Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch wenn ich in der Personalabteilung arbeite, habe ich leider selten das Vergnügen den Einstellungsprozess mitzuerleben. Dazu arbeite ich in einem zu spezifischen Spezialbereich, den ich mal hier genauer erklärt habe. Meine Personalabteilung ist sehr groß, wir sind mehr als 30 Leute und entsprechend übernehmen es andere, die Bewerbungsgespräche zu terminieren und zu führen.

Jetzt ergab sich aber endlich die Chance, ich durfte also miterleben wie zunächst die Stellenausschreibung nach heißen Diskussionen online ging, wie die Bewerbungen langsam reintrudelten, gesichtet wurden, Telefon-, Videointerviews und Gespräche stattfanden und langsam einige wenige übrigblieben. Auch wenn ich erst sehr spät eingebunden wurde und erst an Zweit- oder Drittgesprächen teilnahm und noch viel später meine Meinung dazu abgeben durfte, ob die Person eingestellt werden sollte oder nicht, ein wenig habe ich erahnen dürfen wie unglaublich schwierig es ist in so einer kurzen Zeitspanne jemanden auszuwählen. In meinem ersten Beitrag habe ich mal darüber sinniert wie künstlich dieser ganze Bewerbungsprozess ist und wie sehr es einem einstudierten Balztanz ähnelt, den wir nie mehr in der Form aufführen werden.

Aber Balztanz hin oder her, es gibt Hoffnung. Das habe ich diesmal live miterleben können. Es besteht die Möglichkeit statt Balztanz einen Breakdance hinzulegen, die Rituale kann man manchmal doch noch abändern, für sich zu Vorteil nutzen. Denn in diesem Fall hat man einer Quereinsteigerin eine Chance gegeben. Und wenn ich ganz subjektiv urteilen darf, gab es diese Gründe, warum man sich für sie entschied:

  • Ehrlichkeit: Sie stand ganz klar zu ihren Lücken im Fachwissen. Natürlich war auch schon in ihrem Lebenslauf ersichtlich gewesen wo es hapert, aber sie versuchte es auch nicht zu vertuschen, sie stand schlicht dazu.
  • Der Wunsch die Branche zu wechseln wurde klar und einsichtig begründet. Jeder Quereinsteiger wird an irgendeiner Stelle im Vorstellungsgespräch gefragt werden wieso man wechseln möchte. Normalerweise hat auch jeder Quereinsteiger sich dazu ausgiebig Gedanken gemacht. Soweit so gut. Aber der große Unterschied zeigt sich dann, wenn gefragt wird, was genau die Person sich von der Position erhofft und was sie meint ihre Aufgaben sein werden. Sie hatte sich genau informiert, das merkte man sofort. Sie hatte sich klar Gedanken gemacht, sie wusste wo sie sich ganz reinhängen musste, was ihr leichter von der Hand gehen würde. Ihr spürte man es ab, sie hatte Leidenschaft für das Thema, sie war begeistert. Meist scheitert es entweder daran, dass Quereinsteiger nicht genau wissen, auf was sie sich einlassen, reden sehr diffus davon, was sie sich vorstellen oder aber sie zeigen zu wenig Motivation für das unbekannte Neue. Da wird gewechselt, weil der Chef scheiße war oder weil aus anderen Gründen die Langeweile oder der pure Stress aufkam. Ganz schlechte Karten im Gespräch.
  • Es mag nach einer Binsenweisheit klingen, aber sie passte ins Team. Ich habe das große Glück in einer Firma arbeiten zu dürfen, die Quereinsteigern, Geisteswissenschaftlern oder sonstigen Fachfremdem zugesteht, dass sie lernen können und wollen. Das ist leider nicht in jeder Firma der Fall. Zu sehr ist es ein Markt mit zu viel Angebot, sodass viele Firmen lieber auf Nummer sicher gehen, als dass sie einen Quereinsteiger nehmen. Aber ob jemand im Team harmoniert, ob jemand von der Firmenkultur passt, ob jemand mit den Schrullen und Kanten der vorhandenen Personen zurechtkommen wird, das ist etwas, wo unsere Personalabteilung zum Glück ganz genau drauf achtet. Denn es ist die halbe Miete. Wissen kann man sich aneignen, Prozesse erlernen, sich einarbeiten. Das alles ist machbar. Aber ob jemand im Team zurechtkommt, ob jemand hineinpasst in das vorhandene Puzzle an Mitarbeitern, das ist etwas, was man nicht erzwingen kann. Deshalb wird oft als letzte Instanz auch ein Gespräch im Team mit der Person geführt. Meist ist es etwas kürzer, die verschiedenen Teammitglieder stellen sich vor und erklären ihre eigenen Aufgaben als auch, wie die zukünftige Mitarbeiterin sich in allem einfügt und was ihre Rolle bisher war und sein soll. Jedes Mal habe ich bisher von den Bewerbern gehört, dass sie es unglaublich bereichernd fanden, dass das Team auch eingeladen wurde, dass man sich gegenseitig beschnuppert. Warum dies anscheinend bisher noch so selten in der Praxis umgesetzt wird, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Denn mit diesen Teammitgliedern wird der potenzielle neue Mitarbeiter einen Großteil seiner Lebenszeit verbringen. Da sollte man nicht gleich ablehnende Gefühle im Gespräch entwickeln oder gleich von vorne herein ein schlechtes Bauchgefühl haben. Da ist Chaos, Ärger, Frust und Krach vorprogrammiert, wodurch dann automatisch die Arbeit drunter leidet. Deshalb lernte das Team sie also auch kennen und anschließend wurde das Team befragt, ob sie sich vorstellen könnten mit ihr zusammenzuarbeiten. Die einhellige Antwort lautete ja, obwohl der Fakt, dass sie Quereinsteigerin ist, für einige Teammitglieder bedeutet, dass sie mehr Arbeit haben werden, um sie entsprechend in alle Thematiken einzuführen.

Es besteht also Hoffnung, auch für Quereinsteiger. Dass man nach tausendfachen Absagen doch eine Zusage erhält. Ich weiß, das sagt sich immer so leicht. Aber es ist möglich. Bereite dich entsprechend vor, triff dich mit Leuten aus deiner Wunschbranche, frage sie Löcher in den Bauch. Ich habe hier mal erklärt wie ich das sogar mit ganz unbekannten Leuten per Xing ausprobiert habe und darüber sogar eine Stelle bekam. Gleiche deine Wunschvorstellung mit der Realität ab bevor du dich gezielt auf Stellen bewirbst. Wer weiß, vielleicht stößt du auch auf so viel Begeisterung wie diese Bewerberin, die qualifizierte Fachkräfte ausstach.

Wie kann ich ein Unternehmen dazu kriegen einen Geisteswissenschaftler einzustellen?

Ich habe heute einen Vortrag gehalten vor studierenden Geistes- und Sozialwissenschaftlern. In meinem Vortrag ging es unter anderem um meinen eigenen Berufseinstieg. Eine der Fragen, die nach dem Vortrag gestellt wurde, lautete, inwieweit es möglich ist Unternehmen dazu zu bekommen einen Geistes- oder Sozialwissenschaftler einzustellen.

Die kurze Antwort lautet, man kann es nicht. Ich glaube, dass ist auch gut so. Denn ganz ehrlich, ist es nicht besser, dass das Unternehmen mich gar nicht erst zum Gespräch einlädt, wenn es mich von vornherein misstrauisch beäugt, mir nichts zutraut? Da sollte man nichts erzwingen. Da kann man die Absage als Glück sehen, man hat sich die ganze Mühe gespart herauszufinden, dass man nicht zueinander passt. Gut so. Da freut man sich dann umso mehr über Einladungen zum Gespräch. Denn diese Unternehmen haben schon gesehen, dass ich Geisteswissenschaftler bin. Und wollen mich trotzdem oder vielleicht sogar deshalb.

Ich glaube aber auch, dass Geisteswissenschaftler sich sehr schwer damit tun sich selbst zu verkaufen. Sich als Produkt wahrzunehmen, als Verkäufer, das geht vielen gegen den Strich. Kontraproduktiv ist es ganz bestimmt, wenn man an die Firma herantritt und fragt, was sie denn für Möglichkeiten für einen Japanologen haben. Wahrscheinlich keine. Was soll ein Unternehmen denn mit einem Japanologen? Selbst wenn die Firma in Japan tätig sein sollte, reichen die Sprachkenntnisse nicht. Auch nicht nur die allerseits geschätzten Soft Skills a la Empathie, Kommunikationsvermögen, Analysefähigkeiten oder die Fähigkeit sich schnell in neue Themen einarbeiten zu können, werden ausreichen. Die Mischung macht es. Ja, wir als Geisteswissenschaftler haben einen großen Schatz an Soft Skills, in vielen Unternehmen werden diese auch geschätzt. Jedoch ist das noch nicht alles. Soft Skills haben schließlich alle Geisteswissenschaftler. Aber irgendwas anderes muss man noch können. Man muss sich ein Verkaufsargument erarbeiten.

Ich wurde für meinen jetzigen Job nicht nur wegen meiner Soft Skills eingestellt, auch wenn diese wichtig waren (in meinem Fall standen ganz vorne ausgezeichnete Englischkenntnisse und Kommunikationsstärke), sondern auch, weil ich schon Berufserfahrung in einem ganz bestimmten Bereich hatte. Ich war Spezialistin, natürlich in einem eher kleinen Gebiet, aber ich hatte Ahnung. Wie man eine Arbeitserlaubnis einholt und was für Visumsarten es in Deutschland gibt und für einen Arbeitgeber überhaupt relevant sind.

Ich war sehr offen im Vorstellungsgespräch, habe sehr klar formuliert, dass ich von bestimmten Themen keine Ahnung habe. Aber auch wenn ich das zugegeben habe, so konnte ich damit punkten in anderen Teilbereichen sogar besser informiert gewesen zu sein und Fachwissen zu haben als viele andere Bewerber. Das war mein Verkaufsargument. Ich konnte schon etwas, ich konnte dem Unternehmen etwas bieten, was für sie von Relevanz war.

Unser Japanologe hat vielleicht schon im Vertrieb gearbeitet, meinetwegen auch im Call Center. Hat Erfahrung im Kundenumgang. Und kann dann an das Unternehmen herantreten und sagen: Ich spreche japanisch und könnte mir vorstellen Ihre Kunden in Japan zu betreuen, vielleicht brauchen Sie auch Unterstützung im Bereich Business Development. Wäre das eine Option?“

Die Crux mit den Schwächen

Wenn die Frage der Stärken schon schwierig ist im Vorstellungsgespräch, dann erst Recht die Frage zu den Schwächen. „Ich mag Schokolade“ kommt genauso schlecht an wie „Ungeduld“ oder „Perfektionismus“. Was sagt man denn dann? Ich habe keine Pauschalantwort darauf und auch ich habe unterschiedliche Sachen im Vorstellungsgespräch gesagt. Aber je länger ich in die Berufswelt eintauche, desto mehr weiß ich eins: Ehrlichkeit währt am längsten.

Einmal habe ich meinen nicht vorhandenen Orientierungssinn genannt. Einer der Hauptgründe, warum ich mir ein Smartphone angeschafft habe, war das vorhandene GPS und, noch viel wichtiger, die Pfeile, die mir zeigen in welche Richtung ich gerade laufe. Irgendwie schaffe ich es trotzdem verbotene Notausgänge ausfindig zu machen (dabei frage ich mich manchmal wieso diese Türen immer so versteckt sind) oder in ganz anderen Teilen des weitläufigen Firmengeländes zu landen. Meine Kollegen wissen, dass ich aus zwei Gründen mein Handy mitnehme, sobald ich außerhalb unseres Stockwerkes einen Termin habe. Erstens, um den Weg zu finden und zweites, um im schlimmsten Fall anrufen zu können, wenn ich mich verirrt habe.

Aber auch wenn der nicht vorhandene Orientierungssinn definitiv eine Schwäche von mir ist, so hat er kaum etwas mit meinem beruflichen Alltag zu tun. Ich habe deshalb ziemlich schnell aufgehört ihn als meine Schwäche zu bezeichnen. Ich habe auch zwei linke Hände, aber da ich nicht handwerklich tätig bin, ist diese Schwäche irrelevant in meinem beruflichen Kontext. Echte Schwäche im Vorstellungsgespräch zu zeigen, ist riskant, so wie in einer Beziehung. Aber nur eine echte Schwäche kaufen einem Personaler ab. Die spüren sofort, ob man ehrlich ist oder nicht.

Eine echte Schwäche kann zum Beispiel sein, dass man sehr harmoniebedürftig ist und deshalb niemals Widerworte gibt, diskutiert, sich klar abgrenzt oder von der Standardmeinung abweicht. Oft damit verwandt ist auch die Unfähigkeit Nein zu sagen oder die Fähigkeit Konflikte auszutragen. All diese Fähigkeiten werden im Berufsleben gebraucht und viele Menschen haben Probleme damit. In der kurzen Zeit, in der ich auf Personalerseite auch Bewerbungsgespräche geführt habe, habe ich schnell gelernt aufzuhorchen, wenn jemand ehrlich genug war eine wirkliche Schwäche zu nennen, die tatsächlich auch etwas mit dem Berufsleben zu tun hat.

Das Traurige ist, dass jeder weiß, dass niemand perfekt ist, aber viele Bewerber sich nicht trauen unperfekt zu erscheinen. Dabei ist es für alle Beteiligten von Vorteil, wenn man sich reinen Wein einschenkt. Früher oder später werden auch die Schwächen zum Vorschein kommen, deshalb gibt es auch so etwas wie die Probezeit, in der man nochmal schaut, ob man zueinander passt.

Wenn man sich hinsetzt und etwas genauer analysiert, wird man schnell weitere Aspekte feststellen. Die so oft genannte Ungeduld kann mit oberflächlicher Arbeit einhergehen. Ungeduldige Menschen sind nicht gründlich, setzen sich selbst und anderen manchmal zu kurze Fristen, geben oft Versprechen, die sie am Ende nicht halten können.

Der vemeindlich so tolle Perfektionismus kann in Zwang ausarten, der einen selbst unter Druck setzt, aber schnell auch andere. Auch hier kann es dazu führen, dass Termine nicht eingehalten werden können. Mit Perfektionismus geht manchmal auch die Unfähigkeit einher, Entscheidungen zu treffen, sie kommt mit der Angst im Gepäck, der Angst zu versagen oder aber auch der Angst eine falsche Entscheidung, eine Entscheidung für das Unperfekte zu treffen.

Oder noch eine andere Schwäche: Schüchternheit. Jemand, der eher still und zurückhaltend ist, hat es schwer in Teammeetings zu Wort zu kommen, kann vielleicht geniale Ideen nicht an den Mann oder die Frau bringen und sich nicht gegen laute und/oder redselige Kollegen durchsetzen.

Wir alle haben Schwächen. Die Frage ist eher, wie wir mit diesen Schwächen umgehen. Ich favorisiere Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch. Ehrlichkeit gepaart mit einem oder zwei Beispielen wie man versucht mit dieser Schwäche umzugehen. Niemand erwartet, dass man der Superstar ist und zum Beispiel als konfliktscheuer Mensch zahlreiche Situationen zu besten gibt, in denen man als Mediator brilliert hat. Sonst hätten wir wohl kaum genau den Aspekt als unsere Schwäche bezeichnet. Als Personaler wollte ich nur sehen, dass a) dem Bewerber bewusst war was seine/ihre Schwäche ist und b) zumindest ansatzweise der Wille vorhanden ist daran zu arbeiten. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und lasst bitte, bitte Ungeduld und Perfektionismus beim Vorstellungsgespräch zu Hause.

Die Crux mit den Stärken

Sie ist mir seit jeher verhasst. Die Frage nach meinen Hauptstärken. Svenja Hofert ruft in ihrer Blogparade dazu auf, über seine Stärken nachzudenken. In den vielen Bewerbungsgesprächen, die ich als Bewerberin mitgemacht habe, habe ich sie gefürchtet, mal besser, mal schlechter beantwortet, innerlich gestöhnt, wenn wieder einmal der typische Fragebogen von den Personalern abgearbeitet wurde. „Nennen Sie mir drei Ihrer Stärken!“ Die Frage ist mir deshalb so verhasst, weil ich mich dadurch auf so wenige fokussieren muss. Ich meine ziemlich gut zu wissen, was meine Stärken sind, aber mich nur auf drei zu fokussieren und damit andere Persönlichkeitsmerkmale außen vor zu lassen, das gefällt mir nicht.

Nehmen wir zum Beispiel die Stärke der Gewissenhaftigkeit. Ich bin ein sehr gründlicher Mensch. Meine Zahnärztin meint, dass ich mir meine Zähne zu gründlich putze. Mir war vorher nicht bewusst, dass das überhaupt möglich ist. Ihrer Meinung nach putze ich zu stark, ich putze mir laut ihr immerfort das Zahnfleisch weg. Oder dann bei der Arbeit in der Personalabteilung. Wenn ich zu kontrollieren habe, dass bestimmte Zahlen in der Exceltabelle richtig eingetragen sind, die für Folgeberechnungen benötigt werden. Das überprüfe ich zehn Mal, mir ist es zu riskant, wenn jemand wegen meiner Schludrigkeit in Schwierigkeiten kommt, zu wenig Urlaub bekommt oder gar der Bonus falsch kalkuliert wird. Lieber zu viel als zu wenig prüfen. Ich will es richtig machen, ich will zuverlässig sein und nicht andere hängen lassen. Sobald ich also diese Stärke nenne und noch ein wenig ausführe, was ich damit meine, sehe ich förmlich vor mir, wie die Personaler im Geiste die Schublade „steifer Buchhaltertyp“ aufmachen und mich darin ablegen. Aber da will ich nicht abgelegt werden, aus der Schublade will ich ganz schnell wieder raus. Ja, ich bin gewissenhaft, aber…

Aber, und jetzt kommt das große Aber. Ich bin auch gewissenhaft darin gewesen, wie ich seit meinem achten Lebensjahr Klavier geübt habe. Natürlich, es gab auch Phasen, insbesondere als Teenager, in denen ich keine Lust hatte. Anderthalb Jahre habe ich das Klavier auch gar nicht angerührt, bis ich über die Improvisation einen neuen Zugang fand. Aber ich hätte es niemals ausgehalten geduldig Tonleitern zu üben und alberne Etüden, die nichts weiter zum Ziel haben als bestimmte Fertigkeiten oder Techniken zu üben, wenn ich nicht Spaß an der Musik an sich gehabt hätte. Ich habe nur deshalb so ausdauernd und so gewissenhaft geübt, weil ich gleichzeitig ein sehr kreativer, musischer und improvisierfreudiger Menschen bin. Ich sehe noch ganz bildlich vor mir, wie ich ein Stück von Bach zu spielen hatte und mit zwölf Jahren entschied, dass die Melodie doch noch viel schöner klingen würde, wenn ich noch ein paar weitere Noten einbaute und hier und da etwas abänderte. Meiner damaligen Klavierlehrerin gefiel das gar nicht. „Das steht doch nicht so da!“, rief sie. Mir fiel nichts weiteres ein als mit den Schultern zu zucken und zu sagen, dass mir aber meine Version besser gefiel. Sie biss sich an mir die Zähne aus, ich weigerte mich einfach die Noten so zu spielen, wie sie auf dem Blatt Papier standen. Ein starres Notengerüst engte mich viel zu sehr ein, ich wollte lieber selbst ausprobieren und eigenes erfinden oder zumindest meinen Senf zur Originalkomposition dazugeben. Später blühte ich dann im Jazz auf, als ich feststellte, dass hier genau diese Fähigkeiten verlangt wurden. Und mir als Jazzpianistin mehr als sechs Jahre damit meinen Unterhalt verdiente.

Das Improvisationstalent zeigt sich aber auch in anderen Bereichen. Sachen aus dem Ärmel zu schütteln macht mir nichts aus. Ein Meeting nimmt urplötzlich eine komplett andere Wendung? Mein so sorgfältig geplantes Konzept gerät ins Wanken? Na gut, dann müssen wir jetzt wohl umschalten. Von Modus Sicherheit zu Modus Flexibilität. Ich habe oft den Eindruck, dass diese unvorhergesehenen Wendungen, diese Treffen mit der über den Haufen geschmissenen Agenda oft sogar noch viel besser sind als die sorgfältig geplanten und strukturierten. Dann sprudelt es auf einmal, dann kommen spontan die besten Fragen und die coolsten Ideen, sowohl von mir als auch von Kundenseite. Manchmal kommen da überraschende Dinge zutage. Die in einer vertrackten Situation endlich zur Lösung führen.

Tja, und wenn ich hier bei meinen Ausführungen im Vorstellungsgespräch angekommen bin, sehe ich, wie es im Mundwinkel der Personaler zuckt. Wenn sie mir es nicht auf den Kopf zusagen, dann denken sie es sich zumindest. Dass ich hier ziemlich gegensätzliche Züge nenne. Einerseits behaupte ich gewissenhaft, ausdauernd, genau, strukturiert, geplant, sorgfältig und gründlich zu sein und gleichzeitig meine ich flexibel, kreativ, musisch veranlagt, improvisierfreudig, spontan, leicht chaotisch und ideenreich zu sein. Geht überhaupt beides gleichzeitig? Habe ich vielleicht manisch-depressive Züge, bin ich eine zwiegespaltene Persönlichkeit?

Ich bin ein Organisationstalent, aber gleichzeitig bin ich manchmal auch verpeilt. Ich bin gewissenhaft, aber manchmal hasse ich starre Strukturen und mag es freier. Vielleicht habe ich zwei Seelen in meiner Brust, ich bin oft hin- und hergerissen, stehe zwischen den Stühlen und passe nirgendwo so richtig rein. Ich gebe gerne zu, dass ich Chaos manchmal schwer aushalte und Struktur hineinbringen muss, die mir Sicherheit gibt. Und gleichzeitig fasziniert mich Unsicherheit, macht sie mir nichts aus.

Zum Beispiel waren viele Menschen wie vor dem Kopf gestoßen als sie hörten, dass ich kurzerhand meinen Job in München kündigte, um mit meinen Mann für seinen Job nach Hamburg zu ziehen und mir vor Ort etwas zu suchen. Ich habe die wildesten Geschichten gehört von Leuten, die wahrscheinlich in der gleichen Situation für mindestens die Probezeit noch gependelt wären. Wir haben unsere Zelte einfach abgebrochen. Mit vollem Risiko. Irgendwie wird es sich schon richten. So habe ich oft wichtige Entscheidungen im Leben getroffen und bisher hat es auch immer geklappt. Auch wenn man das vielleicht sorglos oder gar unverantwortlich nennt, so bin ich gleichzeitig auch jemand, der gerne plant und Sachen durchdenkt und analysiert. Ich brauche ein paar Minuten, wenn jemand mit einem anderen Plan um die Ecke kommt, der mich zwingt spontan alles über den Haufen zu werden, bis ich mich an den neuen Gedanken gewöhnt habe. Ich bin gleichzeitig Künstlerin und vom Typ auch Buchhalterin. Ich bin eine wilde Mischung, ein Blumenstrauß einer Persönlichkeit

Und ich beobachte, dass viele andere Menschen ähnlich bunt und schwer in eine Schublade zu stecken sind. Deshalb, liebe Personaler, wenn ihr denn schon diese Frage stellt, dann bitte nicht mit Quantifizierung, wir sind ein Kaleidoskop einer Persönlichkeit und bestehen nicht aus drei Stärken und Schwächen oder fünf. Wir sind Persönlichkeiten und wollen als solche wahrgenommen werden.

Bewerbungsgespräch in der Wirtschaft vs. Wissenschaft

Nachdem ich in einem Beitrag berichtet hatte wie ich ein Bewerbungsgespräch für eine Stelle an einer privaten Hochschule erlebt habe, haben mir einige Leute Rückmeldung gegeben, dass meine Beschreibung des Prozederes gar nicht so ungewöhnlich war (abgesehen vom Verhalten der Interviewerin, das auch alle meine Gesprächspartner ziemlich unmöglich fanden). Ich war völlig überrascht und fing an nachzubohren. Ließ noch mal die 30 Bewerbungesgespräche, bei denen ich Bewerberin war, Revue passieren und fragte herum. Am Ende stand fest: Es gibt tatsächlich einige gravierende Unterschiede zwischen Bewerbungsgesprächen in der freien Wirtschaft und der Wissenschaft.

Hier der Versuch eines Vergleichs (Kommentare und Amerkungen sind herzlich willkommen):

Bewerbungsfrist und Bewerbungsform

  • Hochschulen geben eine Bewerbungsfrist und bitten teilweise bis zum heutigen Tage um Bewerbungen in Papierform. Hat man bis zum genannten Datum seine Unterlagen nicht eingereicht, hat man Pech.
  • Unternehmen wiederum müssen keine Bewerbungsfrist vorgeben. Zwar gibt es auch hier manchmal welche, aber wenn sich bis dahin immer noch kein passender Kandidat gefunden hat, verlängert man kurzerhand die Frist oder lässt es gleich bleiben. Bewerbungen sind entweder per E-Mail erbeten oder aber man muss online seine Angaben machen.

Gehaltsangaben

  • Im universitären Kontext werden Tarifangaben gemacht. Man kann also laut Entgelttabelle ziemlich schnell errechnen wie viel Gehalt einem geboten wird. Das hat den Vorteil, dass man sich erst gar nicht bewerben muss, wenn einem das Gehalt zu niedrig ist.
  • In der freien Wirtschaft hingegen wird in gefühlten 90% der Fälle gebeten Gehaltswünsche anzugeben. Hier hat mal also als Bewerber die Bringschuld und liegt vielleicht völlig daneben. Zwar kann es auch sein, dass man auch hier nach Tarif bezahlt wird, jedoch teilen die wenigsten Unternehmen das bereits im Stellenangebot mit.

Einladung zum Vorstellungsgespräch

  • In der Wissenschaft erhält man oft sogar noch per Brief die Einladung zum Vorstellungsgespräch oder alternativ per E-Mail. Der Termin ist festgelegt und man muss zusehen, dass man zum genannten Zeitpunkt verfügbar ist. Bewirbt man sich also, sollte man sichergehen, dass man jederzeit vorstellig werden kann.
  • In der Wirtschaft ist es üblich entweder einige Terminvorschläge per E-Mail zu machen oder mit dem Bewerber per Telefon die Terminfrage zu klären. Das gilt natürlich nicht bei Assessment Centern, wobei diese Veranstaltungen meist mindestens einen halben, wenn nicht gleich ganzen Tag in Anspruch nehmen.

Anzahl der Personen im Vorstellungsgespräch

  • Im universitären Kontext ist es durchaus üblich, dass bis zu fünf Personen das Gespräch führen. Ich selbst erlebte einmal ein Gespräch, bei dem zehn Personen anwesend waren. Oft sind zwei Personen die Gesprächsführer, aber manchmal erhält man überraschend dann doch noch von einer bis dahin still teilnehmenden Person eine Einzelfrage.
  • In der Wirtschaft sind es meist maximal drei Personen, oft zwei oder auch nur eine. Assessment Center wieder ausgeschlossen.

Dauer des Gesprächs

  • Ich habe oft etwas von 30 bis maximal 45 Minuten erlebt. Oft waren die Fragen schon vorformuliert. Grundaussage lautet, dass man eine Vergleichsbasis haben will und die Bewerber nach den gleichen Kriterien bewerten möchte. Oft ist eine Person abkommandiert während des Gesprächs emsig Protokoll zu führen. Entsprechend „normal“ ist es, wenn man dem nächsten Bewerber die Türklinke in die Hand gibt (abgesehen davon, dass man sich schnell an mündliche Prüfungen zu Studienzeiten zurückversetzt fühlt).
  • In der freien Wirtschaft sind längere, aber auch kürzere Gespräche möglich. Durchschnitt ist ca. eine Stunde. Es können Standardfragen gefragt werden oder auch nicht. Man muss auf alles vorbereitet sein.

Antwort nach dem Gespräch

  • Aufgrund der Bewerbungsfrist kann es manchmal sein, dass man monatelang auf Antwort von der Universität wartet.
  • In der freien Wirtschaft kann man durchaus nach zwei Wochen nachfragen, wenn man keine konkrete Angaben bekommen hat wann die Entscheidung gefällt wird.

„Dann kommen wir nicht zusammen“

Ich hatte vor kurzem ein Bewerbungsgespräch. Da hat irgendwie nichts gestimmt. Fragen wurden in militärischer Präzision abgefeuert, da wurde sehr offensichtlich versucht mir Informationen zu entlocken, die nichts in einem Vorstellungsgespräch zu suchen haben, auch fand ich es sehr merkwürdig, dass ich am Ende des Gesprächs gebeten wurde für fünf Minuten den Raum zu verlassen, um dann wieder hereingebeten zu werden mit einem überraschenden Jobangebot. Allerdings mit der Knebelvariante – ich hatte genau eine Nacht Zeit über das Angebot nachzudenken. Als ich am nächsten Tag anrief und mitteilte, dass ich gerne noch ein anderes Gespräch abwarten wollte bevor ich entschied, kam die sofortige Absage.

Jetzt im Nachhinein bin ich froh darum. Denn es hat mir gezeigt, dass ich mit diesem Arbeitgeber nicht glücklich geworden wäre. Und umgekehrt sicherlich auch nicht. Denn dabei geht es doch schlussendlich im Bewerbungsgespräch, dass man versucht herauszufinden, ob man zueinander passt.

Im Gespräch gab es viele Warnsignale, auch die Einladung zum Gespräch mutete seltsam an. Hier eine Auflistung:

  • Ich kenne zwei Varianten wie man zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird (und wie gesagt habe ich in meinem Leben bereits fast 30 Vorstellungsgespräche als Bewerber geführt). Entweder ruft die Person an und man klärt den Termin telefonisch (diese Variante wird besonders gerne genommen, wenn es keine oder kaum Terminwahl gibt) oder aber man erhält eine Einladung per E-Mail. Wenn die Einladung per E-Mail erfolgt, habe ich bisher immer mindestens zwei, meist jedoch weitaus mehr, Wahloptionen erhalten und entsprechend das mir passende Datum in meiner Antwort genannt. Bei dieser Einladung wurde mir jedoch nur ein Termin per E-Mail zur Auswahl gestellt.

Bereits dieses Vorgehen hätte mir zeigen müssen, dass hier der Bewerber mit seinen Bedürfnissen kaum gesehen wird. Im Gespräch gab es dann weitere Warnsignale.

  • Ich hätte gleich misstrauisch werden sollen, als die Dame mehrmals ihre Frage mit der Floskel einleitete „Diese Frage müssen Sie mir nicht beantworten, aber…“ Wenn ein Arbeitgeber Fragen zu Partnerschafts- und Familienverhältnissen, zur Familienplanung, Religionszugehörigkeit oder Krankheitsgeschichte direkt im Gespräch anspricht, sollten bei dir alle Alarmglocken schrillen. Das war kein Versehen. Mit dieser Floskel signalisierte sie, dass sie sich sehr wohl bewusst war, dass die Frage rechtlich gesehen nicht gestellt werden darf. Aber warum machte die Dame es dann trotzdem? Mir hat es gezeigt, dass in diesem Unternehmen nicht nur beim Bewerbungsgespräch versucht wird Gesetze zu umgehen. Abgesehen von dem Fakt, dass ich es immer schwierig finde angemessen auf solche Fragen zu reagieren, zeigt mir ein solches Verhalten schlicht, dass man sich in diesem Unternehmen nicht an Vorgaben hält, dass man Privatsphäre nicht respektiert und dass hier kontrolliert wird. Eventuell auch mit unerlaubten Mitteln.
  • Die Einladung zum Gespräch kam zwei Monate nachdem ich die Bewerbung abgeschickt hatte. Im Vorstellungsgespräch teilte mir die Dame mit, dass sie bereits zahlreiche Vorstellungsgespräche geführt hatte, aber leider die einzigen zwei Kandidaten, die in die engere Auswahl kamen, erst in drei Monaten verfügbar waren. Bei mir wäre es ja so toll, dass ich bereits jetzt verfügbar sei. Mit dieser Aussage schlussfolgerte ich, dass ich 1. nicht die Wunschkandidatin war, weil ich sonst viel früher zum Gespräch eingeladen worden wäre, 2. ich nur aus dem Grunde plötzlich an Popularität gewann, weil ich sofort verfügbar war. Die knallharte Absage, nachdem ich mitteilte, dass ich noch ein weiteres Gespräch abwarten wollte, zeigte mir außerdem, dass das Jobangebot aus Verzweiflung erfolgte. Nicht ich als Person war wichtig, nicht, ob ich den Aufgaben gewachsen war oder ob ich gut ins Team passen würde, sondern schlicht, dass ich sofort anfangen konnte. Auch wenn die Person mir nach dem Gespräch sonstwas vorschwärmte und mir deshalb das sofortige Jobangebot machte, sprach ihr Verhalten am Ende Bände. Auch die Absage kam auf unschönem Wege. Hatte ich nur die Assistentin, die beim Gespräch mit dabei gewesen war, erreichen können, hatte ich um Rückruf gebeten und ihr kurz die Sachlage geschildert. Natürlich wurde ich nicht zurückgerufen, sondern erhielt sehr steif formuliert per E-Mail die Absage ohne vorherigen weiteren Kontakt.
  • Als ich aus dem Gespräch ging (wohlgemerkt mit einem ganz überraschenden Jobangebot), fühlte ich mich verwirrt und gleichzeitig wütend. Ich habe es mir schon seit langem zur Regel gemacht, dass ich die Gefühle direkt nach dem Gespräch genau beobachte und analysiere, da sie mir schon oft wichtige Fingerzeige waren. Ich konnte mir nicht genau erklären, warum ich wütend war. Irgendwie fühlte ich mich eingeengt, es regte mich auf, dass ich nur eine Nacht Zeit hatte zu entscheiden, insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich die Bewerbung schon vor zwei Monaten verschickt hatte und es definitiv nicht meine Schuld war, dass dieses Unternehmen so unorganisiert vorging und deshalb auf die Knebelvariante zurückgriff.
  • Und genau aus dem Grund entschied ich mich die Wahrheit zu sagen und von der anderen Einladung zu sprechen. Ich hätte theoretisch zusagen können, hätte einfach mal anfangen können und im schlimmsten Fall in der Probezeit innerhalb von zwei Wochen kündigen können. Aber der Grund, warum ich mich entschied die Wahrheit zu sagen, war, weil ich dem Unternehmen eine Grenze setzen wollte. Wenn ich dazu abkommandiert werden konnte eine Nacht für meine Entscheidung zu haben, so wollte ich im Gegenzug sehen, was passieren würde, wenn ich das Unternehmen dazu zwang mir mehr Zeit zu geben. Wenn sie mich wirklich wollten, hätten sie mir die Zeit gegeben. Wenn sie wirklich daran interessiert waren jemanden auf Vertrauensverhältnis einzustellen, dann hätten sie meine Ehrlichkeit als wertschätzend erlebt, man hätte sicherlich einen Kompromiss gefunden. Denn darum geht es mir als Bewerberin auch, ich möchte dem Unternehmen vertrauen, ich möchte, dass es mir gegenüber ehrlich ist, so wie ich ehrlich gegenüber dem Unternehmen bin. Ich kann es gar nicht leiden, wenn ich bespitzelt werde, weil man mir nicht vertraut. Mit der sofortigen Absage wurde dann aber klar, dass genau dieses Vertrauensverhältnis nie zustande kommen würde.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich gar nicht erst eine Nacht darüber schlafen muss, sondern bereits am Ende eines solchen Gespräches voller Warnsignale ohne Umschweife sagen kann, dass wir nicht zusammenkommen und ich meine Bewerbung zurückziehe.

Onlinebewerbungen aus Bewerbersicht

In meiner jetzigen Bewerbungsphase im Jahr 2015 habe ich zahlreiche Onlinebewerbungen verschickt. Ich meine damit nicht die Bewerbung per E-Mail mit Anhang, sondern die Bewerbungen, die man hochlädt und/oder noch zusätzlich per Hand Daten einzugeben hat, bevor es den „Abschicken-Button“ gibt und man sofort im Anschluss eine Bestätigungs-E-Mail erhält, dass die Bewerbung erfolgreich verschickt wurde.

Hier mal meine ganz subjektive Wahrnehmung und Meinung zu diesem Verfahren:

  • Bis jetzt ist mir nicht klar was angeblich der große Vorteil gegenüber einer E-Mailbewerbung sein soll. Fast alle Online-Tools fragen im Prinzip nur die persönlichen Daten ab, die man dann zusätzlich einzutragen hat, aber zu gefühlten 90% der Zeit hat man sowohl Anschreiben als auch Lebenslauf und Zeugnisse dann als pdf hochzuladen. Ist das wirklich so viel vergleichbarer als wenn man die Bewerbung per E-Mail verschickt? Ich glaube nicht. Natürlich, wenn man Pflichtfelder vorgibt, wie zum Beispiel die Gehaltsvorstellungen oder unter welcher Nummer man am besten erreichbar ist, kann man zumindest bei gewissen Punkten schon vorselektieren. Aber diese angebliche Vergleichbarkeit von Kandidaten erschließt sich mir überhaupt nicht. Denn wenn es wirklich darum geht Qualifikationen, Berufserfahrung, Fähigkeiten und ähnliches miteinander vergleichen zu wollen, dann muss man doch wieder die pdf-Dokumente anschauen und damit ist die Hauptaufgabe der Bewerbermanagementsysteme meiner Meinung nach nicht erfüllt. Nur Bestätigungs-E-Mails, dass die Bewerbung angekommen ist, die braucht man dann nicht mehr zu verschicken. Aber auch das lässt sich ganz einfach bei einem E-Mailaccount einrichten. Aus meiner Sicht deshalb ein Ungenügend. Ob es auf Recruiter-Seite anders ist, weiß ich natürlich nicht, wage jedoch zu bezweifeln, dass in der Masterdatei die pdf-Dokumente anders aufbereitet sind.
  • Die wenigen Unternehmen, bei denen man tatsächlich seine Berufserfahrung und Studiengang einzutragen hat, haben nie genügend Auswahlfelder. Nie. Fast nie gibt es die Auswahl Magister beim Studienabschluss. Jedes Mal sitzt man dann da und fragt sich, was man dann angeben soll. Ich habe mich bisher immer für Diplom entschieden, denn schließlich ist das alte Magisterstudium der gleiche Abschluss wie ein Diplomstudium, nur eben für die Geisteswissenschaften. Beim Studienfach hört es dann ganz auf, ich habe bisher noch nie gesehen, dass man Amerikanistik auswählen konnte, auch Anglistik findet man nicht oft. Oder dann bei der Berufserfahrung, hier habe ich geschildert, was ich als Relocation Managerin gemacht habe, aber natürlich kennt keines der Systeme diesen Beruf. Welche Branche ist das? Logistik, Dienstleistung? Irgendwie beides. Aber am Ende kann man nur eines angeben. Und wird deshalb vielleicht zu Unrecht aussortiert.
  • Nach meiner subjetiven Wahrnehmung brauchen Unternehmen, die nur Online-Bewerbungen zulassen, deutlich länger als andere. Ja, mir ist klar, dass insbesondere die sehr großen Unternehmen von Bewerbungen erschlagen werden. Mir ist auch klar, dass kleinere oder mittelständische Unternehmen schneller auf Veränderungen, sprich Mitarbeitermangel, reagieren können. Ist mir schon klar. Aber ist es nicht trotzdem ironisch, dass ich locker zwei Monate warten muss, um irgendeine Reaktion zu bekommen, auch wenn ich direkt nach dem Verschicken die vermaledeite Bestätigung erhalten habe? Ist es nicht komisch, dass das Heer an Recruitern trotzdem so lange braucht, um meine Bewerbung zu sichten? Bewerbungsfristen habe ich bisher keine gesehen, die gibt es bei den großen Unternehmen irgendwie nicht, da gibt es auch Stellen, die dauerausgeschrieben sind. Mit der Begründung, dass die Sichtung deshalb so lange dauert, können sie also nicht um die Ecke kommen und dennoch passiert es jedes einzelne Mal, dass man sehr lange wartet, wie geschrieben gerne mal zwei oder drei Monate. Das scheint mir ziemlich kontraproduktiv. Da habe ich dann ehrlich gesagt lieber die Ansage wie vor kurzem von einem mittelständischen Unternehmen, dass die Bewerbungsfrist einen Monat beträgt und sie deshalb nicht vor Kalenderwoche X reagieren werden. Damit kann ich arbeiten. Aber so lange von einem großen Unternehmen links liegen gelassen zu werden, das gefällt mir nicht.
  • Ich kann auch verstehen, dass man bestimmte Pflichtfelder einführt, damit Bewerber gezwungen sind Angaben zu machen. Aber so oft habe ich mir gewünscht, dass ich nicht dazu gezwungen werde eine genaue Angabe zu machen. Wie zum Beispiel beim Gehalt, weil es da auch von meiner Seite aus Spielraum gibt und ich, je nachdem wie das Vorstellungsgespräch läuft, durchaus auch meine Zahl korrigiert habe, in beide Richtungen. Wenn man aber vorher schon die Zahl nennen musste, kann man wenig bis gar nicht mehr verhandeln.

Fazit: Diese starren Systeme, die diese Onlinesysteme nun mal sind, versprechen mehr Vergleichbarkeit, die sie meiner Meinung nach nicht liefern und sind obendrein noch unflexibel. Wegen mir könnten sie deshalb gut und gerne wieder abgeschafft werden.

„Fake it till you make it“

Es gibt sie manchmal, die überraschenden Einladungen zum Gespräch. Bei den Bewerbungen, bei denen man sich eigentlich nicht so viel erhofft hat. Bei denen man weitaus weniger als die gewünschten 80% aller Kriterien der Stellenausschreibung erfüllt, bei denen man sich vielleicht nicht sicher ist, was die genauen Aufgaben sein werden, da die Stellenbeschreibung ziemlich vage bleibt.

Ironischerweise sind es oft die Stellen, bei denen man sich sicher war, dass man 100% zusammenpasst, wo es Absagen hagelt. Das ist dann wie ein Schlag in die Magengrube. Man kommt dann nicht umhin zu spekulieren, dass die Stellenausschreibung eine reine Formalie war und von vorneherein schon klar war, wer die Position besetzen würde. Zu oft ist es mir schon passiert, dass ich ernüchtert vor der Absage-E-Mail saß, obwohl ich meiner Meinung nach mindestens 95% der Kriterien erfüllt und eine sorgfältig vorbereitete und maßgeschneiderte Bewerbung abgeschickt habe.

Aber dann kommen, sozusagen als Ausgleich, die Anrufe zu den Bewerbungen, bei denen man sich eigentlich keine Chance ausgerechnet hat. Man ist überrascht, erleichtert, erstaunt und auch ein wenig verwirrt. Oft sind es die Bewerbungen, bei denen man sich vielleicht nicht ganz so viel Mühe gemacht hat, wo man im Nachgang feststellt, dass sich Tippfehler eingeschlichen haben. Man fragt sich, warum man eingeladen wurde, weil man offensichtlicher Weise bei weitem nicht alle Kriterien erfüllt. Aber natürlich geht man doch zum Vorstellungsgespräch.

Im Gespräch stellt man dann vielleicht überrascht fest, dass es spannend klingt, dass zwar teilweise Aufgaben dabei sind, bei denen man ganz von vorne eingearbeitet werden muss, aber worauf man Lust hat und am Ende zusagt.

Deshalb mein Plädoyer: Ich bin kein Fan von Millionen von Bewerbungen, nur damit man sagen kann, dass man sich beworben hat. Wer als Geisteswissenschaftler mehr als zwei bis drei Bewerbungen pro Woche verschickt, bewirbt sich eindeutig auf Stellen, die kaum dem eigenen Profil gerecht werden und die meiner Meinung nach ein reiner Verzweiflungsakt sind. Meine persönliche Bilanz sind aktuell 20 Bewerbungen in 13 Wochen, womit ich im Schnitt bei ein bis zwei Bewerbungen pro Woche dabei bin.

Aber, und darauf will dieser Eintrag hinaus, manchmal kann es auch sinnvoll sein sich auf Stellen zu bewerben, bei denen man nicht so gut passt, bei denen vielleicht teilweise neue Aufgaben hinzukämen, die man sich aber sehr gut vorstellen könnte auszuführen. Denn wie gesagt wird man öfter auch eingeladen, auch wenn man sich kaum Chancen ausgerechnet hat und im Gespräch als Quereinsteiger punkten kann.

Deshalb: Fake it till you make it. Quereinsteiger werden zwar nicht überall gern gesehen, aber es stimmt nicht, dass sie nie eine Chance bekommen.

Teil 3

In Teil 1 und Teil 2 habe ich bereits einige Tipps weitergegeben, die ich mir während meiner Bewerbungsphasen seit 2009 mitgenommen habe. Anbei nun also Teil 3.

Teil 3

Bewirb dich weiter, auch wenn du bereits ein Vorstellungsgespräch in Aussicht oder bereits ein Vorstellungsgespräch geführt hast.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es verlockend ist mit der mühsamen Jobssuche aufzuhören, sobald man den ersten Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbart hat. Es ist ja nicht so, als würde man ständig im Internet Stellen finden, die für einen in Frage kommen, geschweige denn massig zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Meist ist es ja eher so, dass man sich wochen- oder monatelang bewirbt, bevor man überhaupt eine positive Nachricht erhält. Das bedeutet, dass man für dieses erste Gespräch schon hart gearbeitet hat.

Aber auch wenn es schwer ist sich trotzdem aufzuraffen, sollte man weiter nach Stellen schauen und sich bewerben bis man den Vertrag unterschrieben hat.

Warum? Selbst wenn man ein Angebot erhält und die Stelle antreten möchte, kann es hilfreich sein, wenn man eine Vergleichsbasis hat. Dies gilt nicht nur in besonderem Maße für das Gehalt (zum Thema Gehaltsverhandlungen will ich morgen mehr schreiben), sondern für viele andere Faktoren. Von den Aufgaben, die man Tag für Tag ausführen soll, bishin zum Arbeitsklima, der Entfernung und Transportmöglichkeiten von seinem zu Hause oder Urlaubstagen und Zusatzleistungen. Es kann sogar ernüchternd sein, wenn man ein weiteres Vorstellungsgespräch führt und dabei feststellt, dass die vermeindlich so tolle erste Stelle im Vergleich gar nicht so gut abschneidet.

Selbst wenn nach einem zweiten Vorstellungsgespräch weiterhin klar ist, dass man die erste Stelle antreten will, kann es bei den Verhandlungen der Konditionen hilfreich sein, wenn man durchblicken lässt, dass man noch ein weiteres Angebot in Aussicht hat. Wenn die Firma einen wirklich haben will, kann man einiges zu seinem Vorteil erhandeln.

Nicht zuletzt zahlt es sich natürlich aus sich weiter zu bewerben, wenn man eine Absage erhält. Denn meist dauert es einige Wochen, bis man nach dem Gespräch eine Antwort erhält. Diese kostbaren Wochen lässt man ungenutzt verstreichen, wenn man sich sicher ist, dass man die Stelle antreten möchte. Kommt dann die Absage, muss man wieder bei Null anfangen. Hat man sich aber weiterhin beworben, so kann es sein, dass man relativ schnell wieder eingeladen wird. Eine weitere Einladung nach der ersten Absage ist nicht nur für das eigene Selbstbewusstsein wichtig, sondern mindert auch die Zeit, die man arbeitslos ist und im Selbstmitleid suhlt.

Im allerbesten Fall erhält man nach zwei oder drei Vorstellungsgesprächen entsprechend viele Zusagen und kann sich dann seine Wunschstelle aussuchen. Deshalb: Auch wenn es schwer ist, bewirb dich weiter, selbst wenn der erste Termin für ein Vorstellungsgespräch schon steht.

Teil 2

In meinem letzten Blogeintrag habe ich zwei Tipps mitgegeben, die ich seit meinem Studienabschluss 2009 im Bewerbungsprozess gelernt habe. Nun folgt

Teil 2 an weiteren Tipps

3. Ziehe niemals Kleidung zum Vorstellungsgespräch an, in der du dich nicht wohlfühlst. Es wird ja viel in der Ratgeberliteratur darüber geschrieben, was man anziehen sollte und was nicht. Insbesondere, wenn man im späteren Arbeitsleben recht leger unterwegs ist, wie es oft in klassischen Berufen für Geisteswissenschaftler üblich ist, stellt man sich bei einer Einladung zum Vorstellungsgespräch die Frage, was man anziehen soll. Ein klassischer Hosenanzug oder Kostüm kann da manchmal zu viel des Guten sein. Andererseits kann es auch nicht falsch sein lieber etwas overdressed zu erscheinen als underdressed. Welche Kleidung passend für das jeweilige Gespräch ist, muss individuell geklärt werden und ist nicht Inhalt dieses Eintrags.

Mir geht es vielmehr um die psychische Komponente. Nehmen wir mal mich als Beispiel. Wer mich kennt, weiß, dass ich mit Kleidern und Röcken ziemlich auf Kriegsfuß stehe. Nur zu ganz besonderen Anlässen, wie zum Beispiel einer Hochzeit, zwänge ich mich in ein Kleid. Wenn es nur irgendwie möglich ist, trage ich lieber Hosen in allen Variationen. Ich habe mich schon deutlich gebessert und trage im Sommer an sehr heißen Tagen durchaus mal ein Sommerkleid, aber grundsätzlich sind mir Hosen einfach lieber.

Als ich mein letztes Vorstellungsgespräch hatte, stand ich vor der Frage, ob ich einen Rock mit Bluse oder lieber doch einen Hosenanzug anziehen sollte. Ich befragte also meine Freundinnen, verschickte Fotos mit verschiedenen Outfits und ließ mich beraten. Eine Freundin meinte, dass man es mir ansehen würde, dass ich mich im Hosenanzug wohler fühle. Dem stand die Aussage einer anderen Person gegenüber, die meinte, dass ich diesen Hosenanzug schon seit Jahr und Tag trage und sie mich im Rockoutfit einfach erfrischender fand.

Ich musste also entscheiden. Und ich entschied am Ende für den Hosenanzug.

Warum? Weil ich beim Betrachten der Bilder, bei denen ich die verschiedenen Outfits anhatte, feststellte, dass ich tatsächlich entspannter im Anzug wirkte, sogar auf einem Foto lächelte, während ich bei den Bildern im Rock irgendwie steif da stand. Ich hatte das nicht beabsichtigt, ich hatte die Bilder einfach schnell geschossen, um sie an meine Freundinnen weiterzuleiten, ich hatte nicht auf meine Mimik geachtet, sondern nur zugesehen, dass das jeweilige Outfit gut zu sehen war.

Und das bringt mich wieder zurück zur Aussage, dass man zum Vorstellungsgespräch immer Kleidung anhaben sollte, in der man sich wohlfühlt. Unbewusst hat das Auswirkungen auf das Gespräch, da bin ich mir sicher. Es sollte Kleidung sein, an der man nicht herumzupfen muss, keine Angst hat, dass irgendwas herumrutscht, knistert oder kratzt und natürlich sollte man alle Sachen frisch gewaschen und gebügelt haben. Sollte man sich neue Schuhe gekauft haben, sollte man sie vorher wenigstens ein paar Tage in der Wohnung tragen, damit man nicht humpelnd zum Gespräch erscheint, weil man sich eine Blase gelaufen hat. Aber am wichtigsten ist, dass man sich wohlfühlt und nicht verkleidet fühlt, denn ansonsten wird es mein Gegenüber merken.