Tabuthema Trauern bei Arbeitsverlust

Silke ruft in ihrem Blog „In lauter Trauer“ auf, heute über das Thema Trauer in seinen verschiedenen Facetten nachzudenken. Heute, weil heute der Geburtstag ihres Partners Julian ist, der vor vier Jahren aus ihrem Leben gerissen wurde, als er in Nepal plötzlich umkippte und verstarb.

Über Trauer, Tod und Verlust zu sprechen, fällt vielen Menschen sehr schwer. Oft fehlen die Worte, es kommen nur noch Worthülsen zum Vorschein und es gibt betretenes Schweigen. Das ist natürlich besonders der Fall, wenn jemand stirbt. Das gilt aber auch, wenn man seine Arbeitsstelle verloren hat. Auch hier gibt es viele Worthülsen a la „Das wird schon wieder!“, „Bald findest du was!“ oder noch schlimmer „Ich beneide dich, jetzt kannst du endlich ausschlafen!“, die einen verfolgen, wenn einem gekündigt wird.

Ich werde nie vergessen wie ich bei meinem ersten Job nach meinem Uniabschluss vom Chef herbeizitiert wurde und er mir mitteilte, dass meine Stelle gestrichen wurde. Ironischerweise war ich zum Termin mit einem Vorschlag erschienen wie man das Jugendprogramm, das ich koordinierte, noch bekannter machen konnte. Ursprünglich war der Termin angesetzt für die Ausarbeitung der Marketingtour. Vielleicht erklärt es, warum ich sehr lange im Gespräch brauchte bis mir dämmerte, was mein Chef gerade versuchte mir mitzuteilen. Ich war wie vor dem Kopf gestoßen. Als das Gespräch beendet war, ging ich zurück ins Büro zu meiner Kollegin und packte stumm meine Sachen. Es war gerade mal 10 Uhr morgens, aber an diesem Tag wollte und konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich erzählte meiner Kollegin kurz und knapp, dass mir gekündigt worden war und dass ich jetzt nach Hause gehen würde. Sie nickte, ähnlich fassungslos wie ich, und ich verschwand.

Ich fühlte mich wie ein Roboter. Ich kann mich kaum an die nächsten Wochen erinnern. Irgendwie schaffte ich es weiterhin zur Arbeit zu gehen, aber jetzt machte ich so gut wie nichts und schloss nur noch halbherzig einige Sachen ab. Man wollte mich hier nicht, warum sollte ich Energie reinstecken in etwas, was sowieso für die Katz war. Auch wenn mein Chef mir versuchte zu erklären, dass es finanzielle Gründe waren, warum meine Stelle gestrichen wurde und es nichts mit meiner Arbeitsweise zu tun hatte, ich war betäubt und geschockt. Ich fing an auf Arbeit auf Stellensuche zu gehen, es war mir völlig egal, was meine Kollegen von mir hielten, denn lange würden sie mich nicht mehr erleben.

Irgendwann war es dann wirklich soweit, mein letzter Arbeitstag kam, ich ging, sehr leise und kaum einen interessierte es. Ich suchte also Zuflucht bei meinem Mann, meiner Familie und Freunden und versuchte mich aufzuraffen wieder Bewerbungen zu schreiben. Denn das ist das schlimme bei einer Kündigung, es bleibt einem kaum Zeit wirklich zu trauern. Es bleibt keine Zeit viel darüber nachzudenken, denn der finanzielle Druck war bei mir groß.

Heute weiß ich, dass ich mich viel über meine Arbeit identifiziere. Heute weiß ich, dass eine gute Arbeitsstelle mir viel bedeutet. Damals war es mir nicht so klar bewusst. Ich ging also mit dem Identitätsverlust so um, dass ich mich bis zur Erschöpfung mit Bewerbungen und Stellensuche beschäftigte. Aus finanzieller Not heraus baute ich meine bis dahin nebenberuflich ausgeführte Selbstständigkeit stärker aus und kam irgendwann an den Rande eines Burnouts.

Mein erster Job war mir gekündigt worden und es wollte einfach nicht mit einer neuen Stelle klappen. Zwischen all dem hektischen Suchen nach einer Stelle, dem Ausüben der Selbstständigkeit und dem ständigen Grübeln warum gerade mir das passieren musste, klammerte ich die Trauer komplett aus. Ich meinte keine Zeit zu haben der Wut, Verzweiflung, Angst und Frustration Raum zu geben oder diese Gefühle gar der Welt kundzutun.

Außerdem isolierte ich mich, igelte mich ein und sprach bald mit niemanden mehr über meine Arbeitslosigkeit. Ich schämte mich, weil es nicht klappen wollte und scheinbar niemand sonst so zu kämpfen hatte wie ich. Außerdem hatte ich keine Lust mir blöde Sprüche anzuhören und mich angeblich glücklich zu schätzen, weil ich nun endlich Zeit hatte. Nein, mein Arbeitsverlust war definitiv kein Gewinn für mich, er war ein Verlust, den ich aber nicht verstand gebührend zu verarbeiten, sondern den ich versuchte zu verdrängen und zu ignorieren. Meine Lösung bestand darin mich abzulenken.

Bei meiner letzten Arbeitslosigkeit hatte ich wenigstens im Ansatz einige Strategien, die mir halfen in dieser schwierigen Phase durchzuhalten. Ich habe meine persönlichen Tipps in diesem Beitrag beschrieben. Aber der Trauer bei Arbeitsverlust Raum zu geben und zum Beispiel um den Verlust zu weinen, das habe ich noch nicht so richtig gelernt.

Ich weiß im Moment nur, dass Arbeitslose niemals von mir hören werden, dass sich ganz bestimmt bald etwas ergeben wird. Ich weiß, dass ich nach den ersten Wochen der allgemeinen Bestürzung, wenn sie von der Kündigung erzählt, nachfragen und vielleicht zwischendurch hartnäckig ein Treffen anbieten muss, auch wenn die Person behauptet keine Lust zu haben. Ich weiß, dass ich beim Treffen auf einen Kaffee nicht fragen darf wie es gerade mit Bewerbungen oder Vorstellungsgesprächen aussieht, sondern über Gott und die Welt philiosophieren werde. Wenn die Person von sich aus auf das Thema zu sprechen kommt, höre ich erst einmal still zu und hüte mich gleich Ratschläge zu verteilen. Sollte die arbeitssuchende Person sportlich sein, würde ich ein Fitnessstudio-Abo abschließen und gemeinsam mit der Person regelmäßig hingehen oder zumindest versuchen sie dazu zu bewegen.

Ich weiß nur, dass der Verlust der Arbeit bei einigen Menschen ebenso tief einschlägt wie der Verlust einer geliebten Person. Die Arbeit zu verlieren ist etwas, was einen verändert, selbst wenn man selbst kündigt. Arbeitslosigkeit geht unter die Haut, verkneif dir blöde Sprüche, wenn du mit jemanden unterwegs bist, der/die gerade eine Stelle sucht und mach dir bewusst, dass diese Person einen Verlust erlitten hat.

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Eure Fragen – meine Antworten Teil 1

Hallo an alle,

Zu Weihnachten hatte ich eine Gewinn-Aktion gestartet und euch gebeten mir mitzuteilen welche Fragen euch interessieren, hier könnt ihr alle Kommentare auch nochmal gesammelt nachlesen. Die Gewinnerin hat das Mindestabo des Wissenschaftsladens Bonn erhalten, eine Zeitschrift, die wöchentlich deutschlandweit Stellenanzeigen für Geisteswissenschaftler auswertet und zusammenstellt.

Heute möchte ich nun ein paar der aufgeworfenen Fragen aufnehmen und aus meiner persönlicher Sicht beantworten.

Heute stehen Marijkes Fragen im Vordergrund. Sie schrieb:

Was sind ihre (gemeint sind Geisteswissenschaftler) Tätigkeiten? Wie haben sie nach Stellen gesucht ? Sprich, welche Jobbezeichnungen haben sie angegeben? Gab es externe Unterstützer (jobcenter etc)?

Gehen wir mal die Fragen einzeln durch:

1. Was sind meine Tätigkeiten?
Ich habe mal in diesem Beitrag beschrieben, was ich heute den lieben langen Tag so mache. Ich bin mir sicher, dass andere mit der gleichen Jobbezeichnung ganz andere Aufgaben übernehmen, denn da spielen immer so viele Faktoren hinein: wo groß ist das Unternehmen, wie groß die Abteilung, welche Rolle hat man, was liegt einem und macht einem Spaß. Als ich vor zwei Jahren nach Hamburg zog und gezielt unbekannte Personen über Xing ansprach, ob sie mir bei einem Kaffee etwas aus ihrem Berufsalltag erzählten, war ich erstaunt, was für unterschiedliche Antworten ich erhielt. Denn damals war mir klar, dass ich in den Personalbereich wollte. Ich suchte also nur Personen auf Xing, die in diesem Bereich in Hamburg arbeiteten. Und war völlig erstaunt, als mir langsam dämmerte, wie verschieden die Berichte doch klangen, obwohl sie alle im Personalbereich arbeiteten.

Deshalb ist es sehr schwierig zu beantworten welche Tätigkeiten man ausführt, die Antworten werden so vielfältig ausfallen wie die Unternehmen. Ich arbeite in der Personalabteilung, aber ich habe noch nie ein Arbeitszeugnis erstellt oder eine Stellenanzeige geschaltet. Denn Global Mobility ist ein sehr spezifischer Bereich, der besondere Spezialkenntnisse erfordert und eben nicht die Betreuung des Durchschnittsfirmenmitarbeiters darstellt.

Wenn dich ein bestimmtes Berufsfeld interessiert, kann ich dir nur raten mit möglichst vielen Leuten zu sprechen, die in diesem Berufsfeld arbeiten. Falls du dich traust, mache es wie ich über Xing. Mehr als die Hälfte aller angeschriebenen Personen waren bereit dazu und wie gesagt kannte ich niemanden vorher. Du wirst viel über die Tätigkeiten lernen und kannst für dich ausloten, ob dir das Berufsfeld grundsätzlich zusagt oder nicht.

2. Wie habe ich nach meiner Stelle gesucht und welche Jobbezeichnungen angegeben?
Du wirst lachen, aber ich habe mich jeden Morgen sehr geduldig durch Monster, stepstone usw. geklickt. Ich hatte genau ein Suchwort: Hamburg. Ja, natürlich waren 99,9% der Stellen, die ich dann angezeigt bekam, nichts für mich. Ja, ich hätte so etwas wie HR, Personal oder ähnliches eingeben können. Aber wenn es eine Sache gibt, die ich im Laufe meiner häufigen Bewerbungsphasen gelernt habe, dann, dass Geisteswissenschaftler alles und nichts können und dass es deshalb kaum Stellen gibt, die auf mich zugeschnitten sind. Die Suchbezeichnung „Geisteswissenschaftler“ ist für die Katz, das hatte ich sehr schnell raus. So klickte ich mich also geduldig durch die vielen Stellen und blieb dann hängen bei den wenigen, die interessant klangen und für die ich in Frage kam. Oft nahm ich dann die interessante Stelle zum Anlass genau die Jobbezeichnung nochmal bei Jobsuchmaschinen einzugeben und zu schauen, ob es noch weitere Stellen in Hamburg gab.

Natürlich habe ich dann im Laufe der Zeit gemerkt, dass es doch einige Stichworte gab, die hilfreich waren. Aber dazu muss man schon eine Weile dabei sein, ich konnte das erst nach einigen Wochen, nachdem ich jeden Tag mindestens eine oder zwei Stunden gesucht hatte. Und ich bin kein Berufsanfänger mehr. Ich weiß, das klingt dröge und anstrengend. Das ist es auch, aber ich weiß, dass mir sonst einige interessante Stellen durch die Lappen gegangen wären.

Meine zweite Strategie war mithilfe der Zeitschrift Wila Bonn, die wie oben beschrieben wöchentlich Stellen für Geisteswissenschaftler deutschlandweit zusammenstellt, unabhängig von der Postleitzahl zu schauen, was für Stellen für Geisteswissenschaftler gelistet waren. Die Zeitschrift half mir, mir einen Überblick zu verschaffen und besser zu begreifen welche Qualifikationen und Anforderungen gestellt wurden, was für Jobbezeichnungen typisch waren, denn diese ändern sich ja auch immer wieder, als auch besser zu fassen, was es alles für Berufsfelder überhaupt gibt.

Die dritte Strategie war gezielt Leute über Xing anzusprechen als auch an diversen Veranstaltungen teilzunehmen, wie zum Beispiel dem Bewerbungscafe Kiel, das sich als „Netzwerkforum für arbeitssuchende Akademiker/innen, die Erfahrungen und Fragen rund um das Thema Bewerbung und Jobsuche austauschen möchten“ bezeichnet.

Meine jetzige Stelle habe ich übrigens tatsächlich über Umwege mithilfe der ersten Strategie gefunden. Ich bewarb mich zunächst per stepstone auf eine Stelle, wurde abgelehnt, um dann zwei Wochen später vom Unternehmen angerufen zu werden, ob ich nicht an einer anderen Stelle Interesse hätte.

Aber in der Vergangenheit habe ich insbesondere mit dem Ansprechen über Xing gute Erfahrungen gemacht und darüber auch einmal eine Stelle als Relocation Managerin antreten können.

3. Wurde ich bei meiner Suche unterstützt?
Nein, leider nein. Deswegen habe ich auch diesen Blog gestartet, weil ich weiß, dass so viele auf sich alleine gestellt sind und im stillen Kämmerlein verzweifeln. Arbeitssuchend zu sein macht keinen Spaß, vielen geht das an die Nieren, mir auch. Meine Begegnungen mit der Agentur für Arbeit waren sporadisch und eher kontraproduktiv (meine Sachbearbeiterin raufte sich die Haare, weil sie nicht „Amerikanistik“ als Studienfach in der Datenbank auswählen konnte). Da scheinen mir eher Programme wie „Mentor Me“ mehr Sinn zu ergeben, wenn man sich Unterstützung wünscht.

Soweit zunächst meine Antworten. Fragt gerne mehr, wollt ihr was genauer wissen, habt ihr vielleicht ganz andere Erfahrungen gemacht? Ich freue mich wie immer über Kommentare!

Grüße,
Jenny

5 Gründe, warum ich blogge

Manchmal werde ich gefragt, warum ich eigentlich blogge. In Zeiten, in denen gefühlt die Hälfte aller Blogs professionalisiert sind und die andere Hälfte sich entweder mit Fashion/Mode, Food, Büchern oder Diät/abnehmen beschäftigen, stellt sich die Frage, warum ich zum Nischenthema Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler blogge. Hier gebe ich fünf Gründe.

1. Ich blogge, weil ich den Austausch mit anderen Geisteswissenschaftlern suche und brauche.

Als ich Ende März 2015 mit diesem Blog anfing, war ich arbeitslos. Zu der Zeit bestand meine Hauptaufgabe darin alleine vor dem Computer Stellen zu suchen, bis mir die Augen weh taten. Wenn man so völlig isoliert mit Absagen auf Bewerbungen zu kämpfen hat, kann man schnell verzweifeln. Ich selbst bin in der Zeit ziemlich verzweifelt, siehe auch mein erster Blogeintrag. Über den Blog erhoffte ich mir Austausch, hoffte ich andere Leidensgenossen zu finden.

Nach bald zwei Jahren des Bloggens bin ich froh, dass ich mich getraut habe. Hin und wieder bekomme ich Anfragen, mailen mir Leute ihre Fragen, habe ich es sogar geschafft mich mit einigen persönlich auf einen Kaffee zu treffen. Was ich damals erahnte, hat sich im Nachhinein immer wieder bewahrheitet. Vielen geht es ähnlich. Es gibt einem viel Kraft und ermutigt, wenn man feststellt, dass man nicht alleine ist.

2. Ich blogge, weil mir bei vielen Ratgebern für Bewerbung & Co. die persönliche Note fehlt.

Bin ich Konkurrenz zur karrierebibel? Mitnichten. Auf meinem Blog erzähle ich oft von persönlichen Erlebnissen, wie z.B. die Kaffeetassegeschichte oder berichte von Einzelschicksalen, wie in diesem Fall, bei dem eine Bachelorstudentin der Geisteswissenschaften eine Stelle in Hamburg fand.

Leser haben mir oft schon zurückgemeldet, dass sie insbesondere meine Ehrlichkeit schätzen. Mein Blogeintrag „Bewerbungsfrust: bleib dran!“ ist nur ein Beispiel, es ist eben nicht so, dass wir eine Stellen finden, wenn wir die „zehn Schritte wie man eine erfolgreiche Bewerbung schreibt“ befolgen. Unser Leben ist nicht so glattgebügelt wie uns das hochglanzpolierte Magazine glauben machen. Nein, wir kämpfen noch oder schon wieder. Ich habe meinen Berufseinstieg mal mit einer S-Bahn verglichen. Der Berufseinstieg bei Geisteswissenschaftlern ähnelt oft den langsamen S-Bahnen, die an noch so jedem popeligen Bahnhof halten, nein, wir rauschen eben nicht durchs Leben wie ein stromlinienförmiger ICE.

3. Ich blogge, weil ich Geisteswissenschaftlern, die überlegen selbstständig zu werden, ein paar Tipps mitgeben will.

Als ich damals notgedrungen als Sprachtrainerin und Jazzpianistin selbstständig wurde, stand ich da wie ein Ochs vor dem Berg. Gab es irgendwen, der mir erklären konnte was ich in welcher Reihenfolge zu tun hatte, um selbstständig zu sein? Nein. Ich rief also das Finanzamt an, um zu erfahren, was zu tun sei, die Rentenversicherung und meine Krankenkasse. Alle Behörden schickten mir daraufhin Fragebögen zu, die ich zum Teil überhaupt nicht verstand und ich also viele Rückfragen hatte, was wiederum zu weiteren Telefonaten führte. Als ich damit noch zugange war, hatte ich den ersten Kunden an der Strippe und musste mir auf die Schnelle ein Honorar ausdenken. Nachdem auch das geschafft war, wusste ich nicht wie es mit dem Schreiben der eigenen Rechnung funktioniert.

Um das nochmal ganz klar zu sagen: Meine Beiträge zum Thema Selbstständigkeit sind die absoluten Basics. Ich hätte mir damals gewünscht, dass mich jemand in die richtige Richtung schubst, dazu sind sie gedacht. Nachdem du dich ein wenig in die Thematik eingearbeitet hast, würde ich dir in jedem Fall raten Existenzgründungsseminare zu besuchen, es gibt viel zu beachten und zu bedenken. Ich habe damals mit Kreacon gute Erfahrungen gemacht. Existenzgründungsberater gibt es wie Sand am Meer, aber wenige spezialisieren sich so explizit auf Geisteswissenschaftler.

4. Ich blogge, weil ich Geisteswissenschaftler gerne miteinander vernetzen möchte

Ein bisschen liegt es im Naturell des typischen Geisteswissenschaftlers, das man eher eigenbrödlerisch unterwegs ist. Wir studieren entsprechend unserer Interessen und Neigungen. Was der Rest der Welt so macht, ist uns erst einmal egal. Wir wurschteln zunächst einmal vor uns hin, im Studium und dann später auch beim Berufseinstieg.

Nach vielen Gesprächen mit geisteswissenschaftlichen Berufseinsteigern habe ich gemerkt, dass viele überrascht sind, wenn sie feststellen, dass andere genau die gleichen Probleme beim Berufseinstieg haben. Irgendwie glauben sie immer die einzigen zu sein. Mir ging es zumindest so. Dann freue ich mich Leute miteinander zu verknüpfen oder Wissen weitergeben zu können. Ich empfehle zum Beispiel gerne die Zeitschrift Wila Bonn weiter. Die Wila Bonn durchkämmt wöchentlich deutschlandweit diverse Zeitungen und Jobportale und stellt dann alle Stellenanzeigen, die für Geisteswissenschaftler in Frage kommen, in ihrer eigenen Zeitschrift zusammen. Außerdem gibt es in jeder Ausgabe noch nette Artikel und Tipps. Vor knapp einem Jahr habe auch ich ein Interview gegeben.

5. Ich blogge, weil ich gerne schreibe und glaube, dass Geisteswissenschaftler gerne lesen.

Wer bis hierhin geschafft hat zu lesen: Herzlichen Glückwunsch. Vielleicht bin ich die einzige, aber mich stört es ungemein, dass Artikel in Onlinezeitungen immer kürzer werden und die Bilder und Werbung immer größer. Wenn ich lese, darf ein Beitrag oder ein Artikel gerne mehr als 1.000 Wörter lang sein. Ich habe genügend Phantasie und brauche nicht alle drei Sätze ein neues Bild zur Stimulation.

Umgedreht schreibe auch ich ziemlich lange Blogeinträge, weil mir schreiben Spaß macht. Geisteswissenschaftler haben in ihrem Studium viel lesen müssen, da ich Germanistik studiert habe, kann auch ich ein Lied davon singen. Viel davon war langweilig und öde, aber mit Wörtern zu spielen, das macht mir bis heute Spaß. Kommunikation ist eine unserer großen Stärken. Auch wenn ich hier sehr selten poetische Beiträge schreibe, gib es sie doch. „Freu dich, du bist ein roter Luftballon!“ und „Ohnmacht und Wehmut“ sind zwei Beispiele dazu.

Die Desillusionierung des Weltverbesserers: Segen oder Fluch?

Gestern las ich den Artikel „Ausbeutung im Job: Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“ bei Edition F und dachte mir, da ist jemand ganz schön frustriert.

Ich kenn das von mir, beim Schreiben meiner Magisterarbeit war ich noch enthusiastisch und dachte, dass ich irgendwann schon genügend Geld verdienen würde. Setze mich also hin und schrieb mit Elan Bewerbungen. Ich hatte Glück und fing direkt nach Studiumsende in einer NGO an. Zwar nur Teilzeit, aber es hatte geklappt. Dass das Geld hinten und vorne nicht reichte, war erst einmal Nebensache, Hauptsache Berufserfahrung sammeln. Als ich dann aber nach neun Monaten schon wieder am Schreibtisch saß und Bewerbungen schrieb, weil die Stelle aus finanziellen Gründen gestrichen wurde, war die Motivation schon etwas angeknackst.

Nachdem ich aber mehr als 100 Bewerbungen ohne Erfolg verschickte, wurde der Motivationsfluss immer mehr zu einem Rinnsal. Ich hielt mich also notgedrungen mit einer Selbstständigkeit über Wasser. Als Jazzpianistin und Sprachtrainerin erarbeitete ich mir einen Kundenstamm, lernte zu verhandeln und tauchte in den Versicherungs- und Steuerdschungel ein. Doch schien meine Selbstständigkeit nicht als „echte“ Berufserfahrung zu zählen, die Absagen schwemmten mein E-Mailfach oder Unternehmen glänzten mit zähem Schweigen nach meiner Bewerbung.

Mit jedem weiteren Jahr, das nach meinem Abschluss verfloss und in dem ich immer noch nicht finanziell einigermaßen über die Runden kam, mit jeder Absage, die mir einen Magenstoß versetzte, wuchs Bitterkeit und Frustration in mir.

Jedem Geisteswissenschaftler ist klar, dass sie mal nicht das große Geld verdienen werden. Deswegen studieren sie auch nach Neigung und Interesse. Aber je länger der Abschluss her ist und je öfter man über Finanzierungsmöglichkeiten von so elementaren Dingen wie einer Waschmaschine nachdenken muss, desto mehr sieht man eine Veränderung im Denken eines geisteswissenschaftlichen Absolventen.

Geld ist dann immer noch nicht alles, aber jetzt wachsen langsam die Forderungen. Mit einem Universitätsabschluss in der Tasche, soll die Festanstellung zumindest einen kleinen Urlaub im Jahr möglich machen. Nein, man möchte nun doch nicht Hartz IV beantragen, man möchte nicht mehr jede Woche 60-70 Stunden schufften für einen Hungerlohn. Nein, das große Geld will man immer noch nicht verdienen, aber sich Sorgen um die Miete machen auch nicht. 

Ich habe es an mir selbst gemerkt, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, Sinnhaftigkeit schaffen, alles Schlagwörter, die für Geisteswissenschaftler elementar sind, sie wurden immer mehr von den Schlagwörtern ausreichender Verdienst, um über die Runden zu kommen und Anerkennung meines Universitätsabschlusses überdeckt. 

Nach unzähligen Gesprächen mit geisteswissenschaftlichen Absolventen beobachte ich eines: Nach dem Enthusiasmus kommt die Ernüchterung. Wird zunächst die Festanstellung im Kreativbereich mit viel Elan und Überstunden in Angriff genommen, schwinden diese nach und nach und werden ersetzt von der Desillusionierung und Bitterkeit. 

Jetzt werden die Forderungen noch lauter, während andere bereits den zweiten Karrieresprung machen, hangelt man sich von Befristung zu Befristung und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. War man vorher bereit für kleines Geld die Welt zu retten, erwartet man nun doch genügend, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Plötzlich ist man bereit Stellen anzutreten, die man vorher nie in Erwägung gezogen hätte.

Manche erschrecken dann und fragen sich, wo ihr Idealismus geblieben ist. Die Antwort lautet, dass dieser von der scharfkantigen Realität aufgerieben wurde. So langsam dämmert einem, das große Geld wird man wohl nie verdienen, aber mit so wenig Geld und Anerkennung hat man dann doch nicht gerechnet. Jetzt ist man einfach froh, wenn man aus der Arbeitslosigkeit oder Hart IV rauskommt, Stelle oder Befristung hin oder her.

Was bis hierhin wie ein Frustartikel klingt, soll aber keiner sein. Ein Grund, warum ich diesen Blog gestartet habe, war, weil ich glaube, dass es gut ist, wenn Geisteswissenschaftler außerhalb ihrer kleinen Nischen in der freien Wirtschaft unterkommen. Dass sie mit ihrer ungewöhnlichen Sichtweise Lösungen finden und Unternehmen bereichern können. Dass sie auch zufrieden sein können, wenn sie nicht ständig ihr Helfersyndrom befriedigen und „ungeisteswissenschaftliche“ Aufgaben ausführen. Sie können Unternehmen viel geben und erhalten im Gegenzug auch viel zurück.

Ich werde bis heute nicht vergessen wie ich nach vielen Jahren der finanziellen Sorge als Selbstständige meine erste unbefristete Festanstellung antrat in einem noch unbekannten Beruf im Bereich Relocation Management und relativ schnell nach der Probezeit einen dreieinhalbwöchigen Urlaub genehmigt bekam. Im Geiste schüttelte ich ungläubig den Kopf, wohlwissend, dass ich 1. in dem Monat gerade mal 5 Tage arbeiten würde, 2. trotzdem das volle Gehalt ausgezahlt bekam, 3. keine Versicherungen von mir einforderten weiterhin meine Prämien zu zahlen wie ich es als Selbstständige kannte, egal wie meine Einnahmen in dem Monat aussahen und 4. ich auch noch völlig entspannt und ohne Sorge in einen langen Urlaub fahren durfte. Diesen Urlaub schätzte ich mehr als jeden anderen. Ich war dankbar, dankbar, dass ich eine Festanstellung hatte, dankbar, dass ich auf Kosten der Firma entspannen konnte (so fühlte es sich für mich damals an), dankbar, dass ich während meiner Abwesenheit vertreten wurde.

Meine Angst vor der freien Wirtschaft erwies sich als unbegründet. Vielleicht rettete ich die Welt nicht in dem Maße wie ich es gerne gewollt hätte, aber ich konnte viele Fähigkeiten anwenden, die ich während meines Studiums gelernt hatte und die mir von Natur aus lagen. Ich musste mich nicht völlig verbiegen und stand auch hinter den Werten des Unternehmens. Aber all das war nichts gegen die erste Gehaltszahlung, die mir bestätigte, dass ich mir nun nicht jedes Mal Sorgen machen musste, ob ich meine Miete bezahlen können würde.

Zugespitzt formuliert hat mich die Ernüchterung, Desillusionierung und Frustration am Ende zufriedener und dankbarer gemacht. Weil ich gezwungen wurde einen Fuß in Richtung freie Wirtschaft zu setzen und ich langsam merkte, dass sie doch nicht so schlimm war, wie ich mir in meiner blühenden Fantasie zurechtgeträumt hatte. Es war eine harte Schule, bei der der Elan von allen Seiten beklopft wurde und man sich fragte, was, außer der Ernüchterung, bleiben würde. Aber am Ende haben die freie Wirtschaft und ich Frieden geschlossen. Die freie Wirtschaft ist nicht mehr mein Feind.

Die Crux mit der Flexibilität

Nicht schon wieder! Das war mein erster Gedanke als mein Mann mir vor zwei Jahren erzählte, dass er ein Jobangebot bekommen hatte und wissen wollte, ob ich mir vorstellen könnte 800km umzuziehen.

Meine ablehnende Haltung ergibt sich aus meiner umzugsreichen Vergangenheit. Schon als Kind ging es in diverse Länder in Süd- und Nordamerika, bevor auch in Deutschland die Bundesländer NRW, Sachsen, Bayern und Hamburg zur Heimat wurden. Mein nächster Umzug wäre der 12.

Eigentlich müsste man meinen, dass diese Flexibilität und Internationalität mein Aushängeschild sind. Normalerweise sind sie das auch. Ich habe an unterschiedlicher Stelle berichtet, warum mir insbesondere Internationalität bei meiner Arbeit wichtig sind und warum ich bewusst Sprachen im Hinblick auf Internationalität studiert habe. Aber ich muss zugeben, je öfter ich umziehe und je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass jeder Umzug seinen Preis hat.

Manchmal muss ich müde lächeln, wenn wieder die obligatorische Frage gestellt wird, ob ich denn schon in der neuen Stadt angekommen bin. Was heißt denn bitteschön ankommen? Heißt das, dass ich weiß, wo sich der nächste Bäcker findet, ich einen guten Hausarzt gefunden habe und grob weiß wo welcher Stadtteil liegt? Heißt das, dass ich eine erschwingliche Wohnung gefunden und eingerichtet habe? Heißt das, dass ich Leute kennengelernt habe oder vielleicht, dass ich mich heimisch fühle, was auch immer das wiederum heißt?

Anzukommen, so sehr das auch meinen Gesprächspartnern widerstrebt, ist ein Prozess, der meiner Meinung nach nach ca. einem Jahr in der neuen Stadt beginnt. Ich weiß, dass ich mir mit dieser Meinung keine Freunde mache und habe schon diverse Diskussionen geführt, wo mein Gegenüber fast vom Stuhl gefallen ist, weil diese Frage oft in den ersten Monaten nach Ankunft in der neuen Stadt gestellt wird und ich also vehement verneint habe. Anzukommen beinhaltet so viel mehr als die grobe Orientierung, das simple Zurechtfinden im Alltag. Ankommen hat viel mit Menschen zu tun. Mit den Kollegen, aber natürlich auch mit den Menschen, die man außerhalb des Arbeitskontextes kennenlernt.

Ich behaupte, dass man erst nach einem Jahr wirklich anfängt Freundschaften zu schließen, dass Menschen sich öffnen und tiefer Einblick in ihr Privatleben geben. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber meiner Umzugserfahrung nach brauchen viele Menschen einfach so lange bis sie sich öffnen. Wir müssen uns vorher beschnuppern bis eine erste Vertrauensbasis entstanden ist.

Und deshalb ist mir diese ständig propagierte Flexibilität, die oft in Stellenbeschreibungen angesprochen wird, suspekt. Ist es das wirklich wert? Ist es wert für ein halbes Jahr für einen befristeten Vertrag umzuziehen, den ganzen Stress auf sich zu nehmen, wenn man am Ende nicht einmal schafft anzukommen?

Jetzt nochmal langsam: Ich bin absolute Befürworterin, wenn es darum geht ins Ausland zu gehen, egal ob zu Schul-, Studien-, oder Arbeitszeiten. Weg von der Heimat, vom Vertrauten, Aufbruch zu neuen Ufern, da bin ich dabei. Ich finde es ja eher erschreckend wie viele Studenten in ihrer Heimatstadt studieren und gar kein Bedürfnis haben wegzugehen oder wenigstens ein Auslandssemester zu machen, wenn es nicht Pflicht ist. Das ist so ganz gegen mein Naturell.

Grundsätzlich mag ich Flexibilität und habe explizit nach Jobs gesucht, die sie propagieren und leben. Jedoch fällt mir immer wieder auf, insbesondere wenn ich bei meiner Arbeit mit Behörden zu tun habe, dass Flexibilität manchmal ein Fremdwort ist. Dann erlebe ich dieses Scheuklappendenken, diese Einbahnstraße, auf der es klare Grenzen gibt und die sich für mich wie eine Sackgasse anfühlt. Manchmal wünsche ich mir dann, dass ein Sachbearbeiter einer Behörde mal eine Weile ins Ausland geschickt wird und ihm/ihr die Augen geöffnet wird. Da wünsche ich mir mehr Weite und insbesondere das Herz am rechten Fleck, was bei vielen schon ziemlich stumpf geworden scheint.

Flexibilität im Denken, Flexibilität im Leben, im Handeln, an sich ist das etwas Gutes. Das Nonplusultra scheint es ja bei Stellenbeschreibungen zu sein. Ich frage mich manchmal, warum. Was genau ist damit gemeint, flexibel zu sein? Heißt das, man wird ständig auf Reisen sein, heißt das, dass man sich darauf einstellen kann ständig andere Aufgaben betraut zu bekommen? Heißt das, dass Prozesse nicht definiert sind oder ich irgendwie mit dem Chaos klarkommen muss? Oft weiß man es nicht, muss es sich irgendwie zusammenreimen und erfährt hoffentlich im Vorstellungsgespräch was genau damit gemeint war.

Die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber bzgl. Flexibilität ist groß. Ich finde jedoch, dass man für sich reflektieren muss inwieweit man flexibel sein möchte und kann. Egal, ob das nun heißt, dass ein Umzug in eine andere Stadt oder gar anderes Land ansteht, ob man viel reisen muss, ob indirekt erwartet wird ständig Überstunden zu schieben.

Flexibilität hat einen Preis. Flexibilität ist eben nicht das Nonplusultra. Die ganze Welt kann das behaupten und Flexibilität mit Lametta behängen, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass Flexibilität ihre Schattenseiten hat. Man sollte es sich gut überlegen, ob man bereit ist für sie zu zahlen oder nicht. Indem man zum Beispiel alle drei Monate in einen anderen Einsatzort kommt. Indem man für die neue Stelle alle Zelte abbricht. Ist es das wirklich wert?

Ein Arbeitgeber kann Flexibilität einfordern, aber das sollte einen nicht davon abhalten für sich zu klären, ob man bereit ist so flexibel zu sein wie es erwartet wird.