Ich bin kein ICE

Ich saß im Vorstellungsgespräch, alle Augen ruhten auf mir und warteten auf meine Antwort. Auf meine Antwort darauf, wie ich meinen Studienabbruch als etwas anderes sehen könne als ein Eingestehen von Schwäche. In dem Augenblick wurde mir klar, vor mir vereint saßen alle Vorurteile, die man einem Geisteswissenschaftler gegenüber haben kann. Der schöngeistige Mensch, der sich in Theorien und Konstrukten verliert, sich mit den seltsamsten Themen beschäftigt, zu denen vielleicht zwei Personen weltweit promoviert haben, um dann zwei Semester später einer anderen Gedankenschule nachzueifern oder gar sein Studienfach innerhalb der Geisteswissenschaften zu wechseln, zwischendurch Taxi fährt, um sich ernähren zu können, aber weltfremd und insbesondere wirtschaftlich unfähig agiert, geschweige denn gradlinig eine Karriere anstrebt, sondern idealistisch die Welt retten will. Ziellos und unfähig sich festzulegen, ein Blättlein im Winde.

Weder mein Studium, noch mein bisheriges Berufsleben sind gradlinig, geschweige denn ist es ersichtlich wohin die Reise geht. Mein Berufsleben ist geprägt von Umwegen, holprigen Pfaden, die manchmal ins Nichts führten und abstrusen Wendungen. Ich bin kein ICE, der pfeilschnell von A nach B im chromen Licht rast, nein, ich bin noch nicht mal eine eifrige Regionalbahn, sondern eher eine langsame S-Bahn, die mit viel Getöse in eine ungefähre Richtung ruckelt, hier etwas mitnimmt, da wen rauslässt und sich irgendwie den Weg bahnt.

Mein Berufsleben ist anders verlaufen als ich es geplant hatte. Die Reise von Station A nach B begann stattdessen bei Station F: In meiner Wunschstadt bewarb ich mich ein Jahr erfolglos, nicht nur einmal habe ich die bittere Erfahrung machen müssen direkt nach dem Wunschkandidat die Nr. 2 gewesen zu sein. Doch Station F war nicht so weit entfernt von Station C, wo ich eigentlich nie hinwollte, sich aber plötzlich etwas auftat. Ich kassierte regelmäßig Absagen, um dann überraschend von einer Firma, die mir bereits abgesagt hatte, im Nachgang eine andere Stelle angeboten zu bekommen oder mir wurde ungefragt ein Online-Stellenangebot zu einem Berufsfeld weitergeleitet, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte, ich mich aber trotzdem bewarb und dann erfolgreich die Stelle antreten konnte.

Manchmal gipfelte eine mühsame Bergfahrt in einer grandiosen Aussicht, ich beglückwünschte mich zu meiner selbst getroffenen Entscheidung nochmal ein ganz anderes Berufsfeld zu versuchen, um dann rasendschnell in einer Talfahrt ins Ungewisse zu enden als ich mehrmals aufgrund externer Gründe meine aktuelle Stelle kündigen musste, um eine neue Station in einer neuen Stadt anzusteuern.

Mein S-Bahnplan hat bereits viele Haltestellen eingezeichnet: Ich war schon Dienstleister, selbstständig, Angestellte, Assistentin, Managerin und reguläres Teammitglied, ich habe sowohl in der Musik, Logistikbranche, Erwachsenenbildung als auch im Personal gearbeitet. Ich bin kein schöner stromlinienförmiger ICE, der nur Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern ansteuert, sondern eine alte mit Graffiti besprühte S-Bahn, die an jedem noch so kleinen Minibahnhof anhält.

Die Außenwelt mag denken, was sie will, aber ich bin gerne eine S-Bahn. Ich habe bei jeder einzelnen Station etwas lernen und für mich mitnehmen können. Insbesondere die Umwege, die Hürden und Abweichungen haben mich gelehrt gelassener nach vorne zu schauen. So schnell wirft mich nicht etwas aus der Bahn, eine Fahrt ins Nichts bringt Fähigkeiten hervor, die sonst brach geblieben wären. Ich war manchmal selbst überrascht in welche Bereiche ich mich einarbeiten konnte, wenn ich dazu gezwungen wurde.

Ich mag zwar mit Graffiti besprüht sein, aber in mir steckt viel mehr, als man meinen könnte. Auch wenn es von außen vielleicht nicht so aussieht, hat mein Berufsleben eine Spur, einen roten Faden, ein Muster. Es sind im Grunde drei Fähigkeiten, nach denen ich immer wieder bei meinen verschiedenen Bewerbungsphasen Ausschau gehalten und Stellen angetreten habe. Und mag man die S-Bahn auch belächeln, sie kommt an, sie bringt treu regelmäßig viele Pendler an ihr Ziel. Auch ich bin beruflich angekommen. Trotz Umwege, trotz Wechsel, trotz Talfahrten, trotz dem Halt an jeder Ecke.

In dem Vorstellungsgespräch zuckte ich die Schultern. Ich bereue meinen Studienabbruch nicht und versuchte also darzulegen, warum ich dem Abbruch nur Positives abgewinnen kann. Doch das stieß auf taube Ohren. Offensichtlich wollte man keine S-Bahn, sondern lieber einen ICE einstellen. Ich zog dann für mich die Konsequenz und sagte als Bewerber dem Unternehmen ab. Stattdessen nahm ich die Richtung auf zur Haltestelle Z; dorthin fuhr ein ICE bestimmt nie.

 

Können Idealisten keine Manager sein?

Lange habe ich über diese Worte nachgedacht, die ich in Svenja Hoferts Karriereblog las:

Idealisten finden keinen Weg ins Management eines Konzerns; sie werden maximal Unternehmensgründer

Auch wenn es in ihrem Artikel um ein ganz anderes Thema ging, bin ich bei diesem Satz hängen geblieben. Habe mich gleich gefragt, ob das stimmt. Habe überlegt, ob ich Idealisten kenne, die es ins Management eines Konzerns geschafft haben und musste am Ende sagen, sie hat wohl Recht, die Frau Hofert.

Sicherlich liegt es auch an meinem Alter, dass ich noch niemanden kenne, der/die im Topmanagement arbeitet. Mit Anfang 30 ist man als Geisteswissenschaftler froh, wenn man einen einigermaßen gut bezahlten Job hat. Da fängt man gerade erst an die Karriereleiter zu erklimmen, wenn man denn daran überhaupt Interesse hat. Aber Alter hin oder her, Topmanagement, das habe ich bisher noch nicht als erklärtes Ziel aus dem Munde eines Idealisten gehört.

Ich habe auch mich selbst gefragt, ob das jemals mein Ziel wäre. Denn auch ich bin Geisteswissenschaftler und wie so viele Geisteswissenschaftler bin auch ich Idealistin. Möchte etwas verändern und finde es sehr wichtig, dass meine Arbeit Sinn stiftet, in welcher Form auch immer das stattfindet. Manchmal streite ich mich auch mit meinem Mann, weil er der Ansicht ist, dass ich die geborene Managerin wäre. Dabei verkennt er meiner Meinung nach, dass es ein großer  Unterschied ist, ob man neue Ideen einbringt und deshalb davon ausgegangen wird, dass man auch Ahnung hat wie diese Ideen in die Tat umgesetzt werden können oder ob man managen kann.

Wäre, wenn im VW-Skandal Idealisten an den wichtigen Entscheidungs-Schraubstellen gesessen hätten, der Skandal anders verlaufen?

Wahrscheinlich nicht. Aber genau aus dem Grund entscheiden sich viele Geisteswissenschaftler gegen Managerpositionen auf Leitungsebene. Und werden lieber Unternehmensgründer. 

Jedes Unternehmen braucht Geisteswissenschaftler

Jedes Unternehmen braucht Geisteswissenschaftler, da bin ich mir sicher. Hier mal der Versuch einer Auflistung. Weitere Vorschläge sind gerne willkommen.

1. Geisteswissenschaftler können überzeugen.
Eine der großen Stärken von Geisteswissenschaftlern ist ihre Kommunikationsfähigkeit. Sie mussten hunderte von Bücher lesen, Referate halten, Hausarbeiten schreiben. Worte, Schrift, schreiben, sich ausdrücken, formulieren, diskutieren, das können sie im Schlaf, meist schon von Kindesbeinen an und bauen diese Fähigkeit im Studium dann aus. Und weil sie die Waffe Wort so gut beherrschen, können sie auch gut überzeugen.

Mal ein kleines Beispiel. Zu Schulzeiten war mir das Fach „Werken“ verhasst. Ich stamme aus einer Familie mit zwei linken Händen. Ein Heizungsausfall im Winter kam einem Weltuntergang gleich. Und unter diesen Bedingungen war das Fach „Werken“, wo wir sägen, löten, schnitzen, veröden, schmiergeln, feilen oder ausstanzen mussten, für mich unsäglich technisch und unsäglich furchtbar. Also überlegte ich mir einen Plan. Ich fing gezielt an mit den Technik-Assen meiner Klasse zu plaudern. Bestaunte ihre Werke und ließ mir erklären wie man diese Wunderdinge vollbrachte. Lobte sie und bat sie, mir doch an meinem meist noch jämmerlichen oder kaum vorhandenen Werk zu zeigen wie man das besser hinkriegen könnte. Sie fielen alle darauf rein. Jedes Mal überzeugte ich ein anderes Technik-Ass mir an meinem Werk zu zeigen was ich alles falsch machte und wie ich es verbessern konnte. Sie fühlten sich alle geschmeichelt und halfen gerne.

Einmal hatte ich sogar gleich zwei Technik-Asse an meinem Werk zugange und das war auch das erste und einzige Mal, dass mein Lehrer Verdacht schöpfte. Falls er das hier je lesen sollte: Ich habe kein einziges Werk im Werkunterricht alleine gemacht, es bestand immer aus Teamwork, mein Anteil ging entweder ganz gegen Null oder lag unter zwanzig Prozent.

Das muss man aber erst einmal hinkriegen! Das kann man nur mit Charme, mit Überredungskunst, ein wenig Dramatik und Fingerspitzengefühl. Alles Fähigkeiten, die Geisteswissenschaftler von Natur aus mitbringen und im Unternehmen einsetzen können. Um Kunden zu überzeugen.

2. Geisteswissenschaftler halten den Laden zusammen.
Geisteswissenschaftler sind so etwas wie der Kleber eines jeden Unternehmens. Sie sind von Natur aus der Typ Mensch, der sich nicht von Prestige, Macht oder Autorität beeindrucken lässt. Sie sind vielleicht nicht immer die besten, wenn es um die Analyse von Zahlenkolonnen geht, aber sie sind meist am Menschlichen im Unternehmen interessiert. Und weil sie Menschen interessieren, haben sie gute Beziehungen zu Kollegen. Sie sind mit vielen Kollegen befreundet, weil sie sich gerne unterhalten und Anteil am Schicksal eines jeden nehmen. Sie lassen sich nicht blenden von Hierarchie und schmieden auch keinen Coup gegen den Chef oder eine Abteilung. Berechnung ist ihrem Wesen meist fremd. Deswegen vertrauen Kollegen ihnen und packen aus. Wenn ein Geisteswissenschaftler an der richtigen Schnittstelle im Unternehmen sitzt, kann er oder sie schlichten und glätten, geradebiegen und es wieder richten. Wenn man sie denn lässt.

3. Geisteswissenschaftler hinterfragen. Ständig.
Sie lassen sich nicht so schnell beeindrucken und hinterfragen hochglanzpolierte Präsentationen. Denn schließlich mussten sie ihr ganzes Studium Theorien und Thesen auf den Zahn fühlen, sie mussten vergleichen, analysieren und Gedankenschulen sowohl voneinander abgrenzen als auch miteinander verbinden. Von einer Lösung lassen sie sich nicht so schnell begeistern. Sie nerven manchmal mit ihrem „Wozu?“, sie verlangsamen manchmal Prozesse, weil sie jede Thematik von allen Seiten beleuchten wollen. Aber damit sind sie gleichzeitig auch der Garant dafür, dass Lösungen hieb- und stichfest und auf einem guten Fundament gegründet sind.