Weisheiten am Wegesrand

Ich finde es immer wieder spannend, wie ich über den Blog Menschen kennengelernt habe, denen das Thema Geisteswissenschaftler und Berufseinstieg genau wie mir auf dem Herzen liegt. Ich lerne gerne weitere Leute kennen, die sich darüber mit mir austauschen möchten. Wer mir persönlich schreiben möchte, kann gerne ein Kommentar hinterlassen oder mich per info at jennywarkentin.de direkt anschreiben.

Eine Leserin, die gerne anonym bleiben möchte, hat sich bereiterklärt, ein wenig von sich zu berichten wie ihr Berufseinstieg verlaufen ist und was sie angehenden geisteswissenschaftlichen Absolventen mit auf die Reise geben möchte. Ein bisschen ist das für mich so, als ob ich eingeladen bin sie auf einem kleinen Ausschnitt ihrer Lebensreise zu begleiten, wir zwischendurch anhalten und Steine der Weisheit aufheben, die wir dann gemeinsam von allen Seiten bestaunen können. Aber hebt selbst ein paar Steine auf:

  1. Was haben Sie studiert und was hat Sie dazu motiviert?

Schon in meiner Schulzeit haben mich andere Kulturen, Literatur, Geschichte sowie Fremdsprachen interessiert und begeistert. Studieren wollte ich immer ein Fach, das in keiner Weise ein Schulfach fortsetzte, sondern ich wollte mir neue Wissenswelten erschließen. So fiel meine Wahl auf die Orientalistik und Geschichte.

  1. Wie haben Sie sich während des Studiums finanziert?

Noch heute bin ich sehr dankbar dafür, dass ich mein Studium durch ein Stipendium finanzieren konnte. Das Studentenleben ohne finanzielle Sorgen war ein großes Privileg. Die Förderung hat mir Freiheit geschenkt, die ich bis zum letzten Tag meines Studiums genutzt und auch genossen habe.

  1. Hatten Sie im Studium schon eine Vorstellung davon, was Sie später einmal machen wollen?

Während meines Studiums hatte ich verschiedene Ideen, was ich mit meinem Wissen und meinen Kenntnissen sowie mit meiner Auslandserfahrung machen könnte und wollte. Aus heutiger Sicht hätte ich mir hier mehr Beratung und Unterstützung gewünscht. Internet gab es damals (leider) noch nicht.

  1. Was hat Sie dazu bewogen zu promovieren?

Nach Abschluss meines Studiums mit einem Magister Artium hatte ich nach wie vor große Freude und Begeisterung am wissenschaftlichen Arbeiten.

  1. Wie verlief Ihr Berufseinstieg?

Der Einstieg ist unkompliziert verlaufen. Ich habe nach Stellen Umschau gehalten, die meinen breiten Interessen entsprachen. Beworben habe ich mich auch auf Stellen, die nicht explizit für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben waren. Vier Monate nach Studienabschluss hatte ich drei Jobs zur Auswahl. Übrigens habe ich damals bei der Organisation, bei der ich meinen ersten Job bekam, angerufen und um einen kurzen Termin gebeten, um mehr über die Stelle zu erfahren. Wie ich später erfuhr, hat die Eigeninitiative den Personalchef sehr beeindruckt. Gleichwohl hatte ich noch eine Vorstellungsrunde bei sieben unterschiedlichen Personen zu absolvieren, bevor ich die Stelle tatsächlich erhielt.

  1. In welcher Branche sind Sie heute tätig und was sind typische Aufgaben für Sie?

Tätig bin ich seit vielen Jahren im Wissenschaftsmanagement. Das ist eine spannende Aufgabe mit immer neuen Herausforderungen. Meist geht es bei der Arbeit darum, komplexe Diskussionsprozesse in all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten schriftlich darzustellen mit dem Ziel, eine Entscheidung vorzubereiten. Dabei sind immer viele Beteiligte mit unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen.

Gefragt ist hier die Fähigkeit, sich schnell in neue Sachverhalte einzuarbeiten, das Ganze verständlich und korrekt schriftlich aufzubereiten. Hinzu kommen Aufgaben wie z.B. Gremien- und Prozessmanagement sowie Mitwirken bei Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das sind alles Tätigkeiten, die man durch praktische Arbeit lernt. Fähigkeiten, die man in einem geisteswissenschaftlichen Studium erworben hat, sind hier eine wertvolle und hilfreiche Basis.

  1. Was geben Sie allgemein angehenden geisteswissenschaftlichen Berufseinsteigern mit auf die Reise?

Geisteswissenschaftler verfügen über fachübergreifende Kompetenzen und je nach Fach auch fachspezifische Kompetenzen. Das ist sehr wertvoll für die Arbeitswelt. Ein geisteswissenschaftliches Studium bildet zwar nicht primär für einen bestimmten Beruf aus, wie zum Beispiel ein Ingenieurstudium oder das Studium der Rechtswissenschaften, es ist aber auch keine Einbahnstraße. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler stehen quasi vor der Herausforderung, sich mit ihren Kompetenzen als nützlicher und wertvoller Arbeitnehmer zu definieren und sich erfolgreich auf dem Bewerber- und Arbeitsmarkt zu vermarkten. Letzteres dürfte für Geisteswissenschaftler oft nicht leicht sein, weil sie oft nicht selbstbewusst genug auftreten. Es erfordert immer Mut, Eigeninitiative und Entschlossenheit, neue Wege zu gehen und sich in unbekanntes Berufsterrain zu wagen. Auch eine berufliche Selbstständigkeit kann im Einzelfall eine Alternative sein.

Das Wichtigste ist – Sie müssen sich für Tätigkeit und Aufgaben im angestrebten Job begeistern. Zeigen Sie sich offen, Neues zu lernen und sich neue Wissenswelten zu erschließen. Der Arbeitgeber, bei dem Sie arbeiten möchten, sollte ebenfalls zu Ihnen passen. Sie verbringen dort einen beträchtlichen Teil Ihrer (Lebens)-Zeit. Im Berufsleben wird immer die eine oder andere Aufgabe auf Sie zukommen, die Ihnen vielleicht nicht so liegt. Aber wenn Sie auch Aufgaben haben, die Sie mit Freude und Begeisterung lösen, dann gehen die nicht so geliebten Aufgaben meist leichter von der Hand. Dieser Rat ist unabhängig davon, in welchem Bereich Sie arbeiten bzw. arbeiten wollen.

Nie den Mut und die Zuversicht verlieren. Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer sollten sich beim Berufseinstieg nicht von den Gefühlen und Stereotypen anstecken und leiten lassen, dass Geisteswissenschaftler nur Taxi fahren oder an der Tankstelle jobben oder Jobs machen, die mit dem Mindestlohn vergütet werden.

In ihrem Buch „Brotgelehrte – andere Perspektiven für Geisteswissenschaftler“ beschreibt Mareike Menne 26 Tätigkeitsfelder für Geisteswissenschaftler. Das Buch liefert eine Menge Ideen und Anregungen für spannende berufliche Tätigkeiten nach einem geisteswissenschaftlichen Studium. Studierenden und Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer sei dieses Buch als lohnende und inspirierende Lektüre empfohlen. Hier der Link zu Amazon oder direkt zur Verlagsseite.

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Reihe „Geisteswissenschaften: Und was wird man damit? Personalerin zum Beispiel“

Silke Hartmann befragt auf ihrem Blog immer am Dienstag berufstätige Geisteswissenschaftler nach ihrem Werdegang und ihren Tipps und Ideen zum Berufseinstieg. Heute habe ich ihr Rede und Antwort gestanden. Das Interview ist hier nachzulesen. Viel Spaß beim Stöbern, ich kann ihren Blog sehr empfehlen!

Wie bin ich beruflich hierhin gekommen?

Irgendwann die letzten Tage bin ich über diese Frage gestolpert, wie ich beruflich hierhin gekommen bin. Da ich in meinem Leben schon einige berufliche Stationen durchlaufen habe (von Jazzpianistin, Koordinatorin eines Jugendaustauschprogrammes, Sprachtrainerin, Leiterin der Sprachabteilung bis hin zu zwei Stellen im Bereich Global Mobility oder Relocation), wage ich zu behaupten, dass ich einige Dinge auf der Reise mitgenommen habe, bis ich hier gelandet bin.

  1. Wie so viele andere Studenten der Geisteswissenschaften, wollte auch ich mich nicht festlegen, was ich mal beruflich machen wollte. Zu viel interessierte mich und zu wenig beschäftigte ich mich damit, was man eigentlich mit meiner Fächerkombination überhaupt später machen konnte. Als das Studium abgeschlossen war, schrieb ich viele Bewerbungen, erhielt Absage um Absage und durfte dann gnädigerweise in einer gemeinnützigen Gesellschaft meinen Berufsstart wagen. So genau wusste ich selbst dann nicht, was mich erwarten würde, aber ich war dankbar um meinen ersten Job. Was ich damit sagen will, ist, dass ich einfach mal ausprobiert habe. Die lange Liste an Berufen, die ich in gerade mal zehn Jahren Berufserfahrung ausgeübt habe, zeigt deutlich, dass ich nicht immer wusste wohin ich wollte. Sicherlich habe ich nicht gerade den gradlinigsten Lebenslauf und habe diesen auch nie beschönigt. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass man einfach mal ausprobieren muss. Vielleicht ist es nicht gerade der Traumjob, aber jegliche Art von Berufserfahrung zählt und hilft einem längerfristig in die richtige Richtung zu gehen.
  2. Auch wenn ich einen Flickenteppich an Berufserfahrung habe, so findet sich trotz der sehr unterschiedlichen Berufe bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen immer wieder: Sprachen, Internationalität und Interkulturalität sind ein Themenbereich, der mich schon mein ganzes Berufsleben begleitet und mich auch biografisch bedingt durch das Aufwachsen als Kind in unterschiedlichen Ländern brennend interessiert. Der zweite Komplex ist die Fähigkeit zu organisieren und zu koordinieren, die ich als meine persönlichen Stärken klassifiziert habe und beruflich gerne umsetze. Der letzte Aspekt, der in einigen Berufen eher weniger oder gar nicht vorhanden war, ist der Bereich Pädagogik und Didaktik, den ich sehr spannend finde und mich fasziniert. Dies bedeutet also, dass ich meine Berufserfahrung analysiert habe. Ich habe mich hingesetzt und geschaut; gibt es vielleicht trotz des Flickenteppichs erkennbare Überlappungen, wiederholen sich vielleicht immer wieder bestimmte Kompetenzen und Fähigkeiten? Wonach halte ich Ausschau, wenn ich mal wieder auf Stellensuche bin, was spricht mich an? Den meisten Geisteswissenschaftlern fällt es nicht schwer zu analysieren und größere Zusammenhänge herzustellen. Ich kann jedem nur empfehlen diese Fähigkeiten auch auf das eigene Berufsleben anzuwenden und sich zu zwingen den roten Fadem im bisherigen Berufs- oder Praktikaleben zu suchen. Dann fällt es auch um einiges leichter die Bewerbungsunterlagen so aufzubereiten.
  3. Ich weiß, dass es sich im Nachhinein immer leicht sagen lässt, aber hab Geduld. Unsere Gesellschaft setzt uns vehement unter Druck, uns wird suggeriert, dass wir mit spätestens 30 beruflich angekommen, Karriere machen und beruflich erfolgreich sein müssen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zeit, in der man beruflich tätig ist, immer länger wird (ich fürchte ja fast, dass ich erst mit 75 in Rente gehen darf), sehe ich nicht ein, warum man sich den Stress machen muss. Dann brauche ich halt zehn Jahre, bis ich mich orientiert habe, ja und, ich werde ja mindestens noch zwanzig weitere Jahre arbeiten müssen. Ja, natürlich war auch ich ziemlich verzweifelt, wenn ich wieder einmal eine Absage erhielt. Natürlich nagt es am Selbstbewusstsein, wenn man das Gefühl hat nicht gut genug zu sein. Auch ich habe zwischendurch das Muffensausen gehabt und mich gefragt, ob mich überhaupt eine Firma nehmen würde. Aber Geduld hat sich ausgezahlt. Sowohl mit mir selbst, dass ich einige Dinge erst über eine längere Zeitspanne hinweg gelernt habe (wie zum Beispiel als Dienstleister zu denken), aber auch mit meinem Berufsweg. Natürlich kann man jetzt im Nachhinein behaupten, dass einige meiner beruflichen Stationen überflüssig waren. Ich bin beruflich erst vor anderthalb Jahren angekommen. Egal, was man von meinem beruflichen Werdegang hält, für mich war jede Station hilfreich und hat mich etwas gelehrt. Lass dich deswegen nicht verunsichern, wir haben noch alle Zeit der Welt herauszufinden, was zu uns passt. Solange man wenigstens einen Anfang macht, wird sich der Rest ergeben.

Ich bin kein ICE

Ich saß im Vorstellungsgespräch, alle Augen ruhten auf mir und warteten auf meine Antwort. Auf meine Antwort darauf, wie ich meinen Studienabbruch als etwas anderes sehen könne als ein Eingestehen von Schwäche. In dem Augenblick wurde mir klar, vor mir vereint saßen alle Vorurteile, die man einem Geisteswissenschaftler gegenüber haben kann. Der schöngeistige Mensch, der sich in Theorien und Konstrukten verliert, sich mit den seltsamsten Themen beschäftigt, zu denen vielleicht zwei Personen weltweit promoviert haben, um dann zwei Semester später einer anderen Gedankenschule nachzueifern oder gar sein Studienfach innerhalb der Geisteswissenschaften zu wechseln, zwischendurch Taxi fährt, um sich ernähren zu können, aber weltfremd und insbesondere wirtschaftlich unfähig agiert, geschweige denn gradlinig eine Karriere anstrebt, sondern idealistisch die Welt retten will. Ziellos und unfähig sich festzulegen, ein Blättlein im Winde.

Weder mein Studium, noch mein bisheriges Berufsleben sind gradlinig, geschweige denn ist es ersichtlich wohin die Reise geht. Mein Berufsleben ist geprägt von Umwegen, holprigen Pfaden, die manchmal ins Nichts führten und abstrusen Wendungen. Ich bin kein ICE, der pfeilschnell von A nach B im chromen Licht rast, nein, ich bin noch nicht mal eine eifrige Regionalbahn, sondern eher eine langsame S-Bahn, die mit viel Getöse in eine ungefähre Richtung ruckelt, hier etwas mitnimmt, da wen rauslässt und sich irgendwie den Weg bahnt.

Mein Berufsleben ist anders verlaufen als ich es geplant hatte. Die Reise von Station A nach B begann stattdessen bei Station F: In meiner Wunschstadt bewarb ich mich ein Jahr erfolglos, nicht nur einmal habe ich die bittere Erfahrung machen müssen direkt nach dem Wunschkandidat die Nr. 2 gewesen zu sein. Doch Station F war nicht so weit entfernt von Station C, wo ich eigentlich nie hinwollte, sich aber plötzlich etwas auftat. Ich kassierte regelmäßig Absagen, um dann überraschend von einer Firma, die mir bereits abgesagt hatte, im Nachgang eine andere Stelle angeboten zu bekommen oder mir wurde ungefragt ein Online-Stellenangebot zu einem Berufsfeld weitergeleitet, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte, ich mich aber trotzdem bewarb und dann erfolgreich die Stelle antreten konnte.

Manchmal gipfelte eine mühsame Bergfahrt in einer grandiosen Aussicht, ich beglückwünschte mich zu meiner selbst getroffenen Entscheidung nochmal ein ganz anderes Berufsfeld zu versuchen, um dann rasendschnell in einer Talfahrt ins Ungewisse zu enden als ich mehrmals aufgrund externer Gründe meine aktuelle Stelle kündigen musste, um eine neue Station in einer neuen Stadt anzusteuern.

Mein S-Bahnplan hat bereits viele Haltestellen eingezeichnet: Ich war schon Dienstleister, selbstständig, Angestellte, Assistentin, Managerin und reguläres Teammitglied, ich habe sowohl in der Musik, Logistikbranche, Erwachsenenbildung als auch im Personal gearbeitet. Ich bin kein schöner stromlinienförmiger ICE, der nur Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern ansteuert, sondern eine alte mit Graffiti besprühte S-Bahn, die an jedem noch so kleinen Minibahnhof anhält.

Die Außenwelt mag denken, was sie will, aber ich bin gerne eine S-Bahn. Ich habe bei jeder einzelnen Station etwas lernen und für mich mitnehmen können. Insbesondere die Umwege, die Hürden und Abweichungen haben mich gelehrt gelassener nach vorne zu schauen. So schnell wirft mich nicht etwas aus der Bahn, eine Fahrt ins Nichts bringt Fähigkeiten hervor, die sonst brach geblieben wären. Ich war manchmal selbst überrascht in welche Bereiche ich mich einarbeiten konnte, wenn ich dazu gezwungen wurde.

Ich mag zwar mit Graffiti besprüht sein, aber in mir steckt viel mehr, als man meinen könnte. Auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht, hat mein Berufsleben eine Spur, einen roten Faden, ein Muster. Es sind im Grunde drei Fähigkeiten, nach denen ich immer wieder bei meinen verschiedenen Bewerbungsphasen Ausschau gehalten und Stellen angetreten habe. Und mag man die S-Bahn auch belächeln, sie kommt an, sie bringt treu regelmäßig viele Pendler an ihr Ziel. Auch ich bin beruflich angekommen. Trotz Umwege, trotz Wechsel, trotz Talfahrten, trotz dem Halt an jeder Ecke.

In dem Vorstellungsgespräch zuckte ich die Schultern. Ich bereue meinen Studienabbruch nicht und versuchte also darzulegen, warum ich dem Abbruch nur Positives abgewinnen kann. Doch das stieß auf taube Ohren. Offensichtlich wollte man keine S-Bahn, sondern lieber einen ICE einstellen. Ich zog dann für mich die Konsequenz und sagte als Bewerber dem Unternehmen ab. Stattdessen nahm ich die Richtung auf zur Haltestelle Z; dorthin fuhr ein ICE bestimmt nie.

 

7 Fakten zu meinem letzten Berufseinstieg

Vorweg: Ja, meiner letzter Berufseinstieg, du hast richtig gelesen. Denn ich habe für meinen letzten Job die Branche gewechselt. Ich bin in der Personalabteilung im Bereich Global Mobility, erst jetzt, 7 Jahre nach Magisterabschluss, tätig. Vorher habe ich schon so einige andere Sachen ausprobiert und kann erst jetzt sagen beruflich angekommen zu sein. Hier sieben Fakten zu meinem letzten Berufseinstieg von 2015:

1. Ich hatte noch nie eine solch gute Bilanz beim Bewerbungsmarathon:

30 Bewerbungen

19 Absagen

6 Einladungen, eine 7. kam verspätet

= 20% Erfolgsquote mit Einladung zum Gespräch

2. Noch nie habe ich so vielen Unternehmen abgesagt, obwohl ich bereits eine Zusage hatte.

Von 6 Einladungen 3 Zusagen, aber nur 1 Angebot angenommen

Ich war wählerischer, ich konnte und wollte mich im Gehalt nicht verschlechtern, ich hatte ein extrem schlechtes Bauchgefühl, die Aufgaben klangen öde; die Gründe waren vielfältig. So schwer es mir fiel zu Angeboten Nein zu sagen, ich bin froh, dass ich stattdessen weitersuchte und mich nicht beirren ließ.

3. Vielleicht genau deshalb habe ich noch nie die Bewerbungszeit als so anstrengend, kräftezehrend und deprimierend erlebt.

Ja, es sagten Unternehmen auch mir nach einem Vorstellungespräch ab, was für mich eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung war. Genau deshalb fing ich damals diesen Blog an, weil ich nicht glauben konnte alleine zu sein. Weil ich von anderen hören wollte. Weil ich andere an meinen Erfahrungen teilhaben lassen wollte.

4. Auch bei diesem Einstieg bewahrheitete sich wieder der Umweg: Von wegen klassische Bewerbung, Vorstellungsgespräch und dann Anstellung.  Die Anfrage kam nach vorheriger Absage.

Ich hatte mich ursprünglich auf eine andere Stelle im Unternehmen beworben, erhielt eine Absage (immerhin) und hatte im Geiste die Firma schon ad acta gelegt. Urplötzlich kam der Anruf, ob ich nicht Interesse an einer anderer Stelle hätte. Deshalb mag ich meine jetzige Firma, dass auch der Vielleicht-Stapel nochmal angeschaut wurde. War ich für die erste Stelle zu alt und wurde deshalb aussortiert, war man sich nicht zu schade nochmal einer bereits abgesagten Bewerberin eine Chance zu geben für eine andere und noch passendere Stelle.

5. Ich habe noch nie so offen in den Vorstellungsgesprächen für meine jetzige Stelle meine fehlenden Kenntnisse angesprochen. 

Internationales Steuerrecht, Sozialversicherungskenntnisse? Noch nie gebraucht, keine Ahnung, aber wichtiger Teil des neuen Jobs. Das Unternehmen blieb gelassen, als ich in allen Gesprächen ehrlich meine Fehlkenntnis zugab. Dafür konnte ich im Bereich Visum und Umzug punkten. Das Unternehmen fand: das wog genug.

6. Die ersten Wochen im Job nahm ich gelassener. 

Zu oft war ich bereits die Neue, zu oft habe ich hauseigene IT-Systeme kennengelernt, Small Talk mit noch unbekannten Kollegen geführt, habe Passwörter angefragt und mir die Ordnerstruktur angeschaut, diesmal war alles einfacher oder zumindest fand ich es nicht mehr ganz so schwierig, ich fiel zu Beginn nur noch halbtot ins Bett und gewöhnte mich schnell ein.

7. Die ersten 100 Tage sind schon lange um und ich bin immer noch gerne dabei. 

Es ist befreiend endlich zu wissen, was einem beruflich Spaß macht und damit finanziell gut über die Runden zu kommen. Ich habe mich lange schwer damit getan und vieles ausprobiert. Ich bereue meine Umwege nicht, aber es ist gleichzeitig ein unglaublich befriedigendes Gefühl seinen Weg zumindest für jetzt gefunden zu haben.

Die anderen

Ich war heute laufen, ein letztes Mal trainieren für den Lauf am Freitag. Ich hab ja schon erzählt, dass ich eher gemütlich unterwegs bin, mehr als 9,6 km/hr laufe ich selten, der Bereich 9,0km/hr – 9,2km/hr ist eher normal für mich. Unterwegs bin ich einigen Fußgängern begegnet. Als ich langsam an einer Gruppe vorbeilief, rief mir jemand zu: „Schneller, schneller, die anderen sind schon viel weiter!“

Moment, welche anderen denn? Ich habe, außer meinem Mann, der gelegentlich den Trainer spielt und mich zu Höchstleistung anspornt, keine Laufpartner. Heut war ich alleine unterwegs. In meinem Laufgebiet begegne ich oft anderen Läufern, heute irgendwie besonders vielen. Welche, die an mir vorbeisprinten, welche, die so laufen wie ich, welche, die noch langsamer unterwegs sind. Es passiert mir eher selten, dass mich der Ehrgeiz packt und ich versuche einen anderen Läufer zu überholen oder mich an sein Tempo anzupassen. Heute hatte ich erst recht keine Lust dazu, sondern hatte nur das Ziel die 7km in einer halbwegs anständigen Zeit zu schaffen.

Ich konnte mir zwar denken welche Läufer der Fußgänger meinte. Sie waren zu zweit unterwegs und gehörten der schnittigen Sorte an, die mit federndem Schritt an einem vorbeigleiten, während man mit hochroter Birne meilenweit zu hören ist, wie man schnaufend einen Schritt vor den nächsten setzt. Ja, sie hatten mich vor einigen Minuten überholt. Aber dennoch…

Genauso wie beim Laufen habe ich oft das Gefühl, dass uns Leute etwas im Leben zurufen. „Du musst besser sein!“ „Du musst dich mehr anstrengen!“ „Schau, was die anderen alles machen, das musst du auch!“ Vergleichen soll man sich, Leistung erbringen, sich anstrengen, machen, tun.

Es ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen. Es passiert automatisch. Der Fußgänger folgerte, dass ich dazu gehörte und verglich mich mit den schnittigen Läufern. Wir meinen, wenn ein Kommilitone neben der Bachelorarbeit noch jobben kann, dann müssen wir das auch. Wenn ein Arbeitskollege jeden Tag Überstunden kloppt, dann müssen wir das auch, was wird sonst der Chef von uns halten? Wir haben es uns so sehr antrainiert uns mit anderen zu vergleichen, dass wir gar nicht mehr anders können als uns ständig zu messen und zu bewerten.

Es ist zwar schon eine Weile her, aber einmal habe ich mir als Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen mich selbst nicht mehr zu vergleichen. Nach einer Woche war ich überrascht festzustellen, dass das eine unglaubliche Mammutsaufgabe war. Wir saugen es mit der Muttermilch auf. Auf dem Spielplatz hört man Mütter mit stolzgeschwellter Brust sagen: „Meiner kann schon laufen!“ Oder „Wie, du hast noch nicht abgestillt?“ Schulnoten sind nichts anderes als ein Vergleich. Wir machen es in allen Bereichen, auf Verpackungen wird damit geworben, dass „10% mehr Inhalt“ vorhanden ist, im Privatleben kommt derjenige besonders gut weg, der/die, und hier setze man ein, was man für wichtig erachtet: besonders wild Partys gefeiert hat, am längsten Überstunden geschoben hat, der vorbildlichste Papa war und am meisten Zeit für die Kinder hatte.

Zu vergleichen ist an sich nicht schlecht. Es ist sogar überlebensnotwendig und hilft uns unsere Umgebung zu ordnen und zu sortieren. Aber unsere Leistungsgesellschaft krankt an dem krankhaften Vergleich, der automatisch in höher, schneller, besser, weiter, effizienter und effektiver endet. Superlative bestimmen unser Leben. Dass etwas durchschnittlich ist, geht uns gegen den Strich, wir wollen immer besser, am liebsten ist uns das Beste. Wir vergleichen da, wo es nichts zu vergleichen gibt und legen eine Messlatte an, weil wir verlernt haben ohne sie zurecht zu kommen.

Einfach bei sich selbst zu sein, einfach sein eigenes Ding zu machen. Das wird zwar in den höchsten Tönen gelobt, aber selten umgesetzt. Ich schrieb oben, dass ich die 7km in einer halbwegs anständigen Zeit laufen wollte. Aber wie „anständig“ definiert wird, entscheide alleine ich. Für mich sind 7km in 45min gut, für andere wäre das ein Grund zum Schämen.

Ob es ein Grund zum Feiern oder zu weinen ist, wenn ich eine Bewerbung diese Woche verschickt habe, hängt von der Situation ab, in der man steckt, ob das Eskalationsgespräch mit dem Kunden gut verlaufen ist oder nicht, wird subjektiv von den Beteiligten beurteilt und sagt nichts darüber aus, ob ich mit meinen Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten eine glänzende Leistung hingelegt habe oder nicht.

Ich wünsche mir, dass wir uns nicht so sehr von den Außenstimmen beeinflussen und uns nicht beirren lassen. Zieh dein Ding durch. Du brauchst länger als alle anderen Kommilitonen fürs Studium? Dann ist das so. Du bist der letzte, der noch keinen Job hat? Dann bewirb dich weiter. Deine Arbeitskollegin wurde befördert, obwohl du dich doch so extrem reingehängt hast? Das Leben ist ungerecht. Du kannst entscheiden, ob du darüber bitter werden willst oder nicht. Ich zumindest habe dem Fußgänger zugerufen: „Ich laufe mein eigenes Tempo!“

Schlappe 7,4km

Ich war so verrückt und habe mich angemeldet. Für einen der vielen Läufe, die es in Hamburg gibt. 7,4 Kilometer will ich um die Alster laufen. Schon sehr bald. Wer mich kennt, weiß, dass das krass ist. Nur mal so zum besseren Einordnen: In der Schule habe ich Sport gehasst. Bei Mannschaftssportarten wurde ich grundsätzlich als letzte gewählt, meinen Abiturschnitt konnte ich damit verbessern, dass meine Sportnoten gestrichen wurden (mir ist bis heute noch nicht so ganz klar nach welchem System mein Abiturdurchschnitt errechnet wurde und welche Fächer stärker oder gar nicht zählten, aber ich werde mich nicht beschweren) und sobald ich 18 wurde, schrieb ich ohne Scham „Motiviationsstörungen“ auf die Entschuldigungszettel, die mich von den Unterrichtssportqualen erlösten. Ich kam damit sogar einmal durch. Sport ist Mord, so empfand ich es lange Zeit. Ungelenk und unkoordiniert wandte ich mich lieber schöngeistigen Dingen zu statt mit hochroter Birne mir insgeheim zu wünschen meinen Sportlehrer eins in die Fresse zu hauen, wenn er nach dem Zirkeltraining mit sonorer Stimme fragte: „Und, wie fühlt ihr euch?“

Mein Mann hat mich vor circa anderthalb Jahren nach langem Überreden dazu gebracht mich mal im Laufen zu probieren. Erst ging das ganze komplett in die Hose. Ich joggte ohne jegliches vorheriges Training 15min und holte mir einen Sehnenriss. Humpelte also wochenlang herum und konnte mir ein „Ich hab es doch gewusst“ nicht enthalten. Im zweiten Anlauf klappte es dann besser. Intervalltraining war das Zauberwort. Per App lief ich zunächst 30 Sekunden, um dann 30 Sekunden zu gehen, bevor ich die Intervalle ganz langsam steigerte. Und ich meine damit auch langsam. Wenn jemand mir erzählt, dass er oder sie unsportlich ist, aber innerhalb von zwei Monaten einen 5km-Lauf mitlaufen kann, glaube ich der Person nicht. Das ist auf keinen Fall unsportlich. Das ist einfach faul, aber sportlich. Das ist, keine Kondition zu haben, aber sehr lernwillige und eifrige Muskeln, die einfach kurz wieder aufgebaut werden müssen. Bei mir hat es gefühlt mindestens ein Dreivierteljahr gedauert bis ich 30 Minuten ohne Pause laufen konnte ohne dabei tot umzufallen. Dafür musste ich hart arbeiten. Ich musste viel, viel früher anfangen. Beim Urschleim.

Ich laufe jetzt im Schnitt zwischen 6 bis 7km mindestens zwei Mal die Woche. Das ist für mich immer noch unglaublich anstrengend und aufregend. Ich meine, das bin ich, die so lange laufen kann! Ja, klar gibt es viele Leute, die darüber lachen und die beim Lauf um die Alster wahrscheinlich an mir vorbeipreschen werden. Mein Ziel ist es übrigens zunächst schlicht nur die 7,4 km zu schaffen, alles weitere ist Nebensache. Aber wie man es auch dreht und wendet, ich, die unsportliche und ungelenke Jenny, kann immerhin 6 bis 7km laufen, zwar unter 10km/h, aber auch über 8km/h und meist sogar über 9km/h.

Und warum schreibe ich hier beim Blog zum Berufseinstieg dazu? Weil ich ganz fest daran glaube, dass wir als Geisteswissenschaftler in die freie Wirtschaft gehören. Zu Beginn mag man sich vielleicht wie ein Fremdkörper fühlen. Zu Beginn hat man vielleicht Motivationsstörungen. Zu Beginn hat man eine hochrote Birne und einen Sehnenriss und fragt sich, was das ganze soll. Wir müssen oft erst einmal beim Urschleim anfangen, weit weg von allen anderen. Bis wir an deren Grundkondition reichen, ist es noch ein ganz weiter Weg. Aber trotzdem glaube ich, dass wir uns nicht schämen sollten. Vielleicht werden wir belächelt, vielleicht preschen andere an uns vorbei. Egal. Ich werde mit leuchtend rotem T-Shirt 7,4km laufen. Und dann werde ich auf jeden Fall berichten.

 

 

Was brauche ich als Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft?

Die letzten Tage habe ich viel über die Frage nachgedacht, was ein Geisteswissenschaftler mitbringen muss, um in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Alle reden von Berufserfahrung, Praktika, eben das übliche Blabla. Doch darum geht es mir hier nicht. Wie man seinen Lebenslauf pimpt, dürfen gerne andere übernehmen. Mir geht es hier um die Einstellung.

Viele Geisteswissenschaftler haben ja irgendwie Angst vor der freien Wirtschaft. Hier habe ich mal beschrieben, warum diese Angst meiner Meinung nach unbegründet ist. Umgedreht sollte man aber, wenn man denn in die freie Wirtschaft möchte, eine gewisse Einstellung mitbringen. Doch was genau macht diese Einstellung aus? Eigentlich ist es ziemlich simpel: Offen sein für Neues. Hört sich wirklich sehr lapidar an, oder? Hm, leider ist es das nicht.

Viele Geisteswissenschaftler bürsten sich damit, dass sie offen sind. Über den Tellerrand schauen, neue, ungewöhnliche Wege gehen, das ist ihr Ding. Theoretisch. Solange sie sich in den eigenen Sphären bewegen. Aber sobald man zum Beispiel von Statistiken redet oder davon eine Projektplanung vorzubereiten, steigen sie aus. „Zahlen mag ich nicht“, „Analyse der technischen Pläne? Nö, will ich nicht, kann ich nicht. Dann wäre ich Ingenieur geworden.“ Das stimmt zwar, aber meist geht es gar nicht um die Details. Dafür sind dann wirklich die Ingenieure, Buchhalter und BWLer eingestellt worden. Aber dieses kategorische Ablehnen, diese Angst es nicht zu können, zu versagen, sich lächerlich zu machen, die steht einem definitiv als Geisteswissenschaftler im Wege, wenn man in die Wirtschaft will.

Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich mal Statistiken vorbereiten würde, mich mit Steuerabkommen beschäftige und regelmäßig Excel verwende, ich hätte wohl gelacht. Hätte es nicht geglaubt. Ja, natürlich musste ich auch schlucken, als man mir am ersten Arbeitstag mitteilte, dass ich regelmäßig Excel verwenden würde. In beiden Vorstellungsgesprächen hatte man geflissentlich nicht darüber gesprochen, es traf mich völlig unvorbereitet. Ja, natürlich bin ich nicht gerade in Freudenschreie ausgebrochen. Aber ich habe mit den Schultern gezuckt, habe meiner Chefin sehr klar kommuniziert, dass ich Training bräuchte und habe mich also ans Werk gemacht Excel zu lernen. Bin in die unbekannte Welt von S-Verweisen und Pivottabellen getaucht und habe ganz langsam festgestellt, dass Excel so schlimm ja gar nicht ist, sondern viel mehr ein sehr hilfreiches Tool, das einem ungemein den Arbeitsalltag vereinfacht.

Mir geht es um diese Grundeinstellung. Die muss man mitbringen, wenn man als Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft überleben will. Die Bereitschaft sich außerhalb von Theorien und Gedankenkonstrukten, von Diskussion und Philosophie mit Materie beschäftigen, die eventuell aus trockenen Zahlen besteht oder aber anderen unbekannten Komponenten.

Ich zumindest muss zugeben, dass meine Angst vor Excel unbegründet war. Dass es mir jetzt sogar Spaß macht, zumindest öfter als gedacht und dass es Spaß machen kann diese unbekannten Welten für sich zu erschließen.

Wie kann ich ein Unternehmen dazu kriegen einen Geisteswissenschaftler einzustellen?

Ich habe heute einen Vortrag gehalten vor studierenden Geistes- und Sozialwissenschaftlern. In meinem Vortrag ging es unter anderem um meinen eigenen Berufseinstieg. Eine der Fragen, die nach dem Vortrag gestellt wurde, lautete, inwieweit es möglich ist Unternehmen dazu zu bekommen einen Geistes- oder Sozialwissenschaftler einzustellen.

Die kurze Antwort lautet, man kann es nicht. Ich glaube, dass ist auch gut so. Denn ganz ehrlich, ist es nicht besser, dass das Unternehmen mich gar nicht erst zum Gespräch einlädt, wenn es mich von vornherein misstrauisch beäugt, mir nichts zutraut? Da sollte man nichts erzwingen. Da kann man die Absage als Glück sehen, man hat sich die ganze Mühe gespart herauszufinden, dass man nicht zueinander passt. Gut so. Da freut man sich dann umso mehr über Einladungen zum Gespräch. Denn diese Unternehmen haben schon gesehen, dass ich Geisteswissenschaftler bin. Und wollen mich trotzdem oder vielleicht sogar deshalb.

Ich glaube aber auch, dass Geisteswissenschaftler sich sehr schwer damit tun sich selbst zu verkaufen. Sich als Produkt wahrzunehmen, als Verkäufer, das geht vielen gegen den Strich. Kontraproduktiv ist es ganz bestimmt, wenn man an die Firma herantritt und fragt, was sie denn für Möglichkeiten für einen Japanologen haben. Wahrscheinlich keine. Was soll ein Unternehmen denn mit einem Japanologen? Selbst wenn die Firma in Japan tätig sein sollte, reichen die Sprachkenntnisse nicht. Auch nicht nur die allerseits geschätzten Soft Skills a la Empathie, Kommunikationsvermögen, Analysefähigkeiten oder die Fähigkeit sich schnell in neue Themen einarbeiten zu können, werden ausreichen. Die Mischung macht es. Ja, wir als Geisteswissenschaftler haben einen großen Schatz an Soft Skills, in vielen Unternehmen werden diese auch geschätzt. Jedoch ist das noch nicht alles. Soft Skills haben schließlich alle Geisteswissenschaftler. Aber irgendwas anderes muss man noch können. Man muss sich ein Verkaufsargument erarbeiten.

Ich wurde für meinen jetzigen Job nicht nur wegen meiner Soft Skills eingestellt, auch wenn diese wichtig waren (in meinem Fall standen ganz vorne ausgezeichnete Englischkenntnisse und Kommunikationsstärke), sondern auch, weil ich schon Berufserfahrung in einem ganz bestimmten Bereich hatte. Ich war Spezialistin, natürlich in einem eher kleinen Gebiet, aber ich hatte Ahnung. Wie man eine Arbeitserlaubnis einholt und was für Visumsarten es in Deutschland gibt und für einen Arbeitgeber überhaupt relevant sind.

Ich war sehr offen im Vorstellungsgespräch, habe sehr klar formuliert, dass ich von bestimmten Themen keine Ahnung habe. Aber auch wenn ich das zugegeben habe, so konnte ich damit punkten in anderen Teilbereichen sogar besser informiert gewesen zu sein und Fachwissen zu haben als viele andere Bewerber. Das war mein Verkaufsargument. Ich konnte schon etwas, ich konnte dem Unternehmen etwas bieten, was für sie von Relevanz war.

Unser Japanologe hat vielleicht schon im Vertrieb gearbeitet, meinetwegen auch im Call Center. Hat Erfahrung im Kundenumgang. Und kann dann an das Unternehmen herantreten und sagen: Ich spreche japanisch und könnte mir vorstellen Ihre Kunden in Japan zu betreuen, vielleicht brauchen Sie auch Unterstützung im Bereich Business Development. Wäre das eine Option?“