Die Geisteswissenschaftler der Zukunft

Geisteswissenschaftler studieren meist nicht, weil irgendjemand ihnen dazu geraten hat. Sie studieren nicht, weil ihr Feld in der Zukunft relevant sein könnte oder weil gerade an allen Ecken und Enden Geisteswissenschaftler händeringend gesucht werden. Eher das Gegenteil. Sie studieren, weil sie sich für ihr Fach interessieren, weil sie ganz tief in ein Thema einsteigen wollen oder weil sie es den „Was willst du später denn damit überhaupt machen“ Leuten so richtig zeigen wollen. Deswegen scheren sich die meisten Geisteswissenschaftler auch nicht um düstere Prognosen oder überlegen sich, wie ein Geisteswissenschaftler der Zukunft auszusehen hat. Wozu auch, die Prognosen bleiben düster, die Horde an Leuten, die in Frage stellen, was man später wird, werden einen stetig begleiten, Zukunftsaussichten hin oder her.

Dabei haben Geisteswissenschaftler zwei Fähigkeiten, die in der Zukunft meiner Meinung nach eine wichtige Rolle spielen werden und es sich lohnt sich Gedanken zum Geisteswissenschaftler der Zukunft zu machen.

Während des Studium lernen sie Urteilskraft. Sie lernen aus der Informationsflut zu filtern, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, sie lernen kritisch zu hinterfragen und Theorien und Schulen voneinander abzugrenzen, zu analysieren und in Beziehung zueinander zu setzen. Im Zeitalter der Informationsflut und Zunahme an Informationsdichte eine wichtige Kompetenz.

Ich kann mich noch sehr lebhaft an Referate und Hausarbeiten zu abstrusen Themen erinnern, die ich zu halten und zu schreiben hatte. Wenn ich wieder mal zur Universitätsbibliothek eilte, um mich in ein Thema einzuarbeiten, das mich bis dato herzlich wenig interessiert hatte, bereute ich manchmal meine Studienwahl. Aber das hohe Maß an schriftlicher Aufbereitung von Informationen, die mir bis dahin noch unbekannt waren, zwang mich, eine bestimmte Kompetenzen zu entwickeln: mir schnell einen Überblick zu schaffen und gezielt nach den großen Zusammenhängen zu schauen, bevor ich mich in die Details stürzte.

In meinem jetzigen Berufsleben ist es nicht anders. Oft müssen Entscheidungen getroffen werden, bei denen verschiedene Optionen mit den jeweiligen Konsequenzen und Risiken vorgestellt werden, mit einer abschließenden Empfehlung für eine Option. Eine Entscheidungsmatrix erstellen wird diese Aufgabe genannt. Bei der zunächst alle Fakten zusammengetragen werden müssen, bevor eine Empfehlung ausgesprochen werden kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn die eigene Abteilung bei der Entscheidung nicht mehr alleine involviert ist, sondern die nächsthöhere Instanz oder gar der Vorstand zu entscheiden hat. Dann müssen die Informationen so aufbereitet sein, dass auch ein Fachfremder sie versteht, die Optionen klar ersichtlich sein und welche Folgen jede Entscheidung mit sich bringt.

Wir können Informationen zusammentragen. Das haben wir als Geisteswissenschaftler gelernt. Wir haben gelernt nach dem roten Faden Ausschau zu halten, Strukturen zu erkennen, Zusammenhänge zu sehen und zu erstellen. Eine Entscheidungsmatrix zu erstellen, wird uns nicht erschüttern, vielleicht sogar Spaß machen.

Die zweite Fähigkeit möchte ich Visualisierung von Informationen nennen. Jeder wird mir wohl zustimmen, wenn ich behaupte, dass wir in einer extrem visuellen Welt leben. Die meisten Informationen erhalten wir über das Sinnesorgan Auge. Wir werden überflutet von Instagramm, whatsapp oder Facebook, tausende Bilder, lebend oder starr begleiten uns Tag für Tag. Auch Worte, egal ob E-Mail, twitter, Blogs oder Slack, das geschriebene Wort begleitet uns, per Klingelton, wenn die nächste E-Mail eintrifft und per Vibration, wenn wir eine Nachricht auf dem Handy erhalten haben.

Diese Kunst, das Übersetzen von dem geschriebenen oder gesprochenen Wort ins Bild, in eine Graphik oder einem Diagramm, das ist meiner Meinung nach eine Fähigkeit, die wichtig in der Zukunft sein wird und bei der Geisteswissenschaftler gute Voraussetzungen mitbringen. Denn wenn man bereits geschriebene Sprache lernt zusammenzufassen, komplexe Inhalte herunterbricht in anschauliche Einheiten, ist es nicht mehr weit bis zur Visualisierung. Diese muss nicht mal bildlich sein.

Nur ein kleines Beispiel: Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir zu Schulzeiten im Matheunterricht mit den Begriffen „konkav“ und „konvex“ herumhantierten und meine Schulfreundin irgendwann meinte, sie würde ständig die beiden Begriffe durcheinanderbringen, weil beide mit der Silbe „kon“ anfingen. Ich überlegte mir also eine Eselsbrücke, wie wir dieser Verwechslung ein Schnippchen schlagen konnten und schlug vor ab sofort den Satz „Der Bauch des Direx ist konvex“ herzunehmen, da unser damaliger Schuldirektor ein deutliches Bäuchlein hatte und somit die Auswölbung nach außen bildlich dargestellt wurde. Ihr ist dieser Vergleich so deutlich hängen geblieben, dass sie bis zum heutigen Tage keinerlei Probleme hat beide Begriffe auseinanderzuhalten und sich ihr Leben lang den Direktor beim Wort „konvex“ vorstellt.

Das ist die Macht der Visualisierung, wenn komplexe Gegenstände heruntergebrochen werden in verständliche Einheiten. Das ist auch vor dem Hintergrund wichtig, weil wir von Informationen überflutet werden und deshalb sehr bewusst filtern. Wir können uns Dinge besser merken, die visualisiert wurden, die heruntergebrochen wurden in kleine Einheiten und die in einem größeren Zusammenhang stehen.

Aus diesem Grund glaube ich ganz fest, dass Geisteswissenschaftler in der Zukunft wichtig sein werden. Ihr ganzes Studium üben sie Urteilskraft, üben Zusammenhänge zu erstellen und Informationen zusammenzufassen, zu filtern und für Laien aufzubereiten. Sie spielen mit Informationen und lassen sich nicht von ihnen spielen.

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