Lass mir meinen Traum!

Kennst du das? Da hat man sich ganz mühevoll seinen Traumberuf zurechtgebastelt, da hat man sich ausgemalt, wie es sich anfühlt ihn auszuüben, sich mit ihm zu identifizieren, hinter ihm zu stehen. Und dann kommt irgendjemand daher und will einem den Traum wegnehmen, den man seit Jahren pflegt. Die kalte und schneidige Realität vor Augen führen und das Gefühl mit Wissen füttern. Nein, nein, auf keinen Fall. Auf keinen Fall das tolle Gefühl wegnehmen, dann lieber weiter Luftschlösser bauen!

Ich zumindest habe mich ertappt gefühlt, als ich bei Brotgelehrte die 40 Gründe las, warum Geisteswissenschaftlern die Berufsorientierung schwerfällt: https://brotgelehrte.wordpress.com/2017/06/05/40-gruende-warum-geisteswissenschaftlerinnen-die-berufsorientierung-schwerfaellt/. Bei dem einen oder anderen Grund musste ich nicken, ja, so habe ich auch argumentiert.

Auch mir hat es widerstrebt für meine Arbeit Geld zu verlangen. Ich bin doch nicht materialistisch!

Oder aber auch das große Desinteresse an der freien Wirtschaft, weil ich damals dachte, dass die freie Wirtschaft mein Feind ist. Bis ich eines besseren belehrt wurde.

Mein erstes Studium im Bereich Jazzklavier habe ich aus den verschiedensten Gründen abgebrochen. Ich hatte Angst, dass er mir mal negativ im Lebenslauf ausgelegt werden würde. In einem Vorstellungsgespräch wurde es auch, siehe hier. Aber warum das für mich zu einer neuen Bewertung des Abbruchs geführt hat, habe ich in dem Blogbeitrag beschrieben.

Die Gründe, warum Geisteswissenschaftler sich nicht mit dem Später befassen wollen, sind vielfältig. Brotgelehrte nennt 40. Es gibt sicherlich noch mehr. Dabei ist es so fatal, wenn wir so dickköpfig die Augen schließen, weil es uns nicht in den Kram passt.

Ich als Geisteswissenschaftler in den Vertrieb? Lieber nicht! Dabei geht auch das, siehe das Interview mit einer Germanistik-Absolventin hier.

Eine geisteswissenschaftliche Bachelor-Studentin beschränkt sich auf eine Großstadt mit ihren Bewerbungen? Ganz falsche Strategie, geklappt hat es trotzdem.

Was sind deine Gründe, warum du dich nicht mit dem Danach befassen willst? Nachdem ich fünf Absagen nach fünf verschiedenen Vorstellungsgesprächen bei unterschiedlichen Firmen kassiert hatte, konnte ich mir auch nicht vorstellen einen ordentlichen Arbeitgeber zu finden. Aber der Anruf kam dann doch, siehe hier.

Ich freue mich auf eure Kommentare.

Mach mal Pause

In der Arbeitswelt ist es das freitagliche Ritual zu fragen, was die Kollegen denn am Wochenende vorhaben, um dann am Montag zu erfahren, ob sie diese Vorhaben umgesetzt haben. Wochenende, das ist die geballte Zeit für soziale Kontakte, für Hobbies und Freizeit, das ist, wenn man die Teile der Persönlichkeit hervorholt, die in der Arbeitswelt keinen Platz haben. Am Wochenende treffen wir Menschen, mit denen wir unter der Woche nur per whatsapp verbunden. Am Wochenende, das wird vorausgesetzt, hat man Pläne. Unter der Woche abends mal einfach erschöpft aufs Sofa zu sinken und sich vom Fernseher berieseln zu lassen, das kann man wohl durchgehen lassen, aber am Wochenende geht das nicht. „Und, was hast du für Pläne am Wochenende?“ verfolgt einen auf Schritt und Tritt.

Am letzten Freitag lautete meine Antwort auf diese Frage: „Nichts.“ Es ist schon ziemlich lange her, dass ich mal ein Wochenende komplett alleine bin und auch bewusst keinerlei Termine eingeplant habe. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann das das letzte Mal war. Keine Pläne am Wochenende zu haben, das ist ziemlich ungewöhnlich, wenn nicht gar unerhört. Ist mir denn nicht bewusst wie kostbar die Zeit des Wochenendes ist? Wie viele Menschen enttäuscht sind, weil ich eine weitere Woche nur per whatsapp werde kommunizieren können? Nichts am Wochenende vorzuhaben ist ungefähr so attraktiv wie zu behaupten, dass man gerne mehr unter der Woche schlafen möchte.

Auch wenn meine Antwort „Nichts.“ lautete, so hieß dies nicht, dass ich die ganze Zeit im Bett abgehangen und Serien geschaut habe. Nein, ich habe dieses Wochenende genutzt, um mich zu sortieren. Ich bin früh ins Bett gegangen und bin morgens ohne Wecker aufgewacht. Nach ein bisschen Haushalt machen, habe ich mich hingesetzt und diverse Projekte, die ich schon lange machen wollte, aber nie Zeit zu gefunden habe, beendet. Wie zum Beispiel ein Fotobuch fertig zu gestalten und eine Kurzgeschichte zu Ende zu schreiben. Ich habe schöner Musik gelauscht ohne irgendetwas anderes dabei zu tun und den Graugänsen zugehört, die anscheinend ihre Balzzeit begonnen haben. Ich habe aus dem Fenster gestarrt und die vorbeiziehenden Wolken bei ihrem trägen Tanz beobachtet.

Das seltsame an diesem Nichtstun ist dabei, dass meine Gedanken sehr aktiv waren. Ich hatte den Eindruck, dass meine kreativen Säfte auf eimal gesprudelt haben. Auch wenn ich äußerlich vielleicht nicht viel gemacht habe, hat sich innerlich viel bewegt. Mir ist zum Beispiel bewusst geworden, dass sich mein kreativer Fokus weg von der Musik zum Wort bewegt hat. Das ist schon eine Weile so, aber über dieses Wochenende ist es mir besonders aufgefallen, weil ich kaum das Bedürfnis hatte mich ans Klavier zu setzen und ein wenig zu klimpern, aber ich sehr wohl ganz viel schreiben musste und wollte.

Ich habe auch viel darüber nachgedacht, was meine Stärken sind. Ich bin schon immer jemand gewesen, der viele Ideen hat und sich nicht scheut diese vor anderen zu präsentieren, auch wenn die Idee vielleicht abstrus erscheinen mag. Meist habe ich die Idee so anschaulich und so überzeugend weitergeben können, dass ich das Publikum überzeugte und man mir die Durchsetzung der Idee anvertraute, denn schließlich war ich diejenige, die die Idee hatte. Oft habe ich die Durchsetzung dann auch übernommen. Mir ist dieses Wochenende jedoch klar geworden, dass es mich oft extrem viel Energie gekostet hat, wenn ich die Leitung für die Durchführung einer Idee zu übernehmen hatte. Ich kann leiten, aber ich mache es ehrlich gesagt nicht so gerne. Es kommt natürlich auf den Kontext an, aber große Teams über eine lange Zeit anzuleiten kostet mich viel Kraft. Ideen zu produzieren, mache ich jedoch mit links.

Mir ist auch wieder aufgefallen, dass ich gerne analysiere. Gründe zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, zu sortieren und zu ordnen machen mir Spaß. Es ist ein wenig wie ein großes Wollknäul, das es zu entwirren gilt. Nur wenn man das große Ganze sieht, wenn man aus Vogelperspektive betrachtet, besteht die Chance Muster zu erkennen und Sachen richtig einzuordnen. Mir geht so etwas leicht von der Hand, ich muss mich dafür nicht anstrengen. Ich mache es automatisch, sowieso. Ich ordne meine Umwelt fortgehend, meine Lieblingsfrage lautet „Warum?“.

Was ich hiermit sagen möchte? Dass es sinnvoll sein kann sich für einen bestimmten Zeitrahmen zurückzuziehen. Dass man sich bewusst keine Termine einplant und sich auf das Nichtstun einlässt. Ich war erstaunt wie erholsam dieses Wochenende für mich war. Der Frühjahrsputz meiner Gedanken, so kann man dieses Wochenende wohl am besten zusammenfassen. Insbesondere vor dem Hintergrund, wenn man für sich sortieren möchte wohin die Reise geht, wenn man sich vielleicht unsicher ist, was man kann und was nicht. Zu oft und zu viele Menschen reden auf uns ein, zu viele Absagen, zu viele Gespräche, die uns in die eine oder andere Richtung zerren wollen. Wenn man gezwungen ist sich mit sich selbst zu beschäftigen, wird man ganz schnell feststellen, worauf man Lust hat, was einen animiert und wozu man nicht angespornt werden muss, um dabei Spaß zu haben. Deshalb: mach mal bewusst Pause.