Die Desillusionierung des Weltverbesserers: Segen oder Fluch?

Gestern las ich den Artikel „Ausbeutung im Job: Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“ bei Edition F und dachte mir, da ist jemand ganz schön frustriert.

Ich kenn das von mir, beim Schreiben meiner Magisterarbeit war ich noch enthusiastisch und dachte, dass ich irgendwann schon genügend Geld verdienen würde. Setze mich also hin und schrieb mit Elan Bewerbungen. Ich hatte Glück und fing direkt nach Studiumsende in einer NGO an. Zwar nur Teilzeit, aber es hatte geklappt. Dass das Geld hinten und vorne nicht reichte, war erst einmal Nebensache, Hauptsache Berufserfahrung sammeln. Als ich dann aber nach neun Monaten schon wieder am Schreibtisch saß und Bewerbungen schrieb, weil die Stelle aus finanziellen Gründen gestrichen wurde, war die Motivation schon etwas angeknackst.

Nachdem ich aber mehr als 100 Bewerbungen ohne Erfolg verschickte, wurde der Motivationsfluss immer mehr zu einem Rinnsal. Ich hielt mich also notgedrungen mit einer Selbstständigkeit über Wasser. Als Jazzpianistin und Sprachtrainerin erarbeitete ich mir einen Kundenstamm, lernte zu verhandeln und tauchte in den Versicherungs- und Steuerdschungel ein. Doch schien meine Selbstständigkeit nicht als „echte“ Berufserfahrung zu zählen, die Absagen schwemmten mein E-Mailfach oder Unternehmen glänzten mit zähem Schweigen nach meiner Bewerbung.

Mit jedem weiteren Jahr, das nach meinem Abschluss verfloss und in dem ich immer noch nicht finanziell einigermaßen über die Runden kam, mit jeder Absage, die mir einen Magenstoß versetzte, wuchs Bitterkeit und Frustration in mir.

Jedem Geisteswissenschaftler ist klar, dass sie mal nicht das große Geld verdienen werden. Deswegen studieren sie auch nach Neigung und Interesse. Aber je länger der Abschluss her ist und je öfter man über Finanzierungsmöglichkeiten von so elementaren Dingen wie einer Waschmaschine nachdenken muss, desto mehr sieht man eine Veränderung im Denken eines geisteswissenschaftlichen Absolventen.

Geld ist dann immer noch nicht alles, aber jetzt wachsen langsam die Forderungen. Mit einem Universitätsabschluss in der Tasche, soll die Festanstellung zumindest einen kleinen Urlaub im Jahr möglich machen. Nein, man möchte nun doch nicht Hartz IV beantragen, man möchte nicht mehr jede Woche 60-70 Stunden schufften für einen Hungerlohn. Nein, das große Geld will man immer noch nicht verdienen, aber sich Sorgen um die Miete machen auch nicht. 

Ich habe es an mir selbst gemerkt, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, Sinnhaftigkeit schaffen, alles Schlagwörter, die für Geisteswissenschaftler elementar sind, sie wurden immer mehr von den Schlagwörtern ausreichender Verdienst, um über die Runden zu kommen und Anerkennung meines Universitätsabschlusses überdeckt. 

Nach unzähligen Gesprächen mit geisteswissenschaftlichen Absolventen beobachte ich eines: Nach dem Enthusiasmus kommt die Ernüchterung. Wird zunächst die Festanstellung im Kreativbereich mit viel Elan und Überstunden in Angriff genommen, schwinden diese nach und nach und werden ersetzt von der Desillusionierung und Bitterkeit. 

Jetzt werden die Forderungen noch lauter, während andere bereits den zweiten Karrieresprung machen, hangelt man sich von Befristung zu Befristung und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. War man vorher bereit für kleines Geld die Welt zu retten, erwartet man nun doch genügend, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Plötzlich ist man bereit Stellen anzutreten, die man vorher nie in Erwägung gezogen hätte.

Manche erschrecken dann und fragen sich, wo ihr Idealismus geblieben ist. Die Antwort lautet, dass dieser von der scharfkantigen Realität aufgerieben wurde. So langsam dämmert einem, das große Geld wird man wohl nie verdienen, aber mit so wenig Geld und Anerkennung hat man dann doch nicht gerechnet. Jetzt ist man einfach froh, wenn man aus der Arbeitslosigkeit oder Hart IV rauskommt, Stelle oder Befristung hin oder her.

Was bis hierhin wie ein Frustartikel klingt, soll aber keiner sein. Ein Grund, warum ich diesen Blog gestartet habe, war, weil ich glaube, dass es gut ist, wenn Geisteswissenschaftler außerhalb ihrer kleinen Nischen in der freien Wirtschaft unterkommen. Dass sie mit ihrer ungewöhnlichen Sichtweise Lösungen finden und Unternehmen bereichern können. Dass sie auch zufrieden sein können, wenn sie nicht ständig ihr Helfersyndrom befriedigen und „ungeisteswissenschaftliche“ Aufgaben ausführen. Sie können Unternehmen viel geben und erhalten im Gegenzug auch viel zurück.

Ich werde bis heute nicht vergessen wie ich nach vielen Jahren der finanziellen Sorge als Selbstständige meine erste unbefristete Festanstellung antrat in einem noch unbekannten Beruf im Bereich Relocation Management und relativ schnell nach der Probezeit einen dreieinhalbwöchigen Urlaub genehmigt bekam. Im Geiste schüttelte ich ungläubig den Kopf, wohlwissend, dass ich 1. in dem Monat gerade mal 5 Tage arbeiten würde, 2. trotzdem das volle Gehalt ausgezahlt bekam, 3. keine Versicherungen von mir einforderten weiterhin meine Prämien zu zahlen wie ich es als Selbstständige kannte, egal wie meine Einnahmen in dem Monat aussahen und 4. ich auch noch völlig entspannt und ohne Sorge in einen langen Urlaub fahren durfte. Diesen Urlaub schätzte ich mehr als jeden anderen. Ich war dankbar, dankbar, dass ich eine Festanstellung hatte, dankbar, dass ich auf Kosten der Firma entspannen konnte (so fühlte es sich für mich damals an), dankbar, dass ich während meiner Abwesenheit vertreten wurde.

Meine Angst vor der freien Wirtschaft erwies sich als unbegründet. Vielleicht rettete ich die Welt nicht in dem Maße wie ich es gerne gewollt hätte, aber ich konnte viele Fähigkeiten anwenden, die ich während meines Studiums gelernt hatte und die mir von Natur aus lagen. Ich musste mich nicht völlig verbiegen und stand auch hinter den Werten des Unternehmens. Aber all das war nichts gegen die erste Gehaltszahlung, die mir bestätigte, dass ich mir nun nicht jedes Mal Sorgen machen musste, ob ich meine Miete bezahlen können würde.

Zugespitzt formuliert hat mich die Ernüchterung, Desillusionierung und Frustration am Ende zufriedener und dankbarer gemacht. Weil ich gezwungen wurde einen Fuß in Richtung freie Wirtschaft zu setzen und ich langsam merkte, dass sie doch nicht so schlimm war, wie ich mir in meiner blühenden Fantasie zurechtgeträumt hatte. Es war eine harte Schule, bei der der Elan von allen Seiten beklopft wurde und man sich fragte, was, außer der Ernüchterung, bleiben würde. Aber am Ende haben die freie Wirtschaft und ich Frieden geschlossen. Die freie Wirtschaft ist nicht mehr mein Feind.

Blogtürchen Nr. 3

Immer wieder begegne ich Studenten der Geisteswissenschaften, die der freien Wirtschaft sehr ablehnend gegenüberstehen. Man studiert bewusst entsprechend seiner Neigungen, ansonsten hätte man BWL oder Jura ausgewählt. Dass die freie Wirtschaft viele Möglichkeiten für Geisteswissenchaftler eröffnet, scheint oft noch nicht angekommen zu sein. Um diese Thematik geht es heute beim Blogtürchen „Die freie Wirtschaft ist nicht dein Feind.“

Ohnmacht und Wehmut

So starre und kalte Begriffe wie berechnende Karriere, schmieriges und korruptes Geld, kalter Profit? Die streichen wir aus unserem Vokabular. Wir beschäftigen uns lieber mit verschnörkelten Buchstaben, den Zeiten einer Hochkultur in geheimnisvoller Vergangenheit und sinnen im Schöngeist über geistige Dinge, die den Geist und das Herz bewegen.

Wir leben und atmen unser Fach, wir lächeln nur müde, wenn wir zum tausendsten Mal gefragt werden, was wir denn später mal mit unserem Studium machen wollen. Wie kann, fragen wir uns immer wieder, wie kann ein kalter Stahlmensch, der uns diese Frage stellt, denn so etwas Weiches und Luftiges wie uns Geisteswissenschaftler verstehen? Prallen an ihm nicht sowieso Ästhetik und Schönheit ab, wird unser Luftballon voller poetischer Wünsche und ehrwürdigen Weisheiten nicht sogar von ihnen aufgespießt, den zackigen Messern, die an ihm befestigt sind?

So leid es mir tut den Luftballon aufspießen zu müssen, aber die traurige Wahrheit lautet, dass Geisteswissenschaftler, sofern sie denn in der freien Wirtschaft arbeiten wollen, Abschied davon nehmen müssen sich ausschließlich mit geistigen Themen auseinandersetzen zu dürfen. Es ist zwar eine bittere Wahrheit, die auch ich habe schlucken müssen, aber es ist nun mal tatsächlich so, dass wir kaum etwas von den Studieninhalten in unserem späteren Berufsleben werden einsetzen können.

Ich glaube zwar auch ganz fest, dass Geisteswissenschaftler in vielen Soft Skills gut ausgebildet sind und mit bestimmten Kompetenzen, wie zum Beispiel zu überzeugen oder sich schnell in unbekannte Themen einzuarbeiten, glänzen können. Aber auch wenn ich dies glaube, so musste ich auf die harte Tour lernen, dass es in meinem jetzigen Berufsleben herzlich wenig Leute interessiert, warum wir den Buchstaben ß noch in Deutschland und Österreich verwenden, nicht aber in der Schweiz. Wenn überhaupt ein Kollege interessiert ist am Dahinschwinden des Buchstaben ß, dann nur in der Form, dass er überrascht reagiert, wenn ich sage, dass „Mit freundlichen Grüßen“ immer noch mit ß geschrieben wird, auch wenn alle Welt wie die Schweizer „Grüsse“ zu vergeben hat.

Ich bin neulich voller Wehmut die ganzen Skripts und Reader von Unizeiten durchgegangen, die ich auch jetzt noch, sechs Jahre nach Studienabschluss und den Umzug in drei verschiedene Städte, immer noch besitze. Ich wollte mich nicht trennen von Seminaren zum Beowulf im Altenglischen oder dem Gebrauch des Partikels im Deutschen. Staunend habe ich sie durchgeblättert, konnte nicht glauben, dass mein Leben in solch kleinen Nischen stattfand und man zu Themen referierte, die man kaum selbst verstand, geschweige denn durchdrang.

Es macht mich wehmütig, dass unser Studium für die Katz ist. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber ich habe, wenn überhaupt, vielleicht gerade mal 1% aus meinen universitären Seminarinhalten in die Arbeitswelt hineinretten können. Proseminar, Hauptseminar, egal, was es ist, es war tatsächlich ein Lernen zum eigenen Vergnügen, aber auf das Berufsleben hat es mich herzlich wenig vorbereitet.

Und darin sehe ich den großen Knackpunkt für Geisteswissenschaftler. Wenn man beruflich auch nur bescheidenen Erfolg haben will (und damit meine ich definitiv nicht die steile Karriereleiter, sondern so etwas Schlichtes wie in einem Beruf zu arbeiten, der es einem ermöglicht einigermaßen über die Runden zu kommen), muss man diesen Umstand akzeptieren können. Nicht nur, dass man so gut wie nichts vom Studium im Berufsleben anwenden wird, aber auch, dass man eine Unmenge an anderen Dingen dafür von der Pike auf lernen muss. Man muss bereit sein mit Stahlmenschen zusammenzuarbeiten (wobei man dann manchmal überrascht feststellt, dass sie gar nicht so sehr aus Stahl gemacht sind, sondern sich als knorrige Eichen oder lustige Sandburgen herausstellen). Man wird wieder Anfänger, I-Männchen in so vielen Belangen.

Zum Beispiel Anfänger darin wie politische Spielchen im Unternehmen gespielt werden oder wie Prozesse auf dem Papier beschrieben werden, aber dann auf ganz andere Weise in die Praxis umgesetzt werden. Man lernt geduldig dem ewigen Hin und Herrrudern von Projekten oder Aufgaben zuzuschauen; mal soll die Abteilung es machen, dann doch nicht, dann wieder doch, dann passiert lange nichts und urplötzlich bekommt man eine sehr enge Deadline gesetzt und muss Überstunden arbeiten, weil endlich das finale Wort gesprochen wurde. Dabei fragt man sich die ganze Zeit, warum das nicht von Anfang an klar war.

Deshalb liebe samtigen Träumer und Gedankentänzer, seid ihr bereit von der Luft auf den Boden der Tatsachen zurückzuschweben? Seid ihr bereit euch in ganz andere Felder einzuarbeiten als ihr es je für möglich gehalten hättet?

Könnt ihr oder wollt ihr nicht?

Die freie Wirtschaft ist nicht dein Feind

Mir ist in letzter Zeit wieder einmal aufgefallen, dass Geisteswissenschaftler der freien Wirtschaft extrem misstrauisch gegenüberstehen. Als Argument wird genannt, dass man nicht beim Profitmachen dabei sein möchte, dass man nicht dem Luxus hinterherrennt und keine Lust hat im Kostüm zur Arbeit zu erscheinen.

Ich habe lange Zeit ähnlich gedacht, denn ansonsten hätte ich BWL studiert.

Je länger ich jedoch arbeite, desto mehr fällt mir auf, wie kurz gedacht diese Sichtweise ist. In vielen Köpfen von Geisteswissenschaftlern schwirrt ein diffuses Bild von dickleibigen Anwälten oder Wall-Street-Bankiers, die mit kaltem Blick und berechnenden Gieraugen über Milliarden verfügen, im Kopf herum, sobald sie das Wort Profit hören. Es geht nur ums Geld, niemals um den Menschen. Da werden herzlos Stellen gestrichen, gespart, da wird das Gehalt gedrückt, damit sie sich noch mehr in die eigene Tasche scheffeln können.

Das ist eine Welt, mit der man als Geisteswissenschaftler nichts zu tun haben will. Davon distanziert man sich. Davor hat man vielleicht sogar Angst, so will man auf keinen Fall enden. Aber mal die Gegenfrage: jeder Verein, jede gemeinnützige Gesellschaft, jeder Geisteswissenschaftler, der sich aus der Not heraus selbstständig macht, alle, egal, ob Wall-Street-Banker oder freischaffender Fotograf, egal ob Greenpeace oder weltweiter Konzern, sie alle müssen Profit machen. Alle. Auch du. Auch wenn du in einer Redaktion arbeitest, auch wenn du jemanden Deutsch beibringst oder bei Nabu angestellt bist, wir sind nun mal auf Geld angewiesen, um zu überleben. Zu behaupten, dass man keinen Profit machen möchte, ist schlicht gesagt lächerlich. Denn es geht nicht. Selbst wenn du in eine Kommune ziehst, die sich weitestgehend selbst versorgt, wird immer noch Strom und Wasser bezahlen müssen. Es ist faktisch nicht möglich komplett ohne Geld zu leben.

Stimmt, wirst du sagen, aber es gibt sehr wohl einen Unterschied, ob ich als Anwalt bei Wall Street arbeite oder aber Fließgewässer beurteile. Als Anwältin wirst du sicherlich täglich im Kostüm herumlaufen müssen, wenn du Wasserqualität oder Flussbaumbestände dokumentierst, wohl kaum. Denn die wirkliche Aussage, die dahinter steckt, lautet, dass man nicht zu einer geldfressenden Maschine degradieren möchte. In der Aussage schwingt Elitedenken mit, dass man besser ist, weil man moralisch und ethisch besser handelt, weil man zum Wohle der Gesellschaft und nicht aus Eigennutz handelt. Geisteswissenschaftler sind nicht umsonst Idealisten, die die Welt verbessern wollen. Aber auch Idealisten müssen lernen mit der Realität umzugehen. Und die lautet, dass man nicht umhin kommt Profit zu machen, egal wo und wie man arbeitet.

Wie dieser Profit generiert wird und inwieweit man das Menschliche nicht aus den Augen verliert, ist eine andere Frage. Aber du wirst nicht drumrum kommen. Und ganz ehrlich, das ist auch gar nicht schlimm, denn die freie Wirtschaft ist gar nicht dein Feind. Den Feind machst du dir – zu Unrecht. Es gibt viele Ecken in der freien Wirtschaft, in denen man als Geisteswissenschaftler unterkommen kann.