Vielleicht mal kreativ bewerben?

Irgendwann hatte ich es satt. Dieses ständige Werbung für mich machen, mein Anschreiben genau auf das Unternehmen zuzuschneiden, mir irgendwelche schwülstigen Sätze aus den Fingern zu saugen, warum gerade ich, warum genau dieses Unternehmen, wie viel Prozent Umsatz ich gesteigert hatte, blabla.

Nach mehr als 250 Bewerbungen dauerte das Schreiben einer Bewerbung bei mir meist weniger als eine Stunde. Irgendwann hatte ich so viele Phrasen, so viele Beschreibungen von mir gesammelt (ich kam irgendwann auf einige Word-Seiten), sodass am Ende nur die richtigen Phrasen und Sätze zusammengestellt werden mussten, um das „maßgeschneiderte“ Anschreiben zu erstellen. Ich ging dabei ganz pragmatisch vor, ich durchsuchte die Stellenanzeige nach Schlüsselwörtern und suchte mir dann die entsprechenden Phrasen, die ich dazu bereits formulierte hatte, heraus. Entsprechend der Förmlichkeit der Anzeige wählte ich dann den richtigen „Ton“ und zack, hatte ich bereits einen Satz fertig. Wurde zum Beispiel Organisationsfähigkeit erwünscht, konnte ich zwischen verschiedenen Sätzen wählen, in denen ich beschrieb, wie ich weder den Kopf noch die Übersicht verlor, wenn ich X und Y ausführte oder Z Fälle gleichzeitig zu bearbeiten hatte. Dann suchte ich das nächste Schlüsselwort und meine passende Formulierung dazu usw.

Das gleiche galt für den Lebenslauf. Ich hatte einen Masterlebenslauf, in dem ich jede einzelne berufliche Station ausführlich beschrieb, jedes Praktikum, jede Fortbildung und jede noch so schnöde Qualifikation. Entsprechend der Stellenbeschreibung löschte ich alles Irrelevante weg und passte gegebenenfalls die Wortwahl an. Wie gesagt, am Ende verschickte ich Bewerbungen mit einem Aufwand von weniger als einer Stunde.

Und auch wenn der Aufwand gering war, ich hatte es irgendwann leid. Es nervte mich, dieses ewige Leistungsdenken, das ewige „Ich bin so toll, ohne mich bricht euer Laden zusammen.“ Zumindest auf die klassische Art. Deshalb beschloss ich, etwas zu gestalten, das mir mehr entsprach. Und entwarf folgende Bewerbung:

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Sehr geehrter Herr X,

gerne würde ich mich bei Ihnen als pädagogische Mitarbeiterin für den Bereich Learning & Development bewerben. Hier ein kleiner Überblick zu mir als Person.

Meine Fähigkeiten

Nach Studium der Erwachsenenbildung 5 Jahre Trainerin

Vom Einzelunterricht eines Topmanagers, der für eine Verhandlung in Milliardenhöhe im arabischen Raum einen Englischcrashkurs bei mir machte, über das Üben eines Elevator Pitches für sich-selbst-ungern-verkaufende Germanisten, bis hin zum eintägigen Workshop für Professoren, die Probleme hatten ausländischen Studenten zu verdeutlichen worauf es bei Hausarbeiten ankommt: Ohne Methodenvielfalt, handlungsorientiertem Lernen und echtem Wissenstransfer geht es bei mir nicht.

Ein Jahr pädagogische Leitung

Stundenpläne basteln, mich in ein komplett neues Thema einarbeiten, einen Stoffverteilungsplan entwerfen, Materialien neu entwickeln, das Format der Prüfungsvorbereitung für ein neues Deutsch-Programm aufziehen, Teilnehmer beruhigen, Feuer unter dem Hintern machen oder trösten, Lehrerausfall mit Improvisationskunst begegnen und die Geschäftsleitung davon überzeugen, dass das Lehrwerk nach Jahren definitiv ausgetauscht werden muss.

Was Kollegen zu mir sagen

Hilfsbereit, freundlich, ehrlich, sehr konzentriert und gewissenhaft, nimmt sich manchmal berufliches zu sehr zu Herzen und ist dann gestresst, vertrauenswürdig, organisiert, in der Lage sich auf Neues einzulassen und zu lernen, „gerade raus“ mit den Mitmenschen, deswegen manchmal unwirsch, grundsätzlich sehr positives Wesen, locker, persönlicher Kontakt zu Kollegen ist sehr wichtig.

Was ich mag

Netzwerken, neue Ideen ausprobieren und immer wieder und wieder anpassen bis etwas Gutes daraus entsteht, Wortspiele, Ehrlichkeit, bloggen, beobachten, Menschen dabei zusehen, wie sie etwas lernen und ihnen ein Kronleuchter aufgeht, das Warum, Ungewöhnliches.

Was ich nicht mag

Stundenlange Meetings ohne Ergebnis, eingefahrene Bahnen, Menschen, die keine Lust auf Neues haben, Zickenkrieg, Statusdenken und Drängeltrödler

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Ich habe die Bewerbung nie abgeschickt. Nicht, weil ich nicht von ihr überzeugt war, das bin ich noch immer. Sondern weil ich überraschend ein anderes Jobangebot erhielt und somit gar nicht dazu kam diese Bewerbung zu verschicken. Manchmal wünschte ich, dass sich nicht so urplötzlich etwas anderes ergab, denn dann hätte ich testen können, ob es ein völliger Fehlgriff war oder Aufmerksamkeit erregt hätte.

Dieses Anschreiben zu konzipieren machte mir unglaublichen Spaß. Insbesondere meine ehemaligen Kollegen um eine ehrliche Einschätzung meiner Persönlichkeit zu bitten, gab mir zu denken und war Grund genug mich selbst nochmal zu hinterfragen.

Im müden Trott des ständigen Suchens von Stellenanzeigen und Bewerbungen schreiben gab mir dieses „Miniprojekt“ Aufschwung. Es inspirierte mich und half mir nochmal mich selbst besser zu fassen und zu reflektieren.

Vielleicht ist es bei dir auch mal dran? Aus dem Trott auszubrechen, dich kreativ mit dem Thema Bewerbung auseinander zu setzen. Freunde, Eltern, Kollegen und Bekannte zu bitten dich in deiner Arbeitsweise einzuschätzen. Etwas zu schreiben, dass dir mehr entspricht und dir hilft aus dem engen Korsett Bewerbung auszubrechen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich sogar etwas aus genau dieser einen kreativen Bewerbung?

Ich freue mich über eure Meinung und eure Erfahrungen zu dem Thema.

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