Schlappe 7,4km

Ich war so verrückt und habe mich angemeldet. Für einen der vielen Läufe, die es in Hamburg gibt. 7,4 Kilometer will ich um die Alster laufen. Schon sehr bald. Wer mich kennt, weiß, dass das krass ist. Nur mal so zum besseren Einordnen: In der Schule habe ich Sport gehasst. Bei Mannschaftssportarten wurde ich grundsätzlich als letzte gewählt, meinen Abiturschnitt konnte ich damit verbessern, dass meine Sportnoten gestrichen wurden (mir ist bis heute noch nicht so ganz klar nach welchem System mein Abiturdurchschnitt errechnet wurde und welche Fächer stärker oder gar nicht zählten, aber ich werde mich nicht beschweren) und sobald ich 18 wurde, schrieb ich ohne Scham „Motiviationsstörungen“ auf die Entschuldigungszettel, die mich von den Unterrichtssportqualen erlösten. Ich kam damit sogar einmal durch. Sport ist Mord, so empfand ich es lange Zeit. Ungelenk und unkoordiniert wandte ich mich lieber schöngeistigen Dingen zu statt mit hochroter Birne mir insgeheim zu wünschen meinen Sportlehrer eins in die Fresse zu hauen, wenn er nach dem Zirkeltraining mit sonorer Stimme fragte: „Und, wie fühlt ihr euch?“

Mein Mann hat mich vor circa anderthalb Jahren nach langem Überreden dazu gebracht mich mal im Laufen zu probieren. Erst ging das ganze komplett in die Hose. Ich joggte ohne jegliches vorheriges Training 15min und holte mir einen Sehnenriss. Humpelte also wochenlang herum und konnte mir ein „Ich hab es doch gewusst“ nicht enthalten. Im zweiten Anlauf klappte es dann besser. Intervalltraining war das Zauberwort. Per App lief ich zunächst 30 Sekunden, um dann 30 Sekunden zu gehen, bevor ich die Intervalle ganz langsam steigerte. Und ich meine damit auch langsam. Wenn jemand mir erzählt, dass er oder sie unsportlich ist, aber innerhalb von zwei Monaten einen 5km-Lauf mitlaufen kann, glaube ich der Person nicht. Das ist auf keinen Fall unsportlich. Das ist einfach faul, aber sportlich. Das ist, keine Kondition zu haben, aber sehr lernwillige und eifrige Muskeln, die einfach kurz wieder aufgebaut werden müssen. Bei mir hat es gefühlt mindestens ein Dreivierteljahr gedauert bis ich 30 Minuten ohne Pause laufen konnte ohne dabei tot umzufallen. Dafür musste ich hart arbeiten. Ich musste viel, viel früher anfangen. Beim Urschleim.

Ich laufe jetzt im Schnitt zwischen 6 bis 7km mindestens zwei Mal die Woche. Das ist für mich immer noch unglaublich anstrengend und aufregend. Ich meine, das bin ich, die so lange laufen kann! Ja, klar gibt es viele Leute, die darüber lachen und die beim Lauf um die Alster wahrscheinlich an mir vorbeipreschen werden. Mein Ziel ist es übrigens zunächst schlicht nur die 7,4 km zu schaffen, alles weitere ist Nebensache. Aber wie man es auch dreht und wendet, ich, die unsportliche und ungelenke Jenny, kann immerhin 6 bis 7km laufen, zwar unter 10km/h, aber auch über 8km/h und meist sogar über 9km/h.

Und warum schreibe ich hier beim Blog zum Berufseinstieg dazu? Weil ich ganz fest daran glaube, dass wir als Geisteswissenschaftler in die freie Wirtschaft gehören. Zu Beginn mag man sich vielleicht wie ein Fremdkörper fühlen. Zu Beginn hat man vielleicht Motivationsstörungen. Zu Beginn hat man eine hochrote Birne und einen Sehnenriss und fragt sich, was das ganze soll. Wir müssen oft erst einmal beim Urschleim anfangen, weit weg von allen anderen. Bis wir an deren Grundkondition reichen, ist es noch ein ganz weiter Weg. Aber trotzdem glaube ich, dass wir uns nicht schämen sollten. Vielleicht werden wir belächelt, vielleicht preschen andere an uns vorbei. Egal. Ich werde mit leuchtend rotem T-Shirt 7,4km laufen. Und dann werde ich auf jeden Fall berichten.

 

 

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4 Gedanken zu “Schlappe 7,4km

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