Wie viel Arbeit ist zu viel?

Ich hatte heute meinen ersten Arbeitstag nach einer ausgiebigen Weihnachts- und Silvesterpause. Ich war erschrocken, die vermeintlich ruhigen Feiertage produzierten 120 E-Mails. Heute bin ich fast eine Stunde länger als geplant geblieben, es gibt so viel zu tun.

Es ärgert mich, dass ich schon jetzt so viel gearbeitet habe, am ersten Arbeitstag im noch unbedarften Jahr. Ich mag meinen Arbeitgeber, ich mag meine Arbeit. Es macht mir nichts aus mal länger zu bleiben, weil ich meine Arbeit sehr gerne mache. Ich habe hier mal berichtet, was ich den lieben langen Tag mache und warum es mir Spaß macht. Aber, ja, es gibt ein Aber.

Arbeit ist nicht alles. Es ist bei mir noch nie alles gewesen und soll bei mir auch nicht alles sein, bitte nicht. Auch ich habe einen persönlichen Rückblick auf 2016 gemacht. Ich kann diese Rückblicke im Fernsehen ja gar nicht leiden. Die vermeide ich normalerweise tunlichst. Die verursachen nur schlechte Laune. Mein persönlicher Rückblick fühlt sich besser an, ich schaue mir jeden Monat an, was für Highlights es gab, woran ich mich gerne erinnere, woran nicht, was verursachte Wut, Traurigkeit, Glück, Freude? Manche Monate waren erstaunlich voll, viele Ereignisse, die intensiv erlebt wurden. Es gab Monate, in denen ein Gefühl dominierte. Die Südamerikareise in mein Geburtsland ein großer Höhepunkt im März, von dem ich bis heute noch zehre. Aber bis dahin, von Januar bis März dominierte genau ein Begriff: ARBEIT. In Großbuchstaben. Weil ich viel und lange arbeitete, weil die Arbeit viel Zeit, Energie und Raum einnahm. Weil meine Arbeit traditioneller Weise immer zum Jahresanfang Fahrt aufnimmt und viel abverlangt.

Die ARBEIT in Großbuchstaben hat mich zum Nachdenken gebracht. Kann es denn sein, dass gut zweieinhalb Monate nur die Arbeit im Mittelpunkt meines Lebens stand? Was war mit dem Rest? Mit den sozialen Kontakten, Freunden, dem Essen, der Gesundheit, dem Sport, dem Ausgleich zur Arbeit? Dass ich gerne arbeite und viel ist die eine Seite, aber dass für zweieinhalb Monate die Arbeit fast alles ist, kann und darf das überhaupt sein? Darf diese Seite dominieren für so lange Zeit?

Mein Rückblick hat mir zumindest in diesem Aspekt dann doch schlechte Laune gemacht. Denn meine Antwort dazu lautet eindeutig nein. So wichtig ist die Arbeit dann doch nicht. Silke, eine Bloggerin, die ihren Partner Julian mit 30 Jahren verlor, beschreibt es ziemlich gut:

Ich bereute aus tiefstem Herzen, die kurze Zeit, die ich mit Julian in diesem Leben haben durfte, allzu oft mit Überstunden oder sonstigem Stress vergeudet zu haben. All das war niemals wirklich wichtig gewesen. Ich realisierte, worum es wirklich geht im Leben: Darum, zu leben und Zeit mit den Menschen und Aufgaben zu verbringen, die wir lieben.

Mehr zu lesen gibt es hier.

Nein, ich möchte nicht bereuen zu viel gearbeitet zu haben. Ich möchte nicht am Ende meines Lebens sagen, wäre das nicht toll gewesen, wenn ich mehr Zeit mit Menschen verbracht hätte, die mir wichtig waren statt die vielen Überstunden zu machen.

Es macht mir auch jetzt schlechte Laune, dass ich schon heute wieder länger geblieben bin. Bis März soll das definitiv nicht normal sein. Und ich schreibe so offen hier darüber, weil ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Unsere Gesellschaft zwängt uns in ein solches Hamsterrad, dass es schwer ist auszubrechen. Ich möchte nicht wieder für 2017 das gleiche sagen müssen. Ich arbeite gerne, darum geht es nicht, aber neben der Arbeit soll eben nicht alles andere ersticken, insbesondere nicht über Monate hinweg, auch wenn es „nur“ zwei sind.

Und weil es mir so schwer fällt, habe ich mir einen besonderen Terminplaner zugelegt. Ein guter Plan ist ein Terminplaner der besonderen Art. Zum Beispiel besteht jeden Tag die Möglichkeit anzukreuzen wie gut man geschlafen, gegessen, soziale Kontake gepflegt hat, ob man sich kleine Gut-Tu-Momente gegönnt hat und wie man sein Stresslevel beurteilt. Es dauert keine Minute jeden Tag anzukreuzen wie man das jeweilige Level bewertet, aber selbst jetzt, seitdem ich ab dem 27.12. jeden Tag fleißig gekreuzt habe, fällt mir bereits auf, was meine Zeitfresser sind und welche Bereiche ich in Angriff nehmen möchte. Neben dem Terminkalenderteil gibt es auch einen ausgiebigen Analyseteil, wo man sich zum Beispiel notieren kann, was einen grundsätzlich glücklich macht und was unglücklich. Eine Aufgabe, an der ich mich gerade versuche, lautet zunächst aufzulisten welche Aufgaben bei der Arbeit einem Stress geben und einen nerven und was passieren würde, wenn ich bei einer Aufgabe einfach Nein sagen würde. Die letzte Frage lautet, dass man sich fragen sollte, was passieren würde, wenn man besagte Aufgabe delegiert oder aber nicht macht.

Diese Perspektive ist für mich neu. Delegieren, gut, da komme ich noch drauf. Aber eine Aufgabe einfach nicht machen? Ich bin ein gewissenhafter Typ, ich will es richtig machen. Etwas einfach nicht zu machen, obwohl ich es soll, hm, damit habe ich so meine Probleme.

Aber genau darüber denke ich gerade viel nach. Ob ich mir dieses „Sollen“ vielleicht selbst auferlege. Was ist, wenn ich es einfach nicht mache? Was ist, wenn ich einfach regelmäßig pünktlich gehe? Was ist, wenn ich in den acht Stunden gut und intensiv arbeite, aber dann einen Schlussstrich ziehe? Was ist das schlimmste, was passieren könnte?

Ich musste mal eine Zeit lang viele Kunden vertrösten, weil meine Abteilung unterbesetzt war und ich nicht für fünf Leute gleichzeitig arbeiten kann. Ich habe also auf gefühlt jede E-Mail geantwortet, sorry, kann ich erst in zwei Wochen bearbeiten, ich bin allein und schaffe es nicht.

Ich war überrascht, wie viel Verständnis mir entgegengebracht wurde. Es gab unter den vielen genau einen Kunden, der es sofort erledigt haben wollte und das in dem Fall auch aus gutem Grund. Wir glauben, weil Menschen an uns herantreten mit einem Wunsch und einer Bitte, dass wir dann gleich sputen müssen. Zumindest glaube ich das. Aber viele Menschen haben Verständnis. Wenn man zwar reagiert, aber gesteht, dass man es nicht machen kann in nächster Zeit, sondern in zwei Wochen. Später als geplant.

Ich wünsche mir für 2017, dass ich noch mehr lerne meine Grenze zu ziehen. Dass ich Arbeit nicht überbewerte und dass ich lerne zu delegieren, aber eben auch mehr Nein zu sagen. Dass ich Kunden vertröste und lieber ein paar Tage mehr als Puffer einplane und die Aufgabe dann ganz bestimmt erledigt bekomme, als mir selbst zu enge Zeitfenster zu setzen und Versprechen dann nicht einhalten kann und mich stresse.

Mich würde auch interessieren, was deine Strategien sind, um Arbeit nicht zu viel werden zu lassen. Das kann auch eine intensive Bewerbungsphase sein. Was machst du, damit du vom Druck nicht überrollt wirst? Wie schaffst du es deine sozialen Kontakte trotz Arbeitslosigkeit, Bewerbungsphase oder Studienabschluss zu pflegen? Ich freue mich wie immer über Kommentare.

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4 Gedanken zu “Wie viel Arbeit ist zu viel?

  1. Oh was für ein schöner Artikel! Ich freue mich sehr, dass du mich darin zitierst – danke dafür!
    Ich versuche immer wieder ganz bewusst, Dinge einen Moment liegen zu lassen, anstatt sie „schnell noch“ zu erledigen. Das klingt komisch, aber mir hilft es dabei, mir immer wieder bewusst zu machen, dass dann die Welt gar nicht untergeht. Außerdem brauche ich diese Auszeiten für mich, um wieder mit mehr Energie die anstehende Arbeit zu erledigen. Früher habe ich mich immer sehr gestresst, dachte ich müsste immer schnell sein und möglichst sofort alles erledigen und war dann frustriert, weil das einfach gar nicht funktioniert hat. Jetzt merke ich mehr und mehr, dass es meist niemanden außer mich stört, wenn ich mal etwas nicht gleich erledige und das ist wirklich beruhigend und entstressend.

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    1. Hallo Silke, toll, dass du das gelernt hast! Viel hängt auch von der Einstellung ab. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass meine Stimmung nach der Arbeit so unterschiedlich ausfallen kann, auch wenn die Arbeit an sich sich nicht ändert. Und ich meine hier nicht besonders krasse Gespräche , Ereignisse oder sonstige Änderungen, sondern, wenn ein Routinearbeitstag in schlechter Laune ausartet und an einem anderen Tag, der ähnlich war, man ganz entspannt ist. Die Einstellung spielt da eine wichtige Rolle.

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