Studieren oder nicht studieren?

Ich finde es extrem spannend immer wieder hier bei WordPress zu analysieren wie man meinen Blog gefunden hat und wer sich überhaupt für das Thema interessiert. Interessanterweise wird mein Blog am meisten per Suchmaschine gefunden. Mein Beitrag mit der langen Überschrift „Was denn nun, Freiberufler, freier Mitarbeiter, Freelancer, Honorarkraft, selbstständig?“ ist weiterhin Spitzenreiter.

Seit ich jedoch vor kurzem den Beitrag „Warum ich mein abgebrochenes Studium nicht bereue“ veröffentlicht habe, bemerke ich, dass dieses Thema sehr viele zu beschäftigen scheint. Suchanfragen lauten „Werde ich bereuen, wenn ich nicht studiere?“ oder „Studium abgebrochen froh“. Ob man studieren sollte oder nicht, lässt sich pauschal nicht beantworten. Sorry. Ich will hier nur einige Gedanken weitergeben, die aus meiner persönlichen Erfahrung erwachsen und dementsprechend subjektiv sind.

  1. Mir wäre als Abiturientin nie der Gedanke gekommen nicht zu studieren. Für mich war es immer sonnenklar, dass ich studieren würde. Wenn ich ehrlich bin, lag das auch daran, dass ich einfach nicht wusste, was ich wollte, dass ich mich für so vieles interessierte und mich nicht festlegen wollte. Ausbildung? Das klang öde, das klang nach schlechter Bezahlung und noch schlechterer beruflicher Perspektive in zehn Jahren. Nein, ich wollte lieber jetzt länger in eine universitäre Ausbildung investieren und später dann finanziell dafür belohnt werden. Es ist nun schon ein paar Jährchen her, dass ich Abitur gemacht habe, um genau zu sein 14 und wenn ich hier so schwarz auf weiß lese, wie ich begründet habe, warum ich studieren wollte, dann muss ich irgendwie müde lächeln. Denn leider beobachte ich jetzt, dass es nicht unbedingt in jedem Fall finanzielle Sicherheit bedeutet, wenn man studiert. Natürlich hängt das auch davon ab, was man studiert. Ein Mediziner wird wohl weiterhin gut bezahlt werden, ein Lehrer hat je nach Bundesland die Chance verbeamtet zu werden, aber ich entschied mich zunächst für ein Musikstudium, dass ich dann abbrach (siehe oben genannter Beitrag) und ein anschließendes geisteswissenschaftliches Studium. Je mehr ich mich in der Personalabteilung mit meinen Kollegen austausche, die das Recruiting übernehmen und je mehr ich mitbekomme wie berufliche Werdegänge aussehen, desto mehr habe ich aber auch den Eindruck, dass auch z.B. BWL nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Es ist schon lange nicht mehr so, dass ein Studium in jedem Fall eine Investition ist, die sich später auszahlt. Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck, dass eine Ausbildung eine Investition ist, die sich lohnt. Nur zu studieren, damit man hinterher finanziell besser steht, sollte man also nicht.
  2. Meine Kollegin, die den Nachwuchs in der Personalabteilung betreut, klagt, dass es sehr schwierig ist gute Azubis zu finden, in einigen Fällen scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Das liegt daran, dass mittlerweile auch bei Azubis vorausgesetzt wird, dass sie Abitur haben, Abiturienten sich aber zu schade sind eine Ausbildung zu machen und wir grundsätzlich in Deutschland den Trend zu einem höherwertigen Schulabschluss und entsprechendem Studium sehen, z.B. hier. Diese Akademisierung der kaufmännischen Berufe und mittlerweile auch des Handwerks und der technischen Berufe löst diesen Teufelskreis aus, aus dem wir sehr schwer herauskommen werden, wenn diese Berufsfelder weiterhin schlecht von Abiturienten bewertet werden und Unternehmen gleichzeitig immer höhere Erwartungen an Azubis haben. Wenn die Option Ausbildung besonders bei Gymnasiasten völlig unter den Tisch fällt, wenn man nicht einmal den Gedanken zulässt eine Ausbildung als Möglichkeit zu sehen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es Fachkräftemangel gibt. Ich hätte damals zumindest darüber nachdenken sollen, ob es eventuell eine Option hätte sein können.
  3. Die oben genannten Überlegungen haben mich 2015 dazu bewogen mir ernsthaft Gedanken zu machen, ob ich nicht vielleicht doch, nach bereits einigen Jahren zurückliegendem und erfolgreichem Studienabschluss, noch eine Ausbildung zu machen. Weil anscheinend alle sich zu schade sind Sachbearbeiter zu werden (übrigens ein weiterer Suchbegriff, der sehr oft im Zusammenhang mit dem Wort „langweilig“ bei den Suchanfragen in meinem Blog auftaucht und wohl auf diesen Beitrag „Das böse Wort Sachbearbeiter“ zurückzuführen ist). Am Ende musste ich diesen Gedanken nicht weiter konkretisieren, weil ich dann doch über Umwegen eine Stelle erhielt. Aber als ich immer wieder und wieder in Stellenbeschreibungen, die mich interessierten, die Anforderung sah „kaufmännische Ausbildung“, begann ich zu überlegen, ob ein IHK-Abschluss evtl. doch die bessere Option gewesen wäre statt Studium. In diesem Fall haben mir die Anforderungen in Stellenbeschreibungen die Augen geöffnet, dass ein Studium vielleicht doch nicht alles ist.
  4. Kein Studium der Welt bereitet einen trotz Bologna-Prozess und Bachelor und Master wirklich und ernsthaft auf das Berufsleben vor. Sich das vorzumachen, ist schlicht Illusion. Deutschland ist leider ein Land, dass das noch überhaupt nicht verstanden hat. Da muss man möglichst genau in der Richtung, die einen beruflich interessiert, möglichst viele Abschlüsse haben. Hat man etwas abgebrochen oder gar keinen Abschluss, sieht es ganz schlecht aus. Ich hatte mal überlegt den berühmt berüchtigten Master of Business Administration (MBA) zu machen. Weil ich ja offensichtlich diesen Abschluss brauchte, um in den von mir favorisierten Berufsfeldern Fuß zu fassen. Weder Fernuniversität Hagen oder sonstige deutsche Institutionen waren bereit mich aufzunehmen, obwohl ich bereits ein fünfjähriges Studium mit Bravour abgeschlossen hatte. Ich will nicht pauschal sagen, dass alle deutschen Institutionen mich abgelehnt hätten, irgendwann zählt dann auch in Deutschland, man höre und staune, die Berufserfahrung. Aber als Geisteswissenschaftler hätte ich bei den meisten erst einmal ein Bachelorstudium in der wirtschaftswissenschaftlichen Richtung absolvieren müssen, bevor der Master in Frage kam. Ironischerweise hätte mich eine Universität in UK genommen, denen war egal, was ich studiert hatte. Da war nur wichtig, dass ich studiert hatte. Aber davon mal abgesehen, ein Studium ist in den wenigsten Fällen wirkliche Berufsvorbereitung. Das soll es auch nicht unbedingt. Dieser Fakt war mir jedoch, als ich mich immatrikulierte, wenig bewusst. Abgesehen von Lehrern und Ärzten ist selbst bei einem Fach wie Jura nicht unbedingt klar wohin die Reise gehen wird.

Die oben genannten Punkte lassen vermuten, dass ich jedem raten würde nicht zu studieren. Aber dem ist nicht so. Vielmehr sollte sich jeder, der studieren will, überlegen, was er/sie den oben genannten Punkten entgegenzusetzen hat. Es gibt natürlich auch viele Gründe, die für ein Studium sprechen.

  1. Ein Studium bietet sich immer dann an, wenn man tiefer einsteigen möchte. Mir hat das Studium sehr viel Spaß gemacht, auch wenn die Zeit der Magisterarbeit sehr stressig war, so habe ich gerne wissenschaftlich geschrieben (schreiben ist sowieso etwas, was ich gerne mache). Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich auch kein Problem damit gehabt zu promovieren. Zu dem Zeitpunkt war ich jedoch schon desillusioniert genug, lieber nicht eine akademische Laufbahn einzuschlagen, sondern stattdessen mein Glück in der freien Wirtschaft zu versuchen.
  2. Ein Studium kann, wenn richtig umgesetzt, der Schlüssel für den späteren Berufseinstieg sein. Natürlich wird oft ein Studium bei einer Stellenbeschreibung vorausgesetzt und es wird ständig in der Presse breitgetreten, dass Akademiker die geringste Arbeitslosigkeitsquote haben. Auch wenn ich manchmal darüber traurig bin, dass ich so wenig von meinem Studiumsfachwissen jetzt im Berufsleben umsetze, so habe ich definitiv viele Dinge während des Studiums gelernt: mich selbst zu organisieren, mich schnell in unbekannte Themenfelder einzuarbeiten, Themen für andere verständlich aufzubereiten, mir einen Überblick zu verschaffen, kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren und nicht gleich alles als bare Münze anzunehmen. So simpel es klingt, aber mit Studium hat man einen hochqualifizierten Abschluss. Das bedeutet nicht, dass einem automatisch die Türen offengehalten werden, aber dieser hohe Abschluss ist oft Voraussetzung, um eine Stelle antreten zu können.
  3. Zu studieren bedeutet gleichzeitig auch zu lernen. Damit meine ich nicht unbedingt das stupide Büffeln vor einer Klausur. Ich meine damit, dass man gezwungen wird sich mit Themen auseinanderzusetzen, mit denen man sich von selbst nicht unbedingt in der Form auseinandergesetzt hätte und sie vielleicht so intensiv bearbeitet, dass man sie sogar spannend findet. Niemand meiner Generation oder jünger wird je einen Job länger als 25 Jahre haben. Da bin ich fest überzeugt von. Was unsere Eltern und Großeltern erlebt haben, ist Vergangenheit. Wir werden nicht unser Leben lang immer ins gleiche Büro fahren und immer die gleichen Tätigkeiten ausüben, da bin ich mir sicher. Wir alle müssen ständig Neues lernen, egal, ob neue Software oder neue Themen, neue Prozesse oder aber der Umgang mit dem neuen Chef oder Abteilungsleister. Bisher habe ich noch keinen einzigen meiner Generation getroffen, der/die mehr als zehn Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber war. Immer gibt es Bewegung, wir sind viel stärker gefordert als früher mobil zu sein, nicht nur räumlich und zeitlich, sondern auch inhaltlich. Dafür ist ein Studium gut. Zumindest so wie ich es erlebt habe. Es zwingt uns dazu unsere Neugier wach zu halten und immer wieder Veränderung anzunehmen und das Lernen zu lernen. Ich weiß nicht inwieweit das in den angeblich verschulten Bachelors und Masters immer noch der Fall ist, aber wie man nachhaltig und insbesondere selbstorganisiert und strukturiert lernt und Dinge behält, habe ich deutlich besser im Studium erlernt als in der Schule.
  4. Ein Studium gibt einem viel stärker als eine Ausbildung die Möglichkeit zu schnuppern und durchaus mal in verschiedene Richtungen zu gehen. Durch Wahlpflichtfächer, Ringvorlesungen, freiwillige Besuche von fachfremden Vorlesungen oder sonstigen anderen Angeboten an der Uni kann man sich verschieden orientieren. Man kann ganz langsam prüfen, ob das Berufsfeld etwas für einen ist, man kann langsam einsteigen. Ich verstehe durchaus, wenn mir ein 16-jähriger sagt, dass er/sie noch gar nicht weiß wohin die Reise geht. Ich wusste es noch nicht mal mit 30, nachdem ich bereits drei Jahre meinen Studienabschluss in der Tasche hatte. Mich haben schon zu Schulzeiten Mitschüler verunsichert, die ganz klar definiert ihr Berufsfeld in die Welt hinausposaunten. Davon gab es zwar nicht viele, aber einige schienen sich sicher. Aber gerade diese Mitschüler sattelten dann doch um. Eine, die immer Apothekerin werden wollte, machte nach der Ausbildung dann doch per zweitem Bildungsweg ein Studium, eine andere setzte einen anderen Master drauf, ein anderer wurde doch nicht glücklich als Polizist und arbeitet nun in der Beratung.

Wie schon zu Beginn gesagt, es gibt keine einfache Entscheidung, ein Studium ist nicht immer richtig, ein Studium gibt einem nicht automatisch mehr finanzielle Sicherheit, doch gleichzeitig ist ein Studium für viele, viele Stellen mittlerweile Voraussetzung und kann einem helfen verschiedene Optionen für sich zu prüfen und auf einer ganz anderen Metaebene Fähigkeiten zu erwerben, die einem im späteren Berufsleben nützlich sind.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, eigene Erfahrungen und Diskussionswillige!

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