Bewerbungsfrust: Bleib dran!

Habe ich schon erzählt, dass meine letzte Bewerbungsphase im Jahr 2015 (ja, du hast richtig gelesen, ich bin jetzt 34 und 2015 war meine letzte Bewerbungsphase) mit Abstand die schlimmste von allen war? Und dabei habe ich schon so einige mitgemacht.

2009 kurz vor Ende des Studiums: 50 Bewerbungen, sehr magere Ausbeute, aber glücklicherweise wurde ich als Berufsanfängerin in einer NGO genommen.

2010: Nachdem meine Stelle aus finanziellen Gründen gestrichen werden musste, schrieb ich 100 Bewerbungen, weil ich gerne in der gleichen Stadt bleiben wollte, blieb jedoch erfolglos.

2012: Umzug in eine Großstadt, überraschend schnell erhielt ich nach 50 Bewerbungen eine Stelle.

2013: Zum ersten Mal Bewerbung aus einer Festanstellung heraus, nach 25 Bewerbungen klappte es.

2015: Umzug nach Hamburg, weil mein Mann hier ein attraktives Angebot erhielt, ich kündigte also und begann mich wieder einmal zu bewerben. Meine detaillierte Bilanz zu dieser Bewerbungsphase kann man hier nachschauen, hier traf ich nach 30 Bewerbungen die Entscheidung für eine Stelle.

Insgesamt also ca. 255 Bewerbungen geschrieben und so einige Vorstellungsgespräche geführt. Für die visuellen unter uns, anbei noch die Grafik:

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Die letzte Phase fand ich am allerschlimmsten. Besonders, weil ich schon Berufserfahrung hatte und es trotzdem länger dauerte als geplant. Ich schrieb also Tagebuch. Zusätzlich zum Blog. Und schrieb folgenden Eintrag (gekürzt und anonymisiert):

„Da kommt sie also. Die fünfte Absage nach dem fünften Vorstellungsgespräch. Wie leicht fängt man an, an sich selbst zu zweifeln. Wie leicht ist es sich zu fragen, ob man zu hohe Ansprüche hat, ob man sich vielleicht doch mit weniger zufriedengeben sollte.

Irgendwie habe ich immer Pech. Das erste Vorstellungsgespräch, das zweieinhalb Stunden gedauert hat, ist ein so klassisches Beispiel. Woran ist es schlussendlich gescheitert? Laut Aussagen der Dame, die mich interviewt hat und die meine direkte Chefin gewesen wäre, lag es weder an mir noch an ihr. Sie hätte mich eingestellt. Sie hätte mich genommen. Ich war bis zum Schluss ihre Lieblingskandidatin. Aber dann wurde von oben entschieden, dass lieber jemand intern die Stelle besetzten sollte. Lieber bleibt man unter sich und zieht sich selbst den Nachwuchs hoch. Die Person, die diese Entscheidung gefällt hat, hat mich nie gesehen, vielleicht hat sie auch nicht einmal meinen Lebenslauf angeschaut. Aber sie hat entschieden, dass ich eine Absage erhalte.

Oder dann Gespräch Nr. 2. Das kann ich bis jetzt nicht so richtig einordnen. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es ziemlich gut gelaufen ist. Es gab zwar auch dort einige Warnsignale, wie zum Beispiel, dass ein Gesprächspartner partout das Gespräch auf Deutsch führen wollte, obwohl er kaum deutsch konnte und sich dann schnell vom anderen Kollegen zwischendurch im Hausruckverfahren alles übersetzen lassen musste. Dann doch gleich auf Englisch, das alle Beteiligten fließend und verhandlungssicher beherrschten. Ein wenig hatte ich das Gefühl das Vorstellungsgespräch wurde zum Deutschunterricht missbraucht, mich vorstellen konnte ich kaum, wir wurden ständig unterbrochen. Auch konnte ich nur einseitig den Gesprächspartner fragen, der deutsch sprach. Es besserte sich erst als wir nach der Hälfte endlich auf Englisch umschwenkten.

Gespräch Nr. 3 lief super, bis wir zum Thema Gehalt kamen. Noch mal eine Gehaltsverschlechterung wollte und konnte ich nicht hinnehmen. Ich sagte also ab. Und da hätte ich mir gewünscht, dass das Unternehmen bereits in der Stellenausschreibung oder gar vor Einladung eine Gehaltsspanne genannt hätte, dann hätten wir uns den ganzen Stress sparen können. Schade.

Gespräch Nr. 4 ähnlich, an der Reaktion, als man partout keine Zahl rausrücken wollte, sondern unbedingt von mir mein Gehalt wissen wollte, sah man direkt, dass ich zu hoch gegriffen hatte. Dumm gelaufen. Viel Lärm um nichts.

Gespräch Nr. 5 schoss dann den Vogel ab. Es begann mit ganz unsubtilen Fangfragen, die mit dem Satz eingeleitet wurden „Diese Frage müssen Sie mir nicht beantworten, aber…“. Ja, genau, so geht man mit potenziellen neuen Mitarbeitern um, man horcht sie gleich zu Beginn aus zu Thema Familienplanung etc. und lässt durchblicken, dass man sich durchaus bewusst ist, dass man sich im Graubereich bewegt. So lerne ich doch meinen zukünftigen Arbeitgeber gerne kennen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und dann diese seltsame Vorgehensweise zum Ende des Gesprächs. Kaum hatte ich mich von den Fangfragen erholt, bat man mich fünf Minuten vor die Tür zu gehen, man besprach sich kurz und machte mir anschließend ein Jobangebot. An sich ja schön, wenn Entscheidungen so schnell gefällt werden, aber leider hatte die Sache einen Haken, ich „durfte“ genau eine Nacht über das Angebot nachdenken. Als ich am Folgetag anrief und sagte, ich würde gerne ein weiteres Gespräch abwarten, kam knallhart die Absage. Offensichtlich war man also doch nicht so begeistert von mir wie man beim Angebot tat, sondern wollte mich nur nehmen, weil ich gleich einen Tag später anfangen konnte.

Bin ich irgendwie komisch? Werde ich vom Pech verfolgt? Warum passieren nur mir solche Sachen? Immerhin wurde ich schon fünf Mal eingeladen und dann? Fünf Mal absoluter Mist in zig Variationen. Fünf Mal für die Katz. Toll, wirklich toll…“

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Doch dann, nach all den komischen Gesprächen, nach dem ganzen Drama und Chaos kam über Umwegen endlich das attraktive Angebot. Als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte. Und darauf will ich mit diesem Beitrag hinaus. Es gibt sie doch, die netten Arbeitgeber, die Geisteswissenschaftler nehmen. Die einem zutrauen, dass man sich in Fachthemen einarbeiten kann. Es gibt sie doch, die Unternehmen, die nicht für jede Stelle erneut Bewerber bittstellen lassen, sondern für ähnliche Positionen die alten Stapel durchgehen, weil es neben der einen Person, die die Stelle erhielt, andere gibt, die ähnlich gut waren. Ich hätte es damals auch nicht geglaubt. Knapp eine Woche nachdem ich den Tagebucheintrag schrieb, rief mich mein jetziger Arbeitgeber an. Nach zwei Gesprächen und einem Test wurde ich genommen und bin jetzt nach anderthalb Jahren immer noch gerne dabei und finde weiterhin, dass mein Arbeitgeber mir sehr viel bietet. Gib nicht auf, der lange Atmen macht es!

100. Beitrag: Was mache ich eigentlich den lieben langen Tag?

Heute ist es soweit. Dies ist mein 100. Beitrag nach gut anderthalb Jahren Blog. Ob das viel ist oder wenig, das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, was ihr da denkt. Ich persönlich bin stolz. Ich habe lange gewartet bis ich mit dem Bloggen angefangen habe. Ich wollte nicht etwas anfangen, was ich dann nicht zu Ende bringe. Das find ich ganz schlimm, so verwaiste Blogs, wo einige Zeit etwas passiert und auf einmal ist es still, ganz ganz still und man fragt sich, ob der Blogger selbst zu Tode gekommen ist, weil der Blogtod so plötzlich kam. Ich habe übrigens einen Blogtod erlebt, weil der Blogger einen Tumor hatte und seine letzten Lebensmonate im Blog festgehalten hat. Bis heute berührt mich der Blog „Ungebetener Gast“ sehr, der letzte Beitrag wurde von den Eltern geschrieben, dass der Blogger nicht mehr ist und es deshalb keine weiteren Beiträge geben wird.

Aber ich schweife ab. Mein 100. Beitrag, das habe ich für mich beschlossen, soll ein besonderer Beitrag sein. Deswegen habe ich auch etwas gewartet bis ich hiermit um die Ecke komme. Weil es ein Thema ist, das mich schon länger bewegt. Das ich in vielen Gesprächen diskutiert habe und neulich dann auch mal auf Facebook zur Sprache gebracht habe. Den Fakt, dass wir so wenig Bilder von unserer Arbeit auf Facebook, Instagramm und wie sie alle heißen, zeigen, dass wir kaum wissen was selbst enge Freunde von uns den lieben langen Tag machen und dass wir selbst in Erklärungsnot kommen, wenn wir erklären sollen, woran wir arbeiten. Da geht es nicht nur darum zu erklären, was wir beruflich machen, sondern auch um die Frage, was wir, sagen wir mal, heute um 9:38 Uhr bis 10:38 Uhr gemacht haben. Da war ich im Büro, da war mein Rechner an, da habe ich telefoniert und E-Mails geschrieben. Ja, genau, aber was heißt das eigentlich? Machen das nicht irgendwie alle, die morgens zur Arbeit juckeln und abends wieder zurück? Rein äußerlich ist unsere Arbeit vielleicht relativ ähnlich, aber was wir inhaltlich machen, wenn wir nicht gerade ein Werk produzieren oder irgendwie anders etwas erschaffen, tja, da klaffen die Welten dann komplett auseinander. Und deshalb habe ich beschlossen einen ganz winzigen kleinen Einblick in meine Welt zu geben. In die Welt von Mitarbeiterentsendungen oder internationaler HR-Arbeit.

Wir machen jetzt also den Lupenblick auf meine Arbeit, wir tauchen ganz tief ein. Thema: Visum und Arbeitserlaubnis. Ajit Bandi ist ein fiktiver Mitarbeiter meiner Firma in Indien, er soll in zwei Monaten nach Hamburg zur Zentrale entsendet werden für die Dauer von drei Jahren. Ajit hat Familie, Frau und Kind werden für die drei Jahre mitkommen. Und nun soll ich mich kümmern, dass Familie Bandi eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommt und Ajit eine Arbeitserlaubnis. Ich könnte zwar einen Dienstleister einsetzen, der das für mich macht, aber da ich selbst bereits Erfahrung habe eine Arbeitserlaubnis einzuholen und vorher als Dienstleister in dem Bereich gearbeitet habe, mache ich es also selbst.

Ich schreibe also Ajit an und erkläre ihm, dass ich ihn beim Visumsprozess unterstützen werde. Ich bitte ihn, dass er mir als Scan/Dokument seinen Lebenslauf, seinen höchsten Universitätsabschluss und seinen Pass zuschickt, für die Frau brauche ich neben dem Pass die Heiratsurkunde und für das Kind die Geburtsurkunde. Ich bereite ihn außerdem in der E-Mail darauf vor, dass er in Mumbai zur deutschen Botschaft gehen muss und bitte ihn gleichzeitig online einen Termin bei der Botschaft zu vereinbaren. Zeitgleich recherchiere ich auf der Seite der deutschen Botschaft in Mumbai welche Dokumente vorgelegt werden müssen (das ändert sich immer wieder mal), wenn man eine Arbeitserlaubnis erhalten möchte und schaue auch bei der sogenannten Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, quasi die Unterabteilung der Agentur für Arbeit, die den lieben langen Tag entscheidet welche Ausländer in welcher Form in Deutschland arbeiten dürfen, ob es Änderungen gibt und was ich eventuell zu beachten habe. Dann schreibe ich wieder Ajit an und gebe ihm eine Checkliste mit, was er alles bei seinem Botschaftsbesuch vorzulegen hat und beantrage bei der Agentur eine sogenannte „Zustimmung“, dass Ajit in Deutschland in unserer Firma arbeiten darf.

Ich telefoniere, ganz viel. Mit der deutschen Botschaft in Mumbai, wenn die plötzlich andere Dokumente verlangt oder wenn ich wissen will, was der Stand ist, mit Ajit, wenn er ganz aufgeregt ist, je näher sein Termin bei der deutschen Botschaft rückt, mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung, die manchmal die sonderbarsten Unterlagen erhalten möchte oder wenn ich beim Sachbearbeiter wissen will, ob es eventuell Probleme geben könnte, weil Ajits Universitätsabschluss nicht in Deutschland anerkannt ist.

Meine Kollegen wissen schon, dass ich mich immer freue, wenn ich Post von der Agentur für Arbeit erhalte und die erlösenden Worte „Hiermit erteilen wir die Zustimmung…“ zu lesen sind. Dann mache ich einen kleinen Freudentanz und gieße mir als Ritual eine Tasse schönen Tee auf. Damit ist eine Hürde geschafft. Viele wissen nicht, dass nicht nur die Botschaften im Ausland darüber entscheiden können, ob jemand ein Visum erhält oder nicht, sondern dass auch die Agentur für Arbeit entscheiden muss, ob jemand in Deutschland arbeiten darf oder nicht. Und wenn jemand hier nicht arbeiten kann, können auch die Familienangehörigen nicht her. So einfach ist das. Deshalb ist die Zustimmung so wichtig und muss im Original beim Termin bei der deutschen Botschaft vorgelegt werden. Die dann übrigens immer noch entscheiden kann, dass sie die Aufenthaltserlaubnis trotzdem nicht erteilen möchte.

Und deshalb gibt es noch einen zweiten Freudentanz, wenn der Termin bei der Botschaft reibungslos verläuft und die Botschaft keine weiteren Dokumente verlangt. Und den dritten und letzten Freudentanz führe ich vor, wenn dann der zukünftige Mitarbeiter brav das Einreisevisum abfotografiert und mir zuschickt, nachdem die Botschaft mitgeteilt hat, dass das Visum abgeholt werden kann. Dann kann ich ruhig schlafen, auch wenn ich erst ganz beruhigt bin, wenn Familie Bandi direkt in Hamburg gelandet ist. Denn auch am Flughafen kann es nochmal Schwierigkeiten geben, auch am Flughafen haben die Beamten die Möglichkeit Leute zurückzuschicken oder Dokumente zu verlangen. Ist alles schon vorgekommen.

Deshalb instruiere ich Ajit auch neben den gewünschten Dokumenten noch weitere Dokumente dabei zu haben, wenn er sich auf den Weg zur Botschaft macht. Deswegen instruiere ich ihn auch neben Arbeitsvertrag, Einreisevisum und anderen Belegen noch Dokument X und Y dabei zu haben, wenn er in Frankfurt landet. Bisher haben alle Mitarbeiter, die ich betreut habe, ein Visum erhalten und haben es nach Hamburg geschafft, aber ja, wir hatten durchaus welche, die am Flughafen aufgehalten wurden, auch das Einwohnermeldeamt hat sich quer gestellt oder eine Botschaft wollte ein Dokument haben, dass ich hätte höchstens in einem halben Jahr hätte auftreiben können, weil die Behörde so unglaublich langsam ist. Ich gehe lieber auf Nummer sicher. Lieber stelle ich als Arbeitgeber zu viele Bescheinigungen aus als zu wenig.

Wenn man mich also betrachtet, wenn ich am Telefon hänge, dann wird man mich also entweder zähneknirschend freundlich flötend vorfinden, weil ich nun mal etwas von der Agentur oder der Botschaft möchte und es mir deshalb nicht mit diesen Behörden verscherzen sollte. Vielleicht schnacke ich auch mit Ajit, strahle meine Kollegen an, weil er gerade bei der Botschaft war und die keine Sonderwünsche hatten, vielleicht bin ich wild gestikulierend dabei einem Flugzeugbeamten zu versichern, dass meine Firma wirklich existiert und der Mitarbeiter auf jeden Fall nach deutschen Vorschriften krankenversichert sein wird.

Vielleicht hacke ich auch laut auf meinen Computer ein, weil ich mit Paragraphen um mich werfe und der Botschaft deutlich machen will, dass laut deutscher Beschäftigungsverordnung genau das gewünschte Dokument nicht vonnöten ist, vielleicht bitte ich händeringend Ajit zum dritten Mal endlich, endlich den Termin bei der Botschaft zu machen, weil die Monate im Voraus ausgebucht sind und jeder Tag warten uns Zeit kostet. Vielleicht bereite ich auch gerade Unterlagen vor, die ich zwecks Zustimmung vorzulegen habe und haue viele Stempel und noch mehr Unterschriften auf diverse Dokumente, bevor ich ganz ernsthaft die E-Mail überprüfe, ob ich auch nichts vergessen habe.

Ich habe leider nicht wie z.B. die Bloggerin Carina so tolle Werke vorzuweisen, Wortskizzen nennt sie sie, die sie in einem Projekt jeden Tag für ein Jahr produziert hat. Mein Werk ist nach einigen Wochen die Arbeits- und Aufenthalserlaubnis. Diese Kärtchen, die aussehen wie EC-Karten und die mich einige Stunden Arbeit und viele Sorgewolken kosten.

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Vielleicht bin ich albern, aber wenn Ajit irgendwann in meinem Büro auftaucht, bitte ich ihn mir sein Kärtchen zu zeigen. Das bestaune ich dann ganz ehrfürchtig. Das sind die Früchte meiner Arbeit. Dann gebe ich das Kärtchen Ajit wieder zurück, vielleicht scanne ich es doch nochmal zur Sicherheit, mache mir eine Notiz, wann sie abläuft, damit ich mich dann um alles weitere kümmern kann. Ich lasse mir dann nochmal berichten wie der Botschaftsbesuch war und ob es irgendwelche Schwierigkeiten am Flughafen gab. Ich freue mich, dass es geklappt hat und Ajit Bandi lebend vor mir steht und nicht des Landes verwiesen wurde. Bevor ich gedanklich bei der fiktiven Sarah Ng lande, die nächste Mitarbeiterin aus Singapur, die in einigen Monaten nach Deutschland kommen und ich den Visumsantrag stellen soll. Da gibt es aber ein Problem, sie hat keinen Universitätsabschluss, der in Deutschland anerkannt ist…

Studieren oder nicht studieren?

Ich finde es extrem spannend immer wieder hier bei WordPress zu analysieren wie man meinen Blog gefunden hat und wer sich überhaupt für das Thema interessiert. Interessanterweise wird mein Blog am meisten per Suchmaschine gefunden. Mein Beitrag mit der langen Überschrift „Was denn nun, Freiberufler, freier Mitarbeiter, Freelancer, Honorarkraft, selbstständig?“ ist weiterhin Spitzenreiter.

Seit ich jedoch vor kurzem den Beitrag „Warum ich mein abgebrochenes Studium nicht bereue“ veröffentlicht habe, bemerke ich, dass dieses Thema sehr viele zu beschäftigen scheint. Suchanfragen lauten „Werde ich bereuen, wenn ich nicht studiere?“ oder „Studium abgebrochen froh“. Ob man studieren sollte oder nicht, lässt sich pauschal nicht beantworten. Sorry. Ich will hier nur einige Gedanken weitergeben, die aus meiner persönlichen Erfahrung erwachsen und dementsprechend subjektiv sind.

  1. Mir wäre als Abiturientin nie der Gedanke gekommen nicht zu studieren. Für mich war es immer sonnenklar, dass ich studieren würde. Wenn ich ehrlich bin, lag das auch daran, dass ich einfach nicht wusste, was ich wollte, dass ich mich für so vieles interessierte und mich nicht festlegen wollte. Ausbildung? Das klang öde, das klang nach schlechter Bezahlung und noch schlechterer beruflicher Perspektive in zehn Jahren. Nein, ich wollte lieber jetzt länger in eine universitäre Ausbildung investieren und später dann finanziell dafür belohnt werden. Es ist nun schon ein paar Jährchen her, dass ich Abitur gemacht habe, um genau zu sein 14 und wenn ich hier so schwarz auf weiß lese, wie ich begründet habe, warum ich studieren wollte, dann muss ich irgendwie müde lächeln. Denn leider beobachte ich jetzt, dass es nicht unbedingt in jedem Fall finanzielle Sicherheit bedeutet, wenn man studiert. Natürlich hängt das auch davon ab, was man studiert. Ein Mediziner wird wohl weiterhin gut bezahlt werden, ein Lehrer hat je nach Bundesland die Chance verbeamtet zu werden, aber ich entschied mich zunächst für ein Musikstudium, dass ich dann abbrach (siehe oben genannter Beitrag) und ein anschließendes geisteswissenschaftliches Studium. Je mehr ich mich in der Personalabteilung mit meinen Kollegen austausche, die das Recruiting übernehmen und je mehr ich mitbekomme wie berufliche Werdegänge aussehen, desto mehr habe ich aber auch den Eindruck, dass auch z.B. BWL nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Es ist schon lange nicht mehr so, dass ein Studium in jedem Fall eine Investition ist, die sich später auszahlt. Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck, dass eine Ausbildung eine Investition ist, die sich lohnt. Nur zu studieren, damit man hinterher finanziell besser steht, sollte man also nicht.
  2. Meine Kollegin, die den Nachwuchs in der Personalabteilung betreut, klagt, dass es sehr schwierig ist gute Azubis zu finden, in einigen Fällen scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Das liegt daran, dass mittlerweile auch bei Azubis vorausgesetzt wird, dass sie Abitur haben, Abiturienten sich aber zu schade sind eine Ausbildung zu machen und wir grundsätzlich in Deutschland den Trend zu einem höherwertigen Schulabschluss und entsprechendem Studium sehen, z.B. hier. Diese Akademisierung der kaufmännischen Berufe und mittlerweile auch des Handwerks und der technischen Berufe löst diesen Teufelskreis aus, aus dem wir sehr schwer herauskommen werden, wenn diese Berufsfelder weiterhin schlecht von Abiturienten bewertet werden und Unternehmen gleichzeitig immer höhere Erwartungen an Azubis haben. Wenn die Option Ausbildung besonders bei Gymnasiasten völlig unter den Tisch fällt, wenn man nicht einmal den Gedanken zulässt eine Ausbildung als Möglichkeit zu sehen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es Fachkräftemangel gibt. Ich hätte damals zumindest darüber nachdenken sollen, ob es eventuell eine Option hätte sein können.
  3. Die oben genannten Überlegungen haben mich 2015 dazu bewogen mir ernsthaft Gedanken zu machen, ob ich nicht vielleicht doch, nach bereits einigen Jahren zurückliegendem und erfolgreichem Studienabschluss, noch eine Ausbildung zu machen. Weil anscheinend alle sich zu schade sind Sachbearbeiter zu werden (übrigens ein weiterer Suchbegriff, der sehr oft im Zusammenhang mit dem Wort „langweilig“ bei den Suchanfragen in meinem Blog auftaucht und wohl auf diesen Beitrag „Das böse Wort Sachbearbeiter“ zurückzuführen ist). Am Ende musste ich diesen Gedanken nicht weiter konkretisieren, weil ich dann doch über Umwegen eine Stelle erhielt. Aber als ich immer wieder und wieder in Stellenbeschreibungen, die mich interessierten, die Anforderung sah „kaufmännische Ausbildung“, begann ich zu überlegen, ob ein IHK-Abschluss evtl. doch die bessere Option gewesen wäre statt Studium. In diesem Fall haben mir die Anforderungen in Stellenbeschreibungen die Augen geöffnet, dass ein Studium vielleicht doch nicht alles ist.
  4. Kein Studium der Welt bereitet einen trotz Bologna-Prozess und Bachelor und Master wirklich und ernsthaft auf das Berufsleben vor. Sich das vorzumachen, ist schlicht Illusion. Deutschland ist leider ein Land, dass das noch überhaupt nicht verstanden hat. Da muss man möglichst genau in der Richtung, die einen beruflich interessiert, möglichst viele Abschlüsse haben. Hat man etwas abgebrochen oder gar keinen Abschluss, sieht es ganz schlecht aus. Ich hatte mal überlegt den berühmt berüchtigten Master of Business Administration (MBA) zu machen. Weil ich ja offensichtlich diesen Abschluss brauchte, um in den von mir favorisierten Berufsfeldern Fuß zu fassen. Weder Fernuniversität Hagen oder sonstige deutsche Institutionen waren bereit mich aufzunehmen, obwohl ich bereits ein fünfjähriges Studium mit Bravour abgeschlossen hatte. Ich will nicht pauschal sagen, dass alle deutschen Institutionen mich abgelehnt hätten, irgendwann zählt dann auch in Deutschland, man höre und staune, die Berufserfahrung. Aber als Geisteswissenschaftler hätte ich bei den meisten erst einmal ein Bachelorstudium in der wirtschaftswissenschaftlichen Richtung absolvieren müssen, bevor der Master in Frage kam. Ironischerweise hätte mich eine Universität in UK genommen, denen war egal, was ich studiert hatte. Da war nur wichtig, dass ich studiert hatte. Aber davon mal abgesehen, ein Studium ist in den wenigsten Fällen wirkliche Berufsvorbereitung. Das soll es auch nicht unbedingt. Dieser Fakt war mir jedoch, als ich mich immatrikulierte, wenig bewusst. Abgesehen von Lehrern und Ärzten ist selbst bei einem Fach wie Jura nicht unbedingt klar wohin die Reise gehen wird.

Die oben genannten Punkte lassen vermuten, dass ich jedem raten würde nicht zu studieren. Aber dem ist nicht so. Vielmehr sollte sich jeder, der studieren will, überlegen, was er/sie den oben genannten Punkten entgegenzusetzen hat. Es gibt natürlich auch viele Gründe, die für ein Studium sprechen.

  1. Ein Studium bietet sich immer dann an, wenn man tiefer einsteigen möchte. Mir hat das Studium sehr viel Spaß gemacht, auch wenn die Zeit der Magisterarbeit sehr stressig war, so habe ich gerne wissenschaftlich geschrieben (schreiben ist sowieso etwas, was ich gerne mache). Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich auch kein Problem damit gehabt zu promovieren. Zu dem Zeitpunkt war ich jedoch schon desillusioniert genug, lieber nicht eine akademische Laufbahn einzuschlagen, sondern stattdessen mein Glück in der freien Wirtschaft zu versuchen.
  2. Ein Studium kann, wenn richtig umgesetzt, der Schlüssel für den späteren Berufseinstieg sein. Natürlich wird oft ein Studium bei einer Stellenbeschreibung vorausgesetzt und es wird ständig in der Presse breitgetreten, dass Akademiker die geringste Arbeitslosigkeitsquote haben. Auch wenn ich manchmal darüber traurig bin, dass ich so wenig von meinem Studiumsfachwissen jetzt im Berufsleben umsetze, so habe ich definitiv viele Dinge während des Studiums gelernt: mich selbst zu organisieren, mich schnell in unbekannte Themenfelder einzuarbeiten, Themen für andere verständlich aufzubereiten, mir einen Überblick zu verschaffen, kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren und nicht gleich alles als bare Münze anzunehmen. So simpel es klingt, aber mit Studium hat man einen hochqualifizierten Abschluss. Das bedeutet nicht, dass einem automatisch die Türen offengehalten werden, aber dieser hohe Abschluss ist oft Voraussetzung, um eine Stelle antreten zu können.
  3. Zu studieren bedeutet gleichzeitig auch zu lernen. Damit meine ich nicht unbedingt das stupide Büffeln vor einer Klausur. Ich meine damit, dass man gezwungen wird sich mit Themen auseinanderzusetzen, mit denen man sich von selbst nicht unbedingt in der Form auseinandergesetzt hätte und sie vielleicht so intensiv bearbeitet, dass man sie sogar spannend findet. Niemand meiner Generation oder jünger wird je einen Job länger als 25 Jahre haben. Da bin ich fest überzeugt von. Was unsere Eltern und Großeltern erlebt haben, ist Vergangenheit. Wir werden nicht unser Leben lang immer ins gleiche Büro fahren und immer die gleichen Tätigkeiten ausüben, da bin ich mir sicher. Wir alle müssen ständig Neues lernen, egal, ob neue Software oder neue Themen, neue Prozesse oder aber der Umgang mit dem neuen Chef oder Abteilungsleister. Bisher habe ich noch keinen einzigen meiner Generation getroffen, der/die mehr als zehn Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber war. Immer gibt es Bewegung, wir sind viel stärker gefordert als früher mobil zu sein, nicht nur räumlich und zeitlich, sondern auch inhaltlich. Dafür ist ein Studium gut. Zumindest so wie ich es erlebt habe. Es zwingt uns dazu unsere Neugier wach zu halten und immer wieder Veränderung anzunehmen und das Lernen zu lernen. Ich weiß nicht inwieweit das in den angeblich verschulten Bachelors und Masters immer noch der Fall ist, aber wie man nachhaltig und insbesondere selbstorganisiert und strukturiert lernt und Dinge behält, habe ich deutlich besser im Studium erlernt als in der Schule.
  4. Ein Studium gibt einem viel stärker als eine Ausbildung die Möglichkeit zu schnuppern und durchaus mal in verschiedene Richtungen zu gehen. Durch Wahlpflichtfächer, Ringvorlesungen, freiwillige Besuche von fachfremden Vorlesungen oder sonstigen anderen Angeboten an der Uni kann man sich verschieden orientieren. Man kann ganz langsam prüfen, ob das Berufsfeld etwas für einen ist, man kann langsam einsteigen. Ich verstehe durchaus, wenn mir ein 16-jähriger sagt, dass er/sie noch gar nicht weiß wohin die Reise geht. Ich wusste es noch nicht mal mit 30, nachdem ich bereits drei Jahre meinen Studienabschluss in der Tasche hatte. Mich haben schon zu Schulzeiten Mitschüler verunsichert, die ganz klar definiert ihr Berufsfeld in die Welt hinausposaunten. Davon gab es zwar nicht viele, aber einige schienen sich sicher. Aber gerade diese Mitschüler sattelten dann doch um. Eine, die immer Apothekerin werden wollte, machte nach der Ausbildung dann doch per zweitem Bildungsweg ein Studium, eine andere setzte einen anderen Master drauf, ein anderer wurde doch nicht glücklich als Polizist und arbeitet nun in der Beratung.

Wie schon zu Beginn gesagt, es gibt keine einfache Entscheidung, ein Studium ist nicht immer richtig, ein Studium gibt einem nicht automatisch mehr finanzielle Sicherheit, doch gleichzeitig ist ein Studium für viele, viele Stellen mittlerweile Voraussetzung und kann einem helfen verschiedene Optionen für sich zu prüfen und auf einer ganz anderen Metaebene Fähigkeiten zu erwerben, die einem im späteren Berufsleben nützlich sind.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, eigene Erfahrungen und Diskussionswillige!

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch wenn ich in der Personalabteilung arbeite, habe ich leider selten das Vergnügen den Einstellungsprozess mitzuerleben. Dazu arbeite ich in einem zu spezifischen Spezialbereich, den ich mal hier genauer erklärt habe. Meine Personalabteilung ist sehr groß, wir sind mehr als 30 Leute und entsprechend übernehmen es andere, die Bewerbungsgespräche zu terminieren und zu führen.

Jetzt ergab sich aber endlich die Chance, ich durfte also miterleben wie zunächst die Stellenausschreibung nach heißen Diskussionen online ging, wie die Bewerbungen langsam reintrudelten, gesichtet wurden, Telefon-, Videointerviews und Gespräche stattfanden und langsam einige wenige übrigblieben. Auch wenn ich erst sehr spät eingebunden wurde und erst an Zweit- oder Drittgesprächen teilnahm und noch viel später meine Meinung dazu abgeben durfte, ob die Person eingestellt werden sollte oder nicht, ein wenig habe ich erahnen dürfen wie unglaublich schwierig es ist in so einer kurzen Zeitspanne jemanden auszuwählen. In meinem ersten Beitrag habe ich mal darüber sinniert wie künstlich dieser ganze Bewerbungsprozess ist und wie sehr es einem einstudierten Balztanz ähnelt, den wir nie mehr in der Form aufführen werden.

Aber Balztanz hin oder her, es gibt Hoffnung. Das habe ich diesmal live miterleben können. Es besteht die Möglichkeit statt Balztanz einen Breakdance hinzulegen, die Rituale kann man manchmal doch noch abändern, für sich zu Vorteil nutzen. Denn in diesem Fall hat man einer Quereinsteigerin eine Chance gegeben. Und wenn ich ganz subjektiv urteilen darf, gab es diese Gründe, warum man sich für sie entschied:

  • Ehrlichkeit: Sie stand ganz klar zu ihren Lücken im Fachwissen. Natürlich war auch schon in ihrem Lebenslauf ersichtlich gewesen wo es hapert, aber sie versuchte es auch nicht zu vertuschen, sie stand schlicht dazu.
  • Der Wunsch die Branche zu wechseln wurde klar und einsichtig begründet. Jeder Quereinsteiger wird an irgendeiner Stelle im Vorstellungsgespräch gefragt werden wieso man wechseln möchte. Normalerweise hat auch jeder Quereinsteiger sich dazu ausgiebig Gedanken gemacht. Soweit so gut. Aber der große Unterschied zeigt sich dann, wenn gefragt wird, was genau die Person sich von der Position erhofft und was sie meint ihre Aufgaben sein werden. Sie hatte sich genau informiert, das merkte man sofort. Sie hatte sich klar Gedanken gemacht, sie wusste wo sie sich ganz reinhängen musste, was ihr leichter von der Hand gehen würde. Ihr spürte man es ab, sie hatte Leidenschaft für das Thema, sie war begeistert. Meist scheitert es entweder daran, dass Quereinsteiger nicht genau wissen, auf was sie sich einlassen, reden sehr diffus davon, was sie sich vorstellen oder aber sie zeigen zu wenig Motivation für das unbekannte Neue. Da wird gewechselt, weil der Chef scheiße war oder weil aus anderen Gründen die Langeweile oder der pure Stress aufkam. Ganz schlechte Karten im Gespräch.
  • Es mag nach einer Binsenweisheit klingen, aber sie passte ins Team. Ich habe das große Glück in einer Firma arbeiten zu dürfen, die Quereinsteigern, Geisteswissenschaftlern oder sonstigen Fachfremdem zugesteht, dass sie lernen können und wollen. Das ist leider nicht in jeder Firma der Fall. Zu sehr ist es ein Markt mit zu viel Angebot, sodass viele Firmen lieber auf Nummer sicher gehen, als dass sie einen Quereinsteiger nehmen. Aber ob jemand im Team harmoniert, ob jemand von der Firmenkultur passt, ob jemand mit den Schrullen und Kanten der vorhandenen Personen zurechtkommen wird, das ist etwas, wo unsere Personalabteilung zum Glück ganz genau drauf achtet. Denn es ist die halbe Miete. Wissen kann man sich aneignen, Prozesse erlernen, sich einarbeiten. Das alles ist machbar. Aber ob jemand im Team zurechtkommt, ob jemand hineinpasst in das vorhandene Puzzle an Mitarbeitern, das ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Deshalb wird oft als letzte Instanz auch ein Gespräch im Team mit der Person geführt. Meist ist es etwas kürzer, die verschiedenen Teammitglieder stellen sich vor und erklären ihre eigenen Aufgaben als auch, wie die zukünftige Mitarbeiterin sich in allem einfügt und was ihre Rolle bisher war und sein soll. Jedes Mal habe ich bisher von den Bewerbern gehört, dass sie es unglaublich bereichernd fanden, dass das Team auch eingeladen wurde, dass man sich gegenseitig beschnuppert. Warum dies anscheinend bisher noch so selten in der Praxis umgesetzt wird, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Denn mit diesen Teammitgliedern wird der potenzielle neue Mitarbeiter einen Großteil seiner Lebenszeit verbringen. Da sollte man nicht gleich ablehnende Gefühle im Gespräch entwickeln oder gleich von vorne herein ein schlechtes Bauchgefühl haben. Da ist Chaos, Ärger, Frust und Krach vorprogrammiert, wodurch dann automatisch die Arbeit drunter leidet. Deshalb lernte das Team sie also auch kennen und anschließend wurde das Team befragt, ob sie sich vorstellen könnten mit ihr zusammenzuarbeiten. Die einhellige Antwort lautete ja, obwohl der Fakt, dass sie Quereinsteigerin ist, für einige Teammitglieder bedeutet, dass sie mehr Arbeit haben werden, um sie entsprechend in alle Thematiken einzuführen.

Es besteht also Hoffnung, auch für Quereinsteiger. Dass man nach tausendfachen Absagen doch eine Zusage erhält. Ich weiß, das sagt sich immer so leicht. Aber es ist möglich. Bereite dich entsprechend vor, triff dich mit Leuten aus deiner Wunschbranche, frage sie Löcher in den Bauch. Ich habe hier mal erklärt wie ich das sogar mit ganz unbekannten Leuten per Xing ausprobiert habe und darüber sogar eine Stelle bekam. Gleiche deine Wunschvorstellung mit der Realität ab bevor du dich gezielt auf Stellen bewirbst. Wer weiß, vielleicht stößt du auch auf so viel Begeisterung wie diese Bewerberin, die qualifizierte Fachkräfte ausstach.

Die Jagd nach dem perfekten Cookie

Ich habe einen Knall. Ich liebe Cookies. Ich bin das Cookie Monster, bin ich schon immer gewesen. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind drei Jahre in USA gelebt habe, keine Ahnung. Seit Monaten bin ich auf der Jagd nach dem perfekten Rezept. Chocolate Chip Cookies sind meine Lieblingscookies. Wie die von Subway. So schön groß und voller Chocolate Chips und Kalorien, ganz weich und am Rande knusprig. Von chefkoch.de bis hin zu Food-Blogs, ich habe sie alle durchforstet nach dem perfekten Rezept. Geduldig habe ich sie gelesen, nachgebacken, verfeinert, verworfen, wieder gebacken, experimentiert, hinzugefügt, weggelassen oder mich strikt an sie gehalten. Bestimmt 20 Rezepte habe ich bereits ausprobiert, von einigen Variationen. Das vorletzte war ein Desaster, das war einfach nur ein Keks mit Schokostückchen, obwohl das Rezept mehr als 1.000 positive Rezensionen hatte und ganz viele Rezensenten behauptet haben sie schmecken paradiesisch lecker. Meiner Meinung nach hatte der Keks mit dem Subway-Cookies wenig zu tun. Also habe ich weitergesucht. Und bin jetzt fündig geworden. Bei einer Amerikanerin, natürlich. Sally’s Baking Addiction nennt sich ihr Blog. Ihr Rezept habe ich nur leicht angepasst, weniger Zucker für den deutschen Gaumen. Der Cookie ist immer noch nicht perfekt, aber er kommt den Subway-Cookies schon wesentlich näher. Den perfekten Chocolate Chip Cookie werde ich vielleicht nie finden. Und teile weiter unten deshalb das Rezept als beinahe perfekt. Bisheriges Lieblingsrezept. Auch wenn dies hier ein Blog zum Thema Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler ist.

Warum ich das mache? Weil ich viele Parallelen sehe zwischen meiner Suche nach dem perfekten Rezept und meiner Suche nach dem perfekten Beruf. Unbewusst habe ich mir schon ziemlich früh einen perfekten Beruf ausgemalt, der mich 40 Stunden die Woche dauerhaft glücklich macht und habe dann angefangen nach ihm zu suchen. Aber den gibt es nicht, den wird es auch nie geben. Das ist eine Tatsache, die insbesondere die jüngere Generation, die gerade studiert und in der Ausbildung ist, noch schlucken muss. Ich musste sie auch schlucken. Wir sind in einem solchen Optimierungswahn, wir wollen immer schneller, höher, weiter, besser. Viele denken, dass es DEN Traumjob gibt, aber das ist eine Lüge. Ich denke, dass man in verschiedenen Berufsfeldern glücklich werden kann. Ich bin zum Beispiel sehr gerne Sprachlehrerin gewesen. Wenn die Rahmenbedingungen andere gewesen wären, wäre ich vielleicht sogar heute noch Trainerin. Jetzt fühle ich mich sehr wohl in der Personalabteilung und fange langsam an hier tiefer in die Materie zu tauchen. Diesen einen und ultimativen Traumberuf, den viele irgendwo vermuten, den gibt es nicht, es gibt immer nur Annäherungen und selbst da gibt es Annäherungen an verschiedene Berufsfelder. Wie sonst könnte man sich erklären, dass ein Mensch in komplett verschiedenen Berufen erfüllt arbeiten kann? Es gibt genügend Geschichten von Menschen, die eigentlich ihren bisherigen Beruf toll fanden, aber irgendwie nach Jahren Lust auf etwas anderes hatten und dann glücklich gewechselt sind. Selbst wenn man für sich meint einen tollen, erfüllenden Beruf gefunden zu haben, wird es auch bei ihm Aufgaben geben, die nicht immer Spaß machen. Das ist einfach so. Doch viele tun sich schwer damit und versuchen im ultimativen Trip der Selbstverwirklichung sowohl den perfekten Partner, den perfekten Beruf als auch das perfekte Leben zu führen.

Ich sehe auch deshalb Parallelen, weil es auch bei den Rezept-Foren eine Reihe naseweiser Forenmitglieder gibt, die meinen das Rezept diene nur als ungefährer Hinweis, was man denn backen will (einmal klang es ganz so in einem Kommentar, als ob die Person statt Chocolate Chip Cookie einen Zitronenkuchen im Sinn hatte mit alledem, was ihrer Meinung nach ersetzt, gestrichen und geändert werden musste). Es gibt auch bei der Berufssuche viele gutmeinende Menschen, die an den eigenen Rezeptideen viel auszusetzen haben, meinen hinzufügen zu müssen und manchmal abstruse Ratschläge parat haben, was man alles ändern sollte, damit das „Berufserfolgsrezept“ aufgeht.

Davon sollte man sich nicht beirren lassen. Genauso wenig wie von 1.000 Leuten, die behaupten, das Rezept wäre das Beste, was sie je gegessen hätten, man sich also ans Werk macht und am Ende bitter enttäuscht wird. Nicht jede Berufsidee, die man hat, passt zu einem. Was bei anderen funktioniert, funktioniert nicht unbedingt bei einem selbst. Nur weil alle BWL oder IT studieren, bedeutet das noch lange nicht, dass auch ich das tun sollte. Klingt zwar banal, aber man kann schnell in eine Sackgasse gelangen, wenn man den Eindruck hat, dass alle um einen herum voller Eifer ihren Beruf ausüben, mit Begeisterung dabei sind, nur man selbst hängt schlapp in den Seilen und ist sich unschlüssig, denn soooo schlimm ist es ja nun auch wieder nicht. Dann klar für sich sagen zu können, dass es vielleicht für den anderen toll sein mag, für einen selbst aber nicht, ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Es ist ein Gradseilakt zwischen der ewigen Suche nach DEM Traumberuf und der klaren Ansage, dass man im Moment einfach nicht glücklich ist im bisherigen Berufsfeld.

Ich sehe auch deshalb eine Parallele, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man ausprobieren muss. Berufsidee hin oder her, nur wenn man bäckt, nur wenn man in dem Bereich arbeitet, kann man für sich ausloten, ob das was ist. Einige der Rezepte, die ich ausprobiert habe, wurden tausendfach gelobt, andere kamen eher unscheinbar daher. Nur darüber zu lesen, hören, zu recherchieren reicht nicht aus. Man muss sich ans Werk machen und mal probieren. Was so einfach klingt, lässt sich aber schwer in die Tat umsetzen. Ich weiß. Aber wie sonst soll man sonst merken, was man kann, was einem Spaß macht, was man nicht will und wovon man tunlichst die Finger lassen sollte?

Ich poste auch deshalb das Rezept hier, weil ich dazu stehen will. Den perfekten Cookie werde ich wohl nie backen, den gibt es nur in meinem Kopf, aber ich glaube für das richtige Leben reicht mir das genannte Rezept. Für heute, für das Jetzt bin ich mit meiner Berufswahl glücklich und zufrieden. Das unten stehende Rezept ist bisher meiner Meinung nach die beste Annäherung an den Subway-Cookie. Auch wenn ich zwei Stunden warten muss, bevor ich endlich einen Cookie essen kann. Ich habe auch einige Jahre gewartet, bis ich beruflich endlich hier angekommen bin. Es gab Wirrungen, ich habe nicht den Traumberuf gefunden, aber ich habe einen Beruf gefunden, den ich gerne ausübe.

Vielleicht hilft dir das Rezept auch beim Bewerbungsschreiben? Die Cookies sind in 10min gemacht, nur kühlen, das dauert leider seine Zeit. Vielleicht eine hilfreiche Deadline in den zwei Stunden die nächste Bewerbung fertig zu machen? Auf ein Glas Milch mit Cookie zur Stelle, die zufrieden macht und erfüllt – zumindest meistens: Prost!

Beinahe perfektes Rezept für Chocolate Chip Cookies (analog zu Subway)

Ergibt ca. 14-16 Stück

Zutaten:

170 gr Butter

120 gr brauner Zucker (je höher der Anteil an braunem Zucker, desto softer und weicher wird der Cookie am Ende)

70 gr weißer Zucker (einen kleinen Anteil weißen Zucker braucht man trotzdem, damit der Cookie seine typische Konsistenz erhält)

1 Ei und 1 Eigelb

1 TL Vanilleextrakt (gibt es bei Amazon oder im nächsten Urlaub; in fast allen Ländern zu haben)

280 gr Mehl

1 Päckchen oder 1 TL Natron

1 1/2 TL Speisestärke

180 gr Chocolate Chips (Amazon oder Dr. Oetker lassen grüßen, natürlich geht auch kleingehackte Zartbitterschokolade oder M&Ms oder, oder)

Zubereitung:

Die Butter in der Mikrowelle oder auf dem Herd fast komplett schmelzen und im Anschluss mit den beiden Zuckersorten gründlich in einer großen Schüssel vermischen bis eine homogene Masse entstanden ist. Erst das Ei und dann das Eigelb unterrühren, gefolgt vom Vanilleextrakt. Mit einem Löffel das Mehl, Natron und die Speisestärke unterheben. Als letztes die Chocolate Chips unterrühren.

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Der Teig ist sehr fest und leicht klebrig. Den Teig mindestens zwei Stunden, gerne auch über Nacht im Kühlschrank kühlen (ich weiß, ich hasse diesen Teil auch, aber es macht wirklich einen himmelweiten Unterschied, ich habe es mehrmals ausprobiert!). Im Anschluss zwei Backbleche mit Backpapier auslegen, den Ofen auf ca. 160 Grad Ober-und Unterhitze vorheizen. Pro Cookie ca. 1 reichlichen EL Teig verwenden und zu einem etwas höheren als breiten Bällchen formen (siehe Bild). Achtung, wenn der Teig über Nacht im Kühlschrank war, ist er extrem schwer zu formen, das ist normal.

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6-8 Bällchen auf das erste Blech setzen und nach Sicht ca. 11-12 Minuten auf mittlerer Schiene backen. Da jeder Ofen etwas anders funktioniert, ist die Backzeit als Richtwert zu verstehen. Der Rand der fertigen Cookies sollte bereits goldbraun sein, die Mitte noch weich und eher blass. Backblech rausnehmen und die Cookies auf dem Blech zu Ende backen lassen. Wer mag, kann an dieser Stelle auch noch strategisch weitere Chocolate Chips in die Cookies drücken, bevor man sie z.B. auf einem Teller komplett auskühlen lässt. Mit dem Restteig wieder Bällchen formen und backen, bis der Teig aufgebraucht ist.

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Was ich im Laufe meiner Cookie-Jagd gelernt habe:

  • Die Butter zu schmelzen ist sehr wichtig, von wegen chemische Reaktion und so, frag mich nicht.
  • Die Speisestärke macht den Cookie weicher und gleichzeitig dicker. Geschmacklich ist kaum ein Unterschied zu merken, aber der Cookie behält mit Stärke viel besser seine Form und fällt nicht in sich zusammen.
  • Natürlich kann man anfangen Butter mit Margarine, Zucker mit Honig usw. zu ersetzen. Aber wenn man eine gute Konsistenz erhalten möchte, braucht man beide Zuckersorten. Besonders viel braunen Zucker. Den kriegt man mittlerweile auch in Deutschland in jedem Supermarkt.
  • Die 2 Stunden Kühlschrankzeit abzuwarten sind es wirklich wert. Noch besser schmecken sie, wenn der Teig über Nach im Kühlschrank war. Als kleiner Tipp: man kann sich auch nur anteilig Cookies formen und backen, wenn man Sorge hat als Cookie Monster zu viele in sich hineinzustopfen. Der Teig hält im Kühlschrank ca. 1 Woche ohne Probleme. Man kann auch bereits vorgeformte Cookies einfrieren und muss sie dann nur länger nach Sicht backen.
  • Die Cookies dürfen nicht zu lange gebacken werden. Wenn sie noch ziemlich blass aussehen und nur am Rande goldbraun sind, sind sie genau richtig (natürlich kann man sie auch knuspriger backen, aber ich bin wie gesagt Subway-Cookie-Fan und der ist nunmal butterweich). Auf den Bildern sind die Cookies mit meinem Ofen 12 Minuten gebacken. Mehr nicht. Waren sie länger im Kühlschrank, kann sich die Backzeit verlängern.

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30 Jobs in einem Jahr

Jannike Stöhr hat etwas gemacht, was sich nicht viele trauen; ihren Beruf als Personalerin nach acht Jahren bei VW hingeschmissen und sich eine Auszeit von drei Jahren genommen, um ihren Traumjob zu finden. Über Bekannte und Freunde fragte sie herum, um jeweils eine Woche ein unentgeltliches Praktikum in einem Beruf im deutschsprachigen Raum zu machen. Wichtig war ihr, dass die Person den Beruf mit Leidenschaft ausübte und bereit war in der Woche, wo Jannike dabei war, aus dem Nähkästchen zu erzählen und sich über die Schulter schauen zu lassen. Jannike bekam so Einblick in 30 Berufsfelder. Sie lebte von Gespartem, übernachtete per Cousurfing, um die Kosten gering zu halten. Die Liste der Berufe, die sie ausprobiert hat, ist sehr lang und unterschiedlich, von der Biobauerin, Erzieherin, Architektin bis hin zu Karriereberaterin, Winzerin und Pastorin ist alles dabei. Eine genaue Auflistung findet sich auf ihrem Blog. Auf ihrem Blog beschreibt sie auch jede einzelne Erfahrung, zieht zwischendurch ein Resumee und berichtet, warum aus der ursprünglichen Auszeit von drei Jahren eine Selbstständigkeit im Bereich der beruflichen Um- und Neuorientierung bereits nach dem Jahr mit den 30 Jobs entstanden ist.

Jannike hat auch ein Buch zu ihren Erfahrungen geschrieben, hier zu finden. Auch der Spiegel führte mit ihr ein Interview. Dass sie so viel Aufmerksamkeit mit ihrem Experiment erhielt, verwundert mich nicht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist der Beruf zwar nicht alles, aber gleichzeitig verwenden wir ein Großteil unserer Lebenszeit bei der Arbeit. Jannika glaubte wie auch viele der Generation Y und Z, dass es DEN Traumjob gibt, den es per Selbstfindungstrip zu finden gilt.

Für alle, die in der Bewerbungsphase sind oder die Frage „Und, was wird man damit?“ nicht mehr hören möchten, weil sie immer noch keine Antwort darauf gefunden haben, würde ich gerne Jannikes Worte mitgeben, die sie auf die Frage gibt, ob sie denn nun endlich ihren Traumberuf gefunden hat:

„Aber was ist denn nun bei der Traumjob-Suche herausgekommen? Hat sie ihren Traumjob gefunden?“, werdet ihr euch vielleicht fragen. Die Antwort lautet: Nein.

Viel besser noch. Ich habe herausgefunden, was ich kann, was mir Spaß macht und was mir wichtig ist. Daraus ergeben sich mehrere Optionen. Jede einzelne von ihnen klingt in meinen Ohren großartig. Vielleicht bewerbe ich mich an einer Journalisten-Schule. Vielleicht bleibe ich Bloggerin. Vielleicht werde ich Berufsberaterin. Wo ich noch vor einem Jahr überzeugt war, Pläne zu brauchen, bin ich heute entspannter. Die Optionen werde ich beizeiten auf ihre Umsetzbarkeit prüfen. Ich bin mir sicher, dass die richtigen Dinge zur richtigen Zeit kommen werden und ich sie dann auch erkennen kann. Denn das habe ich in erster Linie in den letzten zwölf Monaten gelernt: Loszulassen und auf meine Intuition zu vertrauen.

Hier nachzulesen. Jannike scheint einige ihrer Ideen bereits umzusetzen. Sicherlich kommen auch noch neue dazu.

Ich freue mich wie immer über Kommentare.

Berufsfeld Aufräum-Coach

Manchmal stolpere ich im Netz über Artikel und dann bleibt mir die Spucke weg. In diesem Fall im positiven Sinne. Es gibt sie wirklich. Die ultra-um-die-Ecke-denkenen Berufe, an die man nicht im Traum gedacht hat. Wie zum Beispiel den Aufräum-Coach. Was macht denn bitte ein Aufräum-Coach? Er bringt die eigene Wohnung, das Büro, das Haus oder den Nachlass der lieben Oma in Ordnung. Er sortiert, strukturiert, bringt weg und organisiert und schafft so Klarheit, Ruhe und – Ordnung. So wie zum Beispiel Gunda Borgeest, die den Service „Schönste Ordnung“ begründete. Ihre Arbeit kann man in diesem sieben-minütigen Video bestaunen:

Welche Kenntnisse man für dieses Berufsfeld mitbringen muss, sind meiner Meinung nach folgende:

  • Einen Sinn für Ordnung und Struktur und die Fähigkeit Ordnungssysteme zu erschaffen
  • Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen und Ordnungstypen
  • Den Blick für das Ganze im Auge behalten
  • Bereitschaft Entscheidungshilfe zu sein

Hier finden sich noch weitere Links zu Ausbildungsstätten sowie weiterführende Literatur: https://brotgelehrte.wordpress.com/2016/09/21/aufraeum-coach-konmariconsultant/

Wer noch nicht genug hatte, kann sich auch dieses sieben-minütige Video zu ihrer Arbeit anschauen:

Mut zum Jobwechsel

Melanie Vogel lädt auf ihrer Blogparade „Mut zum Jobwechsel“ ein darüber nachzudenken, was das Positive an einem Jobwechsel ist. Ich bin jetzt 34 und war in meinem Berufsleben bereits Koordinatorin eines Jugendaustauschprogrammes, Jazzpianistin, Sprachtrainerin, Leiterin in einer Sprachschule, Relocation Managerin und arbeite jetzt im internationalen Bereich in der Personalabteilung. Ich habe als Angestellte erst ein Team von 50 Personen geleitet, bevor ich als Assistentin gearbeitet habe und war ebenso fünf Jahre lang mit zwei Standbeinen selbstständig. Mein Lebenslauf ist ein Flickenteppich und Jobs als auch Branchen habe ich gefühlt so oft gewechselt wie manch einer seine Unterhemden.

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Die meisten meiner Jobwechsel waren extern bedingt. Einmal wurde meine Stelle aus betrieblichen Gründen gestrichen und zwei Mal erhielt mein Mann ein attraktives Jobangebot in einer anderen Stadt, sodass ich kurzerhand kündigte und mir etwas Neues suchte. Ein anderes Mal reizte es mich etwas Neues auszuprobieren, andere Wege zu gehen.

Auch wenn die meisten meiner Jobwechsel extern bedingt waren und ich also gezwungen wurde erneut zu wechseln, habe ich im Laufe der Zeit gemerkt, dass sie gar nicht so schlimm sind wie alle immer meinen. Jobwechsel bergen eine Chance. Sie bergen die Chance neue Fähigkeiten an sich zu entdecken. Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich mal großer Excelfan werde, ich hätte gelacht. Es ist nicht umsonst, dass ich einen Abschluss in Sprachen und eine Zeitlang Jazzkklavier an einer Musikhochschule studiert habe. Von selbst wäre ich nie auf die Idee gekommen Gedankengänge in Excel festzuhalten oder Listen zu erstellen. Excel, so meine damalige Ansicht, braucht man nur, wenn man irgendwelche Budgets macht. Aber jetzt bin ich fasziniert, was man alles damit anstellen kann, nachdem ich beruflich gezwungen wurde mich mit der Materie auseinanderzusetzen.

Jobwechsel haben mich auch entspannter gemacht, wenn es um den Umgang mit Kollegen geht. Denn egal wie groß die Firma ist, egal welche Branche es ist, man wird immer wieder die gleichen Typen an Mensch vorfinden. Da gibt es die netten Kollegen, die guten Seelen des Hauses, mit denen man es sich auf keinen Fall verderben sollte. Dann gibt es die hochnäsigen Besserwisser, die überall ihren Senf dazugeben während sie durch die Trakte schreiten und die meist ziemlich empfindlich sind. Dann gibt es auch noch die stillen Mäuschen, oft sitzen sie bereits hochkonzentriert am Schreibtisch, wenn man selbst eintrifft. Zu Beginn übersieht man sie vielleicht, aber schon bald stellt man fest, dass sie die meiste Arbeit still und leise im Hintergrund erledigen während andere lärmend ein Meeting anberaumen. Konflikte unter Kollegen gibt es überall, es ist eher die Frage wie man in der Firma mit ihnen umgeht und wie man selbst auf die einzelnen Typen reagiert bzw. gelernt hat mit ihnen zurechtzukommen.

Jobwechsel führen auch dazu, dass man schneller auf das Wesentliche achtet. Die Software mag eine andere sein, die Prozessabläufe komplett verschieden, aber die grundlegenden Arbeitsschritte sind die gleichen. Ich habe es schon erlebt, dass ich mit anderen Augen auf die Prozesse schaue. Nicht nur, weil ich noch nicht betriebsblind bin, sondern auch, weil ich den gleichen Prozess bereits bei zwei verschiedenen Firmen erlebt habe und somit eine ganz andere Vergleichsbasis habe. Somit habe ich oft schon angestoßen Prozesse neu zu durchdenken und anders aufzusetzen.

Meine vielen Jobwechsel haben mich auch gelehrt mit Ungewissheit und Unsicherheit anders umzugehen. Wie zum Beispiel beim letzten Jobwechsel. Der Umzug von München nach Hamburg aufgrund eines Jobangebots für meinen Mann traf in meinem Bekanntenkreis auf viel Unverständnis. Warum wir denn unbedingt gemeinsam nach Hamburg wollten. Wäre es nicht sinnvoller, wenn mein Mann erst einmal alleine nach Hamburg ginge, bis er die Probezeit überstanden hatte und ich dann nachkam? Wäre es nicht klüger, wenn ich erst einmal ein Stelle in Hamburg hätte bevor ich kündigte?

Wir schlugen alle Ratschläge in den Wind. Wir hofften einfach darauf, dass mein Mann seine Probezeit bestehen und ich ebenso eine Stelle in Hamburg finden würde. Immerhin erhielt ich im schlimmsten Falle ja auch Arbeitslosengeld. Wir legten einfach los. Sollte es in Hamburg in die Hose gehen, so überlegten wir uns, würden wir einfach zurückkehren. Mein Arbeitgeber in München hätte mich mit Kusshand wieder genommen, auch mein Mann hätte sicherlich etwas Neues gefunden.

Es mag vielleicht naiv klingen, aber ich hatte durch meine vielen Jobwechsel gelernt darauf zu vertrauen, dass es immer irgendwie klappt. Denn so war es in der Vergangenheit immer gewesen. Irgendetwas ergab sich immer. Irgendwie ging es immer weiter. Auch wenn ich eine Weile in Hamburg arbeitslos war und sogar einen Tiefpunkt erlebte, weil ich gehofft hatte, dass die Stellensuche einfacher würde, da ich kein Berufseinsteiger mehr war, ergab sich nach einigen Monaten etwas. Mein Mann bestand die Probezeit und ich fand einen Job – unser Konzept ging auf.

Ich bin heute so froh, dass wir nach Hamburg gezogen sind. Denn ich habe jetzt zum ersten Mal das Gefühl beruflich angekommen zu sein. Ich habe jetzt den Wunsch tiefer in die Materie einzusteigen, mich zu spezialisieren und mich auch noch in fünf Jahren Personalerin im internationalen Bereich zu schimpfen. Ich wäre nie hierhingekommen, wenn ich in den meisten Fällen nicht dazu gezwungen wäre mich wieder neu zu bewerben. Zu jedem Jobwechsel gehört Mut. Mut loszulassen, Mut sich ins Ungewisse zu stürzen. Mut zum Risiko. Ich kann nur dazu ermutigen es einfach mal zu versuchen. Jeder einzelne Jobwechsel war für mich wertvoll. Entweder, weil ich im Kundenumgang geschult wurde, weil ich gemerkt habe, was ich nicht will oder weil ich als Quereinsteigerin zu neuen Ufern aufgebrochen bin und Fähigkeiten an mir entdeckt habe, von denen ich bis dato nicht wusste.

Natürlich sind Jobwechsel auch anstrengend. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Jahren nicht schon wieder als die „Neue“ allen die Hand schütteln muss, während ich geduldig darauf warte, dass die IT meine E-Mailadresse aufsetzt und die Software installiert, bis ich erschöpft ins Bett falle, ob der vielen neuen Informationen, Abläufe und Prozesse. Natürlich sehne auch ich mich nach Stabilität. Ich mag, man mag es kaum glauben, durchaus auch Routine und erfreue mich an geregelten Arbeitsabläufen.

Aber diese Angst, dieser Fokus auf vermeindliche Sicherheit, die kann man meiner Meinung nach getrost in den Wind schlagen. Denn wenn ich etwas durch die Jobwechsel gelernt habe, ist, dass es sowieso immer alles anders kommt als man denkt. Deshalb: Mut zum Jobwechsel!

PS: Wer mag, kann hier nachlesen, warum ich auch meinen Studienabbruch nicht bereue.

Gastbeitrag

Auf dem Blog des Wissentransferzentrums Süd der eine Kooperation mit verschiedenen Unis in Graz, Österreich hat, habe ich heute Rede und Antwort gestanden. Wer mag, kann hier das Interview nachlesen.

Hiermit möchte ich auch erneut Leser einladen mir gerne zu schreiben, wenn jemand Lust auf einen Gastbeitrag hat, von seinem/ihrem Berufseinstieg erzählen oder eine Frage loswerden möchte. Per Kommentar oder per E-Mail info at jennywarkentin.de kann ich gerne kontaktiert werden.