100. Beitrag: Was mache ich eigentlich den lieben langen Tag?

Heute ist es soweit. Dies ist mein 100. Beitrag nach gut anderthalb Jahren Blog. Ob das viel ist oder wenig, das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, was ihr da denkt. Ich persönlich bin stolz. Ich habe lange gewartet bis ich mit dem Bloggen angefangen habe. Ich wollte nicht etwas anfangen, was ich dann nicht zu Ende bringe. Das find ich ganz schlimm, so verwaiste Blogs, wo einige Zeit etwas passiert und auf einmal ist es still, ganz ganz still und man fragt sich, ob der Blogger selbst zu Tode gekommen ist, weil der Blogtod so plötzlich kam. Ich habe übrigens einen Blogtod erlebt, weil der Blogger einen Tumor hatte und seine letzten Lebensmonate im Blog festgehalten hat. Bis heute berührt mich der Blog „Ungebetener Gast“ sehr, der letzte Beitrag wurde von den Eltern geschrieben, dass der Blogger nicht mehr ist und es deshalb keine weiteren Beiträge geben wird.

Aber ich schweife ab. Mein 100. Beitrag, das habe ich für mich beschlossen, soll ein besonderer Beitrag sein. Deswegen habe ich auch etwas gewartet bis ich hiermit um die Ecke komme. Weil es ein Thema ist, das mich schon länger bewegt. Das ich in vielen Gesprächen diskutiert habe und neulich dann auch mal auf Facebook zur Sprache gebracht habe. Den Fakt, dass wir so wenig Bilder von unserer Arbeit auf Facebook, Instagramm und wie sie alle heißen, zeigen, dass wir kaum wissen was selbst enge Freunde von uns den lieben langen Tag machen und dass wir selbst in Erklärungsnot kommen, wenn wir erklären sollen, woran wir arbeiten. Da geht es nicht nur darum zu erklären, was wir beruflich machen, sondern auch um die Frage, was wir, sagen wir mal, heute um 9:38 Uhr bis 10:38 Uhr gemacht haben. Da war ich im Büro, da war mein Rechner an, da habe ich telefoniert und E-Mails geschrieben. Ja, genau, aber was heißt das eigentlich? Machen das nicht irgendwie alle, die morgens zur Arbeit juckeln und abends wieder zurück? Rein äußerlich ist unsere Arbeit vielleicht relativ ähnlich, aber was wir inhaltlich machen, wenn wir nicht gerade ein Werk produzieren oder irgendwie anders etwas erschaffen, tja, da klaffen die Welten dann komplett auseinander. Und deshalb habe ich beschlossen einen ganz winzigen kleinen Einblick in meine Welt zu geben. In die Welt von Mitarbeiterentsendungen oder internationaler HR-Arbeit.

Wir machen jetzt also den Lupenblick auf meine Arbeit, wir tauchen ganz tief ein. Thema: Visum und Arbeitserlaubnis. Ajit Bandi ist ein fiktiver Mitarbeiter meiner Firma in Indien, er soll in zwei Monaten nach Hamburg zur Zentrale entsendet werden für die Dauer von drei Jahren. Ajit hat Familie, Frau und Kind werden für die drei Jahre mitkommen. Und nun soll ich mich kümmern, dass Familie Bandi eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommt und Ajit eine Arbeitserlaubnis. Ich könnte zwar einen Dienstleister einsetzen, der das für mich macht, aber da ich selbst bereits Erfahrung habe eine Arbeitserlaubnis einzuholen und vorher als Dienstleister in dem Bereich gearbeitet habe, mache ich es also selbst.

Ich schreibe also Ajit an und erkläre ihm, dass ich ihn beim Visumsprozess unterstützen werde. Ich bitte ihn, dass er mir als Scan/Dokument seinen Lebenslauf, seinen höchsten Universitätsabschluss und seinen Pass zuschickt, für die Frau brauche ich neben dem Pass die Heiratsurkunde und für das Kind die Geburtsurkunde. Ich bereite ihn außerdem in der E-Mail darauf vor, dass er in Mumbai zur deutschen Botschaft gehen muss und bitte ihn gleichzeitig online einen Termin bei der Botschaft zu vereinbaren. Zeitgleich recherchiere ich auf der Seite der deutschen Botschaft in Mumbai welche Dokumente vorgelegt werden müssen (das ändert sich immer wieder mal), wenn man eine Arbeitserlaubnis erhalten möchte und schaue auch bei der sogenannten Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, quasi die Unterabteilung der Agentur für Arbeit, die den lieben langen Tag entscheidet welche Ausländer in welcher Form in Deutschland arbeiten dürfen, ob es Änderungen gibt und was ich eventuell zu beachten habe. Dann schreibe ich wieder Ajit an und gebe ihm eine Checkliste mit, was er alles bei seinem Botschaftsbesuch vorzulegen hat und beantrage bei der Agentur eine sogenannte „Zustimmung“, dass Ajit in Deutschland in unserer Firma arbeiten darf.

Ich telefoniere, ganz viel. Mit der deutschen Botschaft in Mumbai, wenn die plötzlich andere Dokumente verlangt oder wenn ich wissen will, was der Stand ist, mit Ajit, wenn er ganz aufgeregt ist, je näher sein Termin bei der deutschen Botschaft rückt, mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, die manchmal die sonderbarsten Unterlagen erhalten möchte oder wenn ich beim Sachbearbeiter wissen will, ob es eventuell Probleme geben könnte, weil Ajits Universitätsabschluss nicht in Deutschland anerkannt ist.

Meine Kollegen wissen schon, dass ich mich immer freue, wenn ich Post von der Agentur für Arbeit erhalte und die erlösenden Worte „Hiermit erteilen wir die Zustimmung…“ zu lesen sind. Dann mache ich einen kleinen Freudentanz und gieße mir als Ritual eine Tasse schönen Tee auf. Damit ist eine Hürde geschafft. Viele wissen nicht, dass nicht nur die Botschaften im Ausland darüber entscheiden können, ob jemand ein Visum erhält oder nicht, sondern dass auch die Agentur für Arbeit entscheiden muss, ob jemand in Deutschland arbeiten darf oder nicht. Und wenn jemand hier nicht arbeiten kann, können auch die Familienangehörigen nicht her. So einfach ist das. Deshalb ist die Zustimmung so wichtig und muss im Original beim Termin bei der deutschen Botschaft vorgelegt werden. Die dann übrigens immer noch entscheiden kann, dass sie die Aufenthaltserlaubnis trotzdem nicht erteilen möchte.

Und deshalb gibt es noch einen zweiten Freudentanz, wenn der Termin bei der Botschaft reibungslos verläuft und die Botschaft keine weiteren Dokumente verlangt. Und den dritten und letzten Freudentanz führe ich vor, wenn dann der zukünftige Mitarbeiter brav das Einreisevisum abfotografiert und mir zuschickt, nachdem die Botschaft mitgeteilt hat, dass das Visum abgeholt werden kann. Dann kann ich ruhig schlafen, auch wenn ich erst ganz beruhigt bin, wenn Familie Bandi direkt in Hamburg gelandet ist. Denn auch am Flughafen kann es nochmal Schwierigkeiten geben, auch am Flughafen haben die Beamten die Möglichkeit Leute zurückzuschicken oder Dokumente zu verlangen. Ist alles schon vorgekommen.

Deshalb instruiere ich Ajit auch neben den gewünschten Dokumenten noch weitere Dokumente dabei zu haben, wenn er sich auf den Weg zur Botschaft macht. Deswegen instruiere ich ihn auch neben Arbeitsvertrag, Einreisevisum und anderen Belegen noch Dokument X und Y dabei zu haben, wenn er in Frankfurt landet. Bisher haben alle Mitarbeiter, die ich betreut habe, ein Visum erhalten und haben es nach Hamburg geschafft, aber ja, wir hatten durchaus welche, die am Flughafen aufgehalten wurden, auch das Einwohnermeldeamt hat sich quer gestellt oder eine Botschaft wollte ein Dokument haben, dass ich hätte höchstens in einem halben Jahr hätte auftreiben können, weil die Behörde so unglaublich langsam ist. Ich gehe lieber auf Nummer sicher. Lieber stelle ich als Arbeitgeber zu viele Bescheinigungen aus als zu wenig.

Wenn man mich also betrachtet, wenn ich am Telefon hänge, dann wird man mich also entweder zähneknirschend freundlich flötend vorfinden, weil ich nun mal etwas von der Agentur oder der Botschaft möchte und es mir deshalb nicht mit diesen Behörden verscherzen sollte. Vielleicht schnacke ich auch mit Ajit, strahle meine Kollegen an, weil er gerade bei der Botschaft war und die keine Sonderwünsche hatten, vielleicht bin ich wild gestikulierend dabei einem Flugzeugbeamten zu versichern, dass meine Firma wirklich existiert und der Mitarbeiter auf jeden Fall nach deutschen Vorschriften krankenversichert sein wird.

Vielleicht hacke ich auch laut auf meinen Computer ein, weil ich mit Paragraphen um mich werfe und der Botschaft deutlich machen will, dass laut deutscher Beschäftigungsverordnung genau das gewünschte Dokument nicht vonnöten ist, vielleicht bitte ich händeringend Ajit zum dritten Mal endlich, endlich den Termin bei der Botschaft zu machen, weil die Monate im Voraus ausgebucht sind und jeder Tag warten uns Zeit kostet. Vielleicht bereite ich auch gerade Unterlagen vor, die ich zwecks Zustimmung vorzulegen habe und haue viele Stempel und noch mehr Unterschriften auf diverse Dokumente, bevor ich ganz ernsthaft die E-Mail überprüfe, ob ich auch nichts vergessen habe.

Ich habe leider nicht wie z.B. die Bloggerin Carina so tolle Werke vorzuweisen, Wortskizzen nennt sie sie, die sie in einem Projekt jeden Tag für ein Jahr produziert hat. Mein Werk ist nach einigen Wochen die Arbeits- und Aufenthalserlaubnis. Diese Kärtchen, die aussehen wie EC-Karten und die mich einige Stunden Arbeit und viele Sorgewolken kosten.

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Vielleicht bin ich albern, aber wenn Ajit irgendwann in meinem Büro auftaucht, bitte ich ihn mir sein Kärtchen zu zeigen. Das bestaune ich dann ganz ehrfürchtig. Das sind die Früchte meiner Arbeit. Dann gebe ich das Kärtchen Ajit wieder zurück, vielleicht scanne ich es doch nochmal zur Sicherheit, mache mir eine Notiz, wann sie abläuft, damit ich mich dann um alles weitere kümmern kann. Ich lasse mir dann nochmal berichten wie der Botschaftsbesuch war und ob es irgendwelche Schwierigkeiten am Flughafen gab. Ich freue mich, dass es geklappt hat und Ajit Bandi lebend vor mir steht und nicht des Landes verwiesen wurde. Bevor ich gedanklich bei der fiktiven Sarah Ng lande, die nächste Mitarbeiterin aus Singapur, die in einigen Monaten nach Deutschland kommen und ich den Visumsantrag stellen soll. Da gibt es aber ein Problem, sie hat keinen Universitätsabschluss, der in Deutschland anerkannt ist…

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5 Gedanken zu “100. Beitrag: Was mache ich eigentlich den lieben langen Tag?

  1. Alles, alles Gute zum 100.! (Darauf eine Tasse Tee!) Und vielen Dank fürs Teilen deines Arbeitsalltags, das war wirklich interessant und klingt auch so, als wäre das genau der richtige Job für dich. Und natürlich ein herzliches Dankeschön für die schöne Erwähnung. 🙂

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