Mein persönlicher Umgang mit Absagen

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, wie ich vor etwa anderthalb Jahren vor meinem Computer saß und die Absage nach dem Vorstellungsgespräch erhielt. Ich musste schlucken, es traf mich hart. Besonders deshalb, weil ich bisher oft Erfolge verzeichnet hatte, wenn ich es zum Vorstellungsgespräch geschafft hatte. Wenn ich denn eingeladen wurde, was ja selten genug war, dann erhielt ist fast immer den Job im Anschluss. Doch diesmal nicht. Diesmal wollte man mich nicht. Diesmal hatte ich also nicht überzeugt, diesmal hieß es weitersuchen, hieß es wieder einmal den Markt nach potenziellen Stellen abgrasen.

Als erstes musste was zu essen her, ab der Absage nach dem meiner Meinung nach sehr gut verlaufenen Vorstellungsgespräch zügelte ich mich nicht mehr, es brachte ja doch nichts. Wenn ich schon zu Hause herumhocken musste, wenn ich denn schon nichts anderes tat als stundenlang durch das Internet zu surfen, die verschiedensten Jobbörsen besuchte und geduldig Suchbegriffe bei Google eingab, dann machte es ja wohl nichts aus, wenn ich im Pyjama, was zu knabbern und einer Tasse Tee in der Hand mich ein wenig gehen ließ. Schokolade zum Frühstück? Aber sicher, um 11 Uhr zweites Frühstück, warum denn nicht? Interessierte ja doch niemanden. Abends nochmal was kochen, ja, klar!

Es zeigte sich auf der Waage, ich legte innerhalb kurzer Zeit 6 kg zu. Es zeigte sich im Äußeren, Schlabberpulli und verwaschene T-Shirts begleiteten mich tagein und tagaus. Es zeigte sich im Internetverlauf, statt Stellen zu suchen, las ich private Blogs oder entdeckte lustige Videos und beobachtete erbitterte Forenkämpfe. Ich wollte und konnte einfach nicht mehr. Zu oft hatte ich Bewerbungen geschrieben, hatte mich zur Schau gestellt, hatte einfach keine Lust mehr auf dieses ewige Auf und Ab, das Zittern und Bangen, ob es was wird, die Aufregung und Nervosität bis die E-Mail endlich, endlich eintraf, um mich entweder von dem Leiden zu erlösen oder aber mich weiter zu bestätigen, dass ich anscheinend nichts konnte und man mir absagen musste.

Die Bewerbungszeit ist eine harte Zeit, da gibt es nichts dran zu rütteln. Da ich schon so einige Bewerbungsphasen mitgemacht habe, weiß ich nur zu gut wovon ich spreche. Ich weiß nicht so genau warum meine letzte Bewerbungsphase von 2015 mich so besonders hart traf, ich kann zwar ein paar Gründe nennen, aber irgendwie gibt es auch einen undefinierbaren unlogischen Wutgrund, der mich gleichzeitig tatenlos und lieblos werden ließ. Lieblos auch im Bezug auf das Schreiben von Bewerbungen. Einen Scheiß muss ich, so lässt sich meine letzte Bewerbungsphase wohl am besten zusammenfassen. Ich hatte einfach keine Lust, weder zu suchen, noch zu schreiben, noch diese Bewerbungsmaske aufzusetzen, die man unweigerlich aufsetzt, wenn man zum Gespräch eingeladen wird.

Ich war lustlos und ließ mich treiben. Bis ich mich eines Tages tatsächlich auf die Waage traute und die 6kg mir unbarmherzig zeigten, dass ich mich langsam aber sicher auf den Abgrund zubewegte. Zwischen dem Seriengucken und der Snacks, die ich mir fortwährend in den Mund schob, gab ich mir schließlich einen Ruck. Die Absagen flatterten weiterhin rein, ich musste weiterhin mühsam Stellen suchen, es ging nicht auf einmal alles besser und einfacher. Der Bewerbungssumpf war immer noch der gleiche. Aber mit einem müden Seufzen beschloss ich, dass ich etwas ändern musste. Und machte folgendes:

1. Ich begann diesen Blog. Mein erster Eintrag, aus dem März 2015, befasst sich mit der Künstlichkeit von Vorstellungsgesprächen. Ihm folgte ein Beitrag zum Thema Bitterkeit, was mich selbst zu dem Zeitpunkt sehr beschäftigte. Denn zynisch und bitter wird man bei der Jobsuche schnell.

Der Blog strukturierte meinen Alltag. Während meiner Arbeitslosigkeit schrieb ich jeden Wochentag einen Beitrag, Themen fielen mir viele ein. So entwickelte ich schnell eine Routine, stand morgens auf, um mir erst einmal Gedanken zu machen worum es im Blog gehen würde, machte den Grobentwurf oder veröffentlichte den Artikel gleich und machte mich dann im Anschluss mit etwas mehr Elan an die Jobsuche.

Der Blog half mir auch mich stärker zu vernetzen. Wenn auch nicht oft, so lernte ich manchmal andere Bewerber kennen, tauschte mich aus und bekam wieder etwas mehr Mut. Es gab noch andere, denen es genauso ging wie mir. Ich war nicht allein.

2. Ich machte regelmäßig Sport. Die 6kg mussten weg, wenn nicht gleich noch ein paar mehr.

Wann, wenn nicht während der Arbeitslosigkeit hatte ich die Möglichkeit Sport in einem solchen Maße zu treiben? Wann würde ich jemals wieder so viel Zeit finden mithilfe einer App ganz langsam das Laufen zu trainieren? Jetzt war die Gelegenheit dazu. Ich raffte mich also auf und ging laufen. Hier habe ich mal beschrieben, was es für mich bedeutet, dass ich jetzt in der Lage bin regelmäßig 7km zu laufen ohne tot umzufallen. Schnell merkte ich, dass ich beim Laufen tolle Ideen bekam wie ich ein Anschreiben formulieren sollte oder konnte mit frischen Augen erneut die Jobbörsen durchsuchen und wurde plötzlich dort fündig, wo ich zuvor offensichtlich die interessante Stelle übersehen hatte.

3. Ich bepflanzte zum ersten Mal meinen großen Balkon.

Als Arbeitslose hatte ich natürlich einen schmaleren Geldbeutel. Klar. Also beschloss ich statt bereits ausgewachsener Blumen Blumensamen zu kaufen. Sie sind deutlich günstiger und viel ergiebiger. Ich las welche Blumen pflegeleicht waren, welche wohl auf meinem Balkon gedeihen würden und machte mich alsdann ans Werk und deckte mich mit Blumensamen ein. Einige Pflanzen mussten eher ausgesät werden als andere, einige hatte ich zunächst drinnen aufzuziehen bevor ich sie nach draußen bringen konnte, andere brauchten feuchtere Erde als andere. Ich probierte also fröhlich herum, verteilte großzügig Samen in verschiedenen Töpfen, machte mir einen Spaß daraus einige Töpfe akribisch zu beschriften und bei anderen eine völlig willkürlich zusammengestellte Samenmischung einzupflanzen und mich einfach überraschen zu lassen. Jeden Tag verbrachte ich automatisch gleich morgens etwas Zeit auf dem Balkon und hatte nach überraschend kurzer Zeit Sämlinge sprießen, unterschiedlicher Couleur und Größe. Es dauerte nicht lang und dann kamen die Bienen und Schmetterlinge, auch ich wurde magisch angezogen meine Bewerbungen lieber bei den duftenden Blumen auf dem Balkon zu schreiben als drinnen.

Das tägliche Blumengießen, das Abknicken von verblühten Blüten, das regelmäßige Prüfen, ob die Erde entsprechend den Vorlieben der Blume feucht oder trocken genug war, erdete mich. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und komme innerlich besonders gut zur Ruhe, kann mich entspannen, wenn Natur um mich ist. Ich atme automatisch tiefer, ich fühle mich gleich wohl. Wenn auch der Balkon ein eingeschränkter Naturraum ist, so halfen mir meine selbstgepflanzten Blumen den Bewerbungsstress etwas gelassener zu nehmen.

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Und das bringt mich zu dir. Wie gehst du mit Absagen um? Was sind deine Strategien, wie du mit dem Bewerbungsfrust umgehst, dem entgegenwirkst? Ich freue mich wie immer über Anmerkungen und Kommentare.

Vielleicht mal kreativ bewerben?

Irgendwann hatte ich es satt. Dieses ständige Werbung für mich machen, mein Anschreiben genau auf das Unternehmen zuzuschneiden, mir irgendwelche schwülstigen Sätze aus den Fingern zu saugen, warum gerade ich, warum genau dieses Unternehmen, wie viel Prozent Umsatz ich gesteigert hatte, blabla.

Nach mehr als 250 Bewerbungen dauerte das Schreiben einer Bewerbung bei mir meist weniger als eine Stunde. Irgendwann hatte ich so viele Phrasen, so viele Beschreibungen von mir gesammelt (ich kam irgendwann auf einige Word-Seiten), sodass am Ende nur die richtigen Phrasen und Sätze zusammengestellt werden mussten, um das „maßgeschneiderte“ Anschreiben zu erstellen. Ich ging dabei ganz pragmatisch vor, ich durchsuchte die Stellenanzeige nach Schlüsselwörtern und suchte mir dann die entsprechenden Phrasen, die ich dazu bereits formulierte hatte, heraus. Entsprechend der Förmlichkeit der Anzeige wählte ich dann den richtigen „Ton“ und zack, hatte ich bereits einen Satz fertig. Wurde zum Beispiel Organisationsfähigkeit erwünscht, konnte ich zwischen verschiedenen Sätzen wählen, in denen ich beschrieb, wie ich weder den Kopf noch die Übersicht verlor, wenn ich X und Y ausführte oder Z Fälle gleichzeitig zu bearbeiten hatte. Dann suchte ich das nächste Schlüsselwort und meine passende Formulierung dazu usw.

Das gleiche galt für den Lebenslauf. Ich hatte einen Masterlebenslauf, in dem ich jede einzelne berufliche Station ausführlich beschrieb, jedes Praktikum, jede Fortbildung und jede noch so schnöde Qualifikation. Entsprechend der Stellenbeschreibung löschte ich alles Irrelevante weg und passte gegebenenfalls die Wortwahl an. Wie gesagt, am Ende verschickte ich Bewerbungen mit einem Aufwand von weniger als einer Stunde.

Und auch wenn der Aufwand gering war, ich hatte es irgendwann leid. Es nervte mich, dieses ewige Leistungsdenken, das ewige „Ich bin so toll, ohne mich bricht euer Laden zusammen.“ Zumindest auf die klassische Art. Deshalb beschloss ich, etwas zu gestalten, das mir mehr entsprach. Und entwarf folgende Bewerbung:

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Sehr geehrter Herr X,

gerne würde ich mich bei Ihnen als pädagogische Mitarbeiterin für den Bereich Learning & Development bewerben. Hier ein kleiner Überblick zu mir als Person.

Meine Fähigkeiten

Nach Studium der Erwachsenenbildung 5 Jahre Trainerin

Vom Einzelunterricht eines Topmanagers, der für eine Verhandlung in Milliardenhöhe im arabischen Raum einen Englischcrashkurs bei mir machte, über das Üben eines Elevator Pitches für sich-selbst-ungern-verkaufende Germanisten, bis hin zum eintägigen Workshop für Professoren, die Probleme hatten ausländischen Studenten zu verdeutlichen worauf es bei Hausarbeiten ankommt: Ohne Methodenvielfalt, handlungsorientiertem Lernen und echtem Wissenstransfer geht es bei mir nicht.

Ein Jahr pädagogische Leitung

Stundenpläne basteln, mich in ein komplett neues Thema einarbeiten, einen Stoffverteilungsplan entwerfen, Materialien neu entwickeln, das Format der Prüfungsvorbereitung für ein neues Deutsch-Programm aufziehen, Teilnehmer beruhigen, Feuer unter dem Hintern machen oder trösten, Lehrerausfall mit Improvisationskunst begegnen und die Geschäftsleitung davon überzeugen, dass das Lehrwerk nach Jahren definitiv ausgetauscht werden muss.

Was Kollegen zu mir sagen

Hilfsbereit, freundlich, ehrlich, sehr konzentriert und gewissenhaft, nimmt sich manchmal berufliches zu sehr zu Herzen und ist dann gestresst, vertrauenswürdig, organisiert, in der Lage sich auf Neues einzulassen und zu lernen, „gerade raus“ mit den Mitmenschen, deswegen manchmal unwirsch, grundsätzlich sehr positives Wesen, locker, persönlicher Kontakt zu Kollegen ist sehr wichtig.

Was ich mag

Netzwerken, neue Ideen ausprobieren und immer wieder und wieder anpassen bis etwas Gutes daraus entsteht, Wortspiele, Ehrlichkeit, bloggen, beobachten, Menschen dabei zusehen, wie sie etwas lernen und ihnen ein Kronleuchter aufgeht, das Warum, Ungewöhnliches.

Was ich nicht mag

Stundenlange Meetings ohne Ergebnis, eingefahrene Bahnen, Menschen, die keine Lust auf Neues haben, Zickenkrieg, Statusdenken und Drängeltrödler

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Ich habe die Bewerbung nie abgeschickt. Nicht, weil ich nicht von ihr überzeugt war, das bin ich noch immer. Sondern weil ich überraschend ein anderes Jobangebot erhielt und somit gar nicht dazu kam diese Bewerbung zu verschicken. Manchmal wünschte ich, dass sich nicht so urplötzlich etwas anderes ergab, denn dann hätte ich testen können, ob es ein völliger Fehlgriff war oder Aufmerksamkeit erregt hätte.

Dieses Anschreiben zu konzipieren machte mir unglaublichen Spaß. Insbesondere meine ehemaligen Kollegen um eine ehrliche Einschätzung meiner Persönlichkeit zu bitten, gab mir zu denken und war Grund genug mich selbst nochmal zu hinterfragen.

Im müden Trott des ständigen Suchens von Stellenanzeigen und Bewerbungen schreiben gab mir dieses „Miniprojekt“ Aufschwung. Es inspirierte mich und half mir nochmal mich selbst besser zu fassen und zu reflektieren.

Vielleicht ist es bei dir auch mal dran? Aus dem Trott auszubrechen, dich kreativ mit dem Thema Bewerbung auseinander zu setzen. Freunde, Eltern, Kollegen und Bekannte zu bitten dich in deiner Arbeitsweise einzuschätzen. Etwas zu schreiben, dass dir mehr entspricht und dir hilft aus dem engen Korsett Bewerbung auszubrechen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich sogar etwas aus genau dieser einen kreativen Bewerbung?

Ich freue mich über eure Meinung und eure Erfahrungen zu dem Thema.