Tabuthema Trauern bei Arbeitsverlust

Silke ruft in ihrem Blog „In lauter Trauer“ auf, heute über das Thema Trauer in seinen verschiedenen Facetten nachzudenken. Heute, weil heute der Geburtstag ihres Partners Julian ist, der vor vier Jahren aus ihrem Leben gerissen wurde, als er in Nepal plötzlich umkippte und verstarb.

Über Trauer, Tod und Verlust zu sprechen, fällt vielen Menschen sehr schwer. Oft fehlen die Worte, es kommen nur noch Worthülsen zum Vorschein und es gibt betretenes Schweigen. Das ist natürlich besonders der Fall, wenn jemand stirbt. Das gilt aber auch, wenn man seine Arbeitsstelle verloren hat. Auch hier gibt es viele Worthülsen a la „Das wird schon wieder!“, „Bald findest du was!“ oder noch schlimmer „Ich beneide dich, jetzt kannst du endlich ausschlafen!“, die einen verfolgen, wenn einem gekündigt wird.

Ich werde nie vergessen wie ich bei meinem ersten Job nach meinem Uniabschluss vom Chef herbeizitiert wurde und er mir mitteilte, dass meine Stelle gestrichen wurde. Ironischerweise war ich zum Termin mit einem Vorschlag erschienen wie man das Jugendprogramm, das ich koordinierte, noch bekannter machen konnte. Ursprünglich war der Termin angesetzt für die Ausarbeitung der Marketingtour. Vielleicht erklärt es, warum ich sehr lange im Gespräch brauchte bis mir dämmerte, was mein Chef gerade versuchte mir mitzuteilen. Ich war wie vor dem Kopf gestoßen. Als das Gespräch beendet war, ging ich zurück ins Büro zu meiner Kollegin und packte stumm meine Sachen. Es war gerade mal 10 Uhr morgens, aber an diesem Tag wollte und konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich erzählte meiner Kollegin kurz und knapp, dass mir gekündigt worden war und dass ich jetzt nach Hause gehen würde. Sie nickte, ähnlich fassungslos wie ich, und ich verschwand.

Ich fühlte mich wie ein Roboter. Ich kann mich kaum an die nächsten Wochen erinnern. Irgendwie schaffte ich es weiterhin zur Arbeit zu gehen, aber jetzt machte ich so gut wie nichts und schloss nur noch halbherzig einige Sachen ab. Man wollte mich hier nicht, warum sollte ich Energie reinstecken in etwas, was sowieso für die Katz war. Auch wenn mein Chef mir versuchte zu erklären, dass es finanzielle Gründe waren, warum meine Stelle gestrichen wurde und es nichts mit meiner Arbeitsweise zu tun hatte, ich war betäubt und geschockt. Ich fing an auf Arbeit auf Stellensuche zu gehen, es war mir völlig egal, was meine Kollegen von mir hielten, denn lange würden sie mich nicht mehr erleben.

Irgendwann war es dann wirklich soweit, mein letzter Arbeitstag kam, ich ging, sehr leise und kaum einen interessierte es. Ich suchte also Zuflucht bei meinem Mann, meiner Familie und Freunden und versuchte mich aufzuraffen wieder Bewerbungen zu schreiben. Denn das ist das schlimme bei einer Kündigung, es bleibt einem kaum Zeit wirklich zu trauern. Es bleibt keine Zeit viel darüber nachzudenken, denn der finanzielle Druck war bei mir groß.

Heute weiß ich, dass ich mich viel über meine Arbeit identifiziere. Heute weiß ich, dass eine gute Arbeitsstelle mir viel bedeutet. Damals war es mir nicht so klar bewusst. Ich ging also mit dem Identitätsverlust so um, dass ich mich bis zur Erschöpfung mit Bewerbungen und Stellensuche beschäftigte. Aus finanzieller Not heraus baute ich meine bis dahin nebenberuflich ausgeführte Selbstständigkeit stärker aus und kam irgendwann an den Rande eines Burnouts.

Mein erster Job war mir gekündigt worden und es wollte einfach nicht mit einer neuen Stelle klappen. Zwischen all dem hektischen Suchen nach einer Stelle, dem Ausüben der Selbstständigkeit und dem ständigen Grübeln warum gerade mir das passieren musste, klammerte ich die Trauer komplett aus. Ich meinte keine Zeit zu haben der Wut, Verzweiflung, Angst und Frustration Raum zu geben oder diese Gefühle gar der Welt kundzutun.

Außerdem isolierte ich mich, igelte mich ein und sprach bald mit niemanden mehr über meine Arbeitslosigkeit. Ich schämte mich, weil es nicht klappen wollte und scheinbar niemand sonst so zu kämpfen hatte wie ich. Außerdem hatte ich keine Lust mir blöde Sprüche anzuhören und mich angeblich glücklich zu schätzen, weil ich nun endlich Zeit hatte. Nein, mein Arbeitsverlust war definitiv kein Gewinn für mich, er war ein Verlust, den ich aber nicht verstand gebührend zu verarbeiten, sondern den ich versuchte zu verdrängen und zu ignorieren. Meine Lösung bestand darin mich abzulenken.

Bei meiner letzten Arbeitslosigkeit hatte ich wenigstens im Ansatz einige Strategien, die mir halfen in dieser schwierigen Phase durchzuhalten. Ich habe meine persönlichen Tipps in diesem Beitrag beschrieben. Aber der Trauer bei Arbeitsverlust Raum zu geben und zum Beispiel um den Verlust zu weinen, das habe ich noch nicht so richtig gelernt.

Ich weiß im Moment nur, dass Arbeitslose niemals von mir hören werden, dass sich ganz bestimmt bald etwas ergeben wird. Ich weiß, dass ich nach den ersten Wochen der allgemeinen Bestürzung, wenn sie von der Kündigung erzählt, nachfragen und vielleicht zwischendurch hartnäckig ein Treffen anbieten muss, auch wenn die Person behauptet keine Lust zu haben. Ich weiß, dass ich beim Treffen auf einen Kaffee nicht fragen darf wie es gerade mit Bewerbungen oder Vorstellungsgesprächen aussieht, sondern über Gott und die Welt philiosophieren werde. Wenn die Person von sich aus auf das Thema zu sprechen kommt, höre ich erst einmal still zu und hüte mich gleich Ratschläge zu verteilen. Sollte die arbeitssuchende Person sportlich sein, würde ich ein Fitnessstudio-Abo abschließen und gemeinsam mit der Person regelmäßig hingehen oder zumindest versuchen sie dazu zu bewegen.

Ich weiß nur, dass der Verlust der Arbeit bei einigen Menschen ebenso tief einschlägt wie der Verlust einer geliebten Person. Die Arbeit zu verlieren ist etwas, was einen verändert, selbst wenn man selbst kündigt. Arbeitslosigkeit geht unter die Haut, verkneif dir blöde Sprüche, wenn du mit jemanden unterwegs bist, der/die gerade eine Stelle sucht und mach dir bewusst, dass diese Person einen Verlust erlitten hat.

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5 Gedanken zu “Tabuthema Trauern bei Arbeitsverlust

  1. Dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Über die Phase der Trauer bin ich zwar schon hinaus aber ich isoliere mich immer noch, da ich auf keine Fall darüber sprechen möchte. Schließlich dreht sich bei mir der ganze Tag schon um die Jobsuche.

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