafft zu haben, die Tür als freischaffende Pianistin geöffnet wurde. Zunächst in einem Einkaufszentrum, bei dem ich auf einer Etage mit vielen Cafés in der Öffentlichkeit spielte und schnell meine ersten Aufträge erhielt. Einen Abschluss in Musik habe ich nicht, aber das hielt Kunden nicht davon ab mich für Hochzeiten, Business Dinner und andere Veranstaltungen zu buchen. Einige Jahre finanzierte ich mich hauptsächlich durch die Musik. Weil Kunden an meine Fähigkeiten glaubten, Abbruch hin oder her.

Deshalb war ich auch so irritiert als mein Studienabbruch mal sehr ausgiebig Gesprächsthema in einem Bewerbungsgespräch war. Ewig lange hackte die Personalerin auf mir herum, meinte, dass ich mit dem Abbruch Schwäche eingestehen würde, dass ich damit zeigen würde, dass ich nicht wüsste, was ich wolle. Ich sei ein Blättlein im Winde sozusagen. Das ist das Gegenteil von dem, wie ich meinen Abbruch sehe. Ich werte es als Stärke, dass ich trotz der großen Investition willens war abzubrechen. Was ist einfacher, etwas weiterzumachen, obwohl man genau weiß, dass es nicht richtig ist und nicht zu einem passt oder aber dem ein Ende zu setzen und dem Unverständnis und Widerstand der Außenwelt standzuhalten?

Ein Abbruch, egal welcher Art, wird von vielen Personalern negativ gewertet. Ich sehe es jedoch als Chance, als Möglichkeit nicht konform etwas zu machen, nur weil alle es machen oder das erwartet wird. Nur Musik zu studieren, weil ich die Aufnahmeprüfung geschafft hatte, wäre ein Fehlstudium gewesen. Jeder Abbruch ist auch ein Umbruch, eine Neuorientierung, eine Weichenstellung, was beinhaltet, dass man sich mit elementaren Fragen auseinandersetzt: „Will ich das wirklich?“, „Was bringt mir das, wenn ich es durchziehe?“, „Was verliere ich, wenn ich nicht weitermache?“

Ich gebe zu, dass ich manchmal wehmütig werde, wenn ich in ein Jazzkonzert gehe und dabei beobachte wie jemand mit fliegenden Fingern über die Tastatur saust. Den Traum der Berufsmusikerin habe ich aufgegeben und ja, manchmal wünsche ich, ich hätte ihn doch durchgezogen. Das ist bei allen großen Entscheidungen so. Niemand kann mir weismachen, dass sie nicht manchmal wehmütig sind und ihre Entscheidung infrage stellen. Genau diese Person geheiratet, Kinder bekommen, diesen Job angenommen zu haben. Aber auch wenn manchmal ein Hauch von Wehmut mitschwingt, bin ich froh abgebrochen zu haben.

Das Musikstudium abzubrechen hat mich weiser gemacht, ich habe dadurch gelernt mit Widerstand umzugehen und mich nicht von Außenstimmen beirren zu lassen. Sowohl bei der Vorbereitung darauf, als mir alle abrieten als auch danach, als ich es geschafft hatte und nun plötzlich alle so taten als würde ich den Lottogewinn zum Fenster rausschmeißen. Ich habe mit dem Studienabbruch nicht versagt, ich habe vielmehr dadurch gewonnen.

Hier kann man sich eine Eigenkomposition von mir anhören, die unter anderem durch den Studienabbruch entstand: 

 

 

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9 Gedanken zu “Warum ich mein abgebrochenes Studium nicht bereue

  1. nicht von Personalmenschen verunsichern lassen! Ich sehe es so wie du! Natürlich kommt es immer auf die Situation an, meine Kinder würde ich nicht 2 Monate vor dem Abschluss die Schule schmeißen lassen, oder ein halbes Jahr vor dem Ende das Referendariat. Aber es kommt auch immer drauf an, wie wichtig er Abschluss für die Zukunft ist.

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  2. Zwei Gedanken gingen mir beim Lesen Deines Beitrags durch den Kopf:

    Erstens, mit welcher Unverfrorenheit manche Personaler meinen, sich einzig anhand eines Lebenslaufs eine Meinung bezüglich des Charakters des Bewerbers machen zu dürfen, ohne auch nur im geringsten auf die Beweggründe einzugehen, die dahinterstehen.

    Und zweitens, woher um alles in der Welt kommt eigentlich dieses Konkurrenzdenken im Bereich der Kunst? Ich kenne das aus meinem Germanistikstudium in ähnlicher Form. Wenn ich gerne musiziere, lese, schreibe oder male und die Gelegenheit bekomme, mich im Studium genau damit zu befassen, warum kann ich das dann nicht einfach aus Spaß an der Freude tun? Warum gibt es dann dort so viele Menschen, die sich damit brüsten, viel länger geübt, viel mehr gelesen viel mehr veröffentlicht oder viel größere Bilder gemalt zu haben? Bei Wirtschaftswissenschaftlern würde ich diese Denkweise ja noch verstehen… 😉

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