Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch wenn ich in der Personalabteilung arbeite, habe ich leider selten das Vergnügen den Einstellungsprozess mitzuerleben. Dazu arbeite ich in einem zu spezifischen Spezialbereich, den ich mal hier genauer erklärt habe. Meine Personalabteilung ist sehr groß, wir sind mehr als 30 Leute und entsprechend übernehmen es andere, die Bewerbungsgespräche zu terminieren und zu führen.

Jetzt ergab sich aber endlich die Chance, ich durfte also miterleben wie zunächst die Stellenausschreibung nach heißen Diskussionen online ging, wie die Bewerbungen langsam reintrudelten, gesichtet wurden, Telefon-, Videointerviews und Gespräche stattfanden und langsam einige wenige übrigblieben. Auch wenn ich erst sehr spät eingebunden wurde und erst an Zweit- oder Drittgesprächen teilnahm und noch viel später meine Meinung dazu abgeben durfte, ob die Person eingestellt werden sollte oder nicht, ein wenig habe ich erahnen dürfen wie unglaublich schwierig es ist in so einer kurzen Zeitspanne jemanden auszuwählen. In meinem ersten Beitrag habe ich mal darüber sinniert wie künstlich dieser ganze Bewerbungsprozess ist und wie sehr es einem einstudierten Balztanz ähnelt, den wir nie mehr in der Form aufführen werden.

Aber Balztanz hin oder her, es gibt Hoffnung. Das habe ich diesmal live miterleben können. Es besteht die Möglichkeit statt Balztanz einen Breakdance hinzulegen, die Rituale kann man manchmal doch noch abändern, für sich zu Vorteil nutzen. Denn in diesem Fall hat man einer Quereinsteigerin eine Chance gegeben. Und wenn ich ganz subjektiv urteilen darf, gab es diese Gründe, warum man sich für sie entschied:

  • Ehrlichkeit: Sie stand ganz klar zu ihren Lücken im Fachwissen. Natürlich war auch schon in ihrem Lebenslauf ersichtlich gewesen wo es hapert, aber sie versuchte es auch nicht zu vertuschen, sie stand schlicht dazu.
  • Der Wunsch die Branche zu wechseln wurde klar und einsichtig begründet. Jeder Quereinsteiger wird an irgendeiner Stelle im Vorstellungsgespräch gefragt werden wieso man wechseln möchte. Normalerweise hat auch jeder Quereinsteiger sich dazu ausgiebig Gedanken gemacht. Soweit so gut. Aber der große Unterschied zeigt sich dann, wenn gefragt wird, was genau die Person sich von der Position erhofft und was sie meint ihre Aufgaben sein werden. Sie hatte sich genau informiert, das merkte man sofort. Sie hatte sich klar Gedanken gemacht, sie wusste wo sie sich ganz reinhängen musste, was ihr leichter von der Hand gehen würde. Ihr spürte man es ab, sie hatte Leidenschaft für das Thema, sie war begeistert. Meist scheitert es entweder daran, dass Quereinsteiger nicht genau wissen, auf was sie sich einlassen, reden sehr diffus davon, was sie sich vorstellen oder aber sie zeigen zu wenig Motivation für das unbekannte Neue. Da wird gewechselt, weil der Chef scheiße war oder weil aus anderen Gründen die Langeweile oder der pure Stress aufkam. Ganz schlechte Karten im Gespräch.
  • Es mag nach einer Binsenweisheit klingen, aber sie passte ins Team. Ich habe das große Glück in einer Firma arbeiten zu dürfen, die Quereinsteigern, Geisteswissenschaftlern oder sonstigen Fachfremdem zugesteht, dass sie lernen können und wollen. Das ist leider nicht in jeder Firma der Fall. Zu sehr ist es ein Markt mit zu viel Angebot, sodass viele Firmen lieber auf Nummer sicher gehen, als dass sie einen Quereinsteiger nehmen. Aber ob jemand im Team harmoniert, ob jemand von der Firmenkultur passt, ob jemand mit den Schrullen und Kanten der vorhandenen Personen zurechtkommen wird, das ist etwas, wo unsere Personalabteilung zum Glück ganz genau drauf achtet. Denn es ist die halbe Miete. Wissen kann man sich aneignen, Prozesse erlernen, sich einarbeiten. Das alles ist machbar. Aber ob jemand im Team zurechtkommt, ob jemand hineinpasst in das vorhandene Puzzle an Mitarbeitern, das ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Deshalb wird oft als letzte Instanz auch ein Gespräch im Team mit der Person geführt. Meist ist es etwas kürzer, die verschiedenen Teammitglieder stellen sich vor und erklären ihre eigenen Aufgaben als auch, wie die zukünftige Mitarbeiterin sich in allem einfügt und was ihre Rolle bisher war und sein soll. Jedes Mal habe ich bisher von den Bewerbern gehört, dass sie es unglaublich bereichernd fanden, dass das Team auch eingeladen wurde, dass man sich gegenseitig beschnuppert. Warum dies anscheinend bisher noch so selten in der Praxis umgesetzt wird, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Denn mit diesen Teammitgliedern wird der potenzielle neue Mitarbeiter einen Großteil seiner Lebenszeit verbringen. Da sollte man nicht gleich ablehnende Gefühle im Gespräch entwickeln oder gleich von vorne herein ein schlechtes Bauchgefühl haben. Da ist Chaos, Ärger, Frust und Krach vorprogrammiert, wodurch dann automatisch die Arbeit drunter leidet. Deshalb lernte das Team sie also auch kennen und anschließend wurde das Team befragt, ob sie sich vorstellen könnten mit ihr zusammenzuarbeiten. Die einhellige Antwort lautete ja, obwohl der Fakt, dass sie Quereinsteigerin ist, für einige Teammitglieder bedeutet, dass sie mehr Arbeit haben werden, um sie entsprechend in alle Thematiken einzuführen.

Es besteht also Hoffnung, auch für Quereinsteiger. Dass man nach tausendfachen Absagen doch eine Zusage erhält. Ich weiß, das sagt sich immer so leicht. Aber es ist möglich. Bereite dich entsprechend vor, triff dich mit Leuten aus deiner Wunschbranche, frage sie Löcher in den Bauch. Ich habe hier mal erklärt wie ich das sogar mit ganz unbekannten Leuten per Xing ausprobiert habe und darüber sogar eine Stelle bekam. Gleiche deine Wunschvorstellung mit der Realität ab bevor du dich gezielt auf Stellen bewirbst. Wer weiß, vielleicht stößt du auch auf so viel Begeisterung wie diese Bewerberin, die qualifizierte Fachkräfte ausstach.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s