Lass mir meinen Traum!

Kennst du das? Da hat man sich ganz mühevoll seinen Traumberuf zurechtgebastelt, da hat man sich ausgemalt, wie es sich anfühlt ihn auszuüben, sich mit ihm zu identifizieren, hinter ihm zu stehen. Und dann kommt irgendjemand daher und will einem den Traum wegnehmen, den man seit Jahren pflegt. Die kalte und schneidige Realität vor Augen führen und das Gefühl mit Wissen füttern. Nein, nein, auf keinen Fall. Auf keinen Fall das tolle Gefühl wegnehmen, dann lieber weiter Luftschlösser bauen!

Ich zumindest habe mich ertappt gefühlt, als ich bei Brotgelehrte die 40 Gründe las, warum Geisteswissenschaftlern die Berufsorientierung schwerfällt: https://brotgelehrte.wordpress.com/2017/06/05/40-gruende-warum-geisteswissenschaftlerinnen-die-berufsorientierung-schwerfaellt/. Bei dem einen oder anderen Grund musste ich nicken, ja, so habe ich auch argumentiert.

Auch mir hat es widerstrebt für meine Arbeit Geld zu verlangen. Ich bin doch nicht materialistisch!

Oder aber auch das große Desinteresse an der freien Wirtschaft, weil ich damals dachte, dass die freie Wirtschaft mein Feind ist. Bis ich eines besseren belehrt wurde.

Mein erstes Studium im Bereich Jazzklavier habe ich aus den verschiedensten Gründen abgebrochen. Ich hatte Angst, dass er mir mal negativ im Lebenslauf ausgelegt werden würde. In einem Vorstellungsgespräch wurde es auch, siehe hier. Aber warum das für mich zu einer neuen Bewertung des Abbruchs geführt hat, habe ich in dem Blogbeitrag beschrieben.

Die Gründe, warum Geisteswissenschaftler sich nicht mit dem Später befassen wollen, sind vielfältig. Brotgelehrte nennt 40. Es gibt sicherlich noch mehr. Dabei ist es so fatal, wenn wir so dickköpfig die Augen schließen, weil es uns nicht in den Kram passt.

Ich als Geisteswissenschaftler in den Vertrieb? Lieber nicht! Dabei geht auch das, siehe das Interview mit einer Germanistik-Absolventin hier.

Eine geisteswissenschaftliche Bachelor-Studentin beschränkt sich auf eine Großstadt mit ihren Bewerbungen? Ganz falsche Strategie, geklappt hat es trotzdem.

Was sind deine Gründe, warum du dich nicht mit dem Danach befassen willst? Nachdem ich fünf Absagen nach fünf verschiedenen Vorstellungsgesprächen bei unterschiedlichen Firmen kassiert hatte, konnte ich mir auch nicht vorstellen einen ordentlichen Arbeitgeber zu finden. Aber der Anruf kam dann doch, siehe hier.

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Ehrgeiz im Job: Fluch oder Segen?

Ich bin nun schon eine Weile raus aus dem Studentenleben. Um genau zu sein bereits 8 Jahre. Manchmal fühle ich mich wie eine alte Oma, wenn ich Absolventen beobachte, die in der Firma anfangen. Irgendwie wirken sie so jung, haben Babygesichter und sitzen immer noch am Schreibtisch, wenn ich Feierabend mache. Manchmal durchzuckt es mich kurz, dann bekomme ich ein schlechtes Gewissen und denke mir, vielleicht sollte ich doch noch ein Stündchen bleiben. Sollte mehr Elan an den Tag legen. Um anschließend den Kopf zu schütteln und dann doch zu gehen. Vielleicht eher leise und heimlich, aber sehr bewusst der Arbeit den Rücken kehrend.

Manchmal, wenn ich das Firmengebäude verlasse, muss ich dann daran zurückdenken, wie ich selbst frische Uniabsolventin war und meinte der Welt beweisen zu müssen was ich auf dem Kasten hatte. Da ich nach einem kurzen Abstecher in einer NGO gezwungen war selbstständig zu sein als Jazzpianistin und Sprachtrainerin, arbeitete ich gefühlt Tag und Nacht. Entweder saß ich am Schreibtisch und bereitete Unterricht vor, saß auf dem Klavierhocker und übte die Wünsche der Kunden für den Eröffnungswalzer oder aber versuchte neue Aufträge zu generieren, machte Buchhaltung oder schlug mich mit der Künstlersozialkasse herum, die mich nur als Jazzpianistin versicherte, aber nicht als Sprachtrainerin.

Ich arbeitete viel und hart. Ich arbeitete, weil ich finanziell irgendwie zusehen musste über die Runden zu kommen, arbeitete, weil ich meinte nur mit einem exzellenten Ruf neue Kunden würde generieren können. Die Angst vor dem finanziellen Aus saß mir sehr tief im Nacken. Ich arbeitete und arbeitete bis mich irgendwann die Erschöpfung einholte. Und mich überlegen ließ vielleicht doch eine Festanstellung zu suchen.

Als ich dann meinen ersten Job als Quereinsteigerin in einer Vollzeit-Festanstellung antrat, hieß es also mich wieder zu beweisen. Oder meinen beweisen zu müssen. Doch die Jahre der Selbstständigkeit hatten mich gelehrt mehr auf mich zu achten. Dadurch, dass ich ca. anderthalb Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu meiner Arbeitsstelle pendelte, war ich gezwungen meine Arbeitszeiten an S-Bahnverbindungen anzupassen. Was in dem Sinne sehr hilfreich war, weil ich durch die spärliche Auswahl an Verkehrsmitteln viel bewusster entschied, ob es das wirklich wert war länger zu bleiben. Ich arbeitete immer noch hart, aber ich klärte mit meinem damaligen Chef sehr früh ab, dass ich wie geplant acht Stunden arbeiten, aber dann auch pünktlich Feierabend machen würde. Er versicherte mir, dass niemand mehr von mir erwartete.

Und genau an dieser Aussage halte ich seitdem fest. Auch wenn ich mittlerweile schon längst die Firma gewechselt habe und in einer anderen Stadt wohne, wenn wir ehrlich mit uns sind, sind wir meistens selbst Schuld daran, dass wir Überstunden machen. Niemand erwartet es von uns. Zumindest war ich damals überrascht und gleichzeitig erleichtert als mein Chef mir so klar mitteilte, dass er nicht erwarten würde, dass ich Überstunden mache.

Hast du das schon mal deinen Chef gefragt? Hast du schon mal untersucht warum du eigentlich von dir erwartest, dass du immer lange nach offiziellem Feierabend noch im Büro am Schreibtisch sitzt? Meist ist unser Ehrgeiz es, der uns im Weg steht. Die Erwartung an uns selbst, die uns arbeiten lässt, wenn wir längst nach Hause gehen sollten, um unsere sozialen Kontakte zu pflegen. Doch je länger man dabei ist im Berufsleben, desto mehr stellt man fest, dass die Arbeit nicht alles ist. Ja, ich will natürlich auch heute noch gute Arbeit leisten, ich will die Zeit, die ich bei der Arbeit verbringe, nicht vergeuden, möchte meine Aufgaben gewissenhaft und zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Aber ich möchte nicht mehr wieder bis zur Erschöpfung arbeiten. Ich möchte nicht meine sozialen Kontakte verkümmern lassen, weil irgendein Kundentermin angeblich wichtiger ist. Ich möchte nicht Raubbau mit meinem Körper betreiben, mich mit Kaffee und Redbull wachhalten, weil angeblich irgendein Projekt unbedingt heute noch fertig werden muss.

Ich habe zu Anfang des Jahres 2017 davon berichtet wie ich mich geärgert habe, weil ich bereits am ersten Tag des noch so jungen Jahres gleich Überstunden schob. Vielleicht falle ich jetzt eher von der anderen Seite vom Pferd herunter. Vielleicht sollte ich jetzt ehrgeiziger sein. Vielleicht. Die Balance zu finden und zu halten, wird schwierig bleiben. Einerseits möchten wir die Erwartungen erfüllen, wollen von unseren Chefs gelobt und befördert werden, doch gleichzeitig müssen wir uns auch Grenzen setzen und unseren Ehrgeiz im Zaun halten.

Manchmal, wenn ich die Absolventen sehe, wie sie übermüdet und gleichzeitig eifrig an ihren Büroschreibtischen sitzen, dann verharre ich still einen Augenblick und versuche mich in sie hineinzuversetzen. Ja, ich war genauso. Ich hatte auch dunkle Augenringe, wollte es allen recht machen und arbeitete mehr als ich musste.

Dass man als Berufsanfänger ehrgeizig ist, ist gut. Es hilft uns die Fehler, die man unweigerlich als Anfänger macht, auszumerzen, es hilft uns, wenn wir Aufgaben zu bewältigen haben, die wie ein riesiger Berg vor uns stehen. Unerklimmbar. Und nur deshalb schaffen wir es nach oben, weil wir nicht aufgeben und durchhalten, ehrgeizig das Ziel vor Augen. Es ist gut ehrgeizig bei der Arbeit zu sein, aber denk daran dich zu schützen. Denk daran deine Grenzen zu setzen und nicht zu sehr soziale Kontakte verkümmern zu lassen. Es mag zwar wie eine bittere Wahrheit scheinen, aber jeder ist ersetzbar. Auch du.

Lass dich nicht beirren und achte auf dich selbst. Lass Ehrgeiz im Job nicht zu einem Fluch werden.

Eure Fragen – meine Antworten Teil 1

Hallo an alle,

Zu Weihnachten hatte ich eine Gewinn-Aktion gestartet und euch gebeten mir mitzuteilen welche Fragen euch interessieren, hier könnt ihr alle Kommentare auch nochmal gesammelt nachlesen. Die Gewinnerin hat das Mindestabo des Wissenschaftsladens Bonn erhalten, eine Zeitschrift, die wöchentlich deutschlandweit Stellenanzeigen für Geisteswissenschaftler auswertet und zusammenstellt.

Heute möchte ich nun ein paar der aufgeworfenen Fragen aufnehmen und aus meiner persönlicher Sicht beantworten.

Heute stehen Marijkes Fragen im Vordergrund. Sie schrieb:

Was sind ihre (gemeint sind Geisteswissenschaftler) Tätigkeiten? Wie haben sie nach Stellen gesucht ? Sprich, welche Jobbezeichnungen haben sie angegeben? Gab es externe Unterstützer (jobcenter etc)?

Gehen wir mal die Fragen einzeln durch:

1. Was sind meine Tätigkeiten?
Ich habe mal in diesem Beitrag beschrieben, was ich heute den lieben langen Tag so mache. Ich bin mir sicher, dass andere mit der gleichen Jobbezeichnung ganz andere Aufgaben übernehmen, denn da spielen immer so viele Faktoren hinein: wo groß ist das Unternehmen, wie groß die Abteilung, welche Rolle hat man, was liegt einem und macht einem Spaß. Als ich vor zwei Jahren nach Hamburg zog und gezielt unbekannte Personen über Xing ansprach, ob sie mir bei einem Kaffee etwas aus ihrem Berufsalltag erzählten, war ich erstaunt, was für unterschiedliche Antworten ich erhielt. Denn damals war mir klar, dass ich in den Personalbereich wollte. Ich suchte also nur Personen auf Xing, die in diesem Bereich in Hamburg arbeiteten. Und war völlig erstaunt, als mir langsam dämmerte, wie verschieden die Berichte doch klangen, obwohl sie alle im Personalbereich arbeiteten.

Deshalb ist es sehr schwierig zu beantworten welche Tätigkeiten man ausführt, die Antworten werden so vielfältig ausfallen wie die Unternehmen. Ich arbeite in der Personalabteilung, aber ich habe noch nie ein Arbeitszeugnis erstellt oder eine Stellenanzeige geschaltet. Denn Global Mobility ist ein sehr spezifischer Bereich, der besondere Spezialkenntnisse erfordert und eben nicht die Betreuung des Durchschnittsfirmenmitarbeiters darstellt.

Wenn dich ein bestimmtes Berufsfeld interessiert, kann ich dir nur raten mit möglichst vielen Leuten zu sprechen, die in diesem Berufsfeld arbeiten. Falls du dich traust, mache es wie ich über Xing. Mehr als die Hälfte aller angeschriebenen Personen waren bereit dazu und wie gesagt kannte ich niemanden vorher. Du wirst viel über die Tätigkeiten lernen und kannst für dich ausloten, ob dir das Berufsfeld grundsätzlich zusagt oder nicht.

2. Wie habe ich nach meiner Stelle gesucht und welche Jobbezeichnungen angegeben?
Du wirst lachen, aber ich habe mich jeden Morgen sehr geduldig durch Monster, stepstone usw. geklickt. Ich hatte genau ein Suchwort: Hamburg. Ja, natürlich waren 99,9% der Stellen, die ich dann angezeigt bekam, nichts für mich. Ja, ich hätte so etwas wie HR, Personal oder ähnliches eingeben können. Aber wenn es eine Sache gibt, die ich im Laufe meiner häufigen Bewerbungsphasen gelernt habe, dann, dass Geisteswissenschaftler alles und nichts können und dass es deshalb kaum Stellen gibt, die auf mich zugeschnitten sind. Die Suchbezeichnung „Geisteswissenschaftler“ ist für die Katz, das hatte ich sehr schnell raus. So klickte ich mich also geduldig durch die vielen Stellen und blieb dann hängen bei den wenigen, die interessant klangen und für die ich in Frage kam. Oft nahm ich dann die interessante Stelle zum Anlass genau die Jobbezeichnung nochmal bei Jobsuchmaschinen einzugeben und zu schauen, ob es noch weitere Stellen in Hamburg gab.

Natürlich habe ich dann im Laufe der Zeit gemerkt, dass es doch einige Stichworte gab, die hilfreich waren. Aber dazu muss man schon eine Weile dabei sein, ich konnte das erst nach einigen Wochen, nachdem ich jeden Tag mindestens eine oder zwei Stunden gesucht hatte. Und ich bin kein Berufsanfänger mehr. Ich weiß, das klingt dröge und anstrengend. Das ist es auch, aber ich weiß, dass mir sonst einige interessante Stellen durch die Lappen gegangen wären.

Meine zweite Strategie war mithilfe der Zeitschrift Wila Bonn, die wie oben beschrieben wöchentlich Stellen für Geisteswissenschaftler deutschlandweit zusammenstellt, unabhängig von der Postleitzahl zu schauen, was für Stellen für Geisteswissenschaftler gelistet waren. Die Zeitschrift half mir, mir einen Überblick zu verschaffen und besser zu begreifen welche Qualifikationen und Anforderungen gestellt wurden, was für Jobbezeichnungen typisch waren, denn diese ändern sich ja auch immer wieder, als auch besser zu fassen, was es alles für Berufsfelder überhaupt gibt.

Die dritte Strategie war gezielt Leute über Xing anzusprechen als auch an diversen Veranstaltungen teilzunehmen, wie zum Beispiel dem Bewerbungscafe Kiel, das sich als „Netzwerkforum für arbeitssuchende Akademiker/innen, die Erfahrungen und Fragen rund um das Thema Bewerbung und Jobsuche austauschen möchten“ bezeichnet.

Meine jetzige Stelle habe ich übrigens tatsächlich über Umwege mithilfe der ersten Strategie gefunden. Ich bewarb mich zunächst per stepstone auf eine Stelle, wurde abgelehnt, um dann zwei Wochen später vom Unternehmen angerufen zu werden, ob ich nicht an einer anderen Stelle Interesse hätte.

Aber in der Vergangenheit habe ich insbesondere mit dem Ansprechen über Xing gute Erfahrungen gemacht und darüber auch einmal eine Stelle als Relocation Managerin antreten können.

3. Wurde ich bei meiner Suche unterstützt?
Nein, leider nein. Deswegen habe ich auch diesen Blog gestartet, weil ich weiß, dass so viele auf sich alleine gestellt sind und im stillen Kämmerlein verzweifeln. Arbeitssuchend zu sein macht keinen Spaß, vielen geht das an die Nieren, mir auch. Meine Begegnungen mit der Agentur für Arbeit waren sporadisch und eher kontraproduktiv (meine Sachbearbeiterin raufte sich die Haare, weil sie nicht „Amerikanistik“ als Studienfach in der Datenbank auswählen konnte). Da scheinen mir eher Programme wie „Mentor Me“ mehr Sinn zu ergeben, wenn man sich Unterstützung wünscht.

Soweit zunächst meine Antworten. Fragt gerne mehr, wollt ihr was genauer wissen, habt ihr vielleicht ganz andere Erfahrungen gemacht? Ich freue mich wie immer über Kommentare!

Grüße,
Jenny

Die Crux mit der Flexibilität

Nicht schon wieder! Das war mein erster Gedanke als mein Mann mir vor zwei Jahren erzählte, dass er ein Jobangebot bekommen hatte und wissen wollte, ob ich mir vorstellen könnte 800km umzuziehen.

Meine ablehnende Haltung ergibt sich aus meiner umzugsreichen Vergangenheit. Schon als Kind ging es in diverse Länder in Süd- und Nordamerika, bevor auch in Deutschland die Bundesländer NRW, Sachsen, Bayern und Hamburg zur Heimat wurden. Mein nächster Umzug wäre der 12.

Eigentlich müsste man meinen, dass diese Flexibilität und Internationalität mein Aushängeschild sind. Normalerweise sind sie das auch. Ich habe an unterschiedlicher Stelle berichtet, warum mir insbesondere Internationalität bei meiner Arbeit wichtig sind und warum ich bewusst Sprachen im Hinblick auf Internationalität studiert habe. Aber ich muss zugeben, je öfter ich umziehe und je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass jeder Umzug seinen Preis hat.

Manchmal muss ich müde lächeln, wenn wieder die obligatorische Frage gestellt wird, ob ich denn schon in der neuen Stadt angekommen bin. Was heißt denn bitteschön ankommen? Heißt das, dass ich weiß, wo sich der nächste Bäcker findet, ich einen guten Hausarzt gefunden habe und grob weiß wo welcher Stadtteil liegt? Heißt das, dass ich eine erschwingliche Wohnung gefunden und eingerichtet habe? Heißt das, dass ich Leute kennengelernt habe oder vielleicht, dass ich mich heimisch fühle, was auch immer das wiederum heißt?

Anzukommen, so sehr das auch meinen Gesprächspartnern widerstrebt, ist ein Prozess, der meiner Meinung nach nach ca. einem Jahr in der neuen Stadt beginnt. Ich weiß, dass ich mir mit dieser Meinung keine Freunde mache und habe schon diverse Diskussionen geführt, wo mein Gegenüber fast vom Stuhl gefallen ist, weil diese Frage oft in den ersten Monaten nach Ankunft in der neuen Stadt gestellt wird und ich also vehement verneint habe. Anzukommen beinhaltet so viel mehr als die grobe Orientierung, das simple Zurechtfinden im Alltag. Ankommen hat viel mit Menschen zu tun. Mit den Kollegen, aber natürlich auch mit den Menschen, die man außerhalb des Arbeitskontextes kennenlernt.

Ich behaupte, dass man erst nach einem Jahr wirklich anfängt Freundschaften zu schließen, dass Menschen sich öffnen und tiefer Einblick in ihr Privatleben geben. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber meiner Umzugserfahrung nach brauchen viele Menschen einfach so lange bis sie sich öffnen. Wir müssen uns vorher beschnuppern bis eine erste Vertrauensbasis entstanden ist.

Und deshalb ist mir diese ständig propagierte Flexibilität, die oft in Stellenbeschreibungen angesprochen wird, suspekt. Ist es das wirklich wert? Ist es wert für ein halbes Jahr für einen befristeten Vertrag umzuziehen, den ganzen Stress auf sich zu nehmen, wenn man am Ende nicht einmal schafft anzukommen?

Jetzt nochmal langsam: Ich bin absolute Befürworterin, wenn es darum geht ins Ausland zu gehen, egal ob zu Schul-, Studien-, oder Arbeitszeiten. Weg von der Heimat, vom Vertrauten, Aufbruch zu neuen Ufern, da bin ich dabei. Ich finde es ja eher erschreckend wie viele Studenten in ihrer Heimatstadt studieren und gar kein Bedürfnis haben wegzugehen oder wenigstens ein Auslandssemester zu machen, wenn es nicht Pflicht ist. Das ist so ganz gegen mein Naturell.

Grundsätzlich mag ich Flexibilität und habe explizit nach Jobs gesucht, die sie propagieren und leben. Jedoch fällt mir immer wieder auf, insbesondere wenn ich bei meiner Arbeit mit Behörden zu tun habe, dass Flexibilität manchmal ein Fremdwort ist. Dann erlebe ich dieses Scheuklappendenken, diese Einbahnstraße, auf der es klare Grenzen gibt und die sich für mich wie eine Sackgasse anfühlt. Manchmal wünsche ich mir dann, dass ein Sachbearbeiter einer Behörde mal eine Weile ins Ausland geschickt wird und ihm/ihr die Augen geöffnet wird. Da wünsche ich mir mehr Weite und insbesondere das Herz am rechten Fleck, was bei vielen schon ziemlich stumpf geworden scheint.

Flexibilität im Denken, Flexibilität im Leben, im Handeln, an sich ist das etwas Gutes. Das Nonplusultra scheint es ja bei Stellenbeschreibungen zu sein. Ich frage mich manchmal, warum. Was genau ist damit gemeint, flexibel zu sein? Heißt das, man wird ständig auf Reisen sein, heißt das, dass man sich darauf einstellen kann ständig andere Aufgaben betraut zu bekommen? Heißt das, dass Prozesse nicht definiert sind oder ich irgendwie mit dem Chaos klarkommen muss? Oft weiß man es nicht, muss es sich irgendwie zusammenreimen und erfährt hoffentlich im Vorstellungsgespräch was genau damit gemeint war.

Die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber bzgl. Flexibilität ist groß. Ich finde jedoch, dass man für sich reflektieren muss inwieweit man flexibel sein möchte und kann. Egal, ob das nun heißt, dass ein Umzug in eine andere Stadt oder gar anderes Land ansteht, ob man viel reisen muss, ob indirekt erwartet wird ständig Überstunden zu schieben.

Flexibilität hat einen Preis. Flexibilität ist eben nicht das Nonplusultra. Die ganze Welt kann das behaupten und Flexibilität mit Lametta behängen, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass Flexibilität ihre Schattenseiten hat. Man sollte es sich gut überlegen, ob man bereit ist für sie zu zahlen oder nicht. Indem man zum Beispiel alle drei Monate in einen anderen Einsatzort kommt. Indem man für die neue Stelle alle Zelte abbricht. Ist es das wirklich wert?

Ein Arbeitgeber kann Flexibilität einfordern, aber das sollte einen nicht davon abhalten für sich zu klären, ob man bereit ist so flexibel zu sein wie es erwartet wird.

Weihnachtsgeschenk: Teilt mir eure Themen mit!

Update vom 01.01.2017: Hurra und herzlichen Glückwunsch, Laura, du hast das Abo gewonnen! Danke fürs Mitmachen. Natürlich können hier weiterhin Kommentare mit Wunschthemen hinterlassen werden.

Ein wundervolles neues Jahr wünscht Jenny! Ganz viel Mut, Kraft und insbesondere Inspiration.

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Liebe Leser,

ich habe mich entschieden dieses Jahr eine Weihnachtsaktion zu starten. Jeder, der unter diesem Beitrag einen gültigen Kommentar hinterlässt, hat die Möglichkeit bei der Verlosung von insgesamt 16 Heften der Wila Bonn mitzumachen, die wöchentlich Stellenanzeigen nur für Geisteswissenschaftler zusammenstellt.

Was genau heißt das:

  • Du hinterlässt bei diesem Beitrag einen Kommentar mit gültiger (hier nicht sichtbar) E-Mailadresse, bei der ich dich bei Gewinn kontaktieren kann. Dein Kommentar beinhaltet einen Vorschlag, der dich brennend zum Thema „Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler“ interessiert. Gültig sind nur Kommentare, die einen Vorschlag enthalten. Nicht gültig sind „Gefällt mir“ Klicks oder Kommentare, die mitteilen, dass mein Blog gut/schlecht/langweilig oder sonst wie beurteilt wird oder Vorschläge, dass ich „Wachstum von Petunien in Norddeutschland“ mal genauer untersuchen sollte.
  • Der Countdown beginnt mit Veröffentlichung dieses Beitrags bis zum 31.12.2016, 24:00 Uhr. Jede Person, die bis dahin einen gültigen Kommentar hinterlassen hat, hat die Möglichkeit per Los ein von mir bezahltes Mindestabo der Wila Bonn zu gewinnen.
  • Der Gewinner wird am 01.01.2017 per Los gezogen und hier bekanntgegeben. Ich werde die Person direkt kontaktieren zwecks weiterer Absprache.

Der Hauptgewinn ist wie gesagt das Mindestabo von 16 Ausgaben der Wila Bonn. Die Zeitschrift wertet wöchentlich aus vielen verschiedenen Medien und Zeitungen Stellenanzeigen aus und stellt alle für Geisteswissenschaftler relevanten Stellen nach Postleitzahl geordnet zur Verfügung. Außerdem gibt es jede Woche Artikel zu spannenden Themen, Informationen zu Weiterbildungen, Workshops, usw.

Weitere Infos gibt es hier.

In dem Sinne: Was bewegt dich als Geisteswissenschaftler bei deinem Berufseinstieg, was für ein Thema sollte ich behandeln, wo brauchst du noch Hilfe?

PS: Natürlich kannst du gerne, falls du gerade nicht auf Jobsuche bist, anderen von dieser Aktion erzählen und gerne teilen!

Adventsaktion

Ich habe beschlossen eine Adventsaktion zu machen. Während der Adventszeit möchte ich jeden Donnerstag ein altes Blogtürchen für euch öffnen. Das heißt, bereits veröffentlichte Beiträge, die ich besonders wertvoll finde, stelle ich hier nochmal kurz vor.

Heute öffne ich die Blogtür „Das Wunder von Hamburg“: Es gibt auch die Erfolgsgeschichten, eine Bachelorstudentin der Geisteswissenschaften bewarb sich nach Studienabschluss nur in Hamburg und wurde fündig.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch wenn ich in der Personalabteilung arbeite, habe ich leider selten das Vergnügen den Einstellungsprozess mitzuerleben. Dazu arbeite ich in einem zu spezifischen Spezialbereich, den ich mal hier genauer erklärt habe. Meine Personalabteilung ist sehr groß, wir sind mehr als 30 Leute und entsprechend übernehmen es andere, die Bewerbungsgespräche zu terminieren und zu führen.

Jetzt ergab sich aber endlich die Chance, ich durfte also miterleben wie zunächst die Stellenausschreibung nach heißen Diskussionen online ging, wie die Bewerbungen langsam reintrudelten, gesichtet wurden, Telefon-, Videointerviews und Gespräche stattfanden und langsam einige wenige übrigblieben. Auch wenn ich erst sehr spät eingebunden wurde und erst an Zweit- oder Drittgesprächen teilnahm und noch viel später meine Meinung dazu abgeben durfte, ob die Person eingestellt werden sollte oder nicht, ein wenig habe ich erahnen dürfen wie unglaublich schwierig es ist in so einer kurzen Zeitspanne jemanden auszuwählen. In meinem ersten Beitrag habe ich mal darüber sinniert wie künstlich dieser ganze Bewerbungsprozess ist und wie sehr es einem einstudierten Balztanz ähnelt, den wir nie mehr in der Form aufführen werden.

Aber Balztanz hin oder her, es gibt Hoffnung. Das habe ich diesmal live miterleben können. Es besteht die Möglichkeit statt Balztanz einen Breakdance hinzulegen, die Rituale kann man manchmal doch noch abändern, für sich zu Vorteil nutzen. Denn in diesem Fall hat man einer Quereinsteigerin eine Chance gegeben. Und wenn ich ganz subjektiv urteilen darf, gab es diese Gründe, warum man sich für sie entschied:

  • Ehrlichkeit: Sie stand ganz klar zu ihren Lücken im Fachwissen. Natürlich war auch schon in ihrem Lebenslauf ersichtlich gewesen wo es hapert, aber sie versuchte es auch nicht zu vertuschen, sie stand schlicht dazu.
  • Der Wunsch die Branche zu wechseln wurde klar und einsichtig begründet. Jeder Quereinsteiger wird an irgendeiner Stelle im Vorstellungsgespräch gefragt werden wieso man wechseln möchte. Normalerweise hat auch jeder Quereinsteiger sich dazu ausgiebig Gedanken gemacht. Soweit so gut. Aber der große Unterschied zeigt sich dann, wenn gefragt wird, was genau die Person sich von der Position erhofft und was sie meint ihre Aufgaben sein werden. Sie hatte sich genau informiert, das merkte man sofort. Sie hatte sich klar Gedanken gemacht, sie wusste wo sie sich ganz reinhängen musste, was ihr leichter von der Hand gehen würde. Ihr spürte man es ab, sie hatte Leidenschaft für das Thema, sie war begeistert. Meist scheitert es entweder daran, dass Quereinsteiger nicht genau wissen, auf was sie sich einlassen, reden sehr diffus davon, was sie sich vorstellen oder aber sie zeigen zu wenig Motivation für das unbekannte Neue. Da wird gewechselt, weil der Chef scheiße war oder weil aus anderen Gründen die Langeweile oder der pure Stress aufkam. Ganz schlechte Karten im Gespräch.
  • Es mag nach einer Binsenweisheit klingen, aber sie passte ins Team. Ich habe das große Glück in einer Firma arbeiten zu dürfen, die Quereinsteigern, Geisteswissenschaftlern oder sonstigen Fachfremdem zugesteht, dass sie lernen können und wollen. Das ist leider nicht in jeder Firma der Fall. Zu sehr ist es ein Markt mit zu viel Angebot, sodass viele Firmen lieber auf Nummer sicher gehen, als dass sie einen Quereinsteiger nehmen. Aber ob jemand im Team harmoniert, ob jemand von der Firmenkultur passt, ob jemand mit den Schrullen und Kanten der vorhandenen Personen zurechtkommen wird, das ist etwas, wo unsere Personalabteilung zum Glück ganz genau drauf achtet. Denn es ist die halbe Miete. Wissen kann man sich aneignen, Prozesse erlernen, sich einarbeiten. Das alles ist machbar. Aber ob jemand im Team zurechtkommt, ob jemand hineinpasst in das vorhandene Puzzle an Mitarbeitern, das ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Deshalb wird oft als letzte Instanz auch ein Gespräch im Team mit der Person geführt. Meist ist es etwas kürzer, die verschiedenen Teammitglieder stellen sich vor und erklären ihre eigenen Aufgaben als auch, wie die zukünftige Mitarbeiterin sich in allem einfügt und was ihre Rolle bisher war und sein soll. Jedes Mal habe ich bisher von den Bewerbern gehört, dass sie es unglaublich bereichernd fanden, dass das Team auch eingeladen wurde, dass man sich gegenseitig beschnuppert. Warum dies anscheinend bisher noch so selten in der Praxis umgesetzt wird, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Denn mit diesen Teammitgliedern wird der potenzielle neue Mitarbeiter einen Großteil seiner Lebenszeit verbringen. Da sollte man nicht gleich ablehnende Gefühle im Gespräch entwickeln oder gleich von vorne herein ein schlechtes Bauchgefühl haben. Da ist Chaos, Ärger, Frust und Krach vorprogrammiert, wodurch dann automatisch die Arbeit drunter leidet. Deshalb lernte das Team sie also auch kennen und anschließend wurde das Team befragt, ob sie sich vorstellen könnten mit ihr zusammenzuarbeiten. Die einhellige Antwort lautete ja, obwohl der Fakt, dass sie Quereinsteigerin ist, für einige Teammitglieder bedeutet, dass sie mehr Arbeit haben werden, um sie entsprechend in alle Thematiken einzuführen.

Es besteht also Hoffnung, auch für Quereinsteiger. Dass man nach tausendfachen Absagen doch eine Zusage erhält. Ich weiß, das sagt sich immer so leicht. Aber es ist möglich. Bereite dich entsprechend vor, triff dich mit Leuten aus deiner Wunschbranche, frage sie Löcher in den Bauch. Ich habe hier mal erklärt wie ich das sogar mit ganz unbekannten Leuten per Xing ausprobiert habe und darüber sogar eine Stelle bekam. Gleiche deine Wunschvorstellung mit der Realität ab bevor du dich gezielt auf Stellen bewirbst. Wer weiß, vielleicht stößt du auch auf so viel Begeisterung wie diese Bewerberin, die qualifizierte Fachkräfte ausstach.