Ehrgeiz im Job: Fluch oder Segen?

Ich bin nun schon eine Weile raus aus dem Studentenleben. Um genau zu sein bereits 8 Jahre. Manchmal fühle ich mich wie eine alte Oma, wenn ich Absolventen beobachte, die in der Firma anfangen. Irgendwie wirken sie so jung, haben Babygesichter und sitzen immer noch am Schreibtisch, wenn ich Feierabend mache. Manchmal durchzuckt es mich kurz, dann bekomme ich ein schlechtes Gewissen und denke mir, vielleicht sollte ich doch noch ein Stündchen bleiben. Sollte mehr Elan an den Tag legen. Um anschließend den Kopf zu schütteln und dann doch zu gehen. Vielleicht eher leise und heimlich, aber sehr bewusst der Arbeit den Rücken kehrend.

Manchmal, wenn ich das Firmengebäude verlasse, muss ich dann daran zurückdenken, wie ich selbst frische Uniabsolventin war und meinte der Welt beweisen zu müssen was ich auf dem Kasten hatte. Da ich nach einem kurzen Abstecher in einer NGO gezwungen war selbstständig zu sein als Jazzpianistin und Sprachtrainerin, arbeitete ich gefühlt Tag und Nacht. Entweder saß ich am Schreibtisch und bereitete Unterricht vor, saß auf dem Klavierhocker und übte die Wünsche der Kunden für den Eröffnungswalzer oder aber versuchte neue Aufträge zu generieren, machte Buchhaltung oder schlug mich mit der Künstlersozialkasse herum, die mich nur als Jazzpianistin versicherte, aber nicht als Sprachtrainerin.

Ich arbeitete viel und hart. Ich arbeitete, weil ich finanziell irgendwie zusehen musste über die Runden zu kommen, arbeitete, weil ich meinte nur mit einem exzellenten Ruf neue Kunden würde generieren können. Die Angst vor dem finanziellen Aus saß mir sehr tief im Nacken. Ich arbeitete und arbeitete bis mich irgendwann die Erschöpfung einholte. Und mich überlegen ließ vielleicht doch eine Festanstellung zu suchen.

Als ich dann meinen ersten Job als Quereinsteigerin in einer Vollzeit-Festanstellung antrat, hieß es also mich wieder zu beweisen. Oder meinen beweisen zu müssen. Doch die Jahre der Selbstständigkeit hatten mich gelehrt mehr auf mich zu achten. Dadurch, dass ich ca. anderthalb Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu meiner Arbeitsstelle pendelte, war ich gezwungen meine Arbeitszeiten an S-Bahnverbindungen anzupassen. Was in dem Sinne sehr hilfreich war, weil ich durch die spärliche Auswahl an Verkehrsmitteln viel bewusster entschied, ob es das wirklich wert war länger zu bleiben. Ich arbeitete immer noch hart, aber ich klärte mit meinem damaligen Chef sehr früh ab, dass ich wie geplant acht Stunden arbeiten, aber dann auch pünktlich Feierabend machen würde. Er versicherte mir, dass niemand mehr von mir erwartete.

Und genau an dieser Aussage halte ich seitdem fest. Auch wenn ich mittlerweile schon längst die Firma gewechselt habe und in einer anderen Stadt wohne, wenn wir ehrlich mit uns sind, sind wir meistens selbst Schuld daran, dass wir Überstunden machen. Niemand erwartet es von uns. Zumindest war ich damals überrascht und gleichzeitig erleichtert als mein Chef mir so klar mitteilte, dass er nicht erwarten würde, dass ich Überstunden mache.

Hast du das schon mal deinen Chef gefragt? Hast du schon mal untersucht warum du eigentlich von dir erwartest, dass du immer lange nach offiziellem Feierabend noch im Büro am Schreibtisch sitzt? Meist ist unser Ehrgeiz es, der uns im Weg steht. Die Erwartung an uns selbst, die uns arbeiten lässt, wenn wir längst nach Hause gehen sollten, um unsere sozialen Kontakte zu pflegen. Doch je länger man dabei ist im Berufsleben, desto mehr stellt man fest, dass die Arbeit nicht alles ist. Ja, ich will natürlich auch heute noch gute Arbeit leisten, ich will die Zeit, die ich bei der Arbeit verbringe, nicht vergeuden, möchte meine Aufgaben gewissenhaft und zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Aber ich möchte nicht mehr wieder bis zur Erschöpfung arbeiten. Ich möchte nicht meine sozialen Kontakte verkümmern lassen, weil irgendein Kundentermin angeblich wichtiger ist. Ich möchte nicht Raubbau mit meinem Körper betreiben, mich mit Kaffee und Redbull wachhalten, weil angeblich irgendein Projekt unbedingt heute noch fertig werden muss.

Ich habe zu Anfang des Jahres 2017 davon berichtet wie ich mich geärgert habe, weil ich bereits am ersten Tag des noch so jungen Jahres gleich Überstunden schob. Vielleicht falle ich jetzt eher von der anderen Seite vom Pferd herunter. Vielleicht sollte ich jetzt ehrgeiziger sein. Vielleicht. Die Balance zu finden und zu halten, wird schwierig bleiben. Einerseits möchten wir die Erwartungen erfüllen, wollen von unseren Chefs gelobt und befördert werden, doch gleichzeitig müssen wir uns auch Grenzen setzen und unseren Ehrgeiz im Zaun halten.

Manchmal, wenn ich die Absolventen sehe, wie sie übermüdet und gleichzeitig eifrig an ihren Büroschreibtischen sitzen, dann verharre ich still einen Augenblick und versuche mich in sie hineinzuversetzen. Ja, ich war genauso. Ich hatte auch dunkle Augenringe, wollte es allen recht machen und arbeitete mehr als ich musste.

Dass man als Berufsanfänger ehrgeizig ist, ist gut. Es hilft uns die Fehler, die man unweigerlich als Anfänger macht, auszumerzen, es hilft uns, wenn wir Aufgaben zu bewältigen haben, die wie ein riesiger Berg vor uns stehen. Unerklimmbar. Und nur deshalb schaffen wir es nach oben, weil wir nicht aufgeben und durchhalten, ehrgeizig das Ziel vor Augen. Es ist gut ehrgeizig bei der Arbeit zu sein, aber denk daran dich zu schützen. Denk daran deine Grenzen zu setzen und nicht zu sehr soziale Kontakte verkümmern zu lassen. Es mag zwar wie eine bittere Wahrheit scheinen, aber jeder ist ersetzbar. Auch du.

Lass dich nicht beirren und achte auf dich selbst. Lass Ehrgeiz im Job nicht zu einem Fluch werden.

Wie viel Arbeit ist zu viel?

Ich hatte heute meinen ersten Arbeitstag nach einer ausgiebigen Weihnachts- und Silvesterpause. Ich war erschrocken, die vermeintlich ruhigen Feiertage produzierten 120 E-Mails. Heute bin ich fast eine Stunde länger als geplant geblieben, es gibt so viel zu tun.

Es ärgert mich, dass ich schon jetzt so viel gearbeitet habe, am ersten Arbeitstag im noch unbedarften Jahr. Ich mag meinen Arbeitgeber, ich mag meine Arbeit. Es macht mir nichts aus mal länger zu bleiben, weil ich meine Arbeit sehr gerne mache. Ich habe hier mal berichtet, was ich den lieben langen Tag mache und warum es mir Spaß macht. Aber, ja, es gibt ein Aber.

Arbeit ist nicht alles. Es ist bei mir noch nie alles gewesen und soll bei mir auch nicht alles sein, bitte nicht. Auch ich habe einen persönlichen Rückblick auf 2016 gemacht. Ich kann diese Rückblicke im Fernsehen ja gar nicht leiden. Die vermeide ich normalerweise tunlichst. Die verursachen nur schlechte Laune. Mein persönlicher Rückblick fühlt sich besser an, ich schaue mir jeden Monat an, was für Highlights es gab, woran ich mich gerne erinnere, woran nicht, was verursachte Wut, Traurigkeit, Glück, Freude? Manche Monate waren erstaunlich voll, viele Ereignisse, die intensiv erlebt wurden. Es gab Monate, in denen ein Gefühl dominierte. Die Südamerikareise in mein Geburtsland ein großer Höhepunkt im März, von dem ich bis heute noch zehre. Aber bis dahin, von Januar bis März dominierte genau ein Begriff: ARBEIT. In Großbuchstaben. Weil ich viel und lange arbeitete, weil die Arbeit viel Zeit, Energie und Raum einnahm. Weil meine Arbeit traditioneller Weise immer zum Jahresanfang Fahrt aufnimmt und viel abverlangt.

Die ARBEIT in Großbuchstaben hat mich zum Nachdenken gebracht. Kann es denn sein, dass gut zweieinhalb Monate nur die Arbeit im Mittelpunkt meines Lebens stand? Was war mit dem Rest? Mit den sozialen Kontakten, Freunden, dem Essen, der Gesundheit, dem Sport, dem Ausgleich zur Arbeit? Dass ich gerne arbeite und viel ist die eine Seite, aber dass für zweieinhalb Monate die Arbeit fast alles ist, kann und darf das überhaupt sein? Darf diese Seite dominieren für so lange Zeit?

Mein Rückblick hat mir zumindest in diesem Aspekt dann doch schlechte Laune gemacht. Denn meine Antwort dazu lautet eindeutig nein. So wichtig ist die Arbeit dann doch nicht. Silke, eine Bloggerin, die ihren Partner Julian mit 30 Jahren verlor, beschreibt es ziemlich gut:

Ich bereute aus tiefstem Herzen, die kurze Zeit, die ich mit Julian in diesem Leben haben durfte, allzu oft mit Überstunden oder sonstigem Stress vergeudet zu haben. All das war niemals wirklich wichtig gewesen. Ich realisierte, worum es wirklich geht im Leben: Darum, zu leben und Zeit mit den Menschen und Aufgaben zu verbringen, die wir lieben.

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Nein, ich möchte nicht bereuen zu viel gearbeitet zu haben. Ich möchte nicht am Ende meines Lebens sagen, wäre das nicht toll gewesen, wenn ich mehr Zeit mit Menschen verbracht hätte, die mir wichtig waren statt die vielen Überstunden zu machen.

Es macht mir auch jetzt schlechte Laune, dass ich schon heute wieder länger geblieben bin. Bis März soll das definitiv nicht normal sein. Und ich schreibe so offen hier darüber, weil ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Unsere Gesellschaft zwängt uns in ein solches Hamsterrad, dass es schwer ist auszubrechen. Ich möchte nicht wieder für 2017 das gleiche sagen müssen. Ich arbeite gerne, darum geht es nicht, aber neben der Arbeit soll eben nicht alles andere ersticken, insbesondere nicht über Monate hinweg, auch wenn es „nur“ zwei sind.

Und weil es mir so schwer fällt, habe ich mir einen besonderen Terminplaner zugelegt. Ein guter Plan ist ein Terminplaner der besonderen Art. Zum Beispiel besteht jeden Tag die Möglichkeit anzukreuzen wie gut man geschlafen, gegessen, soziale Kontake gepflegt hat, ob man sich kleine Gut-Tu-Momente gegönnt hat und wie man sein Stresslevel beurteilt. Es dauert keine Minute jeden Tag anzukreuzen wie man das jeweilige Level bewertet, aber selbst jetzt, seitdem ich ab dem 27.12. jeden Tag fleißig gekreuzt habe, fällt mir bereits auf, was meine Zeitfresser sind und welche Bereiche ich in Angriff nehmen möchte. Neben dem Terminkalenderteil gibt es auch einen ausgiebigen Analyseteil, wo man sich zum Beispiel notieren kann, was einen grundsätzlich glücklich macht und was unglücklich. Eine Aufgabe, an der ich mich gerade versuche, lautet zunächst aufzulisten welche Aufgaben bei der Arbeit einem Stress geben und einen nerven und was passieren würde, wenn ich bei einer Aufgabe einfach Nein sagen würde. Die letzte Frage lautet, dass man sich fragen sollte, was passieren würde, wenn man besagte Aufgabe delegiert oder aber nicht macht.

Diese Perspektive ist für mich neu. Delegieren, gut, da komme ich noch drauf. Aber eine Aufgabe einfach nicht machen? Ich bin ein gewissenhafter Typ, ich will es richtig machen. Etwas einfach nicht zu machen, obwohl ich es soll, hm, damit habe ich so meine Probleme.

Aber genau darüber denke ich gerade viel nach. Ob ich mir dieses „Sollen“ vielleicht selbst auferlege. Was ist, wenn ich es einfach nicht mache? Was ist, wenn ich einfach regelmäßig pünktlich gehe? Was ist, wenn ich in den acht Stunden gut und intensiv arbeite, aber dann einen Schlussstrich ziehe? Was ist das schlimmste, was passieren könnte?

Ich musste mal eine Zeit lang viele Kunden vertrösten, weil meine Abteilung unterbesetzt war und ich nicht für fünf Leute gleichzeitig arbeiten kann. Ich habe also auf gefühlt jede E-Mail geantwortet, sorry, kann ich erst in zwei Wochen bearbeiten, ich bin allein und schaffe es nicht.

Ich war überrascht, wie viel Verständnis mir entgegengebracht wurde. Es gab unter den vielen genau einen Kunden, der es sofort erledigt haben wollte und das in dem Fall auch aus gutem Grund. Wir glauben, weil Menschen an uns herantreten mit einem Wunsch und einer Bitte, dass wir dann gleich sputen müssen. Zumindest glaube ich das. Aber viele Menschen haben Verständnis. Wenn man zwar reagiert, aber gesteht, dass man es nicht machen kann in nächster Zeit, sondern in zwei Wochen. Später als geplant.

Ich wünsche mir für 2017, dass ich noch mehr lerne meine Grenze zu ziehen. Dass ich Arbeit nicht überbewerte und dass ich lerne zu delegieren, aber eben auch mehr Nein zu sagen. Dass ich Kunden vertröste und lieber ein paar Tage mehr als Puffer einplane und die Aufgabe dann ganz bestimmt erledigt bekomme, als mir selbst zu enge Zeitfenster zu setzen und Versprechen dann nicht einhalten kann und mich stresse.

Mich würde auch interessieren, was deine Strategien sind, um Arbeit nicht zu viel werden zu lassen. Das kann auch eine intensive Bewerbungsphase sein. Was machst du, damit du vom Druck nicht überrollt wirst? Wie schaffst du es deine sozialen Kontakte trotz Arbeitslosigkeit, Bewerbungsphase oder Studienabschluss zu pflegen? Ich freue mich wie immer über Kommentare.