Was brauche ich als Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft?

Die letzten Tage habe ich viel über die Frage nachgedacht, was ein Geisteswissenschaftler mitbringen muss, um in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Alle reden von Berufserfahrung, Praktika, eben das übliche Blabla. Doch darum geht es mir hier nicht. Wie man seinen Lebenslauf pimpt, dürfen gerne andere übernehmen. Mir geht es hier um die Einstellung.

Viele Geisteswissenschaftler haben ja irgendwie Angst vor der freien Wirtschaft. Hier habe ich mal beschrieben, warum diese Angst meiner Meinung nach unbegründet ist. Umgedreht sollte man aber, wenn man denn in die freie Wirtschaft möchte, eine gewisse Einstellung mitbringen. Doch was genau macht diese Einstellung aus? Eigentlich ist es ziemlich simpel: Offen sein für Neues. Hört sich wirklich sehr lapidar an, oder? Hm, leider ist es das nicht.

Viele Geisteswissenschaftler bürsten sich damit, dass sie offen sind. Über den Tellerrand schauen, neue, ungewöhnliche Wege gehen, das ist ihr Ding. Theoretisch. Solange sie sich in den eigenen Sphären bewegen. Aber sobald man zum Beispiel von Statistiken redet oder davon eine Projektplanung vorzubereiten, steigen sie aus. „Zahlen mag ich nicht“, „Analyse der technischen Pläne? Nö, will ich nicht, kann ich nicht. Dann wäre ich Ingenieur geworden.“ Das stimmt zwar, aber meist geht es gar nicht um die Details. Dafür sind dann wirklich die Ingenieure, Buchhalter und BWLer eingestellt worden. Aber dieses kategorische Ablehnen, diese Angst es nicht zu können, zu versagen, sich lächerlich zu machen, die steht einem definitiv als Geisteswissenschaftler im Wege, wenn man in die Wirtschaft will.

Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich mal Statistiken vorbereiten würde, mich mit Steuerabkommen beschäftige und regelmäßig Excel verwende, ich hätte wohl gelacht. Hätte es nicht geglaubt. Ja, natürlich musste ich auch schlucken, als man mir am ersten Arbeitstag mitteilte, dass ich regelmäßig Excel verwenden würde. In beiden Vorstellungsgesprächen hatte man geflissentlich nicht darüber gesprochen, es traf mich völlig unvorbereitet. Ja, natürlich bin ich nicht gerade in Freudenschreie ausgebrochen. Aber ich habe mit den Schultern gezuckt, habe meiner Chefin sehr klar kommuniziert, dass ich Training bräuchte und habe mich also ans Werk gemacht Excel zu lernen. Bin in die unbekannte Welt von S-Verweisen und Pivottabellen getaucht und habe ganz langsam festgestellt, dass Excel so schlimm ja gar nicht ist, sondern viel mehr ein sehr hilfreiches Tool, das einem ungemein den Arbeitsalltag vereinfacht.

Mir geht es um diese Grundeinstellung. Die muss man mitbringen, wenn man als Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft überleben will. Die Bereitschaft sich außerhalb von Theorien und Gedankenkonstrukten, von Diskussion und Philosophie mit Materie beschäftigen, die eventuell aus trockenen Zahlen besteht oder aber anderen unbekannten Komponenten.

Ich zumindest muss zugeben, dass meine Angst vor Excel unbegründet war. Dass es mir jetzt sogar Spaß macht, zumindest öfter als gedacht und dass es Spaß machen kann diese unbekannten Welten für sich zu erschließen.

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2 Gedanken zu “Was brauche ich als Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft?

  1. Über die mangelnde Offenheit gegenüber nicht-schöngeistigen Themen wundere ich mich permanent. Ich kenne Geisteswissenschaftler, die lieber am Existenzminimum kratzen, immer in der Hoffnung, doch noch im studierten Bereich Fuß zu fassen. Es ist wohl die Angst, nicht mehr zurück zu können.

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    1. Die meisten kratzen so lange am Existenzminimum, bis sie sich eher bockig an die Wirtschaft heranwagen, weil der finanzielle Druck zu stark wird. Zu der Sorte habe ich auch gehört. Ich habe auch erst nach und nach begriffen, dass die Wirtschaft nicht dein Feind ist.

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