Die anderen

Ich war heute laufen, ein letztes Mal trainieren für den Lauf am Freitag. Ich hab ja schon erzählt, dass ich eher gemütlich unterwegs bin, mehr als 9,6 km/hr laufe ich selten, der Bereich 9,0km/hr – 9,2km/hr ist eher normal für mich. Unterwegs bin ich einigen Fußgängern begegnet. Als ich langsam an einer Gruppe vorbeilief, rief mir jemand zu: „Schneller, schneller, die anderen sind schon viel weiter!“

Moment, welche anderen denn? Ich habe, außer meinem Mann, der gelegentlich den Trainer spielt und mich zu Höchstleistung anspornt, keine Laufpartner. Heut war ich alleine unterwegs. In meinem Laufgebiet begegne ich oft anderen Läufern, heute irgendwie besonders vielen. Welche, die an mir vorbeisprinten, welche, die so laufen wie ich, welche, die noch langsamer unterwegs sind. Es passiert mir eher selten, dass mich der Ehrgeiz packt und ich versuche einen anderen Läufer zu überholen oder mich an sein Tempo anzupassen. Heute hatte ich erst recht keine Lust dazu, sondern hatte nur das Ziel die 7km in einer halbwegs anständigen Zeit zu schaffen.

Ich konnte mir zwar denken welche Läufer der Fußgänger meinte. Sie waren zu zweit unterwegs und gehörten der schnittigen Sorte an, die mit federndem Schritt an einem vorbeigleiten, während man mit hochroter Birne meilenweit zu hören ist, wie man schnaufend einen Schritt vor den nächsten setzt. Ja, sie hatten mich vor einigen Minuten überholt. Aber dennoch…

Genauso wie beim Laufen habe ich oft das Gefühl, dass uns Leute etwas im Leben zurufen. „Du musst besser sein!“ „Du musst dich mehr anstrengen!“ „Schau, was die anderen alles machen, das musst du auch!“ Vergleichen soll man sich, Leistung erbringen, sich anstrengen, machen, tun.

Es ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen. Es passiert automatisch. Der Fußgänger folgerte, dass ich dazu gehörte und verglich mich mit den schnittigen Läufern. Wir meinen, wenn ein Kommilitone neben der Bachelorarbeit noch jobben kann, dann müssen wir das auch. Wenn ein Arbeitskollege jeden Tag Überstunden kloppt, dann müssen wir das auch, was wird sonst der Chef von uns halten? Wir haben es uns so sehr antrainiert uns mit anderen zu vergleichen, dass wir gar nicht mehr anders können als uns ständig zu messen und zu bewerten.

Es ist zwar schon eine Weile her, aber einmal habe ich mir als Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen mich selbst nicht mehr zu vergleichen. Nach einer Woche war ich überrascht festzustellen, dass das eine unglaubliche Mammutsaufgabe war. Wir saugen es mit der Muttermilch auf. Auf dem Spielplatz hört man Mütter mit stolzgeschwellter Brust sagen: „Meiner kann schon laufen!“ Oder „Wie, du hast noch nicht abgestillt?“ Schulnoten sind nichts anderes als ein Vergleich. Wir machen es in allen Bereichen, auf Verpackungen wird damit geworben, dass „10% mehr Inhalt“ vorhanden ist, im Privatleben kommt derjenige besonders gut weg, der/die, und hier setze man ein, was man für wichtig erachtet: besonders wild Partys gefeiert hat, am längsten Überstunden geschoben hat, der vorbildlichste Papa war und am meisten Zeit für die Kinder hatte.

Zu vergleichen ist an sich nicht schlecht. Es ist sogar überlebensnotwendig und hilft uns unsere Umgebung zu ordnen und zu sortieren. Aber unsere Leistungsgesellschaft krankt an dem krankhaften Vergleich, der automatisch in höher, schneller, besser, weiter, effizienter und effektiver endet. Superlative bestimmen unser Leben. Dass etwas durchschnittlich ist, geht uns gegen den Strich, wir wollen immer besser, am liebsten ist uns das Beste. Wir vergleichen da, wo es nichts zu vergleichen gibt und legen eine Messlatte an, weil wir verlernt haben ohne sie zurecht zu kommen.

Einfach bei sich selbst zu sein, einfach sein eigenes Ding zu machen. Das wird zwar in den höchsten Tönen gelobt, aber selten umgesetzt. Ich schrieb oben, dass ich die 7km in einer halbwegs anständigen Zeit laufen wollte. Aber wie „anständig“ definiert wird, entscheide alleine ich. Für mich sind 7km in 45min gut, für andere wäre das ein Grund zum Schämen.

Ob es ein Grund zum Feiern oder zu weinen ist, wenn ich eine Bewerbung diese Woche verschickt habe, hängt von der Situation ab, in der man steckt, ob das Eskalationsgespräch mit dem Kunden gut verlaufen ist oder nicht, wird subjektiv von den Beteiligten beurteilt und sagt nichts darüber aus, ob ich mit meinen Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten eine glänzende Leistung hingelegt habe oder nicht.

Ich wünsche mir, dass wir uns nicht so sehr von den Außenstimmen beeinflussen und uns nicht beirren lassen. Zieh dein Ding durch. Du brauchst länger als alle anderen Kommilitonen fürs Studium? Dann ist das so. Du bist der letzte, der noch keinen Job hat? Dann bewirb dich weiter. Deine Arbeitskollegin wurde befördert, obwohl du dich doch so extrem reingehängt hast? Das Leben ist ungerecht. Du kannst entscheiden, ob du darüber bitter werden willst oder nicht. Ich zumindest habe dem Fußgänger zugerufen: „Ich laufe mein eigenes Tempo!“

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