Bewerbungsfrust: Bleib dran!

Habe ich schon erzählt, dass meine letzte Bewerbungsphase im Jahr 2015 (ja, du hast richtig gelesen, ich bin jetzt 34 und 2015 war meine letzte Bewerbungsphase) mit Abstand die schlimmste von allen war? Und dabei habe ich schon so einige mitgemacht.

2009 kurz vor Ende des Studiums: 50 Bewerbungen, sehr magere Ausbeute, aber glücklicherweise wurde ich als Berufsanfängerin in einer NGO genommen.

2010: Nachdem meine Stelle aus finanziellen Gründen gestrichen werden musste, schrieb ich 100 Bewerbungen, weil ich gerne in der gleichen Stadt bleiben wollte, blieb jedoch erfolglos.

2012: Umzug in eine Großstadt, überraschend schnell erhielt ich nach 50 Bewerbungen eine Stelle.

2013: Zum ersten Mal Bewerbung aus einer Festanstellung heraus, nach 25 Bewerbungen klappte es.

2015: Umzug nach Hamburg, weil mein Mann hier ein attraktives Angebot erhielt, ich kündigte also und begann mich wieder einmal zu bewerben. Meine detaillierte Bilanz zu dieser Bewerbungsphase kann man hier nachschauen, hier traf ich nach 30 Bewerbungen die Entscheidung für eine Stelle.

Insgesamt also ca. 255 Bewerbungen geschrieben und so einige Vorstellungsgespräche geführt. Für die visuellen unter uns, anbei noch die Grafik:

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Die letzte Phase fand ich am allerschlimmsten. Besonders, weil ich schon Berufserfahrung hatte und es trotzdem länger dauerte als geplant. Ich schrieb also Tagebuch. Zusätzlich zum Blog. Und schrieb folgenden Eintrag (gekürzt und anonymisiert):

„Da kommt sie also. Die fünfte Absage nach dem fünften Vorstellungsgespräch. Wie leicht fängt man an, an sich selbst zu zweifeln. Wie leicht ist es sich zu fragen, ob man zu hohe Ansprüche hat, ob man sich vielleicht doch mit weniger zufriedengeben sollte.

Irgendwie habe ich immer Pech. Das erste Vorstellungsgespräch, das zweieinhalb Stunden gedauert hat, ist ein so klassisches Beispiel. Woran ist es schlussendlich gescheitert? Laut Aussagen der Dame, die mich interviewt hat und die meine direkte Chefin gewesen wäre, lag es weder an mir noch an ihr. Sie hätte mich eingestellt. Sie hätte mich genommen. Ich war bis zum Schluss ihre Lieblingskandidatin. Aber dann wurde von oben entschieden, dass lieber jemand intern die Stelle besetzten sollte. Lieber bleibt man unter sich und zieht sich selbst den Nachwuchs hoch. Die Person, die diese Entscheidung gefällt hat, hat mich nie gesehen, vielleicht hat sie auch nicht einmal meinen Lebenslauf angeschaut. Aber sie hat entschieden, dass ich eine Absage erhalte.

Oder dann Gespräch Nr. 2. Das kann ich bis jetzt nicht so richtig einordnen. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es ziemlich gut gelaufen ist. Es gab zwar auch dort einige Warnsignale, wie zum Beispiel, dass ein Gesprächspartner partout das Gespräch auf Deutsch führen wollte, obwohl er kaum deutsch konnte und sich dann schnell vom anderen Kollegen zwischendurch im Hausruckverfahren alles übersetzen lassen musste. Dann doch gleich auf Englisch, das alle Beteiligten fließend und verhandlungssicher beherrschten. Ein wenig hatte ich das Gefühl das Vorstellungsgespräch wurde zum Deutschunterricht missbraucht, mich vorstellen konnte ich kaum, wir wurden ständig unterbrochen. Auch konnte ich nur einseitig den Gesprächspartner fragen, der deutsch sprach. Es besserte sich erst als wir nach der Hälfte endlich auf Englisch umschwenkten.

Gespräch Nr. 3 lief super, bis wir zum Thema Gehalt kamen. Noch mal eine Gehaltsverschlechterung wollte und konnte ich nicht hinnehmen. Ich sagte also ab. Und da hätte ich mir gewünscht, dass das Unternehmen bereits in der Stellenausschreibung oder gar vor Einladung eine Gehaltsspanne genannt hätte, dann hätten wir uns den ganzen Stress sparen können. Schade.

Gespräch Nr. 4 ähnlich, an der Reaktion, als man partout keine Zahl rausrücken wollte, sondern unbedingt von mir mein Gehalt wissen wollte, sah man direkt, dass ich zu hoch gegriffen hatte. Dumm gelaufen. Viel Lärm um nichts.

Gespräch Nr. 5 schoss dann den Vogel ab. Es begann mit ganz unsubtilen Fangfragen, die mit dem Satz eingeleitet wurden „Diese Frage müssen Sie mir nicht beantworten, aber…“. Ja, genau, so geht man mit potenziellen neuen Mitarbeitern um, man horcht sie gleich zu Beginn aus zu Thema Familienplanung etc. und lässt durchblicken, dass man sich durchaus bewusst ist, dass man sich im Graubereich bewegt. So lerne ich doch meinen zukünftigen Arbeitgeber gerne kennen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und dann diese seltsame Vorgehensweise zum Ende des Gesprächs. Kaum hatte ich mich von den Fangfragen erholt, bat man mich fünf Minuten vor die Tür zu gehen, man besprach sich kurz und machte mir anschließend ein Jobangebot. An sich ja schön, wenn Entscheidungen so schnell gefällt werden, aber leider hatte die Sache einen Haken, ich „durfte“ genau eine Nacht über das Angebot nachdenken. Als ich am Folgetag anrief und sagte, ich würde gerne ein weiteres Gespräch abwarten, kam knallhart die Absage. Offensichtlich war man also doch nicht so begeistert von mir wie man beim Angebot tat, sondern wollte mich nur nehmen, weil ich gleich einen Tag später anfangen konnte.

Bin ich irgendwie komisch? Werde ich vom Pech verfolgt? Warum passieren nur mir solche Sachen? Immerhin wurde ich schon fünf Mal eingeladen und dann? Fünf Mal absoluter Mist in zig Variationen. Fünf Mal für die Katz. Toll, wirklich toll…“

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Doch dann, nach all den komischen Gesprächen, nach dem ganzen Drama und Chaos kam über Umwegen endlich das attraktive Angebot. Als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte. Und darauf will ich mit diesem Beitrag hinaus. Es gibt sie doch, die netten Arbeitgeber, die Geisteswissenschaftler nehmen. Die einem zutrauen, dass man sich in Fachthemen einarbeiten kann. Es gibt sie doch, die Unternehmen, die nicht für jede Stelle erneut Bewerber bittstellen lassen, sondern für ähnliche Positionen die alten Stapel durchgehen, weil es neben der einen Person, die die Stelle erhielt, andere gibt, die ähnlich gut waren. Ich hätte es damals auch nicht geglaubt. Knapp eine Woche nachdem ich den Tagebucheintrag schrieb, rief mich mein jetziger Arbeitgeber an. Nach zwei Gesprächen und einem Test wurde ich genommen und bin jetzt nach anderthalb Jahren immer noch gerne dabei und finde weiterhin, dass mein Arbeitgeber mir sehr viel bietet. Gib nicht auf, der lange Atmen macht es!

Mein persönlicher Umgang mit Absagen

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, wie ich vor etwa anderthalb Jahren vor meinem Computer saß und die Absage nach dem Vorstellungsgespräch erhielt. Ich musste schlucken, es traf mich hart. Besonders deshalb, weil ich bisher oft Erfolge verzeichnet hatte, wenn ich es zum Vorstellungsgespräch geschafft hatte. Wenn ich denn eingeladen wurde, was ja selten genug war, dann erhielt ist fast immer den Job im Anschluss. Doch diesmal nicht. Diesmal wollte man mich nicht. Diesmal hatte ich also nicht überzeugt, diesmal hieß es weitersuchen, hieß es wieder einmal den Markt nach potenziellen Stellen abgrasen.

Als erstes musste was zu essen her, ab der Absage nach dem meiner Meinung nach sehr gut verlaufenen Vorstellungsgespräch zügelte ich mich nicht mehr, es brachte ja doch nichts. Wenn ich schon zu Hause herumhocken musste, wenn ich denn schon nichts anderes tat als stundenlang durch das Internet zu surfen, die verschiedensten Jobbörsen besuchte und geduldig Suchbegriffe bei Google eingab, dann machte es ja wohl nichts aus, wenn ich im Pyjama, was zu knabbern und einer Tasse Tee in der Hand mich ein wenig gehen ließ. Schokolade zum Frühstück? Aber sicher, um 11 Uhr zweites Frühstück, warum denn nicht? Interessierte ja doch niemanden. Abends nochmal was kochen, ja, klar!

Es zeigte sich auf der Waage, ich legte innerhalb kurzer Zeit 6 kg zu. Es zeigte sich im Äußeren, Schlabberpulli und verwaschene T-Shirts begleiteten mich tagein und tagaus. Es zeigte sich im Internetverlauf, statt Stellen zu suchen, las ich private Blogs oder entdeckte lustige Videos und beobachtete erbitterte Forenkämpfe. Ich wollte und konnte einfach nicht mehr. Zu oft hatte ich Bewerbungen geschrieben, hatte mich zur Schau gestellt, hatte einfach keine Lust mehr auf dieses ewige Auf und Ab, das Zittern und Bangen, ob es was wird, die Aufregung und Nervosität bis die E-Mail endlich, endlich eintraf, um mich entweder von dem Leiden zu erlösen oder aber mich weiter zu bestätigen, dass ich anscheinend nichts konnte und man mir absagen musste.

Die Bewerbungszeit ist eine harte Zeit, da gibt es nichts dran zu rütteln. Da ich schon so einige Bewerbungsphasen mitgemacht habe, weiß ich nur zu gut wovon ich spreche. Ich weiß nicht so genau warum meine letzte Bewerbungsphase von 2015 mich so besonders hart traf, ich kann zwar ein paar Gründe nennen, aber irgendwie gibt es auch einen undefinierbaren unlogischen Wutgrund, der mich gleichzeitig tatenlos und lieblos werden ließ. Lieblos auch im Bezug auf das Schreiben von Bewerbungen. Einen Scheiß muss ich, so lässt sich meine letzte Bewerbungsphase wohl am besten zusammenfassen. Ich hatte einfach keine Lust, weder zu suchen, noch zu schreiben, noch diese Bewerbungsmaske aufzusetzen, die man unweigerlich aufsetzt, wenn man zum Gespräch eingeladen wird.

Ich war lustlos und ließ mich treiben. Bis ich mich eines Tages tatsächlich auf die Waage traute und die 6kg mir unbarmherzig zeigten, dass ich mich langsam aber sicher auf den Abgrund zubewegte. Zwischen dem Seriengucken und der Snacks, die ich mir fortwährend in den Mund schob, gab ich mir schließlich einen Ruck. Die Absagen flatterten weiterhin rein, ich musste weiterhin mühsam Stellen suchen, es ging nicht auf einmal alles besser und einfacher. Der Bewerbungssumpf war immer noch der gleiche. Aber mit einem müden Seufzen beschloss ich, dass ich etwas ändern musste. Und machte folgendes:

1. Ich begann diesen Blog. Mein erster Eintrag, aus dem März 2015, befasst sich mit der Künstlichkeit von Vorstellungsgesprächen. Ihm folgte ein Beitrag zum Thema Bitterkeit, was mich selbst zu dem Zeitpunkt sehr beschäftigte. Denn zynisch und bitter wird man bei der Jobsuche schnell.

Der Blog strukturierte meinen Alltag. Während meiner Arbeitslosigkeit schrieb ich jeden Wochentag einen Beitrag, Themen fielen mir viele ein. So entwickelte ich schnell eine Routine, stand morgens auf, um mir erst einmal Gedanken zu machen worum es im Blog gehen würde, machte den Grobentwurf oder veröffentlichte den Artikel gleich und machte mich dann im Anschluss mit etwas mehr Elan an die Jobsuche.

Der Blog half mir auch mich stärker zu vernetzen. Wenn auch nicht oft, so lernte ich manchmal andere Bewerber kennen, tauschte mich aus und bekam wieder etwas mehr Mut. Es gab noch andere, denen es genauso ging wie mir. Ich war nicht allein.

2. Ich machte regelmäßig Sport. Die 6kg mussten weg, wenn nicht gleich noch ein paar mehr.

Wann, wenn nicht während der Arbeitslosigkeit hatte ich die Möglichkeit Sport in einem solchen Maße zu treiben? Wann würde ich jemals wieder so viel Zeit finden mithilfe einer App ganz langsam das Laufen zu trainieren? Jetzt war die Gelegenheit dazu. Ich raffte mich also auf und ging laufen. Hier habe ich mal beschrieben, was es für mich bedeutet, dass ich jetzt in der Lage bin regelmäßig 7km zu laufen ohne tot umzufallen. Schnell merkte ich, dass ich beim Laufen tolle Ideen bekam wie ich ein Anschreiben formulieren sollte oder konnte mit frischen Augen erneut die Jobbörsen durchsuchen und wurde plötzlich dort fündig, wo ich zuvor offensichtlich die interessante Stelle übersehen hatte.

3. Ich bepflanzte zum ersten Mal meinen großen Balkon.

Als Arbeitslose hatte ich natürlich einen schmaleren Geldbeutel. Klar. Also beschloss ich statt bereits ausgewachsener Blumen Blumensamen zu kaufen. Sie sind deutlich günstiger und viel ergiebiger. Ich las welche Blumen pflegeleicht waren, welche wohl auf meinem Balkon gedeihen würden und machte mich alsdann ans Werk und deckte mich mit Blumensamen ein. Einige Pflanzen mussten eher ausgesät werden als andere, einige hatte ich zunächst drinnen aufzuziehen bevor ich sie nach draußen bringen konnte, andere brauchten feuchtere Erde als andere. Ich probierte also fröhlich herum, verteilte großzügig Samen in verschiedenen Töpfen, machte mir einen Spaß daraus einige Töpfe akribisch zu beschriften und bei anderen eine völlig willkürlich zusammengestellte Samenmischung einzupflanzen und mich einfach überraschen zu lassen. Jeden Tag verbrachte ich automatisch gleich morgens etwas Zeit auf dem Balkon und hatte nach überraschend kurzer Zeit Sämlinge sprießen, unterschiedlicher Couleur und Größe. Es dauerte nicht lang und dann kamen die Bienen und Schmetterlinge, auch ich wurde magisch angezogen meine Bewerbungen lieber bei den duftenden Blumen auf dem Balkon zu schreiben als drinnen.

Das tägliche Blumengießen, das Abknicken von verblühten Blüten, das regelmäßige Prüfen, ob die Erde entsprechend den Vorlieben der Blume feucht oder trocken genug war, erdete mich. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und komme innerlich besonders gut zur Ruhe, kann mich entspannen, wenn Natur um mich ist. Ich atme automatisch tiefer, ich fühle mich gleich wohl. Wenn auch der Balkon ein eingeschränkter Naturraum ist, so halfen mir meine selbstgepflanzten Blumen den Bewerbungsstress etwas gelassener zu nehmen.

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Und das bringt mich zu dir. Wie gehst du mit Absagen um? Was sind deine Strategien, wie du mit dem Bewerbungsfrust umgehst, dem entgegenwirkst? Ich freue mich wie immer über Anmerkungen und Kommentare.